Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 27 (16.7.1915)
- Date
- 1915-07-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Noch hat der Krieg nicht den Punkt erreicht, von dem ans man schon in der Zukunftsferne die Umrisse des kommenden Friedens erblicken könnte, . und doch vernimmt man schon in allen Ländern die Stimmen, die von Frieden sprechen. Und dies ist auch gut und notwendig. Ob der Friede nun einige Monate früher oder später kommen wird, sicher ist doch, daß er einmal kommen wird; und da heißt es für alle am Kriege beteiligten Staaten und Nationen, ans diesen Frieden sich bei Zeiten vorzubereiten, sich klar zn werden über die Ziele, die sie erreichen, die Forderungen, die sie stellen wollen. Niemand hat solche Erörterung und Klarlegung notwendiger als wir Juden. Alle anderen Völker dürfen dessen wenigstens sicher sein, daß sie beim Friedensschluß vertreten, gehört und beachtet sein werden; uns aber — uns droht die Gefahr, daß aus dem Kongresse, der über das Aussehen und die politische Zukunft der Erde für die nächsten Jahrzehnte bestimmen wird, man uns mit keinem Blick beachten und ebenso über uns zur Tagesordnung übergehen wird, wie dies nun schon seit 2000 Jahren geschieht. Wollen wir solches Unheil abwehren und zu dem ungeheuren, furchtbaren Schaden, den uns der Krieg bereitet, wicht noch den Spott auf uns laden, beim allgemeinen Friedensschlüsse unbeachtet, übergangen zu sein, dann müssen wir bei Zeiten dafür Sorge tragen, daß solche Nichtbeachtung unserer Forderungen unmöglich wird. Dazu aber gibt es nur ein Mittel: Organisation. So lvic wir heute dastehen, ist ja jegliche Vertretung unserer Interessen gegenüber den Großmächten Europas unmöglich, da es keine Organisation, keine Persönlichkeit gibt, die zu solcher Vertretung legitimiert wäre. Es gilt darum, bei Zeiten das Unglück unserer inneren Zerrissenheit zu beseitigen und für die Schaffung einer Körperschaft Sorge zu tragen, die berechtigt wäre, in des ganzen Volkes Namen zu sprechen. Es ist Kar, daß all dies innerhalb der kriegführenden Länder zur Zeit unmöglich ist. Die Zugehörigkeit der einzelnen Judenheiten zu ihren Vaterländern verhindert für die Dauer des Krieges jede Zusammenkunft oder gar Vereinigung von Judender verschiedenen Länder. Umso größer aber wird dadurch die Pflicht, die den Juden der neutralen Länder erwächst; und da von allen Ländern die Vereinigten Staaten die einzige neutrale Großmacht bilden, so fällt diese Pflicht fast ganz auf die amerikanische Jüdenheit. Diese Pflicht besteht darin, die Vorbereitungen für die Organisierung 'des Gesamtvolkes zu treffen, die Grundlage zu legen, auf der dann nach erfolgtem Waffenstillstand die unmittelbare Arbeit für die Vertretung der jüdischen Interessen bei der Friedenskonferenz in' Angriff genommen werden kann. Diese Vorbereitung muß vor allem in einer Organisierung der amerikanischen J'udenheit bestehen; die Juden der Vereinigten Staaten müssen eine Gruppe von Männern bestimmen, die späterhin berechtigt sein wird, in ihrem Namen zu sprechen, als Vertreter der amerikanischen Juden mit den jüdischen Organisationen der europäischen Länder zu verhandeln und Führung bei der Organisation der Friedensarbeit zu übernehmen. Weite Kreise der amerikanischen Jüdenheit haben diese ihre große historische Pflicht, die ihnen die Gegenwart auferlegt, denn auch wohl erkannt, und schon seit einiger Zeit hat man unter ihnen eine lebhafte Bewegung zur Einberufung eines allgemeinen Kongresses eingesetzt, zu dem alle amerikanischen Juden Vertreter entsenden sollen. Bekannte Publizisten, Redner und andere führende Männer Haberl sich dieser Bewegung angeschlossen, und .dem t orbereitenden Komitee, das bereits gegründet wurde, gehören eine stattliche Zahl der größten jüdischen Organisationen Amerikas an. Man sollte meinen, dieser Plan eines allgemein jüdisch-amerikanischen Kongresses zur Erörterung und Vorbereitung der Fricdensarbcit sollte ungeteilte Zustimmung innerhalb der amerikanischen Jüdenheit finden. Leider aber muß man konstatieren, daß die alte, gewohnte Zerrissenheit, die bislang innerhalb der Jüdenheit aller Länder geherrscht hat, auch heute noch in Amerika nicht beseitigt ist und selbst der Krieg es 'nicht vermocht hat, dieser Spaltung ein Ende zu machen. Der in allen jüdischen Fragen und Angelegenheiten übliche Gegensatz zwischen den breiten 'Volksmassen und der keinen Gruppe von „Notabelu" ist auch in dieser Sache bereits zutage getreten. Während die jüdische Presse Amerikas sowie alle demokratischen Volksorganisationcn ausnahmslos die Einberufung eines allgemeinen, von allen amerikanischen Juden beschickten Kongresses fordern, verhält sich das einflußreiche und mächtige „Amerikanisch-Jüdische Komitee", dem die reichen Philanthropen wie Jakob Schiff, Sulzbcrger, Marschall und einige wenige andere angehören, ablehnend. Das Komitee beschloß, statt eines demokratischen Kongresses eine enge Konferenz der Vertreter der zentralen Organisationen cinzuberufen, deren Zusammensetzung vom Komitee bestimmt werden wird. Dies bedeutet, daß die kleine Gruppe der Philanthropen aus der allgemeinen, Llle Juden interessierenden Frage der Vertretung des jüdischen Volkes bei der kommenden Friedenskonferenz eine direkte 'Angelegenheit der Notabeln machen will, daß diese Herren, bisher gewohnt, die wichtigsten Fragen der Gesamtjudenheit nach eigenem Gutdünken zu erledigen, auch in dieser bedeutsamsten Frage der Stunde nicht gewillt sind, das gesamte Volk seinen Willen äußern zu lassen, sondern sie unter sich abmachen wollen. Dieser Gegensatz zwischen den „Notabelu" und den Volksmassen ist im höchsten Grade bedauerlich. Er ist geeignet, den ganzen Plan eines jüdischen Kongresses zunichte zu machen; denn einerseits besitzen die Herren Schiff, Marschall und ihre Freunde zu viel Macht und Einfluß, als daß sie ausgeschaltet werden könnten, andererseits aber ist die ganze Idee einer jüdischen Vertretung bei der Friedenskonferenz ihrer Bedeutung beraubt, wenn nicht das gesamte Volk dahinter steht. Noch aber ist die ganze Angelegenheit nicht Aargelegt. Noch wird zwischen beiden Parteien innerhalb der amerikanischen Jüdenheit verhandelt und' einflußreiche Persönlichkeiten sind am Werke, um eine Verständigung zu ermöglichen. Es scheinen bei diesem Gegensatz zum Teil auch politische Momente mitzuspielen, indem der schärfste Gegner des Planes eines allgemeinen jüdischen Kongresses, Herr Marschall, ausgesprochen englandsreundlich ist und befürchtet, ein solcher Kongreß könnte, den Stimmungen der jüdischen Massen in Amerika entsprechend, seine Sympathie für Deutschland bekunden. Wir wollen jedoch' hoffen, daß es gelingen wird, eine Verständigung zu erzielen und so der erste bedeutsame Schritt zu einer Organisation der jüdischen Friedensarbeit getan werden wird. Denn es handelt sich bei alledem um eine Frage von historischer Bedeutung, und es wäre von allen furchtbaren Schlägen, die uns der Krieg versetzt hat, der furchtbarste Schlag, wenn wir trotz all unserer Leiden und Qualen von der europäischen Friedenskonferenz unbeachtet Meben und so den Moment zu einer radikalen Wandlung unserer Lage unbenutzt vorübergehen lassen würden. «Für Frankreichs Ehre."*) Was treiben da für Irokesen oder Alldeutsche ihr Wesen! Was hat es zu bedeuten, daß man alle in Paris lebenden russischen Juden aufs Polizeirevier kommen läßt, und daß man ihnen droht, wenn sie sich nicht zum Dienst im russischen Heer meldeten oder zum Eintritt in unsere Fremdenlegion verpflichteten, würden sie zwischen heute und übermorgen als Verdächtige ins Konzentrationslager geschickt? Welcher verantwortliche Minister hat den Polizeipräfekten ermächtigt, seinen Kommissaren derartige Befehle zn erteilen? Und wenn die Kommissare solch traurige Befehle nicht erhallen haben, was ist das für ein Land, wo Polizeikommissare es auf ihre Kappe nehmen können, an politischen Flüchtlingen derartige Erpressung zu üben, ohne binnen 24 Stunden abgesetzt und ins Gefängnis geworfen zn werden? Die russischen Juden in Paris sind Flüchtlinge und Geächtete. Es steht mir in diesem Augenblick, wo das befreundete und verbündete Rußland schmerzerfüllte Zeiten durchlebt, nicht an, hier zu erzählen, wie es allzu lange die Juden behandelt hat. Es hat sie behandelt, wie unsere Vorfahren im Mittelalter sie behandelten und wie sie — das Frankreich der Revolution hat es feierlich erklärt — im* Lande der Menschenrechte nicht mehr behandelt werden sollten. Zu Tausenden sind sie aus Rußland geflohen, wie die französischen Protestanten im.17. Jahrhundert Frankreich verließen, um den Dragonnaden zu entgehen. Diese bellagenswerte Auswanderung hat im Jahve 1882 angefangen. Zu Tausenden, zu Hunderttausenden sind die Unglücklichen geflohen. Wohin anders sollten sie fliehen als in die Länder, die in ihrer Entwicklung weit genug vorgeschritten waren, um es dem Menschen nicht mehr als Verbrechen anzurechnen, daß er als Jude auf die Welt gekommen ist, das heißt, daß er einer der Rassen angehört, die durch ihre Intelligenz, durch ihre hohen sittlichen Tugenden am meisten zur Ehre der Menschheit beigetragen haben. Sie sind nach Amerika geflohen, wo ihrer heute 2*/» Millionen sind, die nach und nach im großen amerikanischen Schmclztiegel verschwinden. Sie sind nach dem freien England geflüchtet. Sie haben uns die Ehre erwiesen, aus dem Boden des republikanischen Frankreich eine Zufluchtsstätte zu suchen. Die ersten, die so um 1882 herum kamen, sind heute meistens naturalisiert wie ihre Söhne, und diese, französische Bürger geworden, mit den übrigen Bürgern jedweder Herkunft und. Religion *) Wir drucken den Artikel Gustav Hervss ohne Hiuzufügung unsererseits, da den Artikel sür sich spricht. Die Redaktion.