Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 46 (26.11.1915)
- Date
- 1915-11-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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November 1915) Nr 46, Deutschtum «uv Judentum. n, Wir besprachen in unserem ersten Ansatz Aeußerungen Hermann Cohens über die innere Verwandtschaft von Deutschtuin^und Judentum, beide als große historische Kultursysteme und Weltanschauungen gefaßt, und mußten da feststellen, wie infolge der in ihrer Wurzel fehlerhaften Grundauffassung des Judentums durch Cohen seinen Ausführungen die Basis entzogen wird und sie gewissermaßen nur in der Luft schweben, als willkürlich konstruierte Thesen und Behauptungen, ohne reales historisches Fundament. Dieses generelle Urteil wird noch in Hohem Grade bekräftigt und verschärft durch die Lektüre des zweiten Teiles der Schrift, in der Cohen von den Bestrebungen zwischen „Deutschtum und Judentum" in moderner Zeit, seit der Emanzipation, handelt. Hier wird' die Position Herman Cohens als Führer und Theoretiker des liberalen Judentums ihm zum Verhängnis und gestaltet den zweiten Teil der Schrift zu einer Aneinanderreihung von Behauptungen und Forderungen, die der historisch wertende Betrachter nicht anders denn als reine Konstruktion bezeichnen kann.. Die Grundthese, um die sich dieser gesamte, praktisch entscheidende Teil der Schrift dreht, ist die, daß das Deutschtum von regenerierendem, innerlich, belebendem und beftuchtendem Einfluß auf das gesamte moderne Judentum geworden sei. Man erkennt sofort die Grundvoraussetzung dieser These: die unbedingte Anerkennung des liberalen Judentums, der Reform, und ihre Bewertungals eine Regeneration des „verknöcherten, starren Ghettojudentüms". Von solcher Voraussetzung aus wird man allerdings der Cohn'schen These in einem gewissen bedingten äußeren Sinne zustimmen dürfen, denn die Reformbewegung und ihre theoretische Fortsetzung im liberalen Judentum unserer Tage nahmen allerdings in Deutschland ihren Ausgangspnnkt. Steht man aber auf dem anderen Standpunkt, daß die gesamte neuere Geschichte des westeuropäischen Judentums im Sinne einer Degeneration verläuft, daß die Reform und das. liberale Judentum Symptome einer Auflösung und desVerfalles darstellen, dann wird die ganze These von dep« belebenden, regenerierenden Bedeutung des Deutschtums'' für das Judentum ihrer Voraussetzung beraubt und fällt in sich zusanunen. Aber Ivir gehen noch weiter und meinen, daß selbst die positive Bewertung der Reform, von der Cohen ausgeht, zugegeben, die Verknüpfung von Deutschtum und Judentum, die er konstruiert, nur in äußerlichem Sinne begründet ist. Denn wir können nicht einsehen, welch innere Verbindung zwischen dem Wesen des Deutschtums und der jüdischen Reformbewegung besteht. Die Reform kam allerdings aus Deutschland, aber nicht etwa, weil innere Tendenzen der deutschen Kultur. die deutsche Judenheit im Sinne der Reformbewegung beeinflußt hatten, sondern weil eben in Deutschland der innerlich stärkste und jüdisch noch interessierteste Teil des Emanzipationsjudentums lebte. Die osteuropäische Judenheit machte ja den Prozeß der Emanzipation vor 100 Jahren nicht durch; damit mußte naturgemäß die deutsche Judenheit die Führerschaft in jener , Entwicklung übernehmen, die durch die Emanzipation notwendigerweise bedingt und ausgelöst wurde. Und die Reformbewegüng ist eben nichts > anderes in ihrem innersten -Kerne als eine solche natürliche Folge der Emanzipation 'und der durch sie bedingten Assimilation- Daß djese unsere Auffassungdie historisch richtige ist, beweist die Tatsache, daß in allen westeuropäischen Ländern und in Amerika, also überall da, wo die Emanzipation erfolgte, die Reformbewegung einsetzte. Daß emigrierte deutsche Juden daran, emsig Anteil nahmen, sei nicht bestritten; daß die Reformbewegung in den einzelnen Ländern von den deutschjüdischen Führern wie Abraham Geiger, viele Ideen und Anregungen bezog, sei gern zugegeben; mit alledem aber ist auch nicht im geringsten bewiesen, daß die deutsche Kultur, daß das Judentum die Ursache dieser Tatsache sei; 'daß etwa die innere Wesensart der deutschen Kultur die Reformtcndenzen ausgelöst habe. Im Gegenteil: Die Wurzeln der Reform, sofern sie nicht lediglich in der Assimilatioussucht bestanden, ruhen nicht in der deutschen, sondern viel mehr iit der englisch-französischen Kultur des 18. Jahrhunderts, in der Philosophie der Aufklärungszeit. Die ganze Reform, das gesamte liberale Judentum wurzelt in der rationalistischen Denkweise der Aufklärung; nichts aber charakterisiert das Wesen der deutschen Kultur schärfer und tiefer als ihr innerer/Gegensatz zur rationalistischen Denkart, als ihre h i st o r tsch-o rganistische, Tendenz. Es heißt somit nicht nur die neuere Geschichte . der westeuropäischen Judenheit willkürlich im Sinne einer Wiederbelebung zurechtdeuten,, sondern es heißt auch das innerste Wesen des Deutschtums entstellen, wenn man wie Cohen die These aufstellt, die Reform sei eine Folge des Einflusses des Deutschtums auf das Judentum gewesen. Weitaus mehr Berechtigung besitzt das andere Argument Cohens fiir die Verbindung von Deutschtum und Judentum in moderner Zeit, das er aus der Wissenschaft des^Judentums herholt. Daß diese vorwiegend in -Deutschland begründet und ausgestaltet wurde, ist durchaus richtig, und die mannigfache fruchtbare Bedeutung derselben soll auch gern anerkannt werden. Aber auch hier können wir der allzuhohcn Bewertung der Wissenschaft des Judentums durch'Cohen nicht ganz.beistimmen. Auch die Wissenschaft des Judentums ist teilweise als ein Symptom der inneren Erstarrung und Auflösung des modernen westeuropäischen Judentums zu betrachten, und wenn auch der Wert keinesfalls unterschätzt oder gar bestritten werden soll, sie aber als Zeichen innerer Regeneration des Judentums bewerten, heißt dennoch sie außerordentlich überwerten. Mit der Unhaltbarkeit der Cohen'schen These von dem regenerierenden Einfluß des Deutschtums auf das Judentum füllt aber die große "Reihe praktischer Konsequenzen, die \er an diese These "knüpft, in sich zusammen. Er geht in diesen Konsequenzen so weit, zu erklären, „daß auch dem Juden in Frankreich, in England und in Rußland Pflichtender Pietät gegenüber Deutschland obliegen; denn es ist das Mutterland seiner Seele, wenn anders seine Religion seine Seele Ist." Man muß gestehen, das ist eine wirklich starke Forderung, und man müßte Cohen ob dieser Unbedingtheit und Furchtlosigkeit seines Forderns nur bewundern, wäre nur die Berechtigung dazu etwas fester fundiert, als es hier gerade der Fall ist. Auf Grund seiner Konstruktion aber solche Borforderung erhoben zu haben, wird, fürchten wir, von Seiten der Juden der anderen Länder Cohen alles andere als — Bewunderung eintragen. Wir wollen ^es mit diesen kntjschen Bemerkungen genug sein lassen. Nicht etwa als ob alle Wedanken her Schrift bereits besprochen wären; die Schrift istderartig reich, man darf ruhig sagen, überladen an Gedanken, daß eine Erörterung aller zumindest eine Schrift von demselben Umfang erfordern würde, wobei man sich dann nochdamit begnügen nrüßte, alles ebenso sumarisch und apodiktisch zu behaiipten, wie es Cohen hier tut. Aber diejenigen Thesen der Broschüre, auf die es ankommt, haben wir besprochen. All das viele, was noch drum und dran hängt, ist Beiwerk, das zum großen Teil überflüssig ist; und wenn Efeuranken ein Haus oft sehr verschönen, so lieben wir doch bei gedanllichen Werken die Klarheit der Linienführung, die die Zwecke der Arbeit auch deutlich erkennen läßt. Besonders unangenehm aber wirkt das viele Beiwerk dann, wenn die Efeuranken sich um ein Gebäude schlingen, das so schlecht fundiert ist wie dasjenige, das Cohen in seiner Schrift hat hat errichten wollen. Dann sthrzen die Mauern, dann fällt das Efeu, das sie umkleidet, mit, und der 'viele Aufwand ist dann nutzlos vertan. Nutzlos vertan! Das ist die letzte, bleibende Empfindung, die die Lektüre der Schrift auslöst. So viel Geist, Tiefe, Scharfsinn, so viel sittlicher Wille, großer Pathos und Adel der Gesinnung nutzlos vertan, um ein Gedankenwerk zu errichten, dessen gekünstelte Unwahrscheinlichkeit und willkürliche Konstruktion ihm jede Aussicht auf Fortdauer nimmt. Wenn in diesen Tagen maßloser Visslschreiberei irgendwer irgendwas schreibt, an dem das wertvollste vielleicht das verbrauchte Papier ist, wen kümmert's schließlich! Daß aber Hermann Cohen, ein Denker von der Art jener, deren es gezählte gibt in Deutschland, gezählte auch nur im Judentum, etwas schreibt, von dem man bestimmt weiß, es ist nutzlos geschrieben und unnötig erschienen, dies tat doch weh. Was aber am meisten am Ganzen w.ehtut, ist die Erkenntnis, daß hier nicht — wie bei sehr vielen ähnlicher Mißgriffe in diesen Monaten — der Krieg schuld ist. Der Krieg ist als historische Erscheinung so überwältigend groß, daß man es verstehen und entschuldigen kann, wenn er auch einen Großen zu einem Fehlschritt verleitet. Aber hier liegt die Ursache des Fehlgriffs viel tiefer, ruht sie in der gesamten jüdischen Gedankenrichtung Hermann^ Cohens, die er schon vor dem Krieg vertreten, ruht sie in der gesamten jüdischen Gedankenrichtung des liberalen Judentums. Denn als der Wortführer und Gedankenbildner desselben muß Cohen auch in dieser Schrift, gerade in dieser Schrift gesehen und gewertet werden. Und* darum ist das innere Fiasko der Schrift in seiner Bedeutung weit über diesen Einzelfall hinausgehend und beweist, daß nicht nur die Betrachtung und Lösung rein jüdischer Fragen vom innerlich verfehlten Standpunkt des liberalen Judentums unmöglich ist, sondern auch eine Klarstellung unserer Beziehungen zu den anderen Nationen und Kulturen auf dessen Grundlage nicht gewonnen werden kann. Voraussetzung für alles fruchtbare Sinnen über sich und die anderen ist immer — das gilt auch für die Gemeinschaft ebenso wie für den einzelnen, — die unbedingte innere Wahrhaftigkeit. Und das liberale Judentum ist eben — wir sagen das natürlich ohne die geringste Bezugnahme auf seine Vertreter, die subjektiv, wie Cohen, von den lautersten Motiven getragen sein mögen — innerlich unwahr< seine Theorie bedeutet eine Vergewaltigung der gesamten neueren jüdischen Geschichte und destiefsten Wesens des Judentums; es ist drum nur natürlich, daß seine Ergebnisse und Anwendungen zu einer Vergewaltigung und Verzerrung der Tat-