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Neue jüdische Presse · 1915-07-09 · Heft 26 (9.7.1915) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 26 (9.7.1915)
Date
1915-07-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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jici Ul» ^uun« «jci ucv uuwuu^u SV 4'IU*r l«* mw HauS 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel Nummern kosten 10 Pfg Erscheint wöchentlich am Freitag. AedaKtion und Expedition: Frankfurt a. M. :: Cangeftr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2803. Herausgeber: Kats cheis. Infertiansprris für die fünfgefpaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 1.—. Bei Mederholungen entsprechend« Rabatt. Etellen-Angebote und -Gesuche, WohmmgSinserate, HeiratS-Ilnnoncen 15 Pfg. die fechSgefPaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Anuoncen-Annahme bei d« Exped. und in aLlnnoncen-BnreauS.. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. «nt« Nr. 4864. 18. Jahrgang. Freitag» den 27. Turnus 5675 (S. Juli 1915) Nr. 26. Der Weltkrieg und das Schicksal des Mische« Volkes.*) In Äaren, festen Strichen fügt sich Satz an Satz, und das Ganze rvird zlt einer wuchtigen ''Anstage gegen die Ententemächte, die ohne jede sittliche Berechtigung und unter skrupellosestem Aufsspielsetzen der Kulturgüter Europas den von ihnen seit Jahren beabsichtigten und int Geheimen sorgfältig vorbereiteten Krieg vom Zaune gebrochen haben. Das Lügengewebe, das sie zur eigenen Rechtfertigung gegen Deutschland gesponnen haben, wird' zerrissen. Zum Schluß gewinnt der Leser die Ueberzengung, daß hier ein kluger und gerechter Richter gesprochen. hat. Ein sehr bedeutsames Ergebnis, wenn man bedenkt, daß allein 100,000 Bücher der Schrift, nach Amerika zur Versendung gelangt sirid. ' Doch der Titel nennt nicht nur den „Weltkrieg", er verspricht uns, diesen in Verbindung mit dein „Schicksal des Wischen Volkes" zu betrachten. Da muß denn gesagt werden, daß die zweite Aufgabe keine befriedigende Lösung, ja nicht einmal den Wunsch einer solchen zeigt. Hinter dem Titel „Der Weltkrieg und das Schicksal des jüdischen Volkes" hätte mit künstlerischer Kraft und jüdischer Wärme die gewaltige Tragödie des jüdischen Volkes in diesem Kriege in ihrer .ganzen Tiefe aufgerollt und das Licht einer Zuknnftshosfnung gezeigt werden müssen. Statt dessen findet das Judenproblcm nur die Beleuchtung, die ihm auch ein liberal denkender nichtjüdischer Schriftsteller hätte geben können. Diese Aufgabe hätte eben eine jüdische Persönlichkeit erfordert, die frei von aller Assimilation nur Jude sein will, in jeder Faser ihres Jchs mit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des jüdischen Volkes verwachsen ist. Mer Binjamin Segel scheint kein ausgesprochenes jüdisches Programm zu haben. Gutes jüd. Wissen und lebendiges jüdisches Interesse, wie sie das jüdische Milien Galiziens und ein noch in der Vätertraditiön wurzelnder Familienkreis geben, sind wohl bei ihm vorhanden, — doch seine jüdischen Ideale beschranken sich scheinbar auf die Durchführung der Gleichberechtigung der Juden als Staatsbürger. Ist jedoch daniit etwas für die Lösung des Jndenproblems geschehen? Sicherlich, nein. An Gegenteil, — wo nur noch dieser eine Wunsch wirkt, da führt der Weg ^ur Assimilation. Nicht, als ob nicht auch wir die bürgerliche Gleichberechtigung aller Juden erstrebten, — aber wir machen uns keine Illusion darüber, daß mit ihr für die innere Lage der Juden nichts geschehen ist, und unser sehnlichster Wunsch will ein jüdisches Volk, in den: alle glücklichen Zeiten seiner Vergangenheit wieder lebendige Gegenwart geworden sind und das sich, wurzelnd in der Tradition seiner Vater, als Herr seines Geschickes begreift. Die Segel'sche Schrift äußert, wie gesagt, nur eine jüdische Sorge: Die Bedrohung 'der Gleichberechtigung. Sie sagt darüber: „Wenn schon der Krieg" an sich für uns ein ungeheures Unglück : bedeutet, so ist die Gruppierung der kriegführenden Mächte der härteste Schlag, der uns überhaupt treffen konnte. Das Prinzip der bürgerlichen Gleichberechtigung im Staate, ein Prinzip, welches nach 150jährigen Kämpfen endlich die allgemeine Anerkennung der Knlturwelt gefunden, ist ernstlich *) Der Weltkrieg und das Schicksal des jüdischen Volkes von Binjamin Segel. 144 Seiten, 1.50 Mk. Berlin - N\V; 7, Georg Stille. bedroht. Denn die beiden Staaten Europas, in denen die Gleichberechtigung endgültig und auf breitester Basis durchgeführt worden ist, werden von dem Staat, der diesem Prinzip hartnäckigen Widerstand entgegensetzt, auf Tod und Leben bekämpft, und das geschieht unter Patronanz dieser und iin Bunde mit den „beiden größten demokratischen Mächten Westenropas", die die Freiheit des Individuums und die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz auf ihre Fahne geschrieben . . ." Das ist sehr richtig, — unb es war besonders notwendig, den Juden der neutralen Länder in allerdeiitlichster Klarheit zu. zeigen, was fiir die bürgerliche Lage des größten Teils der Judenheit in diesem Kriege ans denr Spiele steht, und daß es daher nicht nur aus Gründen der Gerechtigkeit, 'sondern auch aus jüdischen Gründen ihre Pflicht ist, kraftvoll für die Sache der Zentralmächte und gegen die Entente zu propagieren. Aber es hätte auch im Rahmen der Arbeit mindestens gezeigt werden müssen, welchen Weg die Zehntausende existenzlos gewordenen Juden des Ostens, denen man bereits jetzt helfen kann, und die Hunderttausende, die nach dem Kriege noch auswandern müssen, wandern sollen, und zwar einen Weg, der das jüdische Schicksal des.jüdischen Volkes im Auge hat. Unabhängig von dem Ausgang des Krieges ist mit. der Tatsache einer großen Jüd'enwandernng zu rechnen, und deshalb hätte mindestens noch ihre Behandlung in den Bereich des Buches gehört. Das hätte aber an die große jüdische Zukunftsfrage gerührt. Das Schicksal des Wischen Volkes. — Nicht die hunderte zerstörten jüdischen Gemeinden, nicht die hunderttanscnde vernichteten Wischen Existenzen des Ostens erzählen von einem eigenen Geschick des jüdischen Volkes, auch nicht die von den Kosaken beliebten Judenpogrome. Das sind natürliche Folgen des grausamen Krieges, und nicht nur die Juden wurden davon betroffen. Die Tatsache aber bedeutet das Schicksal des jüdischen Volkes, daß dieses, während die anderen allmählich ihre Wunden wieder heilen werden, Wunden empfangen hat, aber keine Heilung sucht. Denn ist der Krieg vorbei, dann hoffen auch die unterlegenen Völker wieder auf eine Zukunft und arbeiten fiir sie, — aber wir Juden? Jeder von uns sieht, wie um ihn jüdisches Wissen von Jahr zu Jahr weniger wird und jüdisches Leben von Jahr zu Jahr mehr verflacht; — doch wer sorgt sich darum,? An dieser Entwicklung wird auch der Krieg nichts ändern, wenn er nichts in uns geändert hat, wenn er nicht endlich die Sorge um unsere Zukunft als Juden in uns erweckt hat. An dem Schicksal des Wischen Volkes hat der Krieg nichts geändert; doch sollte er den Blick all' derer, die noch etwas Wische Liebe in sich fühlen, denen die Zukunft der Jüdenheit nicht ganz gleichgültig geworden ist, auf die Schicksalsfrage des jüdischen Volkes gelenkt haben, dann hätte er ändernd eingegriffen, dann wäre er trotz seiner furchtbaren Opfer ein Segen W das jüdische Volk gewesen. Der einzige lichte Zükunstsweg des jüdischen Volkes weist nach Palästina. „Dort genügt es" — wie der Nichtjude Alfons Paquet sehr richtig sagt — „wenn sich so viel Wische Bevölkerung sammelt, daß sie dort mit der nichtjüdischen gleichsteht", damit „der Wische Charakter des Landes gesichert und, per archimedische Punkt gefunden" sei, „wo eine Entscheidung einsetzt." Möchte auch Binjamin Segel sein Können in den Dienst dieser jüdischen Zukunft stellen! _ Die „Judenfrermdlichkeit" -er Entente. Zu dem System von Phrasen, Schlagworten und Lügen, das die lauten Wortführer der Entente rasch konstruiert haben, um ihrer brutal-egoistischen Politik die Weihe und Lockkraft großer idealer Ziele zu verleihen, gehört auch die Versicherung, Rußland werde durch sein Bündnis mit Frankreich und England freiheitlicher und damit dre Lage der russischen Judenheit besser werden. Dieser Illusion, die imtner wieder von den Agitatoren und Herolden der Entente gutgläubigen Unwissenden vorgezaubert wird, sind denn auch schon in der Tat manche zum Opfer gefallen, angefangen beim Dichterpolitiker Zangwill bis zum! theoretisierenden Professor Gottheil in Amerika. Demgegenüber haben alle einsichtigen Kenner der Verhältnisse stets wiederholt, daß durch das unselige Bündnis der Westmächte mit Rußland.nicht das Zarenreich liberaler, sondern, die Weststaaten reaktionärer werden würden, und statt daß Rußland zu einer humaneren, gerechteren Judengesetzgebung sich entwickeln sollte, würde von dorther vielmehr der antisemitische Geist seinen Einzug nach England und Frankreich halten. Diese Behauptung hat sich bereits vor dem Kriege zu bestätigen begonnen; die „Times", -das führende Blatt Englands, ist schon seit einigen Jahren ausgesprochen judenfeindlich und scheut sich nicht, manchmal bereits in ihrem Tone und in ihrer Logik bei Besprechung jüdischer Fragen auf das Niveau der „Nowoje Wrcmja" herabzusteigen; uitiv was die innerlich faule und korumpierte Pariser Boulevardpresse betrifft, so zeigte ihre Haltung in den Tagen des Beilisprozesses, die sich durch nichts von derjenigen der reaktionärsten russischen Hooliganzeitungen unterschied, was man von ihr zu erwarten habe. Der Krieg, der das Bündnis mit Rußland noch gefestigt hat, hat diesen wachsenden Antisemitismus in England und Frankreich noch gesteigert, wenn man auch nach außen hin, besonders Amerika gegenüber, natürlich bestrebt ist, die Rolle des Vorkämpfers für Freiheit und Zivilisation auch in diesem Punkte gut zu spielen und zu diesem Zwecke vor einiger Zeit die gesamte englische Presse wie auf Kommando von der Gründung eines Wischen Staates in Palästina zu sprechen begann, um dadurch. die Sympathie der amerikanischen Juden für die Entente zu gewinnen. Wie man in Wahrheit in England über die Judenfrage denkt, bewiesen zahlreiche Artikel in der „Times" und anderen angesehenen englischen Zeitungen, die von Rußland aus Berichte und Artikel über die Haltung der russischen Judenheit während des Krieges veröffentlichten, die an Lüge und Niedertracht es mit den Hetzartikeln der schlimmsten Blätter der „Schwarzen Hundert" aufnehmen können. Weitaus Schlimmeres ist jedoch in Frankreich vorgekommen. In diesem Lande, das die „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" als Monopol W sich beansprucht, hat in den letzten Wochen em regelrechter Verfolgungsfeldzug gegen die zahlreichen in Paris wohnenden russischen Juden eingesetzt. Man will sie zwingen, entweder nach Rußland zurückzukehren, wo viele von ihnen, die als Revolutionäre und politisch Verdächtige vor Jahren bereits geflohen sind, die Verbannung nach Sibirien erwartet, oder aber in die „Fremdenlegion" einzutreten, deren Eigenart schon genüg-

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