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Neue jüdische Presse · 1915-10-22 · Heft 41 (22.10.1915) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 41 (22.10.1915)
Date
1915-10-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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' ’ " ■ ' //- DasPrvblem wird in unseren Tagen wieder aktuell; aktuell in einem" viel tieferen und bedeutsameren Sinne, als ihn dieses flache Wort für gewöhnlich besitzt; aktuell, nicht im Sinne eines augenblicklichen Interesses und flüchtiger Sensation, 7 sondern in dem einer inneren seelischen Bedeutung und tiefen "leidenschaftlichen Erlebens. Die Bande, die Deutschtum und Judentum verbinden, sind in diesen Monaten in einem furchtbaren Weltenbrgnde neu-und stärker geschmiedet worden; denn stärker als;.! alle gemeinsamen wirtschaftlichen Interesses stärker - selbst als alle, Sprach- und Lebensgemeinschaft werden zwei Völker, zwei soziale Organismen durch das. gemeinsame Erlebnis, durch das gemeinsame Schicksal aneinander geknüpft. Und wann hätten zwei Gemeinschaften ein gewaltigeres gemeinsames Schicksal durchlebt, als es jetzt Teutsche -und Juden durchleben? ... So rvird man gerne zugeben, daß eine erneute Behandlung des Problems jetzt- .wohl an der Zeit/ist; Pies , umso mehr, als die,, bisherige Erörterung michI viel Wertvolles zu Tage' gefördert hat./Hesprochen und geschrieben wurde ' ja /schon sehr löiet über 0163 ^6^; gefttgt tparb;, sehr wenig. Tie Ursache für diese geringe Ergiebigkeit? derMisherigen Behandlung liegt in der! mangelnden Dhjektivität derjenigen, die das Problem behandelthaben. Auf nichtjüdischer Seite herrschte meist; einejudenfeindliche Richtung, auf jüdischer Seite aber . eine:-übereifrige apologische Tendenz; an wissenschaftlicher Objektivität und. ftuchtbarer Vorurteilslosigkeit mangelte. es beiden. Und. so harrt das Problem, trotz, der vielen Worte und Tinte,: die daran schon verschwendet ward, noch immer seiner ernsten Untersuchung und Beantwortung,; v //- - ^/::;---/./--v; K ermann Cohen hat es in diesen Tagen unternommen, das Problem neu zu erörtern, und hätxvor, kurzem eine Schrift: „D e u t s ch t u m n n d I u de n tu m" (im Verlag 'von Alfred Töpelmann, Gießen) erscheinen lassen. Als einer der bedeutsamsten /Vertreter und Wortführer des deutschen Judentums war er zu solchem Unternehmen gewiß berufen,- und der Umstand, daß er wie wenig ändere schaffende: Juden unserer Zeit Deutschtum und Judentum in seinem Schaffen und seinem Werke innigverbunden -und verschmolzen hat,! verleiht ihmnoch ganzbesondere Befähigung und Legitimation. - Aher. sosehr - man die Berechtigung eines: .neuen/Versuches, das Problem: „Deutschtum und Judentum" zu erörtern, zugeben/ so sehr man auch die-.Legitimierung Hermann Cohens zu solchem. Versuche anerkennen muß, ebenso sehr mußte man von vornherein mit Bedenken und Zweifel depr! Erfolge - seines Unternehmens entgegenschauen. Wir kennen-Hermanü'Cohen; dm Inhalt und die Eigenart seines Denkens ist. heute völlig bestimmt- und a>'.sgereist, . sein. jüdischer Standpunkt bereitsvöllig umschlossen und festgelegt; was man in seiner Schrift/über-'Deutschtum/und Judentum erwarten konute) war somit nichts/ anderes als, eine.Anwendung -seines jüdischen -Ä auch auf. dieses -Problem, und gerade das ' mußte die Zweifel:-an. einer!erfolgreichen< und fruchtbaren Erörterung des. Themas entstehen 'lassen: denn von Hermann. Eöhens jüdischem Standpunkt läßt sich eMMwirkliche /fiuchtbringenhe/BchÄndlung des .ProblenHHriM.ermöglichen. -... '• Zwei Methoden gibt es, dieses Thema zu be- - Händeln, analog den beiden Auszweigungen des Problems. Unter „Deutschtum und Judentum" kann zunächst die Frage nach dem Verhältnis beider. Kultürsysteme, beider Weltanschauungen, beider Wesensteichenzen des Deutschtums und Judentums verstanden werden, und so aufgefaßt, kann nur eine philosophische und kulturhistorische.-Untersuchung von großer weltgeschichtlicher Perspektive - Antwort geben; diese Art der Auffassung und Behandlung erscheint uns als die grundlegende und entscheidende; 'sie erst verleiht dem Problem seine große weltgeschichtliche Grundlage und Bedeutung. Daneben aber tritt dann die andere Auffassungsweise, die nach den konkreten Beziehungen von „Deutschtum und Judentum" ftagt, wobei diese diesmal als zwei Volksorganismen, als zwei le-! bende, physischesoziale Gemeinschaften aufgefaßt werden; hier wird eine politische und zeitgeschichtliche Betrachtung notwendig, die sich aber auf der ersten weltgeschichtlich-philosophischen aufhauen muß. Beide Untersuchungen können aber nur unter : einer Voraussetzung zu ftuchtbaren Ergebnissen füren: -unter derjenigen der Auffassung des Judentums als eines nationalen Organismus. "Nur wenn die jüdische Gemeinschaft als Volk, das Judentum als die nationale Kultur dieses Volkes. angesehen wird,; iß überhaupt erst die Grundlagezum Vergleich, - zur! Prüfung des Verhältnisses von Deutschtum Und Judentum/ gegeben, die dann als miteinander vergleichbare,' wesensähnliche Größen, eben als nationale Orga- , nismen erscheinen. Jede andere Auffassung des Judentums hingegen macht eine fruchtbare Erörterung des Problems unmöglich, weil sie .die Voraussetzung der Vergleichbarkeit von Deutschtum und Judentum negiert. - ' . Es ist bekannt, daß Hermann Cohen die nationale Auffassung des Judentums ablehnt, ja bekämpft, daß ihm das Judentum weniger, eine nationale Kultur ist, als vielmehr eine absolute: Weltanschauung und Religionssystem, /daß er die jüdische. Gemeinschaft nicht als' Volk betrachtet, sondern ausschließlich als' Religionsgemeinschaft, als die Genossenschaft der Träger und Verkünder der jüdischen Weltanschauung? Von diesem Standpunkt aber ist es unmöglich, das Problem von Deutschtum und Judentum in seinem innersten Wesen auftuwerfen; alle Behandlung .des Themas von solchen Gesichtspunkten muß notwendigerweise an dem tiefsten- Kern der Frage vorbeiführen. Wenn man Hermann Cohens Schrift gelesen hat, weiß man, daß all diese Zweifel, die man von vornherein hegen mußte,- nur allzusehr bestätigt worden sind. Die Broschüre hat große Vorzüge, was bei einer Schrift Hermann Cohens nicht erst betont zu werdenbraucht: die Tiefe, des Denkens, die sittliche Größe und Weihe der inneren Ueberzeugung, den starken Pathos der Darstellung, kurzum den sittlichen Adel und den Monumentalen Ernst, der die ganze Denkweise des Marburger Philosophen charatterisiert und auszeichnet; aber eine erschöpfende Behandlung des Problems, ja auch nur eine solche, die wenigstens seinen ttefsten Kern erfaßtund därgestellt hätte, bietet die Schrift nicht. Anstatt Deutschtum und Judentum als lebende nationale. Kulturen- Schöpfungen des deutschen und jüdischen - Volkes aufzufassen und demgemäß mit einer Analyse. der; tiefsten Wesensart beider Nationen mnd.ihrer' Mlttiren/zn beginnen) / ' eröffnet Hermann Cohen seine Untersuchung sofort mit einer Vergleichung von Deutschtum und Judentum. Dadurch erhält die ganze folgende Erörterung einen geisterhaften Anstrich, sie schwebt ganz in unerreichbaren methaphysischen Höhen, ohne irgend wie in der konkreten Wirklichkeit verankert und verwurzelt zu sein. Und mit dieser methaphysischen Wirllichkeitsftemde/ erhält die Untersuchung dann auch einen hypothetischen unnatürlichen Charakter; sie erscheint als konstruiert undgekünstelt. Schon die gleich zu Beginn gewählte Methode der Vergleichung ist eine sehr unsichere und willkürliche: das dritte der Vergleichung bildet hier das „Griechentum". Und die Rechtferttgung dieser Methode? Das Griechentum ward durch seine Bedeutung für die Entstehung des Christentums eine Grundquelle des Deutschtums, zugleich -aber sei auch das Judentum als Grundlage des Christentums eine Hauptquelle des Deutschtums, daher das Recht der Wahl des Griechentums als des. dritten bei . der Vergleichung von Deutschtum und. Judentum; man wird zugeben,, ein sehr zweifelhaftes und recht wenig begründetes Recht. Man erhält ungewollt den Endruck, daß all' diese Beweisführung weniger in den wirklichen Tatsachen - begründet, als vielmehr willkürlich konstruiert ist.. Urrd ein ähnliches gilt dann auch von den anderen Beweisen für die Verwandtschaft von.; Deutschtum ünd Judentum: / Der eine/ betrifft die Psalmen als Bindeglied zwischen beiden; denn 7,aus dem Quell der Gottesliebe (der Psalmen)/ ist eine Keuschheit, eine Lauterkeit und Unschuld in unser (das deutsche) Liebeslied gekommen, die - sich, in solcher Verbindung mit der Naturgewalt der Leidenschaft, in der Lyrik keines Volles findet, so daß eben die Lyrik in dieser Vollendung, in dieser Natürlichkeit und Wahrhafttgkeit vielleicht das untrüglichste Kennzeichen des deutschen Kunstgeistes sein mochte". . Uns scheint, bei aller Achtung vor der Feinheit der Wahrnehmung, die solche Zusammenhänge aufdeckt, nun doch diese Verwandtschaft von der religiösen Gottesliebe der Psalmen und der erotischen Frauenliebe der deutschen Lyrik -als eine etwas gesuchte Konstruktion be^ zeichnet zu sein, und wenn nun darin, gar. einer der tiefsten Zusammenhänge von Deutschtum und Judentum erblickt werden soll, so mutz mansägen, daß es gewiß sehr viele naheliegendere) bedeutsamere und folgenreichere Zusammenhänge gibt, die beide Kultursysteme verbinden: ■ ' - Nicht viel natürlicher und konkreter ist der andere Verwandtschastszug, den. Cohen äufdecken wittr . die Musik. Daß/ die deutsche Musik eine der größten Schöpfungen des deutschen Geistes bildet. und die ttefsten Eigenarten desselben zum Ausdruck; bringt, soll keineswegs bestritten werden; daß auch ./im alten Judentum die religiöse Musik eine be-/ deutsame Stellung im Gottesdienst des Tempels - einnahm, ist ebenfalls bekannt. Auf Grund dieser Tatsachen aber nun zwischen der jüdischen und modernen deutschen Musik eine Wesensverwandtschaft herzustellen, erscheint uns angesichts der völligen Unkenntnis, in der wir uns über den ~ Charakter' der Tenchelmusik befinden, doch als sehr gewagt und ziemlich willkürlich. ' Mehr Beweise für die Verwandtschaft und?! Wesensparallelität zwischen Deutschtum und Juden- - tum): beide als Kultursysteme und Kulturtendenzen gefaßt) bringt Hermann Cohen nicht herbei.. Daß)" " die wenigen von ihm herbeigebrachten, die wir besprechen haben, aber sehr überzeugend wirken^ kännrnan/beimbesten Willen nichtbehauptem.Ber-/

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