Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 43 (5.11.1915)
- Date
- 1915-11-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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November 1915) Nr 48. 3«m Problem der östliche« Inden. i. . - - ' -s Die Juden Rußlands.: ' Die höhlen Phrasen d.er Presse Paris und Londons Hei Ausbruch der sogenannten „liberalen" Aera Rußlands sind langst verschollen. Es kam anders im Lande des Zaren/als es den Alliierten lieb war! Die Duma, der es in der^Stunde großen Bedrangnisses gelang, einen progressiven Block zusam-' inenzuschmieden, wurde vertagt, und an Stelle des Fürsten SchtscherbaLow wurde der Erzreaktionäv und Führer der schlvarzen Hunderte C h w o st o w als Minister des Innerst eingesetzt. Alles blieb beim alten trotz des Programms des progressiven Mocks der Duma und trotz der Bechlüsse des Moskauer Semstjvokongresses und der Stadtrate Rußlands. Die Zugeständnisse des freien Wortes — bloß §e§~ Wortes nach der bewährten Methode: „Jizchakü hanneorim" (möge,: die Buben spielen) — in den-Tagen der höchsten Verwirrung angesichts der katastrophalen Schläge Rußlands von Seiten unserer.Armeen sind, nachdem die Reaktion sich gesammelt -hat, rückgängig gemacht worden. Nunmehr teilt Reuter mit, daß Goremykin oder gar C H w o st o w „zum Reichskanzler erhoben werden soll. Dies will heißen,'daß' man sich in den „Sphären" für krasseste Reaktion entschieden hat und Schicksal, dex-russischen Völker in.'die- Hände der. bewußten Volksfeinde zu legen entschlossen ist. Wohl ist Nikolaj Nikolajewitsch nach dem Kaukasus verbannt, aber das System des Zarismus, die. verseuchte zarische Hofkamerilla ist nicht verbannt, und solange dieseKamarilla nicht un sch l ich gemacht worden ist, was bei der angeborenen Pass i v i t ät u u d De s o r g a n i s a t io st' des russischen Pölkss nicht.bald zu erwarten sein dürft e, bleibt alles beim alten. Alles beim alten! Und inzwischen gehen Tausende von Juden zu Grunde,, werden Tausende und Abertausende von jüdischen Existenzen vernichtet/und das Elend der schier unzähligen Massen von Flüchtlingen steigt ins Unermeßliche! NikolajNikol ajcwitsch, der gestürzte Heerführer und nunmehrige Vizekönig vom Kaukasus, wohin er gegenwärtig verbannt ist, läßt jetzt, sogar die Juden, die aus den okkupierten Provinzen nach dem Kaukasus geflüchtet waren, ausweiscn -und ins innere Rußland abschieben. Selbst den jüdischen Handwerkern hat er den Aufenthalt im Kaukasus untersagt. Alles beim alten?! Und' welches Schicksal harrt unserer Brüder n a ch .dem Kriege in diesem unglücklichen Lande der Chwostow und Goremykin? Gar mancher verzweifelt an dem Schicksal der Juden im Lande des Zarismus und sieht die einzige Rettung in .einer Massenauslvandcrung nächster Türkei oder nach den Ver. Staaten, ohne den G r a d d e r so f o r tigen A u f n ahme f äh igkeit der Türkei Md düs Maß' des Wollens Amerikas zu prüfend Doch vernimmt man auch, optimistische Stimmen, bist da sagen,, daß angesichts des Sieges, der Zentralmächte und der daraus resultierenden Folge -der Erstarkung und Erneuerung der Türkei mach dem Kriege, .aber, auch infolge dieses "Sieges und auf Grund der durch die Erfahrungen des großen Krieges voraussichtlichen tveiteren Demokratisierung derLentralmächte einerseits und angesichts der schweren Niederlage Rußlands und der deshalb zünehmenden"Unzufriedenheät'der br eiten S chich t eit des Landes s ebbst st er -finstere und verbrecherische Zarismus denü.-L.qnde gewisse F.reiheiten zu gewähren sich genötigt sehen werde, — und damit werde auch für die Juden eine stufenweise Erleichterung eintret.en. - Welche dieser beiden Anschauungen hat aber" mehr Aussicht auf Verwirklichung? Trotz, all den bösen Erfahrungen, die die Welt mit dem Zarismus gemacht hat, trotz der unberechenbaren Launen der Tyranai der Romanow's neigen wir zu der optimistischen Anschauung. - ' Kein Irrtum! Es ist nun als. eine nicht zu bezweifelnde Tatsache festgestellt worden, daß der Aufruf des Zentralkonsistoriums der Israeliten Frankreichs durch das Zentralbüro „der Alliance Israelite Universelle an die Juden der neutralen Länder zur Versendung gelangte. Das Begleitschreiben trug außerdem noch' die Unterschrift des Generalsekretärs der Alliance, Jacques Bigart. Ein Irrtum ist ausgeschlossen, und deshalb haben die führenden Persönlichkeiten der Alliance in Deutschland schnellstens zu einem Entschlüsse zu kommen, der dann sofort den 14,000 Mitgliedern in Deutschland zur Kenntnis gebracht werden muß. Denn das Ansehen und die Ehre der deutschen Judenheit verlangen eine schnelle Entscheidung. Das Münchener Lokalkomitee hat sofort, seine Auflösung und' die Zuwendung seiner Mittel an Münchener jüdische Wohltätigkeitsvereine beschlossen. Sollen die anderen Lokalkomitees diesem Beispiele folgen? Die Flinte ins Korn werfen oder den Kampf aufnehmen? Das ist. die Frage. ...Wir meinen, der Kampf sollte, versucht werden, weint auch die Aussichten auf Sieg schwach sind.j Die Pariser Herren haben die Macht: das Kapital der Alliance ist in Frankreich festgelegt, und dann hat ihnen auch die mit Unterstützung gewisser deutscher Herren vor einigen Jahren gewaltsam eingeführte Verschlechterung des Wahlsystems die Leitung des.„Geschickes der Alliance in die Hand gegeben. Die 14,000 Mitglieder in Deutschland — die Mehrheit aller Mitglieder — sind seitdem mundtod gemacht worden. Der einzig günstige Umstand ist nur der, daß bei späteren Verhandlungen mit der Pariser Leitung diese ' 14,000 Mitglieder eine sehr wertvolle Waffe wären. Wir denken hier weniger an das materielle Moment, — wurden doch die Einnahmen aus Deutschland, auch ein interessantes Kapitel aus der Geschichte dieser „Wohltätigkeitsgesellschaft", zum großen Teil durch eine Zeitschrift aufgezehrt — als daraü, daß die Alliance ohne die deutschen / Mitglieder ihren großzügigen Rahmen verliert und. dies dann auf ihre gesamte Tätigkeit von dem nachhaltigsten Einfluß sein muh. Die Forderung der -deutschen Mitglieder Muß lauten: Rückkehr zur ursprünglichen demokratischen Verfassung, und. dem ursprünglichen Programm, das von den Kulturellen nichts wußte, sondern nur für die Solidarität und den Schütz der Ehre der Judenheit eintrat. Ei» Wort znr rechte» Heit. Der ehrwürdige und gelchrtr Rabbiner Gedalje Schmelkes-Przemyslbeschäftigt sich in Blöchs „Oesterr. Wochenschrift" mit der verzweiflungsvollen Notlage der Juden Galiziens und führt aus/ daß hier nur der Wille/nnd die Kraft .' der : großen jüdischen Gesamtheit rettend, helfest können. Er schließt deshalb.seine Worte: - „Alle Kreise des Judentums müssen brüderlich sich die Hand reichen, das westliche und das östliche, das aristokratische und demokratische, das alte und das junge Judentum. Hat das eine ein Uebergewicht an Macht, Erfahrung, Einsicht und Besonnenheit, so hat das andere ein solches an Eifer, Energie, Gewandtheit und Entschlossenheit. Hier muß jeder Unterschied in Lebensstellung und Weltanschauung, an politischer Gesinnung und Parteirichtung aufhören. Ob konservativ oder fortgeschritten, orthodox oder neolog, Zionist oder Assimilant, Narionaljude oder Konfessionsjude — wenn nur nicht mit Heine Unglücksjude —> alle sollen mitarbeitest und zur Mitarbeit gerufen werden. Kein Kreis, er sei twch so vornehm öder . noch so volkstümlichdarf sich einbilden — es sei dies nach oben und unten, nach rechts und links gesagt ^- bie Beschützuug und Behütung des jüdischen Gemeinwohls im Ganzen V oder zum Teil in Erbpacht genommen zu haben. Arbeiten wir alle gemeinsam für das Wohl des jüdischen Gemeinwesens. Jeder wird etwas mitbringen, das er vor dem anderen voraus hat. Lernen wir von den anderen Völkern. Wie schön haben sich bei ihnen entgegengesetzte, sonst einander aufs heftigste bekämpfende Elemente zur Wahrung, ihrer gemeinsamen Staats- und Volks- - interessen jetzt vereinigt und, gleichsam alle Klüfte überbrückend, einander brüderlich die Hand gereicht. Und wir? Das Volk der^beruhmten— und berüchtigten — jüdischen Solidarität? .... Laßt uns bedenken, daß wir die Wahrung' unserer Interessen selber in die Hand nehmen müssen, daß jeder einzelne für sich nicht in der Lage ist, diese schwierige'Aufgabe zu lösen, und daß der gegenwärtige Moment einer der bedeutendsten und folgenreichsten ist auch in der jüdischen Geschichte! Die Lage in Palästina. Nach dem Perschwinden der Heuschrecken hat . man sich in den Farmen des Jüdischen Nationalfonds und in den Kolonien hauptsächlich dem Anbau von Gemüsen zugewandt und auch energisch wieder mit-dem Getreidebau begonnen. Es muß Übehaupt fcstgestellt werden, daß alles versucht wird, um über diegegenwärtige Krisis , hinwegzukommen. Die hebräischen Schulen find sämtlich in Betrjeb, dank der Opferwilligkeit der Lehrer, die trotz der herrschenden Teuerung aus fteien Stücken auf einen beträchtlichen Teil ihres Gehaltes verzichtet haben. 'Die Schulen werden zur Zeit von 3110 Schülern besucht, die von 187 Lehrern und Lehrerinnen unterrichtet werden. Die ökonomische Situation hat sich in letzter Zeit dadurch verschlechtert, daß die Geldsendungen -aus dem Auslände fast ganz ausgeblieben sind. Auch die Hilfsgelder von Amerika haben immer' mehr und mehr abgenommen, sodaß dem palästinensischen Berteilungs-Comite unter denr Vorsitze von Dr. Ruppin in.letzter Zeit nur 15,000 Frcs. monatlich zur Verfügung standen, während 70,000 Frcs. Per Monat-dringend benötigt werden. Die Folge davon ist, daß besonders die Arbeiter Mangel leiden. Es sei mit den Worten geschlossen, die jüngst Norman Bentwich, der Führer der Zionisten Aegyptens, im südafrikanischen „Zionist Record" schrieb--sie lauten: „Eine gütige Vorsehung hat-dafür gesorgt, daß "bei dieser höchsten Krisis in der Entwicklung unseres Jischnbs in dem Gesandten einer großenneutralen