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Neue jüdische Presse · 1915-10-04 · Heft 38 (4.10.1915) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 38 (4.10.1915)
Date
1915-10-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Wirkung ick als em der Körperten und Aerzten ick von tften. ttTannni 8. i rlindau. j, Radiomotte. IS Jahrgang. Montag, den 26. Tiscliri 4676 (4. Oktober 1915) Rr 38 Der Geist des Militarismus.*) Bon Jacob Diamant. Jeder Krieg hat seine Ursache, die ihn geboren; warum soll nun nicht auch dieser Krieg eine Ursache haben? In der Tat spricht man auch in diesem ebenso sonderbaren >vie schrecklichen Bölkcrkriege von einer Ursache. Aber — diese Ursache hat gewiß nicht den Krieg, vielmehr hat der Krieg erst diese Ursache geboren. Das' klingt paradox? Allerdings, aber es ist doch so! Oder hat jemand bei Ausbruch dieses furchtbaren Weltbrandes etwas von der heute in London, Paris und — Petersburg mit so heiligem Pathos und feierlicher Emphase wiederholten Parole: „Kampf gegen den Militarismus!" gehört, die die Ursache dieses Krieges sein soll? Nein, nicht einmal in England, dein Geburtsland dieses so ideal klingenden Schlachtrufes, den die Entente nun als Gehalt und Inhalt dieses Krieges verkündet, hat man diesen am 1. August 1914 gekannt. Mail hat ihn nicht gekannt, weil man ja den Militarismus, den man heute bekämpfen will, damals noch gar nicht erkannt hatte: Ich meine den eigentlichen, wahren, den deutschen Militarismus mit seinem spezifisch deutschen, von deutscher Pflicht und deutscher Treue beseelten Geiste und seiner u n e r s ch ü t t e rl i ch-d i s z i p l i n a r e n i n n c r c n Einheit, die seine Größe bcdcutcil und ihn zntn unbezwingbaren, ländererfchnttcrnden phänomenalen Organismus gestalten. . . . Ja, diesen Militarismus haben Lloyd George und Konsorten damals ebensowenig gekannt wie die ihm geltensollcnde Kriegserklärung, die sie heute im Munde führen. Denn — hätten sie dies e n Utilitarismus in seiner ganzen unvergleichlichen Größe und seiner beispiellosen Bedeutung gekannt, dann würden sie, die klugen Geschäftsleute, aus logischen Alltagsgründen, die jeder Krämer kennt, England geraten haben, von einem völlig, aussichtslosen, ja höchst risikoreichen Geschäft die - 'Finger zu lassen. . . Aber sie sahen eben in dem deutschen Militarismus nur einen Militarismus schlechtweg: eine militärische Macht, die zwar sehr bedeutend sei, die aber durch eine andere „bedeutendere", bestehend aus . den Heeren Rußlands, Frankreichs und — Englands, mühelos niedergerungen werden könne. Und nicht die Lorbeeren eines solch billigen Sieges der „größeren" Macht über die „kleinere" reizten sie, in diesen Krieg zu ziehen, sondern — wie wir wissen — der Wunsch, die deutsche Wirtschaft und den deutschen Handel zu vernichten, die ihnen damals in ihrem blindeir Neid und Haß gefährlicher erschienen als der deutsche Militarismus, den sie als solchen nicht kannten. . i Erst die großen, alte Welt in Staunen setzenden deutschen Siege haben ihnen die Augen geöffnet und sie entdecken lassen, daß Deutschland unter seinen vielen Kleinodien eines hat, daß sie in seinem wirklichen unschätzbaren Wert gar nicht gekannt haben, das. aber an Größe und phänomenaler Kraft alle anderen übertrifft und darum bcneidens- und bekämpfenswerter als alle andere ist. Diese Erkenntnis hat nun all ihren durch die eigene Machtlosigkeit und durch das erlittene Fiasko nur noch gesteigerten Neid und Haß auf dieses Kleinod gelenkt: auf den d e u t s ch e n Mili- *) Dt. Goldmann: „Der Geist des Militarismus", 82. Heft der politischen Flugschriften: „Der deutsche Krieg", herausgegebln von Ernst Jäckh, Deutsche Berlagsanstalt, Stutt« za-l-Berlm. . tarisinns. So ist die jetzt in der englischen und französischen Presse als Ursache dieses Krieges mit schreiendem Pathos verkündete Parole: „Kampf gegen den Militarismus^ entstanden. Während aber die bei Kriegsausbruch offiziell angegebene Ursache: der deutsche Einbruch in Belgien, eine bewußte kaltlächelnde Unwahrheit atmete, kommt der jetzige Schlachtruf Lloyd George's und Genossen von .Herzen. Denn gegen den deutschen Militarismus, gegen den sie früher wohl nie in den Krieg gezogen wären, wenn sie ihn in seiner grandiosen Unbezwingbarkeit gekannt hätten, — müssen und wollen sie jetzt, bei aller Macht- und Aussichtslosigkeit ihn zu besiegen, mit aller Kraft kämpfen. Ja, diese Parole ist wahr. Sie ist wahr, weil sie dem von .Haß und Neid diktierten Leitmotiv entspricht, das England in diesen Krieg gestürzt hat. Sie ist wahr, >veil sie begründet, weil sie begreiflich ist. Unwahr -ist nur die Art, in der England diesen grandiosen Militarismus bekämpfen will. Unwahr sind die Gründe, die die Notwendigkeit seines Bekämpfens motivieren sollen. Heber diese Unwahrheiten könnte inan sich indessen wohl hinwcgsctzen: wenn sie nur Männer wie Lloyd George behauptet hätten. Aber auch die größten Geister der Ententestaaten, Männer wie S ch.a w, C h e ft ertön, Henri B c r gs o n, Emile Boutroux und Anatole France, verkünden sie, ja erheben sie zu einem Theorem, zu einem Ideal, zu einem solch' gewaltigen Ideal, daß der greise Anatole France sich bereit erklärt, dafür zu kämpfen und um seine Einstellung ins Heer bittet. Diese Tatsache erheischt eine ernste Auseinandersetzung mit diesen Männern, die doch gewiß nicht von bloßem Neid hingerissen ihre Behauptungen in die Welt schlendern. Nach um Gold mann, der nicht nur den Lesern dieser Blätter, sondern auch der breiten Oeffentlichkeit bekannr ist, hat die Lösung dieses etwas heiklen Problems übernommen, und in seiner ebenso schönen wie tiefsinnigen Schrift: „Der Geist, des Militarismus" ist er dieser seiner Aufgabe auch voll uild ganz gerecht geworden. Schon der Umstand, daß E r n st I ä ck h ein die Biographie des Autors skizzierendes und ihn einführendes Geleittvort zu dieser Schrift geschrieben und diese den von ihm unter dem Titel: „Der deutsche Krieg" herausgegebencn „Politischen Flugschriften" eingcreiht hat, spricht für die hohe Bedeutung der Arbeit. Wer sie aber gelesen hat, der weiß, daß der Autor hier ein Meisterwerk vollbracht hat. Nicht nur der Gedankenreichtum und die bemerkenswerte Klarheit, sondern auch, ja hauptsächlich die Art, wie Goldmann seinen Stoff behandelt, ringt uns Bewunderung ab. Mit echt deutscher Gründlichkeit, die ihm längst zu eigen ist, wendet er den Stoff nach allen Leiten, betrachtet ihnvon allen Gesichtspunkten, sodaß das Resultat zu einer mathematisch bewiesenen Wahrheit, zu einen: Axiom sich gestaltet. Und mit der gleichen Gründlichkeit, mit der er den deutschen Geist, „den Geist des Militarismus", von dem er selber beseelt ist, analysiert, versteht er es, sich in den englischen und französischen Geist, den „Geist des Antimilitarismus", zu versenken, um seine zu unseren: modernen Leben in Widerspruch stehenden Eigenschaften zu erkennen und zu Verurteilen; dabei, interessanterweise, die ihm ad hoc dienenden Mittel stets in nächster Nähe findend. Und wenn er uns in anschaulicher Weise zeigt, daß das moderne Leben nicht nur dem Wesen des Militarismus entspricht, sondern ganz von dem Geiste des letzteren erfüllt ist, so steht diese Wahrheit so klar und einwandfrei vor uns, daß selbst der kluge Skeptiker Anatole France diese nicht mehr bezweifeln dürfte. Welch besonderes Interesse wir als Juden an dieser Schrift haben? Es würde vielleicht, genügen, zur Beantwortung dieser Frage Ernst Jäckh zu zitieren: „Diese Schrift gewinnt an BedeMung durch die Person ihres Perfassers . Aber nicht nur, weil sie ein Jude geschrieben, sondern weil die Gedanken, die sie enthält, im Judentum ihre Quelle haben, interessiert uns diese Schrift. Ja, fast all die subtilen Gedanken (von einigen nebensächlichen Aeußerungen, die nicht wörtlich zu nehmen sind, abgesehen) wurzeln im Judentum. Sowohl die demokratische Idee (nicht die simple egoistisch-utilitaristische des Fordern» und Verlangens, wie sie uns aus dem Rousseauscheu „Contrat social" entgegentritt, sondern wie sie uns Goldmaun von dem militaristischen Uniformierungsprinzip ableitet), als auch die diese synthetisch ergänzende und krönende aristokratische Idee, wie sie dem militaristischen Subordinationsprinzip entspringt, ja selbst die Idee des Organismus sind in: Judentum ebenso vertreten wie die Kardinalideen der deutschen Ethik, die Idee der Pflicht und die der Treue, die bekanntermaßen auch zu den obersten Postulaten des Judentums zählen^ Und die Quintessenz der Pflicht, die schönste und ethisch-höchste Idee des „Tun einer Sache um ihrer selbst willen" — braucht man sie im Judentum erst zu suchen? Lehrte nicht schon die Mischnah: „Asseh had'worim lischmom" und „Al ti'ju kaawodim ham'schamschin es horaw al m'nas l'kabel pras, elo heju kawodim ham'schamschin es horaw schelau al m'nas l'kabel pras. . .?" Und was bedeutet das 'schöne lakonische Wörtchen „lischmoh", dem wir sowohl in der rabbinischen als auch in der kabalistischen, chassidischen und jüdisch-philosophischen Literatur so oft begegnen, und das in der Tat die Grundidee der. jüdischen Ethik ist, — was bedeutet dieses Wörtchen mehr ats: tu'das Gute um des Guten willen? So findet :nan in dieser Schrift niehr als einen Gedanken, -der auch schon im Talmud oder im Madah des Maimonides, im Sohar oder im Kusari, im Chobot halwowcth oder in: Reschith chachmah, in den philosophischen Schriften Ben- -Gewirols im chassidifchcn Tanja vorkommr. Und wenn man die Broschüre zu Ende gelesen, hat man nicht nur die Ueberzeugung gewonnen, daß der deutsche Militarismus eine der größten und kulturell bedeutendsten Errungenschaften des modernen Geistes darstellt, sondern man ist auch um so manchen schönen Gedanken reicher geworden, der oft nicht nur schön, sondern auch — jüdisch ist. ... . Aus aller Welt. Oesterreich-Ungar*. Budapest. Die „Mg. Jüd. Zrg." vom 22. September schreibt: „Der längst angemetdete Waggon Esro gim ist endlich gestern nachmittag eingetrossen. Wie man uns mitteilt, soll es sich um 30.000 Esrogim handeln, von denen aber ans Geschäststaktik bisher nur rund 8000 zum Vorschein kanien. Der Waggon war in Begleitung der jüdischen Eigentümer der Ware am 12. 'August von Saloniki abgegangen, brauchte also 38 Tage, um über Serbien,

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