Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 24 (25.6.1915)
- Date
- 1915-06-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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+1 + Redaktion und Erpedition: Frankfurt a. M. « Cangeftr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. Herausgeber: K-lg chois. Erscheint wöchentlich am Freitag. Orrugsprris Pro Vierteljahr : In Frankfurt a. M. Mk. 1.— stet ins Haus. Bei der Post abonniert 90 Pfg-, frei ins hauS 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 10 Pfg Fasertimlsprei» für die fünfgespaltene Petitzeile 28 Pfg., für die Reklamezeile Mk.1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuchs WobnungSinserate^ Heirats» Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Amumcen-Annahme bei der Lxped. und maLlmwncewBureauS., Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M unter Rr. 4884. 18. Jahrgang. Freitag, de« 13. Tanras 5675 (25. Juni 1915) Nr. 24. Die Lehre der Zeit? In dieser den Denkenden zur ernsten Selbstprüfung geradezu zwingenden Zeit darf wohl die Nntersuchung des Zeiteinflusses auf die religiösen Strömungen ein vorzügliches Interesse beanspruchen. Man wird ohne weiteres «eine Vertiefung des religiösen Lebens annehmen. Das hat nun seine Richtigkeit, soweit es den Soldaten draußen im Felde, betrifft- Uebür ihm schwebt in jedem Augenblick die Gefahr, ein Opfer des Krieges zu werden, und so wendet er sein Herz Gott zu, daß er ihn schütze. Doch ob diese religiöse.Vertiefung bleibt, und welche Praktischen Folgen sie hat, das wird sich erst nach dem Kriege zu erweisen haben. Mer ■ auch die Daheimgebliebenen sollten die Stimme Gottes jetzt deutlicher denn je vernommen haben. Ob sie sie aber vernommen haben? Wenn man die Aeußerungen der in unserer Judenheit vorhandenen religiösen Richtungein verfolgt, so sucht man vergeblich nach Zeichen sichtbarer Aenderungen, unbi' es scheint, daß die DaheimgSbliebenen noch von denselben Gedanken beherrscht werden und denselben Zielen zustreben wie vorher. Einige charakteristische Beispiele der jüngsten Gegenwart mögen dasbüegen. Greift man nach den Rabbiner Dr. Breuürschen Monatsheften, so spricht der unversöhnliche, jedes Entgegenkommen ausschließende Geist aus ihnen wie früher. So rühmt sich, im letzten Hefte sein Sohn, der Aschaffenburger Distriktsrabbiner, gegen einen bekannten Mohel ein.Ausübungsverbot seiner Tätigkeit durch die bayerische Regierung erwirkt zu haben, weil er in einem Punkte die Handlung nicht nach seiner, des Rabbiners, Ansicht vollzieht.*) War es deshalb notwendig, gegen einen Mann von anerkannter jüdischer Gelehrsamkeit und Gesetzestreue die'Staatsgewalt anzurufen? Ist dies die Lehre der Zeit, deren innigster, sehnsüchtigster Wunsch nach dem gottgesegneten Frieden geht? Oder man nehme, um sich, der entgegengesetzten Seite zuzuwenden, das Organ der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland zur Hand. Auch hier die alten Gedanken in unveränderter Form. Was soll Man z. B. zu nachfolgenden Aeußerungen sagen: „Manches andere hat auch die harte Not des Krieges beseitigt. Die Frage der Nahrung ist für keinen jüdischen Soldaten ein Problem mehr. Der Gottesgedanke liegt nicht in der Schlachtweise des Viehes. . . Wo ist sie hin die Frage, ob man am Sonnabend fahren dürfe oder nicht? ... . . Niemals sind wir mehr zu der Erkenntnis von dem tiefen Gehalt unserer Religion gekommen als in diesem Kriege, niemals haben wir sie mehr lieben gelernt. Sollten wir noch einmal nach Hause zurückkehren, so würden wir es nicht mehr verstehen können, wenn das alles noch einmal zum Problem würde, was im Felde praktisch gelöst worden ist." Also toeöer rechts noch links ein sichtbarer Wille, mit sich zu Rate zu gehen. Soll das auch nach dem Kriege nicht anders würden? Wird man auch noch nach dem Kriege in dem' rechten Flügel der Orthodoxie gewisse Besonderheiten zum Schaan der Interessen dür Gesamtorthodoxie als trennende Prinzipienfragen betrachtet wissen wollen? Wird man auch noch nach dem Kriege sich in der liberalen Judenheit immer noch damit begnügen, *) Nebenbei bemerkt: Die Behauptung Rabbiners Dr. Breuer, der Moheli habe por Jahren ebenso gehandelt, entspricht nicht de» Tatsachen. alles, was traöitionstreues Judentum heißt, als null und nichtig zu proklamieren, statt, zu versuchen, sich mit dem Geiste dieses Judentums wenigstens vertraut zu machen. Will das liberale Judentum auch weiterhin seine Aufgabe darin erblicken, vom Geiste der Zeit an das Judentum heranzutreten, statt das Judentum aus sich zu erfassen und damit eine Verständigung zur traditionellen Judenheit anzubahnen, eine Brücke zur jüdischen Einheit zu schlagen? Der Krieg hat mit furchtbarer Deutlichkeit gelehrt, wie nur eines, nur die reine Gesinnung Dauer und Siegeskraft hat, —. und zur reinen Gesinnung fuhrt dauernde ernste Selbstprüfung. Mehr als je wird es sich in dem Augenblick, da dür Krieg 'beendet sein wird, um die Gestaltung der Zukunft tzes Judentums handeln. Es wird der folgenschwerste Augenblick sein! Werden in diesem Augenblick alle die, die sich verantwortlich für die jüdische Zukunft fühlen, jene ernste Selbstprüfung gn sich vollzogen haben, aus der sich für jeden von ihnen seine reine jüdische Gesinnung kristallisiert? Versuch eines logische« Beweises für die Existenz eines Schöpfers des Weltalls. Bon Hermann Cohn, Nürnberg. Ausnahmslos nehmen alle Vertreter der exakten Wissenschaft eine Höherentwicklung aller Lebewesen an und zwar ebenso Darwin wie Häckel und Ostwald. Fast alle Gelehrten, außer Darwin, der seinen diesbüzüglichen Standpunkt nicht klargestellt hat, stehen auf dem materialistischen resp. atheistischen Standpunkte und nehmen daher an, daß die unorganische .Materie vom Moment der Umwandlung in belebte Materie in eine Phase der ununterbrochenen Höherentwicklung tritt. Sicher ist, daß die tote, anorganische Materie keine Tendenz zur Höherentwicklung hat, sondern daß letztere. erst cinsetzt, wenn die tote Materie durch HinzükomMen irgend einer Kraft, die von den bisher bükannten, meßbaren Kräften verschieden ist, organisch, das heißt belebt wird. Da nun die Materie erst nach Zugesellung einer Kraft und nach Umgestaltung durch letztere zu belebter Materie eine Tendenz zur Höherentwicklung zeigt, so haben wir wohl diese Tendenz nicht in der Materie an sich, sondern logischerweise in der hinzutretenden Kraft allein zu suchen. Mit anderen Worten: Die Kraft, welche die Materie belebt macht, inuß in sich die Tendenz zur Höherentwicklung besitzen. Wohl weiß ich, daß vielfach angenommen wird, daß alle Materie untrennbar mit Kräften verbunden sei; doch ist das erstens eine unbewiesene Theorie, und dann, vorausgesetzt, daß überhaupt die durch unsere Sinne wahrnehmbare Materie als Ding an sich existiert und nicht nur eine Fiktion ist, zeigen die der toten Materie associerten Kräfte niemals eine Tendenz zur Höherentwicklung ihrer Materie. Diese Tendenz ist der belebten Materie Mein Vorbehalten. Wilhelm . Ostwald, der die Existenz einer Materie an sich überhaupt leugnet und' dieselbe nur als konzentrierte Kraftzentren, die nur auf unsere Sinne den Eindruck einer Materie Hervorrufen, erklärt, müßte denmach, da auch er eine Höherentwicklung der Lebewesen annimmt, . auch an eine fortfchreitendü Höherentwicklung der Kraft glauben, da nach ihm alle Materie nur scheinbar und in Wirklichkeit bloße Kraft ist! Lassen wir nun Ostwaldfs Theorie beiseite. Angenommen, die Materie sei real, so erfolgt also die Umwandlung derselben in Lebewesen, sei es auch nur in undifferenziertes Proteplasma, durch die Zugesellung einer Kraft. Mstrahieren wir diese Kraft von der Materie, so würde letztere ewig tot bleiben wie ncbeneinanderliegende Räder und Zapfen einer Uhr. bevor sie der Uhrmacher zusamMensetzt und aufzieht. Auf den etwaigen Einwand, daß eine besonders Kraft, welche unter gewissen Umständen und Kombinationen anorganische Materie in organische — belebte — Materie verwandle, in aller anorganischen Materiü latent enthalten sein könne, erwidere ich, daß diese Hypothese identisch mit der von allein wissenschaftlichen Autoritäten fMen gelassünen Hypothese von der spontanen (zufälligen) Schöpftmg wäre, indem dann letztere, unter gewissen.Umständen entstehen müßte. Diese Theorie von der zufälligen, von selbst entstandenen Urschöpfung ist aber, als allen Erfahrungen widersprechend, wie schon beinerkt, von allen Autoritäten beiseite gelegt, und cs hat wieder der Grundsatz der Men Naturforschung: „Qmne vivum e vivo", Mes Leben stammt wieder vom Leben ab, seine volle Geltung behalten. Nur Häckel hält an der Theorie der zufälligen Entstehung ves irdischen LÄens krampfhaft fest; jedoch ist Häckel, so groß auch seine Verdienste auf naturwissenschaftlichem "Qieöiete sind, als Naturphilosoph nicht ernst zu nehmen und wird auch als solcher von niemand mehr ernst genommen. Die Erfahrung hat uns gelehrt, daß alles Leben, alle organische Materie, nur wieder von etwas Lebendem und von anderer organischer Materie abstammen könne. Man kann also mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen, daß die Kraft, welche die Materie organisch macht, nicht in 8er anorganischen enthalten ist, sondern sich, von außerhalb der Materie kommend, derselben zugesellt. Ebenso scheint es einleuchtend, daß die Kraft durch die Arbeitsleistung, die sie an der Materie vollzieht, an Intensität verliert. Wenn sie trotzdem die Materie bis zum selbstbewußten Menschen höherentwickelt, so muß die. nicht durch materielle Verbindung beschwerte, freie Urkraft, welche nach Ansicht aller schon ewig existiert, auf der höchsten denkbaren Stufe des Selbstbewußtseins und aller Vollkommenheit sich schon von Ewigkeit her befinden. Die Urkraft, welche alles belebt und alles gesetzmäßig leitöt, muß also bewußt sein und ist Schöpfer des All. Diese Urkraft muß aber auch „frei" sein, denn: Auch aus den sogenannten Naturgesetzen, über deren Nichtewigkeit ich schon früher geschrieben habe, geht, wie mir scheint, die Existenz einer bewußten, allmächtigen, schöpferischen Urkraft hervor. Die Definition eines sogenannten Naturgesetzes ist: Etwas gescheht unter gewissen Umständen, soweit unsere Erfahrung reicht, immer in der gleichen Weise, das heißt gesetzmäßig. Nun gibt es für dies gesetzmäßige Geschehen zwei Möglicheiten: Entweder ist das Geschehen zusMig regelmäßig, dann schidet dasselbe aus dem Begriff „Naturgesetz" aus; oder aber das Geschehen erfolgt notwendig, unter einem Zwange stehend. Nun kann meines Erachtens keine menWiche Intelligenz ein gesetzmäßiges, unter Zwang stehendes Geschehen ohne eine Ursache für den Zwang, sich ausd«nken, wohl aber eine Ursache, die vermöge ihrer unendlichen Macht und Vollkommenheit den Zwang ausübt und logifcherweise diesen Zwang srei ansübt, da diese Urkraft anderenfalls wieder auf die Stufe eines unter Zwang