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Neue jüdische Presse · 1915-09-03 · Heft 34 (3.9.1915) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 34 (3.9.1915)
Date
1915-09-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Schluß für Jnseraten- Annahme Dienstag früh. Das Jahr 5675. i. Nienials noch seit jenen Tagen, da der große Prophet auf den Trümmern Jerusalems in seinen unsterblichen Trauergesäugen über den Fall der Zionsburg und die Zerstörung des Tempels wehklagte, befand sich der jüdische Chronist, der daran ging, die Chronik des vergangenen Jahres zu schreiben, in einer so schmerzlichen Lage wie diesmal; denn niemals noch hat er in seiner Chronik von größeren Leiden, von solch furchtbarer Not und Qual berichten müssen, wie dieses Jahr. Als wir vor dem vorjährigen Rausch-haschonohfeste an dieser Stelle die Chronik des Jahres 5674 schrieben, als wir auch dann von den unsagbaren Leiden und Verfolgungen, die unsere Brüder im Zarenreiche hatten erdulden müssen, berichteten, da konnten wir die traurige Chronik doch mit der frohen, tröstenden Erwartung schließen, daß das kommende, neue Jahr all dieser Not eine Ende, daß es eine radikale Wandlung, eine Besserung der jüdischen Lage bringen werde. Und heute, da Ivir wiederum die Feder ergreifen, um die Chronik des Jahres zu schreiben, da müssen wir feststellen, daß es, weit davon entfernt, eine Besserung unserer Lage zu bringen, sie vielmehr in einer Weise verschlimmert hat, wie sie die kühnste Phantasie nicht hätte ahnen können, daß dieses Jahr unserem Volke eine Katastrophe gebracht hat, wie sie in unserer gesamten Diasporageschichte ohnegleichen dasteht. Dies Jahr hat unsere jüdischen Hoffnungen getrogen, wie es die Erwartungen aller Völker enttäuscht hat; wer hat vor einem Jahre glauben mögen, daß heute noch der furchtbare Kampf toben wird? wer hätte es denn ahnen können, daß heute noch der Zeitpunkt, der der europäischen Menschheit wieder Frieden bringen wird, nicht abzusehen ist? Unzählige Hoffnungen hat dieses Jahr Lügen gestraft; die Hoffnungen keines Volkes aber bitterer, grausamer Lügen gestraft als die unseren. Rußland, das alte Unglücksland unseres Volkes, ist die Stätte der furchtbaren, in all ihren Folgen gar nicht absehbaren Katastrophe geworden, die dieses Jahr uns gebracht hat. Es ist unnötig, hier nochmals all jene unendliche Zahl von Verfolgungen und Vergewaltigungen aufzuzählen, die unsere Brüder im Zarenreiche in diesen vergangenen Monaten haben über sich ergehen lassen müssen; es genügt: zu sagen, daß von den 6 Millionen russischer Juden gewiß die Hälfte bereits ihrer wirtschaftlichen Existenzbasis beraubt ist, daß Zehnlausende von diesen bereits auf den Schlachtfeldern gefallen, Zehntausende anderer durch die Brutalität ' und Grausamkeit der Verfolgungen zugrunde gegangen, daß auf allen Landstraßen und Wegen, in allen Wäldern und Feldern der westlichen Gouvernements Rußlands Hunderte von jüdischen Leichen verwesen, hunderte noch mühsam sich Dahinschleppender täglich an Hunger, und Entkräftung sterben. Was gegenwärtig in Rußland vorgeht, kann sich keine menschliche Phantasie ausmalen. Und noch ist kein Ende dieser Katastrophe abzusehen. Je weiter unsere siegreichen deutsch-österreichischen Truppen Vordringen, umso, größere Gebiete werden von der Katastrophe erfaßt, und man darf. Heute schon sagen, daß es keinen Flecken im jüdischen Ansiedlungsrayon gibt, der nicht mehr Kriegsgebiet wäre; Minsk, Wvlynien, Podolien, diese wenigen bislang noch von der Kriegsfurie verschont gebliebenen Gouvernements, auch sie beginnen bereits von. unseren unaufhaltsam vorwärtsstürmenden Armeen besetzt zu werden, und so darf man mit Sicherheit darauf rechnen, daß bis zum Ende dieses Krieges der weitaus größte Teil des russischen Judentums ein Opfer des Kampfes geworden sein wird. Was das aber bedeutet, vermag im Augenblick niemand noch in seiner vollen Tragweite zu übersehen. Ein solcher Verlust von Zehntausenden der besten und kräftigsten seiner Söhne, verbunden mit einem wirtschaftlichen Ruin der russischen. Judenheit, stellt das jüdische Volk vor eine Situation, wie sie ihm in seiner gesamten Geschichte w.ohl noch nicht begegnet ist. Und mit Schaudern denken wir bereits an die erste Zeit nach dem Friedensschlüsse, die uns die furchtbare, jammervolle Lage der russischen Judenheit, die wir ja jetzt nur aus spärlichen Nachrichten kennen, in ihrer ganzen Tagik und Verzweiflung enthüllen wird. Gegenüber all diesem Jammer bietet .die Lage unserer Brüder in Rußland nur einen Trost: ihr jüdisches Solidaritätsbewußtsein ist in diesem vergangenen Martyriumsjahre gewaltig erstarkt; die Opferwilligkeit, die Begeisterung, die Treue, mit der die bislang von: Kriege verschont gebliebenen russischen Juden ihren Brüdern Helsen, ist wahrhaft bewundernswert. Und wenn auch diese Hilfstätigkeit nicht im entferntesten imstande ist, auch nur einen nennenswerten Teil der Not zu beseitigen, als Zeichen und Ausdruck der unbesiegbaren jüdischen Bruderliebe, des unüberwindlichen jüdischen Solidaritätsgefühls ist sie geeignet, ein wenig über das furchtbare Unglück der. Zeit zu trösten und unsere Hoffnungen für die Zukunft zu bestärken. Wendet man von den Trümmern der jüdischen Heimstätten in Rußland den Blick nach den Gefilden Galiziens, so wird das Bild zwar etwas lichter, bleibt aber immer noch düster und traurig genug. Von allen Länderteilen der Zentralmächte hat Galizien am meisten gelitten und hat eine fast dreivierteljährige russische Invasion ertragen müssen. Daß dadurch Hunderte galizischer Juden ihr Leben, Zehntausende ihr Hab und Gut verloren haben, braucht angesichts der genugsam bekannten Brutalität dieser wilden Horden nicht erst besonders betont zu werden. Hunderttausende unserer Brüder in Galizien hätten vor der Ankunft der Russen ihre Heimstätten verlassen, und jeder begreift, was aus ihrer Habe, die sie ungeschützt zurücklassen mußten, während der vielen Monate der russischen Herrschaft geworden ist. Nunmehr, nach der Vertreibung der Russen aus Galizien, beginnen die Flüchtlinge bereits in ihre verlassenen Heimstätten zurückzukehren und ihre wirtschaftliche Existenz mühsam wieder aufzubauen. Wir schwer ein solcher Wiederaufbau ist, welch lange Zeit hierzu erforderlich ist, versteht ein jeder. So ist auch die Lage der galizischen Judenheit eine namenlos traurige, und auch hier Hilfe zu bringen, wird eine der großen und schweren.Aufgaben sein, die unser Volk nach dem Kriege zu erfüllen hüben wird. Die außergalizische Judenheit O e st erreich- Ungarns ist glücklicherweise vom Kriege nirgends unmittelbar betroffen worden. Mit glühender Begeisterung ist sie auf den Ruf ihres tiefgeliebten greisen Monarchen zu den Fahnen geeilt, und die obersten Armeeführer haben es wiederholt ausgesprochen, daß die jüdischen Offiziere und Soldaten Hervorragendes bereits geleistet haben. Ohne irgendwelche kleinliche Vergleiche anzustellen, darf man ruhig aussprechen, daß — von den Stammvölkern der Deutschösterreicher und Ungarn abgesehen — von allen Nationalitäten des Habsburgerreiches keine sich ihrem angestammten Vaterlande so treu und ergeben erwiesen hat wie die jüdische. Während in Galizien weite ruthenische Kreise, auch so manche angesehene Führer der Polen während der russischen Invasion eine bedenkliche Hinneigung zu Rußland bekundet haben, während die bekanntesten jungtschechischen Politiker schon seit langer Zeit in Haft sitzen, opferten die österreichischen Juden mit wunderbarem Heroismus Gut und Blut für ihr geliebtes Vaterland und offenbarten so von neuem die alte herrliche jüdische Treue. Es ist auch sehr erfreulich, feststellen zu dürfen, daß die maßgebenden zivilen und bürgerlichen Behörden in Oesterreich diese unerschütterliche Treue und Vaterlandsliebe der Juden schon des öfteren lobend und rühmend anerkannt haben und die Regierung sich redlich bemüht hat, den galizischen Flüchtlingen während ihres Exils ihr trauriges Los zu erleichtern. All dies gibt die Hoffnung, daß in Zukunft, wenn nach dem Kriege die notwendige Neuregelung der innerösterreichischen Verhältnisse einsetzen wird, die Juden jene Berücksichtigung finden werden, auf die sie einen so berechtigten Anspruch besitzen. Vor allem ist zu hoffen, daß in Galizien, wo das Gros der österreichischen Judenheit wohnt, die vor dem Kriege dort herrschende, verfehlte innere Politik, die Juden und Ruthenen der polnischen GewaÜherrschast auslieferte, aufhören und eine gründliche Verwaltungsreform, die jeder Nationalität volle Gleichberechtigung verleiht, vorgenommen werden wird. Der sofort nach der Wiedereroberung Galiziens erfolgte Rücktritt des polnischen Statthalters und seine Ersetzung durch einen deutschösterreichischen General gibt dieser Hoffnung auf eine neue bessere Zukunft der österreichischen, vor allem der galizischen Judenheit die Gewißheit einer sicheren Erwartung. So dürfen unsere Brüder in Oesterreich, besonders aber auch die in Galizien, die so sehr durch den Krieg haben leiden müssen, doch vertrauensvoll in die Zukunft blicken und hoffen, daß diese die vielen tiefen Wunden, die ihnen der Krieg geschlagen, heilen und ihnen eine neue, ungehinderte und freie Entwicklung bringen wird. Von Oesterreich-Ungarn, dem einen der treuen und tapferen Bundesgenossen unseres deutschen Vaterlandes, führt uns unsere Wanderung durch die Stätten jüdischen Lebens zum anderen waffenstarken und mutigen Bundesgenossen: zur Türkei. Ueberblicken wir auf dem Wege rasch den Balkan und konstatieren wir, daß die Judenheit der Balkanländer in diesem Jahre keine außergewöhnlichen Ereignisse zu verzeichnen hat. Glücklicherweise ist sie bisher vom Kriege verschont geblieben; bis auf Rumänien, das nach wie vor in seiner grausamen und ungerechten antisemitischen Politik beharrt und in letzter Zeit sich anschickt, die barbarischen Methoden seines russischen Vorbildes in der Judenverfolgung, die Ausweisungen der jüdischen Bevölkerung aus ganzen Distrikten, nachzumachen, erfreuen sich die Juden der Balkanländer voller bürgerlicher und politischer Gleichberechtigung, und hoffentlich wird ihnen die weitere Entwicklung der politischen Verhältnisse auf dem Balkan keinerlei Verschlechterung ihrer Lage bringen.

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