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Neue jüdische Presse · 1915-11-12 · Heft 44 (12.11.1915) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 44 (12.11.1915)
Date
1915-11-12
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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«r. U F. SAINT-DENIS. WLWL'! ALLE REPARATUREN an UHREN Bold und SUberwaren, Brillen und Zwicker. Aenni sah aus, als ob sie ihren Ohren nicht traute, dann umarmte und küßte sie ihre Mutter. Doktor Lambert gab Gini erschöpfenden Bescheid. „Ihr'Mann ist von dem leichten Schlaganfall nahezu? genesen und wird in einigen Tageü wieder hergestellt sein. Wer der Anfall kann sich wiederholen, ob früh, ob nach langen, Jahren, entzieht sich der menschlischen Wissenschaft. Aber die unausgesetzte geschäftliche Tätigkeit wie bisher ist ausgeschlossen. Er darf sich weder körperlich noch geistig überanstrengen, darf keine Aufregung haben" — und jetzt kamen die diätetischen Vorschriften. „WennSie dies alles befolgen, kann Ihr Mann noch Enkelchen aus den Knieen wiegen." Frau Gini hörte aufmerksam zu und sagte: ,7Es wird alles nach Ihrer Angabe geschehen, Herr Doktor. Es war schon diese Nacht beschlossen, daß mein Mann sich mehr Ruhe gönne und ich das Geschäft führe." „Das freut mich Frau Kurz, das Zeug haben Sie dazu. Ich muß eilen, morgen komme ich wieder." Frau Gini gab Jenny lerschöpfenden Bericht und schloß damit, daß sie ihr überlassen müsse, Karl Günter jetzt schon Kenntnis zu geben ober nicht. Nach ihrer Ansicht dürfe man es ihm nicht verheimlichen, andererseits würde er sich freuen, daß man über" die Führung des Geschäfts beruhigt sein könne. Jenny las mit von Zeile zu Zeile wachsendem Interesse und dachte lange nach. Beim Eintreten Karl Günters steckte sie den Brief hastig in die Tasche. Der Jüngling war gewohnt, morgens seilten Spaziergang allein? zw. machen und entfernte sich nrit freundlichem Gruße. Er war kaum uns Gesichtsweite, da eilte Jenny zum Doktor Mehler und gab ihm den Bericht ihrer Tante. ' , Er las aufmerksam und wiederholt das lange Schreiben. „Hm, nach meiner Ansicht mußt Du dem Jungen sofort den Brief geben, ich meine nicht vor heute nachmittag, damit er sich «nicht Hals über Kopf in die^Post setzt,, die vor Tisch ja abfährt. Er wird jedenfalls gleich nach Hause eilen, und Du darfst ihn nicht znrückhalten, es kaitn ihm auch nichts schaden, mag er sich zu Hause weiter kräftigen. Seine Mutter wird schon für ihn sorgen." „Ich, Herr Doktor, fahre jedenfalls mit ihm, meinen Verwandten sind meine Dienste nun doppelt vonnöten." „Gut, mein Kind, tvir sehen uns bald wieder. Zu Deiner Hochzeit kommen wir." Der gute Doktor hatte Karl Günter richtig beurteilt. Als er den Brief gelesen hatte,' sprang er auf. - „Jenny, ich muß packen. Ich fahre nach Hause." Sie verbesserte ihn lächelnd: „Du Ivillst sagen, wir fahren nach Hause." „Du^hast recht, Jenny, wir können Dich nicht entbehren. Meine Mutter" — sie unterbrach ihn. -„Sag^Michts Schlimmes über Deine Mutter." Er rief strahlend: ^Schlimmes? Ich habe meine Mutter erst jetzt kennen und lieben gelernt und wünsche ihr nur * Deinen Beistand, damit sie sich uns mehr widmen kann. Jetzt gestehe, weshalb ist sie so plötzlich abgereist?" v „Weil sie ein Telegramm erhielt, daß Dein Pater erkrankt'war." „Ich habe auch nicht glauben können, daß sie so von mir wegeilte, um ihre Reisevorbcreitungen zu treffen. Und ich war glücklich, daß ich dies nicht glauben konnte. Aber hätte sie es mir nicht sagen sollen?" „Nein, mein Junge, ein Mutterherz trägt die Sorge allein, solange es eben geht. Morgen früh fahren wir mit der Morgenpost um neun Uhr, dann sind wir zwischen fünf und sechs zu Hqusc. Schicke ein Telegramm hin und bleibe eine Stunde fort, ich packe inzwischen. und ordne Falles. So Gott will, gehen wir später noch einige Wochen nach hier." „Das kannst Du und Hermann, ich nicht. Es ist Zeit, daß ich wieder in Tätigkeit komme, ich fühle mich wohl und allen Anstrengungen gewachsen," Er erhob sich und reckte die Glieder. Dann um- ' armte er stürmisch Jenny und sagte: „Das verdanke ich Dir, Du Gute, nicht nur meine wiedererlangte Gesundheit, sondern meine Lust zu leben und zu schaffen." Sie, machte sich lächelnd los. „Ich wüßte cs . ja, daß Du gar nicht so elend warst.. Und jetzt wird Deine, Mutter Dich verwöhnen, Frankfurter Israelitisches Familienblatt. ~ Stile 5 womit sie schon hier den Anfang, gemacht hat, was soll das werden?" „Ach, wir lachen hier, und mein Vater ist vielleicht todkrank." — Sie tröstete, ihn. „So schlimm ist es nicht. Du liest ja, was Doktor Lambert sagt." — Epilog. (6 Monate später.) Die Familie Kurz — außer. dem ältesten Sohn Karl Günter — saß um den runden Tisch. Der Vater im .bequemen. Sessel, in einem warnten Schlafrock, - die Mutter neben ihm mit heiterem Gesicht. Theo und Aenni lasen. Der Vater meinte: „Es ist schlechtes Wetter, Karl Günter ivird. doch hoffentlich, nicht mit Hermann hcrumlaufen." Frau Ginni lächelte: „Beruhige Dich, Hermann studiert Raschi mit ihm, er ißt bei dem jungen Paar zu Nacht und die begleiten ihn nachher." Er murrte weiter: „Und ich bin das tatenlose Leben müde. Morgen gehe ich tvieder ins Geschäft." „Weshalb, bist Du mit meinen Leistungen nicht zufrieden, lieber Viktor?" 1 „Ach, Du bist ja ein Genie und ein Muster von Fleiß, aber Du sollst nicht so angestrengt arbeiten, die Kinder haben ja nichts von Dir." „Kinder, entbehrt Ihr etwas?" Beide sprangen auf und umarmten ihre Mutter so stürmisch, daß sic lachend rief: „Bringt mich nicht um." „Ach, Du bist ja die beste Mutter." Der Vater tastete nach ihrer Hand. „Ist das nicht besser als alles andere?" fragte er leise. „Und daß ich das Jahrelang entbehren niußte durch meine Schuld,' kann ich mir nicht verzeihen" gab sie ebenso leise zurück. Er tröstete sie. „Vergiß die vergangene Zeit, wie auch die Kinder vergessen." Es klingelte, und das Ehepaar Beck mit Karl Günter traten ein. Der letztere, ein schlanker Jüngling mit keimendem Schnurrbart im hübschen Gesicht, küßte seine Mutter; dann ging er zum Vater. „Vater, wie geht's Dir?" „Danke Junge, zufriedenstellend. Samstag Abend gehe ich mit Hermann ins Cafe Hirsch, falls seine Frau ihm Urlaub gibt, willst Du mitgehen?" „Gerne," lachte Karl Günter, „vielleicht bringe ich Anekdoten mit heim." „ Die Mutter meinte bedenklich: „Ist es nicht schädlich ftir Karl Günter, bis nach Mitternacht im qualmigen Lokal zu sitzen?" Hermann lachte. „Das schadet dem Jungen nichts. Er trinkt Mer. und raucht auch genug, weshalb soll er das nicht auch einmal unter seines Vaters und meiner Aufsicht bei Hirsch tun?" Karl Günter aber sagte: „Liebe Mutter, als Bankier muß ich mich noch an ganz andere Temperaturen und Aufregungen gewöhnen. Deshalb will ich früh damit anfangen, obgleich ich erst bescheidener Volontär bin." „Nun, dann bin ich ja überstimmt, aber Ihr dürft doch nichb zu spät heiMkommen, .ich schlafe so lange nicht." „Ich auch nicht", seufzte Jenny, welche Bemerkung eine ungemeine Heiterkeit auslöste. Viktor sagte lustig zwinkernd; „Gini, Du könntest Samstag abend doch in irgend einen Verein gehen^. dann vergeht Dir die Zeit rascher." „Und dann wären Theo und Aenni allein. Nein, ich habe vorläufig die Fühlung mit dem Vereinslebcn verloren und werde erst dann meine Asoziale Tätigkeit wieder aufnehmen, wenn wir das Geschäft jüngeren Kräften ganz übergeben. Aber jetzt" — sagte sie mit einem liebenswürdigen Lächeln. — „Die Kinder sind nun einmal ungeraten, und da muß ich retten, was noch zu retten ist." Und sie mußte,sich lachend gegen die ungestümen Liebkosungen ihrer Kinder wehren, während Viktor still'- vergnügt zusah. Ende., Aus Feldbriefe«. Begrüßung des östeicreichischen Thronfolgers. . Am Eingang des Städtchens war eine Triumphpforte errichtet, iund neben derselben erwartete die gesamte jüdische Bevölkerung des Städtchens P. den Thronfolger, um ihm ihre Huldigung darzubringen. Beiderseits der Straße >var ein dichtes Spalier gebildet. Links "standen die festlich geklviÄeten Mjädchen, die ersten zwei hielten ein großes mit -Reisig bekränztes Kaiserbild in Händen. Rechts stand die Vertretung der jüdischen Gemeinde, die angesehensten jüdischen Bürger verschiedenen Alters. Einer hielt ein silbernes Tablett mit Salz und Brot, daneben befand jid» ein Baldachin, unter dem -Vorsteher und Rabbiner, mit dem Tallis umhüllt, die Thora trugen. Hinter der Repräsentanz Ihatte sich die ganze Kehilla, an 8vi> Köpfe, versammelt, alles schön geordnet.und im Sabbatgewand. ■ Scheinbar wußte der Thronfolger nichts von dieser Huldigung, denn das Auto hielt erst im letzten Augenblick. Nun traten die Aeltesten vor, reichten dem hohen Gast Salz und Brot als Willkommengruß, der Rabbiner sprach einen Segcnsspruch, ein anderer 'Herr-einige Begrüßungsworte, die der Thronfolger in herzlicher Weife beantwortete» worauf er sich mit den Mtgliedern der Deputation leutseligst unterhielt. Dann wandte er sich zu den Mädchen, nahm von denselben eine Huldigungsadresse entgegen, bedankte sich ebenso herzlich und setzte dann unter brausenden Hochrufen der Versammelten die Fahrt fort. Die Huldigung trug einen echtjüdisch:» Charakter und machte auch auf die Offiziere, die dieser spontanen Kundgebung beiwohnten, einen ausgezeichneten Eindruck. > Eia Brief aa Sie UagarläuSische Zionist. Organisation. Brechen Sie nicht den Stab über Mich, daß ich in meiner Arbeit für unsere heilige Sache schwach geworden bin, würden Sie jedoch meinen Seelenzustand kennen, so würden Sie Racksicht mit mir üben. Wie konnte ich jetzt arbeiten, da mich nach einem Jahr langen Bangen der Schwerste Schlag getroffen hat. Mein guter, erstgeborener Sohn, der mein väterliches Herz zu so vielen schönen Hoffnungen berechtigt hatte, hat am 1. Sukkothtage bei Nowo-Potzajow den Heldentod erlitten. Ich kann qs sagen, daß er gelitten hat, denn fein Leiden währte neun Stunden lang, und seine letzte Mitteilung , und sein letzter Gedanke war. daß seine Eltern nicht irgendwie erschrecken mögen. Wer der gütige Gott, zu dem unser Volk in diesen schweren und nur dem Chorban-- hamikdosch vergleichbaren traurigen Zeit mit tränenden Augen und in stummem Schmer cmporblickt, war mir und meinem verewigten Sohn auch in diesem großen Schicksalsschlage gnädig. Der Rabbiner von Pocsajow schrieb mir in einem hebräischen Brief durch einen Sendeten, und auch hon Freicndesseite wurde es mir geschrieben, daß der Rabbiner meinen Sohn in das, Hans eines Juden bringen ließ, dort wachten sie bei ihm, streng nach jüdischenc Ritus, und am 25. September, an einem Samstag begleitete er und die ganze Gemeinde meine» teuren Toten auf seinem letzten Wege weit über die Gemarkung der Stadt hinaus, von wo er über Befehl eines Generals mit militärischem Pomp nach Brody gebracht wurde, nur iin jüdischen Friedhof bestattet zu werden. Gott belohne diese pietätvolle Tat, diese Tugend des wahren Gemillus Chasodim, jener wackeren Kultusgemeinde, unseren guten Brüdern, welch: auch inmitten des Kanonendonners auf ihrem Platze waren. Ich werde mich bemühen, meinem Sohne, dem Kadett Geza Juhasz, der noch ein 18 jähriges Kind , war, ei» Denkmal zu stellen, ifrn seinen Namen in das Goldene Buch eintragen zu lassen. Ich habe vor Ihnen mein Herz ausgeschüttct, ich habe das Bedürfnis empfunden, dies zu. tun. Sie waren bisher gut und lieb zu mir, und ich weiß, daß Sie in schweren Stunden mit mir fühlen. Gott bringe der Welt den Frieden und unserem armen Volke ein besseres Los. Mit Zionsliebe und .Treue Ihr Genosse Moritz Juhasz, Polizeihauptmann. Frankfurter Milcnkuranstalt I unter Kontrolle des ärztlichen Vereins I Scliivaralnurgstr. 2—6 TtL Hanm 116& ■ einzige Anstalt Frankfurts, welche anssohllessUoh I — kfimarme KermZIcb ■ 111 ■■ -1 nur ans Mileh der eignen Stallnng liefert. ■ " Herbst 1915. Mt' unheimlich stillem Schlage Nimmt auch er dir Licht und Pracht, Webt in Nacht Deine sonnentrunk'ne Tage; Ued er knickt Mles was dein Aug' entzückt — Trägt dein Herz ihm eine Klage? StA! o, laß' die Klagetöne: Ist er besser doch als wir! — Glaub' eS mir! — Sieh! er raubt uns nur das Schö'ire, Tötet bloß der Erde Zier — Wer wir? , — Ach, wir morden ihre Söhne... Jacob Diamant. Eingesandt. Es wird gewarnt vor einem gewissen B l n >» e n f e l d, der sich als Sohn des Zirkusdircktors aus Bremen ausgibt. Nachdem der Mann vom Vorsitzenden des Vorstands in Perleberg, dem er bereits äts Schwindler bekannt war, abgewiesen wurde, gelang es ihm unter lügenhaften Angaben'und Vorlegung von ärztlichen Attesten, wonach, er "lungenleidend sei und zu einer Operation nach Frei-, bürg sich begeben müsse, bei ander» Vorstandsmitgliedern Beträge zu erschwindeln. In Pritzwalk, das gar nicht auf ber Strecke nach Freibnrg liegt, glückte ihm dasselbe Manöver. Indem er so Krankheit simuliert, fährt er schnorrend von Ort zu Ort. - Deutsche Zentralstelle für j üd ische Wanderarmenfürsorge.

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