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Neue jüdische Presse · 1915-11-19 · Heft 45 (19.11.1915) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 45 (19.11.1915)
Date
1915-11-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Seine Aussührungen finden ihren Kern in folgenden Sätzen: Die deutsche Unterrichtssprache in den jüdischen Schulen würde „das Zusammenleben zwischen der jüdischen und der polnischen Einwohnerschaft unmöglich machen, und dies würde einen unüberbrückbaren Zwiespalt zwischey den Polen und den Juden herbeiführen, was sich vor allem verhängnisvoll für den .Wohlstand der 'so schon sehr verarmten jüdischen Volksmasse erweisen müßte?'Die deutsche Sprache ist mit Ausnahme weniger Orte, wie Lodz, durchaus nicht perbreitet. Für deutschjüdische Schulen geeignete Lehrkräfte zu finden, ist ein unmögliches Unternehmen. Und endlich würde eine deutsche Schule die Kluft zwischen den unteren und den patriotisch gesinnten oberen Schichten des polnischen Judentums erweitern und unerträglich gestalten." > „Es ist hoch an der Zeit,, daß die liberalen deutschen Juden, in Ucbereinstimmung mit dem polnischen Lehrerbundc, für den politischen und sozialen .Anschluß der Juden und-der Christen Polens tatkräftig eintreten." * Ein alter Weisheitssatz lehrt: „Höre stets auf das letzte. Wort, denn seinetwegen wird meist die ganze Rede gehalten." ' Philippsons letztes Wort sagt: Das liberale Judentum verlangt überall' die Ungleichung der Juden an die Bevölkerung und' muß daher auch für^ die Ängleichung der'Juden Polens an die polnische Bevölkerung, eintreten. . Das ist sein grundsätzlicher Standpunkt. Alles Vorhergehende sind Zweckmäßigkcitsgründe, über die sich rechten ließe und auf die wir noch zurückkoinmeu werden? * Angleichung, Assimilation an die Bevölkerung des? Landes? — Man sollte eigentlich glauben, daß nach' pindrüMvoflen Lehren des Weltkrieges, in dem wir noch jetzt leben, dieser Grundsatz doch etwas.bedenklich aussähe. Wir haben recht tiefe Blicke in den Kulturstand der Ententevölker getan. So haben wir z. B. Proben der Bestialität des russischen Volkes, der verkniffenen Räuberkunst, des englischen Volkes und des herzloskalten Geldstandpunktes der Amerikaner in HAle und Fülle erlebt, -- und Philippson würde folgerichtig verlangen müssen, daß der Jude in Rußland so bestialisch .wie der Russe, in England so diplomatisch ränkegewandt w.ie der Engländer und in Amerika so gcldanb'etend wie der typische Amerikaner zu werden trachte,. statt sich seiner besseren Eigenschaften als Jude bewußt zu bleiben und sie im Gegensatz zu der anderen "Bevölkerung zu erhaltem Wir wissen: Philippson will ehrlich die Erhaltung der Judenheit und zwar auf Grund ihrer religiösen Anschauung. Aber wenn der Angleich-, ungsgrundsatz stimmt, dann macht er in der Wirklichkeit auch nicht vor der noch trennenden religiösen Verschiedenheit halt. Das' zeigen z..;B, um bei Philippsons Gedankengängen zu bleiben, häufig die Söhne der „patriottsch gesinnten oberen Schichten dB.;,polnischen Judentums"; ist ihnen in ihrem gesellschaftlichen oder sozialen. Varwärtskommen die noch - vorhändeüe religiöse - Verschiedenheit r hindernd, dann beseitigen sie auch diese Wie Verschiedenheit. ' . Z' . 5 Wozu das Verstcckenspielen? Eine Erhaltung der Judenheit verlangt die bewußte Errichtung von Schranken, und diese Schranken gibt die Betonung des jüdischen Volkstums. Das Religiöse ist individuell, das Nationale g e sam t h ei tli ch. ,Und da das Religiöse individuell ist, muß mit dem Nurreligiösen stets der nichtreligiös veranlagte Teil der Jugend verloren gehen, wofür Herr Prof. Dr. Philippson ja schon in seinem Berlin auf Schritt und Tritt in jüdischen Häusern die Beweise hat. Das Judentum selber ist. religiös-national. Erst seit den Assimilationsbestrebungen der Neuzeit hat die Judenheit der sogenannten zivilisierten Länver sich seines nationalen Inhalts zu entäußern gesucht, hat damit also auch als letzte Entwicklung stets den religiösen Inhalt mitgerissen und zuletzt nichts mehr übrig gelassen. Herr Prof. Dr. Philippson! Sie wollen ehrlich die Erhaltung des Judentums und der Judenheit für die Dauer der Zeiten, denn in ihnen leben noch religiös-nationale jüdische Werte. Krönen Sie als Zeuge dieser großen, ernsten Zeit an der Schwelle Ihres Greisenalters Ihr Leben, indem Sie einmal, ein einziges Mal mutig der jüdischen Zükunftsfrage ins Äuge sehen! Das Ende der Alliance. .. Als der Weltkrieg ausbrach, von dem inan von vornherein voraussctzen durste, daß er eine nie gekannte Trennung und Spaltung der Menschheit herbeiführen werde, da war es die bangste Sorge all derer, denen die Zukunft des Judentums heilig ist, ob und wie das innere Band des jüdischen Solidaritätsbewußtseins diese ungeheure Krise überstehen würde. Die Verfeindung und Verhetzung der Nationen mußte ja notwendigerweise das jüdische Solidaritätsgefühl einer schweren Erschütterung aussetzen und die Angst aufkommen lassen,- daß man über die staatliche Zugehörigkeit und Stellungnahme der einzelnen Judenheiten das sie alle umschließende Band ihres Judeseins vergessen werde. Wenn man heute auf die vergangenen 15 Kriegsmonate zurückblickt, muß man - mit Genugtuung konstatieren, daß das Schlimmste glücklich überwunden wurde und das jüdische'Solidaritätsgefühl sich doch stärker erwiesen hat, als es viele vielleicht glaubten. Bei aller entschiedenen und begeisterten Stellungnahme der Judenheiten der verschiedenen Staaten für die Sache ihrer Hei-, matländer, blieb doch überall das Bewußtsein der Zugehörigkeit zuni interterritorialen Judentum erhalten und bewahrt. Gewiß sind manche Entfremdungen und Reibungen durch die anormale Läge entstanden^ gewiß haben sich manche Keime des Konfliktes und Mißtrauens zwischen, den Juden der verschiedenen Länder entwickelt, aber all dies nur in beschränktem Maße und jedenfalls nur so, daß eine Beseitigung und Ueberwindung dieser Kriegsschäden sehr wohl zu erhoffen ist. Besonders kritisch und schwierig ist diese Zeit sür die großeninternationalen jüdischen Organisationen, die ihre Mitglieder in allen Ländern haben. Damit sie diese Krisis überstehen können, ist Wr allem das größte Maß von Takt und Verständnis seitens ihrer Leiter, erforderlich, die die Kraft -besitzen müssen, als Leiter ihrer -Organisation die peinlichste: und strengste. Neutralität zu wahren. Gerade darum ist diese Kriegszeit eine Art von innerer Gehalts- und Gesinnungsprobe für. unsere großen jüdischen Organisationen. Denn an der Verhaltungsiveise ihrer Leitungen mag man erkennen, wie stark bei ihnen das jüdische Gnipfinden ist, ob es jedenfalls stark genug ist, ihre vaterländische Begeisterung innerhalb des - Wirkungskreises ihrer Organisation einzudämmen und zu Gunsten der unbedingten jüdischen Pflicht zur Neutralität zurücktreten zu lassen. Man darf mit Freude konstatieren, daß im allgemeinen auch die internationalen jüdischen Organisationen die Krise gut Überstunden haben und die Leitungen derselben mit Takt und Verständnis die gefahrvollen Klippen umsteuert haben. Nur eine einzige große jüdische Organisation hat dies nicht vermocht; ihre Leitung konnte sich zur neutralen Haltung innerhalb der Organisation nicht durchringen, und cs trat so notwendigerweise das ein, was eintreten mußte: die Spaltung der. . Organisation. Wir meinen die Alliance. Jsraolite Universelle. Herr Jacques Bigart, ' nominell nur der bescheidene Sekretär der Alliance, in Wirklichkeit ihr Herz und ihre Seele, hat es nicht über sich gebracht, seinen glühenden ftanzösischen Patriotisnms wenigstens innerhalb der Mliance zu zügeln und hat einen begeisterten Aufruf des Konsistoriums der ftanzösischen Juden an die Juden der neutralen Länder von den Büros ' der Alliance aus versandt und sich uni die Verbreitung des Schriftstücks in der neutralen jüdischen Presse bemüht. Die Folge davon war naturgemäß die, daß die 14,000 Mitglieder der Alliance in Deutschland nicht mehr länger innerhalb dieser Organisation verbleiben konnten, die sich so zum Verteidiger französischer Interessen hergegeben hatte, und so erklärte die Deutsche Konferenzge-. meinschast der Alliance in einer vor kurzem abge- - haltenen Sitzung ihres Ausschusses all ihre Be? Ziehungen zur Pariser Zentralleitung für gelöst.*) Diese Loslösung der Deutschen Konferenzgemeinschast von der Alliance ist mehr als die Ab-; splitterung nur eines Landesverbandes: denn da die Alliance in Oesterreich und Ungarn gar keine, in Rußland und Amerika nur sehr wenige Mitglieder besitzt, ihre Mitglieder in der Türkei aber : nach dem Geschehenen auch als verloren zu be- ~ trachten sind, so bedeutet der Gesamtaustritt der deutschen Mitglieder das eigentliche Ende der Alliance Israeli te Universelle. Die ftanzösischen Mitglieder werden bleiben, die Leitung in Paris mit Herrn Bigart als Sekretär wird auch bleiben, und — das wichtigste und traurigste von allem — die Gelder und Fonds, die ift Paris festgelegt sind, werden dort auch bleiben, 'aber die große internationale jüdische Weltorganisation, das, was die Alliance seit mehr als einem halben Jahrhundert war, die „Chewras kol jisroel chawerim", hat auf- , gehört zu existieren. Wer die Verhältnisse kennt, die innerhalb der Zentralleitung^ der Alliance seit Jahren herrschen, wird sich über all das, was jetzt geschehen ist, nicht wundern. Seit Jahren schon war die Alliance äo facto in erster Reihe keine jüdische, sondern eine : französische Organisation, seit Jahren schon diente sie, bewußt und konsequent der. ftanzösischen.Politik, seit Jahren schon stellt sie jegliches ftanzösischcs' ' *) Damit hat die Deutsche Konserenzgemeinschaft dargetan, daß sie einen' Kampf mit Paris nicht ausnehmen, will. - Ein Kampf auf Grundlage des ursprünglichen Pro- - gramms wäre vielleicht bei bewußter Arbeit uns voller * Energie doch nicht .aussichtslos gewesen. Doch, wie es scheint, . hat »ie Deutsche Konserenzgemeinschaft an ihrer Kraft ' Zweifel gehegt' /

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