Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 39 (8.10.1915)
- Date
- 1915-10-08
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Wenn sie ailch mit großem Takt vermied, sich in die immer hiinsiger wiederkehrenden kleinen Streitigkeiten zu mischen, so glaubt doch jeder der Kriegsführenden, an ihr eine Stütze, eine Vertraute :,n Haben, ha sie bei Bertranensausbrächen dem Betreffenden niemals direkt unrecht gab, sondern geschickt die Grenzlinie zog und nicht nur Frieden stiftete, sondern mit Hinweis auf die Kinder mancher neuen Streitfrage vorbeugte. Und Hermann? Stelle Dir vor, lieber Leser, daß das bittere Geschick Dich für einige Atonale von Deiner Liebsten, sei es Braut, sei es Gattin trennen sollte, was der Himmel verhüten möge, so kannst Du Dich in die Gefühle Hermanns versenken. Und er hatte feilte teilnehmende Seele! Als er einmal auf dem Heimweg vom Cafe Hirsch dem Freund Viktor von seiner Sehnsucht nach der Braut, die bereits über vierzehn Tage fort sei, erzählte, erwiderte dieser schnöder Weife, er solle hoch froh sein, eine zeitlang Ruhe zu haben, ob er nieschugge sei! Hermann strafte ihn schweigend mit einem verachtungsvollen Blick und sehnte sich weiter. Eine große Ueberraschung bereitete der Familie die dicke, phlegmatische Aenni. Sie bevorzugte seit ihren Kinderjahren die Geschäftsräume ihres VaterS mit ihrer Gegenwart, hatte Spielzeug dort und ivar mit dem Personal bis zum alten Hausknecht Michel gut Freund. Als sie älter wurde, tat sie kleine Dienstleistnirgen, und als ihr Vater ihr diese einmal — nach ihren Begriffen fürstlich — honorierte, zeigte sie dieses zu Hause stolz als selbstverdientes Geld vor. In den Ferien war sie auch jeden Tag im Geschäft, tat jedoch einmal nicht viel, obgleich sie einen Posten baumwollene Strümpfe auszeichnen sollte, sondern mauste in den Büchern herum, quälte den Buchhalter mit allerlei Fragen. Mittags, nach Tisch, — ihre Eltern wollten sich zur gewohnten Ruhe znrnckziehen, — sagte sie kaltblütig: „Lieber Vater, sei Du so gut und melde mich von der Schule ab, ich werde sie nicht mehr besuchen." Frau Gini flog auf. „Ungeratenes Kind, was denkst Du, bist Du von Sinnen?" „Verzeih', liebe Mutter, aber ich möchte dies mit Vater verhandeln." Mit etwas erhöhter Stimme fuhr sie fort: „Vater, ich gehe also nicht mehr in die Schule, weil ich morgen in Dein Geschäft eintrete. Du kannst mich gut gebrauchen, und ich eigne mich auch dazu", sagte sie, lachend, „besser als zu den Humaniora." Ihr Vater zog sie zu sich und küßte sie auf die Stirn. „Mein Kind, es geschehe nach Deinem Wunsche. Was Dir noch an Deiner Ausbildung fehlt, wirst Tu durch Privatunterricht erlernen." Frau Gini rief erbittert: „Schön, schön, ich werde gar nicht befragt, das ist total verkehrt, ich gebe meine EinwiMgung nicht dazu." Aenni antwortete in einem Ton, der sehr entschieden über ihre Jahre hinaus war: „Mutter, ich kann mich Deinem Wunsche nicht fügen, weil er mich in ein verfehltes Leben hineinstoßen würde. In die Schule gehe ich nichtmehr, die Zeit wäre bei meiner Veranlagung gestoh len, also lasse mich doch den Weg gehen, der uns allen nützt!" „Tue, was Du willst. Ich bin die unglücklichste Mutter, von der sich die eigenen Kinder wenden." Und so trat Aenpi anderen Tags in das Geschäft des Vaters ein und wurde dem Buchhalter zur AuSbil düng in dem Kontordienst überwiesen. Als .Hermann davon hörte, — Gini erzählte es ihm als einen Akt rebellischer. Auflehnung, was Viktor als außerordentlich gescheidt pries, — erklärte er seine volle Sympathie mit dem Kind und lobte Gini, als er mit ihr allein war daß sie das Mädchen so selbständig erzogen hatte. Dieser Weihrauch, so dumm er auch war, genügte, um sie etwas mit der verhaßten Tatsache auszusöhnen, daß sie keine Tochter hatte, die studierte und berühmt werden würde. ' Es war nun so, Aenni ging ins Geschäft, arbeitete auf dem Kontor so fleißig wie der jüngste Lehrling, und der alte Buchhalter Marx sagte eines schönen Tages zu Herrn Kurz: „Passen Sie einmal auf, was wir an der Kleinen eine Kraft bekommen. Sie stellt Fragen, will über den Geschäftsbetrieb, über die Bankkonti unterrichtet sein, sodaß ich ihr einmal sagen mußte: Aenni, lerne erst eine Rechnung und einen Brief schreiben, vorher kann ich Dir nicht das erklären, was Tu doch noch nicht verstehen kannst." Und Kurz hatte an der Tochter seine helle Freude, die noch wuchs, als er einmal sah, wie sie mit einer Puppe tändelte und sie küßte, da sie sich unbeobachtet glaubte. Das war alles in dem ersten Monat passiert, da Karl Günter in Ruland war und auch mit epischer ^Breite von Aenni ihrem Bruder geschrieben worden; dieser gab seine volle Uelkereinstimmnng mit dem Vorgehen seiner Schwester zu erkennen. 10. Kapitel. Und in Ruland verlebte Karl Günter seine Tage, so wie er sie noch niemals verbracht hatte. Tie Natur war ihm, der früher keine Fußtouren machen konnte, fremd geblieben. In dem Erziehungsplan der Frau Gini hatten Naturstndien, das Stählen der Kräfte im Freien, bei großen Spaziergängen niemals eine Rolle gespielt, und so beschränkte sich der Genuß der frischen Luft für die Kinder, aber ganz besonders für Karl Günter, auf den Aufenthalt in den öffentlichen Gärten und Parkanlagen, wo man Bier trank und Musik hörte, auch Gvndelfahrten auf dem auszementierten Teich machte. Es war für Karl Günter eine Zeit der Wunder und des Märchens. Er konnte aber auch keine bessere Führerin finden als seine Kousine Jenny, die mit Entzücken das Erwachen der Natur beobachtete und die, kundig im heimischen Wald, ihn auf die Schönheiten aufmerksam machte, au denen er sonst, ohne sie zu beachten, vorbei gegangen wäre: Sie zeigte ihm den Ahorn, der an der Straße stand, und da er das gelblich getönte Laub bewundern wollte, erklärte sie, daß es Blütenbüschel und keine Blätter seien. Die Frühlingsbotin, die liebliche Primel wurde begrüßt, das Maßliebchen mit seinen Sternen, die lilafarbenen Blütendollen des Wiesenschaumkrautes lugen in Menge auf der Wiese hervor. Am Bach, auf feuchten Wiesen blüht die Snmpfootterblnme in brennendem Goldgelb, die Pestwurz in ihren eigenartigen Kerzen. Im Obstgarten blühen Pflaumen und Psirsische, von Birnen nmsänmt. Die Waldriesen haben ihre Zweige noch nicht mit frischem Laub geschmückl, sodaß die Sonnenstrahlen ungehindert auf den Boden dringen und ihn mit einem bunten Teppich von Blümchen bedecken können, während die Anemonen wie ein weißes Seidentnch auf großer Fläche schimmern. Und die Böglein machen die Musik dazu; die Schwarzamsel beginnt mit Tagesgrauen, Finken und andere kleine Sänger fallen ein, während der Zimmerman» des Waldes, der Specht, an den Bäumen hernmklopft. Alles das beobachtete Karl Günther, unterwiesen, aber auch liebevoll behütet von Jenny, die, ohne daß der Junge es bemerkte, dafür sorgte, daß er sich nicht übermüdete, überhaupt nichts tat, was ihm schaden konnte. Und er wurde übermütig, wollte immer noch weiter marschieren, wenn Jenny zum Ausruhen und zur Rückkehr mahnte, so daß das kluge Mädchen das Ende der Spaziergänge so vorschlug, daß sie dem Wunsche Karl Günthers', noch weiter zu gehen, willfahren konnte. Und er mußte auch frühzeitig schlafen gehen. Tie Abende brachten sie häufig bei Doktor Mehlen zu. Aber um viertel vor zehn — mochte auch die Unterhaltung noch so angeregt und lebhaft sein — erhob sich der Doktor und sagte: „Kinder geht heim, ich will zu Bette. Gute Nacht." Und da gabs kein Auslehnen. Jenny markierte auch die Müde, und ihr Vetter — ach, der fügte sich gerne, wenn er auch in der ersten Zeit seinen Wunsch nach großstädtischem Nachtleben äußerte. (Fortsetzung folgt.) I Offenbacher D rnebluft-Anlag* I I Offanbach a. H. Telefon 123. (AnschlusamitFrankfurt) I I Bewährteste TapplChrsIlUgang (ÜOO.OOO qm jährlich!! ■ sowie unObertroffane Battenn. Bettfedernrelnl-| gung mittelst Druckluft und Wnsserdampf. Herbstnacht. Stille, trauernde Herbstesnacht. . . Kein Sternlein wacht. Es ziehen die Nebel in schwerem Walle», Steigen und fallen. Schlingen wie trüge Meereswogen Grautrübe Bogen Ueber die schlafende Welt. Sie stirbt und zerfällt. Und alles ringsum vor der schweren Stille schweigt. Die sich tiefer und tiefer zur Erde neigt Und mir das Herz erfüllt. Schau, wie der graue Nebel quillt! Wie er dichter und dichter die Schleier spinnt. Und wie es leise und zagend herniederrinnt . . . Weint Gott um sein sterbendes Kind? Willi Eilbott. H. Wlere, Optiker, Liebfrauenstr 1. Brillen, Pincenez, Operngläser, Feldstecher! in jeder opt.-meeban. Spielwaren J Preislage E,senbalinen, Dampfmaschinen, Lakna-Magica, Kinematographon etc. Bunte Chronik. Die Tragödie einer Familie. Das^ jnd. Wochenblatt „Egyenlöfeg" in Budapest berichtet: Vier Brüder Pajzs aus Lipto -Szt Miklos zogen in den Krieg. Ihre» Vater hatte ein Herzschlag getroffen, als xr von dem im Wochenbett erfolgte» Tode seiner Tochter erfuhr. Die Witwe blieb in bescheidensten Verhältnissen zurück. Ter älteste der vier Söhne, der 19jährige A r p a d, ging nach' Budapest und unterstützte seine Mutter und Geschwister. Er wurde bald Sekretär des Landesverbandes der Baukangestellten und später Direktionsmit» glied des Franz Josefs - kaufmännischen Spitales. Bon feinen mlsgedehnten national-ökonomischen nnd sozialpolitischen Kenntnissen zeugen feine in den TageSblättern erschienenen Artikeln sowie das unter seiner Redaktion erschienene national-ökonomische Wochenblatt. Sein Einkommen wurde trotz dieser vielseitige» Arbeit wohl noch immer nicht übermäßig groß, nichtsdestoweniger teilte er dasselbe mit seinen beiden im Jahre 1913 zu gleicher Zeit als Einjährig-Freiwillige eingernckten Brüder. Mit stolzer Freude erfüllte es ihn, ats er vor zwei Jahren seine Mutter zu sich nehmen konnte, doch nach kurzem dreimonatigem Beisammensein verschied die Frau. Vielleicht war es eine Gnade Gottes für sie, denn der ficrchtbare Schlag, drei ihrer Söhne ans dein Kriegsschauplätze zn verliere», hätte ihr Herz einige Monate später in tausend Stücke gerissen. Im vorigen Jahre verbrachte A r p a d seine Ferien in den Balkanländern. "Als er iit Koustantinopel von den gespannten diplomatischen Beziehungen erfuhr, eilte er nachhause. Er rückte als Reserveleutnant ein, — und kurze Zeit darauf, am Ü7. August 1911, beschloß er im Alter von 2t! Jahren bei Lublin mit dem Heldentod sein junges, arbeitsreiches Leben. Einige Monate später fiel sein Bruder Armin» Privatbeainter, gleichfalls Reservelentnant. Der dritte Bruder, Eugen, ein künstlerisch äußerst begabter junger Mann, opferte als Reservekadett auf dem italienischen Kriegsschauplätze sein Leben denc Vateriande. Der vierte Bruder R v b e r t sieht irgendwo auf dem nördliche» Kriegsschauplätze stündlich dem Tode ins Gesicht. Eine positive Nachricht über sein Befinden liegt gegenwärtig nicht vor. _ Der Flugapparat in der jüdischen Legende. „Sefer Hajaschar", eines der ältesten jüdischen Geschichtswerke, erzählt: Kikonos, König Vvn Aethiopien, ivar gegen den Feind ausgezogen und hatte Bileam und dessen beide Löhne als Befehlshaber der Hauptstadt znrückgelaffeii. Der heimtückische Bileam ließ sich ziun König ausrufen, — und Kikonvs mußte so seine eigene Hauptstadt belagern. Er starb während der Belagerung. Nun kam Moses, der sich auf der Flucht aus Aegypten befand, zusällig in diese Gegend, und er gab den Belagerern gute Ratschläge, wie sie die Festung wieder zurückerobern könnten. Sobald Bileam merkte, daß die Suche sür ihn verloren sein könnte, baute er sich einen Flugapparat, setzte sich mit fciiteir beiden Söhnen darauf und alle drei verließen im kühnen. Fluge die Stadt. Bileam lenkte seine Flugmaschine nach Aegypten und gelangte dort an den Hof Pharaos, wo er mit seinen Löhnen in der Schar jener Zeichendeuter und Bilderschriftknndigen Aufnahme fand, die sich bemühte», die Wunder des Moses und des Aaron nachznahmen. Moses aber wurde König jener' äthiopischen Stadt und Regierte dort mehrere Jahre. Dann aber wurde er des Königstuiiis überdrüssig und begab sich von neuen» auf die Wanderschaft, die ihn nach allerlei Fahrten schließlich nach Midjan führte, >vo er erst seine eigentliche biblische Mission aufnahm. - Kunst und Literatur. M o » atsschrift f ü r Geschichte u n d W i f sens ch a f t des Indent» m s. Herausgeber: Prof. Dr. M. B r a n n. 53. Jahrg., 5. und (>. Heft. Breslau, Koebnersche Verlagsbuchhandlung. Inhalt: T hne Ünterschied voii Geburt und Religion (S. Silbersteiir). — Monninenta Talmudieu (D. Feuchtivang). — Bemerkungen zum Sefer Schaaschuiin (E. Banethf. — Aus der Zeit von vor hundert Jahren (M. Braun >. — Ansschußsiyung der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Jndentuins. E r e z Israel. Mitteilungen des Hauptbüros des Iüd. Nationalfonds. Wolfssohn-Gedenknummer. Gegen Einsendung von 35 Pfg. durch Iüd. Nationalfond, Zentrale für Deutschland, Berlin Sächsischestr. 8, zu beziehen. Das r-ich illustrierte .Heft bringt anläßlich der ersten Wiederkehr seines Todestages Aufsätze über David Wolffsohn aus der Feder von Nordan, Warburg, Kann, Bodenheinier, Jean Fischer, Dr. A. Robinsohn. Außerdem beschäftigt sich das Heft init den Leistungen nnd Ausgaben des Nationalfonds. Sveude«. Beim Frankfurter Jfr. Familienbkatd gingen ein: F ü r gute Zwecke: Frau .Grüneivald - 5.— P alästin a-H ilfe: Dr. Szametz und Frau, Vilbel, gratuliert Tachauer/Joseph 5.— „ Iüd. N at i v n a l fo n d s: Dr. Szametz, Vilbel (Büchse) 3.— „ | I -ä 1 I.; st