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Neue jüdische Presse · 1915-11-12 · Heft 44 (12.11.1915) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 44 (12.11.1915)
Date
1915-11-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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D i e Juden Polen s. In den letzten Monaten wird in der allgemeinen deutschen und auch österreichischen Presse die polnis cheFrage, die seit der Besitznahme dieses Landes durch die verbündeten Heere der Zentralmächte akut geworden ist, eingehend erörtert. Die Frage wurde gründlich behandelt und nach allen Seiten beleuchtet. Doch siehe! Die Juden Polens waren die einzigen, die dabei'so ziemlich vergessen wurden. Nur die Frankfurter Zeitung — zu ihrem Lobe sei es gesagt — bildete hierin eine Ausnahme. Ohne selbst zu dem verwickelten Problem Stellung zü nehmen, bringt 'sie seit einiger Zeit abwechselnd Artikel, die sich auch mit den Juden' Polens befassen.^ ' Zwei dieser Artikel erwecken unsere besondere Aufmerksamkeit; der eine vom 3. Sept.: „Das polnisch-jüdische Problem" betitelt und von unserem ständigen Mitarbeiter Nach um Gold mann verfaßt; der andere vom 16. Oktober: „Zur polnisch-jüdischen Frage", der aus mutmaßlichem Grunde keine Unterschrift trägt. Die Standpunkte dieser beiden Autoren sind diametral entgegengesetzt. Goldmanns Ansicht geht dahin, daß das polnische Judentum nicht', nur ethnographisch und religiös- -sondern auch natiön a l und kulturell eine vorn Polcntuin gesonderte Bevölkerungsschicht bildet, die ein kräftig entwickeltes geistiges und kulturelles Leben führt. Auch stellt /er fest, daß die eigene nationale Kultur der polnischen Judenheit mit.dem Deutschtum stärker verknüpft sei als die polnische Kultur, was schon durch die unbestreitbare Verwandtschaft der Sprachen (gemeint sind die deutsche Sprache und das von den " breiten Massen gesprochene „Jüdisch", genannt: Jargon) bedingt sei, und es daher jetzt, da Polen zu einem Bollwerk westeuropäischer Kultur gegen Rußland ausgestaltet werden soll, iin Interesse Deutschlands gelegen sei, den.polnischen Juden nationale Gleichberechtigung und eine gesicherte Entivicklungsmöglichkeit zu verleihen. Von Deutschland aus in das Land eingewandert, durch ihre - jüdisch - deutsche Sprache und Literatur der deutschen Kultur schon ohnehin innig verwandt, infolge der furchtbaren Verfolgungen natür- . liche Feinde der russischen Regierung, sind sie prädisponiert, auf der - Wacht gegen Rußland die treuesten u»d zuverlässigsten Wächter zu sein. Anders der Anonymus. -Er hegt starke Zweifel an der Existenz einer jüdischen Nationalität und eigenen jüdischen Kultur. „Es scheint mir", sagt er/„schon ein unlösbares Rätsel, einen modernen Menschen auf der Grundlage des seit Jahrtausenden erstarrten Nätionaljudentum heranzubilden. Und soll das tote/ Hebräisch oder der „moderne" Jargon Nationalsprache werden?" - „Seit Jahrtausenden erstarrtes Nationaljudentmn"! Wie.sonderbar!! Erstarrt — und gebar doch eine so . kraftvolle, von Leben strotzende, mächtig pulsierende, weit- I verzweigte Weltorganisation wie die) . zionistische mit "all ihren 'Institutionen und hebräischen Schulen sowie heb.räischer Presse! Seit Jahrtausenden-7 er-" . starrt, —und gebar doch, Dichter wicuJ e h u d a H alevi., M.'Ch. Lnz^ato, M. I. Lebensohn, B iäl i'k und S ch n e inr! Seit Jahrtausenden erstarrt, — und stellte doch Tausende und aber Tausendeseiner besten Kinder für. den Kampf npn seine Existenz, brachte und bringt noch freiwillig unzählige seiner Sprößlinge auf den Altar der Grausamkeit seiner Feinde einst wie auch heute. Zu allen Zeiten ließen und lassen sich Juden pogromieren, auch aus rein nationalen Motiven! Erstarrtes Judentum, — bedeutet etwa S e l b st b e w n ß t s e i n, Rückgratigkeit bis ein. freiwilliges in den Tod gehen Erstarrung und Rückgratlosi gleit und Fahnenflucht'pulsierendes Leben?! — „Und soll das tote Hebräisch oder der „moderne" Jargon Nationalsprache werden?" Fürwcchr, für einen Polen mosaischer Konfession, der keine Ahnung von der Lebendigkeit der hebräischen Sprache und keinen blassen Dunst von der Reichhaltigkeit der modernen hebräischen -Literatur und Presse auf allen Gebieten des Lebens hat, ist sie wirklich tot. Dies wird auch beim Anonysmus der Fall mit noch vielen aüderen lebenden Sprachen sein; allein gleich jeinen Sprachen ist hebräisch eine lebende Sprache für diejenigen, die sie verstehen! Der „moderne" Jargon! Aber inwiefern sind alle anderen Jargone und Dialektsprachen moderner als der Jargon? Etwa deshalb, weil es Juden, sind', die ihn sprechen? . . . * Doch welche ist die Lösung, die der Herr Anonymus in seiner Allweisheit fürdiese. Frage gefunden hat? — „Was den polnischen Juden nottut, ist eine volle konfessionelle Gleichberechtigung." Beinahe möchte man zweifeln, daß diese „weise" Lösung von einem Polen mosaischer Konfession herrührt, denn einem Deutschen oder einem Gönner des Deutschtums wihrde es nie einfallen, Millionen von Jargon Sprechenden,. die doch früher oder später zum Besitze der deutschen Sprache gelangenwerden, freiwillig dem Polentuin auszuliefcrn. Die politische Methode der A ns l i e f e r u n g st ar k e r Min de rheitenan eine Majorität hat Schiffbruch gelitten. Was hat Oesterreich mit der Auslieferung der/Deutschen an die Tschechen in Böhmen erreicht? Hat sich etwa dadurch die tschechische Majorität zur größeren Loyalität aufraffen lassen? Wozu sollen diese ungeheuren Opfer? Die Versöhnung der Polen? Allein die Polen sind nicht zu versöhnen, solange man sie nicht ganz sich selbst, all ihrem Schlendrian und Berlottertheit, völlig überläßt. Dies k.ann und darf nicht Deutschland tun nach all den großenOpfern und angesichts.seiner Lage an der Gren-ze des Moskowitertums. Und selbst im wirklichen Interesse des Polentums! Was Polen zu seiner Gesundung braucht, ist eine gerechte und starke Hand! Im Bewußtsein der Sicherheit an-der Seite Deutschlands können die Juden als unbedingt verläßliche und loyale Schicht Polens dem Deutschtum bedeutende Dienste leisten, aber als sittlich "stärker als die Polen sind sie dazu berufen, auf /diese regenerierend einzuwirken und zwischen "Deutschtum und Polentum zu vermitteln. ,. Ein Stück jüdischer Zeitgeschichte. | In den Tagesblättern fordert ein Ausruf, -'4 der vom „Hilfsverein der Deutschen Juden", der „Großloge für Deutschland U. O. B. B." und dem ' „Hilfskomitee für die. notleidenden osteuropäischen ' , g Juden" gemeinsam unterzeichnet ist, zu wetteren. > Spenden ' für den jüdischen Hilfsfonds?! 1915 auf. Cs handelt sich darum, hunderttausende Juden in den eroberten russischen Gebieten vor dem Verhungern zu schützen und--sie wieder v erwerbsfähig zu machen. Die wirtschaftliche Lage I dieser Aermsten ist. zu gut bekannt, als daß es;s empfehlender Worte für den Aufruf bedürfte. Möge ,7; seine Sttmme zu den Herzen dringen und die . 7 Taschen weit öffnen! .' Wir möchten aber als die Vertreter der jüdi- // schen Oeffentlichkeit an diesen Aufruf einige Bemerkungen anschließen. Denn dieser Auftuf zeigt ein Stück jüdischer Zeitgeschichte auf. Beim ersten Blick schon rufen die unterzeich- 4 Neten Namen, deren Träger hier als die Vertreter der deutschen Judenheit vor die Oeffentlichkeit 'U treten, einen einheitlichen Eindruck hervor. Die dreißig Unterzeichner gehören sämtlich der gesellschaftlichen Oberschicht der deutschen Judenheit an: Kommerzienräte, Justizräte, Bankdirektoren' usw. Persönlichkeiten aus der großen jüdischen Masse fehlen gänzlich. Die deutsche Judenheit läßt ihre Angelegenheiten von einem eng geschlossenen klei- / nen Kreise erledigen. / Mit dieser Gepflogenheit sollten die führenden jüdischen Persönlichkeiten selber aufräumen und zwar im Interesse der Organisationen, denen / ihre jüdische Arbeit gilt. Unendlich zahlreiche ideelle und materielle Kräfte könnten fiir jüdische ' / -Zwecke fruchtbar gemacht werden, wenn die deutsche g Judenheit, die bisher plutokratisch geleitet wird/ gsich demokratisch organisieren würde. / Eine andere Frage, die sich beim Lesen des Aufrufes aufdrängt, ist die, warum gewisse Org ganisationen, die gleichfalls das Hilfswerk im Osten betreiben, fehlen. Wir meinen: die Zionistische Organisation und die Agudas Jisroel-Organisasation, die doch beide in Deutschland ihren Sitz ~- haben. Ist man an diese Organisationen heran? '/ getreten? Unter dem Eindruck des Krieges wäre es doch natürlich gewesen, sich alle Mühe zu geben. - ’ zu zeigen, daß die deutsche Judenheit in der Bestätigung des jüdischen Herzens ein einheitlicher Organismus ist, mögen auch in religiöser oder politischer Hinsicht chre Wege auseinanderführen. Oder ist die Entfremdung zwis schen gewissen geistigen Schichtungen der Judenheit > bereits so groß wie zwischen gewissen gesellschaftlichen Gliederungen, sodaß man nicht an -einem Tische beraten will? Als der Krieg ausbrach, da wurde viel Ersprießliches von der Selbstbesinnung und der 7 (ernsten Prüfung" erhofft, die er im Gefolge haben. .' müsse. Auch bei uns Juden! Auch bei uns ersehn- - ten die Besten als die Wirkung des Krieges ein Be-_. '£ sinnen auf das Judentum, ein Nachdenken über die 7 Lage der Dinge in der Judenheit. Fünfzehn Monate } Währt bereits der Krieg, und es geht in der deut- '*■. scheu Judenheit alles seinen Gang wie vorher/ i wahrlich — es scheint, als habe man nichts gelernt und nichts vergessen. ' u Wir warten noch auf die ersten Anzeichen v? / einer Aenderung. Mögen diese Anzeichen von denen 5 kommen, die sich als die- Führer der deutschen^ Judenheit fühlen und auch als solche angeseheir / werden!

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