Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 37 (21.9.1915)
- Date
- 1915-09-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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36.1 ■ I II Erscheint wöchentlich am Freitag. Aemgsprris pro Virrteljahr: In Frankfurt a. M. Ml. 1.— fr« ins HauS. Bei der Post abonniert 90 Pfg-, frei in» HauS 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel ^Nummern kosten 10 Pfg ,, Redaktion und Expedition: Frankfurt a. M. n Langeste. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. tlint Insrrtionsprri» für die fünfgespaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 1.—. Ber Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuche, MobnungSinserate, HeiratS» Annoncen 15 Pfg. die sechSgefpaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Dorschrist ohne Verbindlichkeit. Annoncen»AunahmebeiderLxprd.undina.Annoncen^zureauL, ftrato bei dem Postscherkamt in Frankfurt a. M unter RrtSSKS. IS. Jahrgang. Dienstag, den 18 V^oLri 5676 (21. September 1915) Rr. 87. lelchnet die III. Rr Weihe. Letzter Zelctmungstag: WEittwooll, 22, Sept. ift 51. I sin itt die »rau zu. lflerung avoritbequem Mel, sa 6082. iS irglas XLl£- ja 2483 Infolge der Feiertage erscheint ie nächste Rümmer Montag, 4. Oktober achmittags. Die Ostjndeufrage. Das ostjüdische Problem hat durch die Eroberung der großen westlichen Provinzen Rußlands durch die Deutschen eine völlig neue Getalt angenommen. Der größte Teil des jüdischen lnsiedlungsrayous ist bereits besetzt, und man ann damit rechnen, daß auch der noch unbesetzte lest in naher Zukunft fast ganz okkupiert sein wird, tun läßt sich naturgemäß noch nicht voraussehen, lieviele von den während des Krieges eroberten gebieten auch nach dem Kriege in deutschem Betze , oder in Abhänglichkeit von Deutschland bleien werden; dennoch aber darf man bereits jetzt amit rechnen, daß ein beträchtlicher Teft deselben, vor allem Polen, dauernd der russischen Herrschaft entrissen bleiben wird. Daß zwischen Deutschland und Rußland eine neue Schutzmauer eschaffen werden muß durch die Loslösung westicheMrussischer^iProvinzen') vort! RftßlanH ist von: er MsämteN deütschen Prösse ÄhneiUnteLschred der larteirichtung als unbedingtes Kriegsziel erklärt ivrden, und die militärische Lage gibt uns das ute Recht, es » als sicher zu betrachten, daß Deutschland beim Friedensschluß in der Lage sein nrd, dieses -Ziel zu verwirklichen. Damit aber ommt ein großer, wenn nicht gar der größere Teil »er russischen Judenheit aus russischem Joche unter eutsche Herrschaft, und das ostjüdische Problem rimmt so eine völlig neue Form an. Sich mit dieser Neugestaltung der ostjüdischen .age eingehend zu beschäftigen, ist bereits heute Pflicht der deutschen Oeffentlichkeit, vor allem der leutschjüdischen Oeffentlichkeit. Erstaunlicherweise nerkt man jedoch noch nicht viel von dieser Beschäftigung. Es hat den Anschein, als, ob man in Deutschland, besonders aber innerhalb der deutchen Judenheit, das ostjüdische Problem als so chwierig und heikel betrachtet, daß man am lieben möglichst lange nichts von ihm wissen möchte. Achts aber wäre falscher und verderblicher als ine solche Vogelstraußpolitik. Im eigenen Jntersse wie in dem der ostpreußischen Judenheit muß >as deutsche Judentum rechtzeitig und furchtlos >em ostjüdischen Probleme nähertreten. Sonst eribt sich die Gefahr, daß diejenigen Kreise, für >ie die Stellungnahme zu diesem Problenr aus hren jüdenfeindlichen Gefühlen heraus eine geiebene und selbstverständliche ist, allem ihre stimme erklingen lassen und so die deutsche Öffentlichkeit von vornherein in ungünstigem antiemitischem Sinne beeinflussen. In der Tat kann man konstatieren, daß in »er rechtsstehenden, zum Teil antisemitisch angehauchten Presse das ostjüdische Problem bereits erörtert wird, während die liberale wie auch die üdische Presse sich noch in Schweigen hüllt. Daß dadurch von Anbeginn an eine gefährliche Tendenz n die öffentliche Debatte über dieses Thema hineingetragen wird, ist selbstverständlich, und die »eutsche Judenheit wird die Schuld - daran tragen, wenn dadurch bei der späteren Regelung der Frage die Rechte ihrer ostjüdischen Brüder nicht völlig gewahrt und sichergestellt »vürden. Dieser Tage ist eine Schrift erschienen (bei I. Fr. Lehmann, München), die zum ersten Male seit der Okkupation der westrussischen Gebrete die ostjüdische Frage in breiter und eingehender Weise behandelt. Die Broschüre nennt sich: „Die Ostjudenfrage. Zionismus und Grenzschluß", ihr Verfasser ist Kaiser! Geh. Regierungsrat Georg Fritz. Der Gedankengang der Schrift ist im Titel bereits ganz enthalten; in einem Satze zusammengefaßt, besagt er: Die Eroberung des Ansiedrayons durch Deutschland bringt die Gefahr einer Massenauswanderung russischer Juden nach Deutschland mit sich; dieser Gefahr kann Deutschland nur durch völligen Grenzschluß und durch eine Förderung des Zionismus, das heißt eine Ablenkung der ostjüdischen Emigration nach Palästina wirksam entgegentreten. Würde der Verfasser ftch darauf beschränkt haben, diesen einfachen und klaren Gedankengang in schlichten, knappen Worten darzulegen und zu begründen, seine Schrift würde, ganz gleich, wie man sich als Jude zu ihren Forderungen stellt, für jeden eine anregende und wertvolle Lektüre bilden. Der Ehrgeiz des Herrn Geh. Regierungsrates ging aber weiter; er wollte seine Forderungen auch „wissenschaftlich" begründen, und so nahm er zu der „Wissenschaft" Zuflucht, die seit Jahreft allen Laien und Dilettan-» ten, die es-Mach: wissenschaftlichen Lorbeeren ge-j lüstet, Erfüllung»»! ihr<Ä Ehrgeizes verspricht: zch? der Rassentheorie. Und so'benutzte denn der Herr Regierungsrat von den 48 Seiten seiner Broschüre mindestens die Hälfte dazu,. die nachgerade wirklich zur Genüge jchon abgenutzten Theorien der Herren Gobineäu, Weltmann, Chamberlain und Genossen nochmals in einer dazu noch keineswegs sehr gelungenen Form auseinanderzusetzen, wodurch er seine Schrift mit einigen völlig wertlosen Kapiteln belastete. Sich in eine Widerlegung der in diesen Kapiteln offenbarten Theorien einzulassen, ist wirklich nicht nötig. Denn was soll man dazu sagen, wenn gleich zu Beginn der Schrift erllärt wird: „Die Völker der Erde stehen sich heute gegenüber im wesentlichen als Arier und Nichtarier, in Europa aber ringen Germanen um ihre Läuterung, Vereinigung und politische Geltung gegen monopolisierte Slaven und die „Romanen" sich Nennenden Abkömmlinge der mittelländischen Völkerschar." Wozu sich die Mühe nehinen, die Behauptung des Verfassers zu widerlegen,. wonach die osteuropäischen Juden „ein vorwiegend mongolisches Aeußere haben mit vorstehenden Backenknochen, stumpfen Nasen (bisher waren es stets die krummen Nasen, die man ihnen vorwarf), Keiner, gedrungener Gestalt, oft blonden Haaren unv Keinen Augen?" Man kann wirllich über all diese Rassentheorien des Herrn Geh. Regieruugsrates zur Tagesordnung übergehen. Sie zeugen von der starken Belesenheit des Verfassers in den Schriften Gobineaus und Chamberlains, für den politisch allein bedeutsamen Gedankengang der Broschüre sind sie jedoch ohne jede Bedeutung. Dieser Gedankengang selbst aber verdient alle Beachtung und eine gründliche Auseinandersetzung. Man darf ihn keinesfalls mit dem Schtagwort antisemitischer Gesinnung, die aus ihm spräche, abtun. Daß der Herr, Regierungsrat kein allzugroßer Freund der Juden ist, zeigt seine Schrift in jedem Wort. Einen gewöhnlichen banalen Antisemiten vom Schlage der Stöcker, Bartels , und Ge- ‘im?.;• Aß nassen wird man ihn aber auch nicht nennen können. Man muß ihm zugestehen, daß er sich redlich bemüht, objektiv zu bleiben und den Juden, vor allem auch der deutschen Judenheit, Recht widerfahren zu lassen. Außerdem aber — und dies ist das wichtigste — besitzt sein Gedankengang zuviel des Verständlichen und Begründeten, um einfach als antisemitisch abgetan zu werden. Zweierlei zunächst ist an den Voraussetzun- - gen der Forderungen des Verfassers richtig: einmal, daß im Falle des Anschlusses der westrussischen Provinzen an Deutschland ein starkes Zuströmen der dort wohnenden Juden nach Deutschland möglich, ja wahrscheinlich ist, und das andere, daß eine solche Masseneinwanderung vom deutschnationalen Standpunkte gesehen nicht ohne Bedenken ist. Gerade die national gesinnten Juden werden diese Bedenken voll und ganz würdigen können. Gerade wir, die wir das Judentum als ein selbstständiges Volk betrachten, können es verstehen, daß Deutschland, dessen Größe und Stärke darin beruht, daß es im wesentlichen ein national homogener Staat ist, der sich deshalb auch gegen jede bedingungslose Annexion ftemder Gebiete, die ihre Bewohner zu deutschen Bürgern machen würde, wehrt, auch nicht ohne weiteres einer sehr starken ostjüdischen Emigration zustimmen 'kann. Zudem bestehen auch vom jüdischen Standpunkt starte Bedenken gegen eine solche Emigration. Ätichr nur, daß dadurch vielleicht der Antiseryitisftms, in & Deutschland wachsen köftnty! beständet fürPinuDuwandernden osteuropäischen Juden auchditz!-Gefahr, H daß sie einer ebensolchen Assimilation verfallen ' würden, wie wir sie seit der Emanzipation innerhalb unseres deutschen Judentums erleben. So gelangt man sowohl vom deutschen wie vom jüdischen Standpunkte zu der Erkenntnis, daß eine starke Emigration ostjüdischer Massen nicht die wünschenswerte Lösung der ostjüdischen Frage ist. Indem wir so die Voraussetzungen der Fritzschen Schrift anerkennen, stimmen wir aber keineswegs all ihren praktischen Folgerungen zu. Fritz fordert zwei Maßnahmen gegen diese ostjüdische Masseneinwanderung: völligen Grenz;chluß und Förderung der zionistischen Ziele. Gegen die erste Maßnahme muß die gesamre deutsche Judenheit, ja die gesamte gerecht und human denkende deutsche-- Oeffentlichkeit schärfsten Protest erheben, der zweiten Maßnahme hingegen wird man durchaus beistimmen können. Die völllge Abschließung der Grenze nach australischem Borbild, wie sie Fritz fordert, wäre nicht nur eine unerhörte Herabwürdigung und Beleidigung der gesamten Ostjudenheit, sondern würde auch eine Selbstentwürdigung Deutschlands bedeuten, würde Deutschland auf die Stufe Rußlands herabziehen. Es wäre traurig und bejammernswert, wenn eines der Ergebnisse dieses Krieges gegen die russische Unkultur die Nachahmung des russischen Anftedlungsrayons seitens unseres deutschen Vaterlandes wäre; und dies gerade zu einer Zeit, da Rußland den Rayon beseitigt hat. Wir können denn auch nicht glauben, daß die breite deutsche Oeffentlichkeit und die maßgebenden leitenden Regierungskreise eine solche ungerechte, aller Menschlichkeit und Kultur widersprechende Maßnahme auch nur ernstllch in Erwägung ziehen. Dies umso mehr, als eine solche Maßnahme ja nicht nötig ist, um eine Massenemigranon der Ostjuden nach Deutschland zu verhindern. Es gäbe genug andere Mittel: vor allem die Sicherste!-