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Neue jüdische Presse · 1915-08-20 · Heft 32 (20.8.1915) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 32 (20.8.1915)
Date
1915-08-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jndenfrage und Friedenskongreß. Von Dr. M a x N o r d a u, z. Zt. Madrid. Wer die Tragödie des Judenschicksals auch in diesem Augenblick nicht in ihrer vollen G-ranen- Haftigkeit zu erfassen vermag, der kennzeichnet sich als sittlich so stumpf und geistig so vcrständuisuusähig, daß man ihn von der Erörterung jüdischer Kolksangelegenheiten ausschließen muß. ' Keinem Volke schlägt der Krieg so sürchterlichc Wunden wie dem jüdischen. Es kämpft und blutet in allen Heeren. Esj'Wersät mit seinen Leichen alle Schlachtfelder. Es stellt verhältnismäßig mehr Soldaten als jeder andere Bolksstamm. Es wird -in größerer Zahl von Haus und Los getrieben als die Belgier. Es wird wirtschaftlich schlimmer zit Grunde gerichtet als die Franzosen der (besetzten -Departements und die Serben. Es erleidet Mord, Schändung, Folterung, Raub, Plünderung wehrloser, massenhafter, teuflischer als alle Bevölkerungen, die am heftigsten gegen die Scheußlichkeiten vertierter Feinde zum Hinnnel schreien. Und wofür diese Martern? Wofür diese Opfer an Leben, 'Ehre, Gesundheit, Vermögen? Jedes der kriegführenden Völker verspricht sich vom Siege Landgewinn, Bereicherung, Macht, Herrschaft, Ruhm. Das jüdische Molk allein hat nichts zu erwarten, nicht einmal die Anerkennung, daß es sich überall vorbildlich als staatserhaltend bewährt, überall gegen sein Geburtsland Treue bis in den (Tod geübt hat, selbst dort, wo man es immer! auf das niederträchtigste Md grausamste verfolgt hatte. Es vollbringt seine Heldentaten nicht unter seiner eigenen Fahne, mit weithin sichtbaren eigenen Abzeichen, sondern in hundert Verkleidungen, in denen es namenlos unter fremden, meist gehässigen Gefährten verschwindet. Diese Verkleidung reißt.man ihm vom Leibe, wenn Man durch die Entblößung eine jüdische .Schande aufzudecken hofft, man gibt jedoch vor, den Juden hinter der fremdvölkischen Kriegstracht nicht zu .erkennen, wenn er sich und den Seinen Ehre verdient hat. Seiner leidenschaftlichen Liebe zu seinem Geburtsland, seiner vorbehaltlosen begeisterten Hingebung an tzie Dache seiner Landsleute setzt man die verletzendsten Zweifel entgegen, die man hier durchschimmern läßt, dort mit roher Rücksichtslosigkeit ausdrückt. Unsere Tapferkeit? Verstellung! Unsere Opfer? Eigennützige Berechnung. Selbst unser Heldentod ist eine offenbar sehr einträgliche schlaue Spekulation. Im Drange des Krieges, unter dem Zwange des Geschützfeuers verleiht man uns widerwillig Auszeichnungen und bewilligt uns nicht zu umgehende Beförderungen. Nach dem Kriege wird dies ^Einzelnen von uns zur persönlichen Genugtuung gereichen. Der jüdischen .Gesamtheit wird daraus keine Besserung ihrer Lage, keine Mehrung ihres Ansehens erwachsen. Mit Händen können wir jetzt das Werk von vier jüdischen Generationen greifen, die alles, was sie an Kraft, Begabung und Eifer besaßen, daran gewandt haben, das jüdische Volksbewußtsein zu vernichten und den Zusammenhang, die Einheit des über beide Welten zerstreuten jüdischen Volkes aufzulösen. Ich sage es ruhig, wenn auch nicht -ohne tiefen Schmerz: Hätte das jüdische Volk sich in seiner geschichtlichen Verfassung, in seinem wenn auch noch so losen, doch Überall kenntlichen alten Gefüge erhalten ^Äie Welt würde heute ein anderes Antlitz zeigen. Wir wären heute, wie wir es. immer gewesen sind und nicht anders sein können, das Volk des Gesetzes und der Propheten. Um den unverrückbaren Pol des Rechts gelagert, würden wir uns von keinem Wirbel rechtswidriger Sophismen mitreißen, von keinem Schwindel nationaler Selbstsucht umtreiben lassen. Uns würden die schamlosen Lügen, mit denen gewissenlose Regierungen ihre Völker betören, nicht irresühren. Wir würden mit kaltblütiger Berechnung ausgegebene Schlägworte, die die Massen bis zur Bewustlosigkeit nachplappern, nicht wiederholen. Im sinnlosen Taumel der chauvinistisch verhetzten und -überhitzten Völker würden wir besonnen bleiben. Die Künste ruchlos selbstsüchtiger Minderheiten, denen es um 'Klassenherrschaft, um gebietende Stellung, um Befestigung und Erweiterung ihrer Privilegien zu tun ist, und die dem denkfähigen Volk iveis machen, daß ihr persönliches Interesse mit der Größe, dem Heil, ja dem Dasein des Vaterlandes gleichbedeutend ist, würden auf uns leine Wirkung üben. Und wer kann sagen, welchen -Eindruck es machen würde, wenn heute das jüdische Volk in allen Ländern zugleich, inmitten -der Ausbrüche tollen Hasses und wüster gegenseitiger Beschimpfungen die Stimme der Gerechtigkeit vernehmen lassen, den Predigern der Wut, Gewalt und Rache die Botschaft der Nächstenliebe und Brüderlichkeit entgegensetzen, im allgemeinen Wahnsinn das Beispiel der Vernunft, in der Tobsucht das der Gelassenheit geben, die volksvergistenden -Lügen durch die objektive Wahrheit berichtigen, die menschliche Gesittung und Gemeinschaft gegen wilde Zerstörungsanschläge beschützen würde? Die Völker würden sich vielleicht auf sich besinnen, wie von einein bösen Traum erwachen, ihre Verhexung abschütteln, zur gesunden Vernunft zurückkehren. Doch das ist ein Traum, uui> es hätte keinen Zweck, ihn weiter zu träumen. Wir haben Dringenderes und Nützlicheres zu tun. Die Hoffnung äst wohl gestattet/daß das jüdische Volk aus seinen? unsäglichen -Leiden und Demütigungen im gegenwärtigen Krieg die richtige Lehre ziehen, daß es sich bemühen wird, einer Wiederholung ähnlicher Heimsuchungen vorzubeugen. Es muß sich wieder zu einem Volk znsammenschließen, um sein Leben, .seine Ehre, seine heiligsten sittlichen Güter, seine sachlichen Interessen zu verteidigen. Wenn innerer Drang es nicht zu diesem Entschluß führt, so tut das vielleicht das Beispiel aller anderen Völker, auch weit kleinerer und schwächerer als das jüdische, die schon im Schlachtengetümmel ihre Ansprüche anmelden und sich vorbereiten, sie nach dem Ilbschluß des Krieges mit größtem Nachdruck zu vertreten. Bei den Friedensverhandlungen darf das jüdische Volk nicht fehlen. Es muß auch scinenPlatz unter denen fordern, die uni den grünen Tisch des Friedenskongresses sitzen oder hinter den Stühlen der Bevollmächtigten stehen werden. Und die jüdische Vertretung soll nicht mit krummen Rücken unterwürfig lispeln, sie soll sich stramm halten und laut sprechen. Sie soll die Sprache sprechen, die inan auf einer Konferenz der Abgesandten europäischer Regierungen versteht. Keine Abstraktionen. Keine Sentimentalitäten. Keine .Hinweise auf die Geschichte, auf erlittene Leiden. Keine Anrufung edler Gefühle, der Menschlichkeit usw. Nichts als harte, konkrete Tatsachen, die Hörner und Zähne haben. Sie soll geltend machen, was wir sind und.'was wir können; unsere zwölf Millionen Seelen, unsere wirtschaftliche -Bedeutung, unsere Geldmacht, unsere geistige Begabung, unsere Bildung, unsere Energie und Zähigkeit. All diese Machtmittel sollen - die begünstigen, die uns Wohlwollen: Die uns aber feind sind, sollen sie immer und überall auf ihren Wegen finden. Unsere.Vertretung muß auf ein P r o g r a m m festgelegt werden, das folgende drei Punkte enthält: 1. In allen Ländern, wo wir in geringer Zahl leben, volle Rechtsgleichheit für uns, nicht auf dem Papier, sondern in der Wirklichkeit; besteht sie amtlich, so folgt sie sehr bald sozial. Minister, Generale, hohe Richter, Botschafter werden nicht lange von Salons und Gasthöfcn boykottiert, auch wenn deren Tonangeber noch so beschränkt, rückständig .und aufgeblasen sind. 2. Ueberall, wo wir ein ansehnliches, gegliedertes Bevölkerungselement bilden, A n e r k e n n u n g unserer N a t i o n a l i t ä t, sofern sie dies wünscht, und Ausdehnung aller politischen und kulturellen Zugeständnisse auf sie, die in dem betreffenden Staate jeder andern bewußten, differenzierten und organisierten Nationalität gemacht wird. 3. Für die Juden, die unter sich national leben und nichts als Juden sein wollen, Palästina, das heißt das Recht der ungehinderten und unbeschränkten Einwanderung, Bodenerwerbnng und Ansiedlung mit innerer Selbstverwaltung unter der Regierung, die in dem Lande die territorialen Hoheitsrechte ausüben wird. Es ist notwendig, daß die jüdische Vertretung auf der Friedenskonferenz mit ausreichenden Geli^ Mitteln ausgerüstet wird. Ich schätze ihr Erfordernis auf mindestens 500,000 Franken. Sie soll das Geld nicht gebrauchen, um mit geschmacklosem Aufwand zu protzen oder sich unter der Hand Gefälligkeiten zu sichern. Das konnten die Durchlauchten und Erlauchten ans dem Wiener Kongreß tun, als es ans Mediatisieren ging. Das Beispiel dieser Hochadligen ist für uns nicht zur Nachahmung geeignet. Unsere Vertretung soll aber stattlich austreten können, und vor allem : sie soll in der Lage sein, zu zeigen, daß sie nicht aus Liebhabern ohne Vollmacht besteht, die es sich etwas kosten lassen, um ein wenig Diplomaten zu spielen und sich <iit der Umgebung von ansehnlichen Persönlichkeiten wichtig zu machen, sondern daß sie sich aus Männern zusammensetzt, die einen Volksauftrag erfüllen und hinter denen Massen stehen, die fähig und bereit sind, alle Mittel aufzubringen, deren sie bedürfen, um ihre Interessen mit Nachdruck und Würde wahrzunehmen. Zu dieser halben Million sollen die Juden aller Länder im Verhältnis zu ihrer Zahl und zu ihrer Leistungsfähigkeit beitragen. Mit dem Sammeln Muß unverweilt begonnen werden. In dieser Zeit des Mückfalts in alte und Älteste ^Zustände, wo die Mostverbindungen so gut wie ganz unterdrückt sind, der Verkehr kaum noch besteht, die Zensur uns den Mund verschließt und die Feder aus der Hand reißt, kann die Propaganda eigentlich nur von Person zu Person stattfinden und hängt von den Zufällen des Zusammenseins und der Bc- .gegnungcn ab. Soll sie zum Ziel 'führen, so darf man mit ihr nicht säumen. Liefert die Sammlung mehr als die erforderliche halbe Million und wird diese von ihrer unmittelbaren Bestimmung nicht erschöpft, so geht der Ueberschuß nicht verloren. Er soll dann nach dem Kriege der zionistischen Leitung die regelrechte Wiederaufnahme des Betriebes der Organisation erleichtern. Die aufgebrachten Beträge wären zunächst in den Händen der Landesorganisationen zu vereinigen.

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