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Neue jüdische Presse · 1915-08-27 · Heft 33 (27.8.1915) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 33 (27.8.1915)
Date
1915-08-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Noch ist nicht abzusehen, wann der Friede lommt, der diesen furchtbaren Krieg beendet,, noch ist nicht zu sagen, wie dieser Friede sein wird, und doch beginnt man bereits in allen Ländern von ihm zu sprechen. Diese überall schon cinsetzende Erörterung des kommenden Friedens hat ihreir Grund nicht ttur in einer in allen Staaten, vor allem aber in Rußland und Frankreich, beginnenden Kriegsmüdigkeit sowie in der auch bei den Gegnern Deutschlands sich leise und langsam bereits bemerkbar machenden Erkenntnis, daß der Sieg den Zentralmächten wohl nicht mehr zu entreißen sein wird, sondern vor allem in der Einsicht, daß jedes Volk rechtzeitig sich über seine Bedürfnisse und Forderungen klar werden muß, soll es hoffen dürfen, bei der konrmenden Einordnung der Welt eine Berücksichtigung seiner Forderungen zu finden. So kommt es, daß nicht nur die kriegführenden Nationen, sondern auch die Neutralen sich seit einiger Zeit bereits in einer Erörterung ihrer Aspirationen und Ziele befinden, um zunr Friedenskongreß mit klaren, unzweideutigen Forderungen kommen zu können. Aber auch die beträchtliche Zahl jener Zwischenvölker, wie sie Friedrich Naumann neuerdings genannt hat, die ohne eigentliche staatliche Selbstständigkeit bei der Erhebung ihrer Ansprüche sich nicht auf ihre militärische Macht berufen können, auch sie suchen sich über eine Formulierung ihrer nationalen Ziele einig zu werden, denn auch sie erwarten vom Friedenskongreß eine Erfüllung ihrer Wünsche. - Nur wir Juden — wir schweigen. Wir leben in jener inneren Lethargie fort, die nun seit Mehr als 100 Jahren unsere nationale Politik beherrscht. Eine Welt stürzt in Trümmer, eine neue Welt ist im Entstehen, alle Völker, Nationen und Stämnie beeilen sich, ihre Ansprüche, anzumelden, um bei der Umwertung der Welt auch etwas zu erhalten, und wir Juden schweigen; schweigen und schlummern, als ob nichts geschehen wäre, nichts geschähe. Wer die innere jüdische Lage zur Zeit überschaut, könnte meinen, .unser Volk sei das glücklichste von allen; es habe keine Wünsche, die noch unersüllt, keine Ziele, die noch unerreicht seien. Während alle anderen kämpfen, ringen, schreien, fordern, um nicht leer auszugehen, stehen wir abseits, ruhig, teilnahmslos, als ob uns das Ganze überhaupt nichts anginge. Und dahei fallen täglich Dutzende unserer Besten und Stärksten auf allen Schlachtfeldern der Welt, werden Zehntaul'enöe von uns in Rußland wirtschaftlich ruiniert, gehen Tausende Unschuldige aus Not und Hunger zugrunde, werden jüdische Rabbiner gehängt, jüd. Frauen vergewaltigt, kurzum: durchleben wir eine Katastrophe, wie wir sie in unserer gesamten 2000jährigen Diasporageschichte noch nicht . durchlebt haben. Kein Volk auf dem weiten Erdenrunde leidet in diesem Kriege so viel wie wir; kein Volk hat mehr Grund als wir, um Hilfe zu rufen und unser Leid auszuschreien; kein Volk hat mehr Recht, Freiheit und Erlösung zu fordern als wir; und keines schweigt so wie wir. Und aus diesem Schweigen erkennen wir, wie arm wir sind, wie arm an großen Männern, die m dieser Zeit höchster Not und Entscheidung das Volk aufrütteln könnten, es aufzurufen vermöchten zur Selbstbesinnung, zur Sammlung seiner Kräfte und zum Entschluß, sein Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und Erbauer einer neuen, besseren Zukunft zu werden. Arm sind wir, innerlich uneinig und zerklüftet, blutleer und leblos wie jene Gebeine, von denen der Prophet sprach, und es fehlt der Mann, dem göttlicher Geist innewohnte und der Kraft dieses Geistes die Fähigkeit besäße, die Gebeine zu beleben und sie zu einem starken, einigen Volk zusammenznschließen. Und so wissen wir noch nicht, ob jene vereinzelten Stimmen, die zur Selbstbesinnung rufen. Gehör finden werden. Wir haben in der vorigen Woche eine solche Stimme in diesen Spalten sprechen lassen; Max Nord au, der große Schriftsteller, der machtvolle Kritiker, der treue Jude, hat in einem Aufsatz von wuchtiger Kraft und Energie den Ruf an sein Volk gerichtet, zu erwachen und sich für den kommenden Friedenskongreß zu rüsten. In klaren, knappen Worten hat er seinen Standpunkt entwickelt und die Forderungen formuliert, auf die sich das jüdische Volk einigen, die es sodann dem Friedenskongreß vorlegen 'soll. Wir hoffen, daß dieser Appell Nordaus zunächst den Erfolg haben wird, endlich, einmal der Frage der Vertretung der jüdischen Interessen beim Friedenskongresse näherzutreten und dem unwürdigen und gefahrvollen Schweigen, das bislang geherrscht hat, ein Ende zu machen. Was nun die prinzipielle Frage betrifft, ob wir Juden uns bemühen sollen, unsere Forderungen und Wünsche dem Friedenskongreß zu unterbreiten, so glauben wir, daß jeder Jude, dem das Wohl seines Volkes am Herzen liegt, der mitfühlend und mitleidend die Not unserer osteuropäischen Brüder in diesen Monaten miterlebt, mit einem unbedingten Ja antworten wird. Wir wissen zwar sehr wohl, daß man eine radikale Wandlung unserer Lage oder gar eine Lösung der Judenftage von dem Kongreß nicht erwarten darf, wie ja letzten Endes ein Volk stets nur durch sich selbst, aus eigener Kraft sich die Befreiung und Gesundung bringen kann. Aber ganz abgesehen davon, welch unmittelbaren praktischen Nutzerfolg eine solche Anmeldung unserer berechtigten Forderungen bei den Vertretern der europäischen Mächte haben wird, gebietet es unsere nationale Ehre, daß wir dort, wo alle Völker der Erde ihre Ansprüche erheben werden, nicht fehlen. Es darf nicht wieder so sein, wie bisher stets, daß im Rate aller Nationalitäten die jüdische nicht vertreten ist; und wenn wir durch unsere Vertretung nur bewiesen, daß wir existieren und für unsere Zukunft zu streiten entschlossen seien, es genügte vollkommen, um die Notwendigkeit einer solchen Vertretung zu rechtfertigen. Also darin werden alle bewußten Juden mit Max Nordau eines Sinnes sein, daß für eine Vertretung der jüdischen Interessen beim kommenden Friedenskongreß unbedingt Sorge getragen werden muß. Noch in einem zweiten Punkte wird man Nordäus Vorschlägen ohne weiteres beistimmen müssen: inbetreff der Form der Vertretung. Sie wird unbedingt eine solche des gesamten Volkes sein müssen; Vertretungen einzelner Organisationen können niemals mit dem Anspruch auftreten, im Namen der gesamten Judenheit zu sprechen. In welcher Art nun diese Vertretung des ganzen Volkes gewählt und bestimmt werden soll, darüber wird noch natürlich zu reden sein. Am einfachsten und natürlichsten wäre es gewiß, wenn alle bedeutenden jüdischen Organisationen sich vereinigten und eine Vertretung auswählten. Damit aber sind wir schon bei der dritten und schwierigsten Frage der ganzen Angelegenheit angelangt: bei der Frage des Programms unserer Vertretung. Denn hier berühren wir jene Eigentümlichkeit unserer gegenwärtigen inneren Lage, die unsere gesamte jüdische Politik so unheilvoll beeinflußt, und um die doch keiner, der mit den Tatsachen rechnen will, herumkommen kann: unsere innere Uneinigkeit und Spaltung. Das Programm muß so sein, daß wirklich alle oder zumindest der größere Teil der großen jüdischen Organisationen ihm zustimmen könnten, und ein solches Programm zu finden, bildet den schwierigsten und heikelsten Teil des gesamten Problems. Nordaus Programm ist dasjenige eines weitsichtigen und überzeugten Nationaljuden und Zionisten; wäre es verwirklicht, so wäre sicherlich die Judenfrage gelöst, und als Vertreter des nationaljüdisch-zionistischen Gedankens, vom Gesichtspunkt unserer Zukunstsideale gesehen, halten wir gewiß dieses Programm für das beste und idealste. Ganz anders jedoch muß das Urteil lauten, wenn das Programm nicht nach dem Wertmesser unserer Zukunstsideale, nach den Normen des Seinsollenden bewertet, sondern vom Standpunkt einer nüchternen, vernünftigen, realpolitischen Erkenntnis der Tatsachen beurteilt wird. Hier muß zunächst gegen den dritten Punkt des Programms, der Palästina betrifft, lebhaftes Bedenken geäußert werden. Nordau verlangt, daß die jüdische Vertretung beim Friedenskongreß „für die Juden, die unter sich national leben und nichts als Juden sein wollen, Palästina fordert, das heißt das Recht der ungehinderten und unbeschränkten Einwanderung, Bodenerwerbung und Ansiedelung mit innerer Selbstverwaltung unter der Regierung, die in dem Lande die territorialen Hoheitsrechte ausüben wird." Daß wir dieses Recht für das jüdische Volk sehnlichst erwünschen, brauchen wir nicht erst zu betonen; dennoch aber erachten wir seine Einreihung in das Programm unserer Forderungen beim Friedenskongreß für unzweckmäßig, ja gefahrbringend. Zunächst würde durch die Einstellung dieser Forderung in das Programm jede Möglichkeit, die Vertretung eine solche des gesamten Volkes sein zu lassen, beseitigt; denn ein gewisser Teil der großen jüdischen Organisationen wird, wie die Verhältnisse heute nun mal liegen, diese Forderung ablehnen; würde man auf ihr bestehen, so würde die Vertretung eine Delegation der Zionisten allein werden und damit — wie ja auch Nordau selbst anerkennt — ihre Bedeutung verlieren. Aber noch ein anderer wichtiger Gesichtspunkt spricht gegen .die Einreihung des zionistischen Gedankens in das Programm: unser Verhältnis zur Türkei. Die beiden ersten Punkte: die Forderung voller Rechtsgleichheit in allen Ländern, wo wir in großer Zahl leben, und die Anerkennung unserer Nationalität überall da, wo wir ein ansehnliches Bevölkerungselement bilden, diese Forderungen betreffen alle Staaten gleichermaßen und können deshalb von keinem derselben als ein Eingriff in seine Rechte zurückgewiesen werden. Die Forderung betreffs Palästinas aber berührt allein die Türkei und wird von dieser mit Recht als eine unberechtigte Einmischung in ihre Staatshoheit abgelehnt werden müssen; Nordau scheint bei der Formulierung dieses Punktes von der Annahme ausgegangen zu sein, daß die Verteilung der territorialen Hoheitsrechte über die Länder der Türkei von; Friedenskongreß vorgenom-

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