Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 30 (6.8.1915)
- Date
- 1915-08-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Wenn in diesen Tagen beim Rückblick auf das zu Ende gegangene erste Kriegsjahr in allen Ländern Europas die furchtbaren Verluste, die sie alle erlitten haben, festgestellt und beklagt werden, dann haben alle Völker in ihrem Schmerze einen Trost: sie dürfen sich' sagen, daß sie innerlich, sittlich durch den Krieg erhöht, geadelt, gefestigt worden sind. Von unserem deutschen Vaterlande, dessen grandiose sittliche Kraft, die es in diesem Jahre offenbart hat, auch von den Feinden bewundert wird, gar nicht zu sprechen, muß man doch anerkennen, daß auch bei seinen Gegnern der Krieg viele innere Kräfte geweckt, sie sittlich gestärkt hat. Sie alle haben in diesem Jahre vieles und Großes gelernt: vor allem eines, das wichtigste und bedeutsamste: den Wert innerer nationaler Einigkeit. Die vielen Gegensätze der Klassen und Stände, die alle Völker Europas vor dem Kriege zerklüfteten, sind meist verschwunden, »ud bis auf wenige Ausnahmen stehen alle europäische Nationen innerlich geschlossen und einig da wie nie zuvor. Es hat den Anschein, als ob wir Juden das einzige Volk wären, denen im gegenwärtigen Weltenjammer auch dieser einzige Trost innerer Festigung und Stärkung genommen sein soll. Keinem Volke ist es notwendig wie dem unseren; denn keines hat durch den Krieg auch nur annährend so viel gelitten wie das unsere, das in seinem größten Teile durch ihn wirtschaftlich ruiniert worden ist. lind trotzdem ist die innere Spaltung unter uns dieselbe wie vordem, sind die Parteigegensätze ebenso scharf wie früher, wird jede einheitliche Aktion verhindert durch die Uneinigkeit und Zerklüftung. Als in Deutschland die gemeinsame Hilfsaktion für die notleidenden palästinensischen Juden organisiert wurde, gelang es nicht, den Hilfsverein zur Teilnahme zu bewegen; weil auch die zionistische Orgasation beiteiligt war, hielt er sich unversöhnlich zur Seite. In Amerika wird jetzt von den breitesten Kreisen der Judenheit der Plan eines internationalen jüdischen Kongresses sofort nach dem Beginn des Waffenstillstandes propagiert, eine kleine, aber einflußreiche Schicht von Notabeln und Philanthropen widersetzt sich dem Gedanken und will statt dessen eine kleine Konferenz von wenigen Notabeln einberufen. Und solcher Beispiele könnte man noch viele anführen. Während unser Volk jeden Tag von neuen Schlägen getroffen wird, die sein Innerstes verwunden, während wir ringsum von Gefahren umgeben sind, die unser Dasein bedrohen, beharren jene jüdischen Kreise, die schon vor dem Kriege nichts von bewußter jüdischer Politik wissen wollten, denen alles Nationaljüdstche ein Greuel, jedes offene mannhafte Bekenntnis zum Judentum peinlich war, auf ihrem engherzigen Standpunkt und verschließen Aug und Ohr gegen alle Lehren der Zeit. In den allerletzten Wochen erst mußten wir wiederunl ein Beispiel daftir erleben, welch geringen Einfluß der Krieg auf jene jüd. Gruppen, die man .gewöhnlich als Assimilanten zu bezeichnen pflegt, bisher ausgeübt hat. Der Fall betrifft das jüdisch-polnische Problem. Von allen Teilproblemen der großen Judenfrage ist dieses gewiß das traurigste und unangenehmste. Denn nirgendwo gibt es ein Volk, das uns Juden brutaler verfolgt und stärker haßt als die Polen. Was die Polen Rußlands in den letzten Jahren vor dem Kriege, vor allem aber in diesem Kriegsjahr selbst unseren Brüdern in Russisch-Polen angetan haben, bildet eines der furchtbarsten Kapitel unserer 2000jährigen Märtyrergeschichte und belastet das polnische Volk mit einer Schmach, von der es sich nie ganz reinwaschen wird können. Was in diesen zwölf Kriegsmonaten in Russisch-Polen an Verleumdungen, Verhetzungen, Lügen und Beschimpfungen gegen die Juden zusamniengehäust wurde, das wird später, wenn all das Material gesammelt werden wird, Bünde und Bände füllen. Man hätte angesichts dieser Stellung der Polen, die einen Mann wie Georg Brandes zu entrüsteten Protesten veranlaßt hat, wenigstens erwarten dürfen, daß das gesamte jüdische Volk, vor allem die polnische Judenheit selbst, geschlossen wie ein Mann gegen diese Unsumme von Haß und Verfolgung auftreten und in verzweifelten flammenden Worten die Aufmerksamkeit der Kulturmenschheit auf diese Greuel lenken werde. Was sehen wir statt dessen? Jene Gruppe der feigen polnischen Assimilationsjudcn, die schon vor dem Kriege ihren polnischen Herren die Füße geküßt haben und sich in sklavischem Rückenkrümmen und Nackenbeugen nicht genug tun konnten, haben ihre Haltung auch im Kriege beibehaltcn und — sofern dies noch möglich war — den Nacken noch tiefer gebeugt. Schon vor Monaten hatte eine Anzahl dieser Herren die Ehrlosigkeit bewiesen, einen Aufruf der polnischen Nationalisten (d. h. Antisemiten) zu unterschreiben, der die Hilfe Europas für die arme geknechtete polnische Nation anrief und dabei die Polen als die Schutzmauer des Christentums gegen den Osten erklärte. Vor einigen Wochen nun hat sich eine Wiederholung desselben Vorgangs ereignet, diesmal aber in noch größerem Umfange und ehrloserer Form. Eine Anzahl galizischer Juden, einige Reichstagsabgeordnete, Handelskammerpräsidenten und anderer „Notabeln", hat es für nötig befunden, eine langatmige Erklärung zu veröffentlichen, in der sie ihre Treue und Anhänglichkeit an das edle polnische Volk bekennen und sich zum Herold natioualpolnischer Wünsche nach einer Autonomie Polens hergeben. Ueber die jüdische Seite dieses Vorgehens braucht kein Wort mehr verloren zu werden. Ein stärkeres Maß von Mangel an jüdischem Ehrgefühl und Solidaritätsbewußtsein, wie es in dieser Erklärung zum Ausdruck kommt, ist nicht mehr denkbar. Nicht unbeachtet bleiben darf aber auch die allgenrein politische Seite der Angelegenheit. Mit dieser Erklärung, durch die sich diese Majofisjuden von Lemberg, Krakau und anderen galizischen Städten zu Verfechtern nationalistischer polnischer Ideale gebrauchen ließen, haben sie nicht nur Verrat an den jüdischen Interessen begangen, sondern 'sich auch in Widerspruch gesetzt zrr den österreichischen Staatsinteressen. Dies geht wohl am deutlichsten daraus hervor, daß die Zensur einen großen Teil der Erklärung gestrichen hat, nämlich all jene Stellen, die von der Forderung einer polnischen Autonomie sprechen. Wie die österreichische Regierung aus wohlerwogenen berechtigten Gründen über diese Forderung denkt, beweist am treffendsten der Wechsel in der galizischen Statthalterschaft; an Stelle des polnischen Statthalters wurde ein deutschösterreichischer General ernannt. Auch die ausgesprochen russophile Politik der nationalistischen polnischen Partei Rußlands, die polnischen Verbrüderungsszenen mit den russischen Machthabern in Petersburg, die Zusicherung einer Autonomie durch den russischen Ministerpräsidenten Goremykrn in der Duma, all dies zeigt, welche Stellung die nationalistischen Kreise der Polen Oesterreich gegeniiber einnehmen. Und daß unter solchen Umständen die galizischen Notabeln eine solche Erklärung unterschreiben konnten, beweist, daß in diesem Falle wie in alten anderen Fällen die jüdischen Bolksinteressen den österreichischen Staatsinreressen parallel laufen und diese Schlevvträger des Polens tums ebenso schlechte Oesterreicher wie Juden sind. Vielleicht, daß die Lehre, die ihnen die österreichische Zensur durch die Streichung eines großen Teiles ihrer Erklärung erteilt hat, auf sie mehr Eindruck machen wird als die Proteste von jüdischer Seite. Jedenfalls aber muß von Seiten der österreichischen und besonders der galizischen Judenheit klar und deutlich erklärt werden, daß sie mit diesen ihren „Führern", die sich anmaßen, in ihrem Namen sprechen zu wollen, nichts gemeinsam hat und die Erklärung als eine vom jüdischen Standpunkt ehrlose, vom österreichischen Gesichtspunkte aber durchaus unangebrachte und schädliche Tat verurteilt. Die österreichische Judenheit steht in unerschütterlicher Treue zu ihrem Staate, keiner ihrer Teile ist aber treuer und ergebener als die galizischen Juden. Sie dürfen denn auch sicher hoffen, daß jetzt und in Zukunft die österreichische Regierung, ihre Treue und Anhänglichkeit anerkennend, nicht mehr zulassen wird, daß sie in Galizien von den bisher allmächtigen Polen weiter unterdrückt werden. Die galizischen Juden haben vor dem Kriege Grund gehabt, über so vieles zu klagen. Wir sind überzeugt, daß dies nach dem Kriege alles anders werden wird, nachdem jetzt die Regierung erkannt hat, wer ihre treuesten Bürger in Galizien sind. Gerade darum aber müssen wir Juden von den Polen möglichst weit abrücken, ganz abgesehen vom nationalen Ehrbewußtsein, das uns jede Gemeinschaft mit diesen unseren haßerfüllten und hinterlistigen Feinden strikt verbietet. Zur Palästiuafrage. Zur Palästinafrage bringt der stets gut unterrichtete L. M.-Mitarbeiter des „Egyenlöseg" Nachrichten, die gegenüber der bisherigen Unklarheit Anhaltspunkte und zwar Anhaltspunkte erfreulicher Art geben. Veranlaßt durch die von gewissen arabischen Kreisen gegen die Juden angezettelten Unruhen, entsendete die Regierung eine Kommission nach Palästina. In diese Kommission wurde auch der Oberrabbiner von Nimiruz berufen. -Die Kommission hielt eine genaue Untersuchung, hörte die vorgebrachten Klagen an, und jetzt ist in Konstantrnopel eine Kanzlei für jüdische Angelegenheiten ins Leben gerufen worden. An diese Kanzlei wenden sich die Beschwerdeführer, und von ihr werden auch die Hilfsaktionen in erster Reihe geleitet. Auf diese Weise hat sich die Lage einigermaßen gebessert, aber normale Verhältnisse sind noch immer nicht eingetreten. Es handelt sich um die Versorgung von mehreren tausend Menschen, die ganz unbeholfen auf die Pflege und Versorgung in weitgehendstem Maße angewiesen sind. Die in Palästina angesiedelten Juden sind zum größten Teile türkische Staatsbürger geworden, und bei diesem Anlasse zeigte sich am besten der Liberalisnius der Türkei. Einerseits wurden der Einbürgerung alle möglichen-Erleichterungen zugestanden, andererseits wurde die Jugend nicht gezwungen, in das türkische Heer einzutreten, da man von dem Grundsätze aus-