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Neue jüdische Presse · 1915-06-11 · Heft 22 (11.6.1915) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 22 (11.6.1915)
Date
1915-06-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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yr=r_ ■-■■■ ::.r.., 1 "tt: . Erscheint wöchentlich am Freitag. Aemgsprris pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. I.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert 90 Pfg., frei inS Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Ml. 1.50, für Rußland l Rubel, für alle übrigen Länder Ml. 2.— Einzel - Nummern losten 10 Pfg. v> .■ - . — -9 Redaktion und Expedition: Frankfurt ». M. « Eangeftr. 7 Fernsprecher Amt Hansa 2803. Herausgeber: Kaks Keis. die Rellamezeilr Ml. 1.—. Bei Wiederholungen Rabatt. Stellen-Lngebote und -Besuche, WohnmigSinserat^ heiratS-Lnnoncen 15 Pfg. die sechSgefpaltrue Petitzeile ohne Ä»en Rabatt. Platz- und L«tum-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Anu»ncen»NnnahmebeiderShxped.undiua.Anno>tcen-Burea»R., llonto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Rr. 4884. 18. Jahrgang. Freitag, den 29. Sivan 5675 (11. Juni 1915) Rr. 22. ■■ i 'i ————■—i■ ' - ■»■■■■.. i. — ■» ■■■■■ ■■ ■ ■■ —. " i 1 . ~ — Die jüdischen Realschulen Deutschlands. Nur in Deutschland hat man eine größere Anzahl höherer Schulen, die von Juden für jüdische Müder gegründet worden sind. Auch das weist auf die Führerrvlle der deutschön Jüdenheit. Deshalb darf eine Arbeit,*) die einen Üebcrblick über Entstehung und Wesen dieser Schulen gibt — es sind sieben Schulen mit etwa 2700 Schülern und Schülerinnen — Anspruch auf Beachtung erheben. Die Aufgabe dieser Schulen nmß es naturgemäß sein, den beiden Hauptrichtungen dör deutschen Judenheit ihre zukünftigen Mannen zu erziehen; gehören sie doch entweder der ausgesprochen traditionstrcuen oder derön Gegenpol der neologen Richtung, an. So findön wir denn in den einen «schulen die Pflege der Kenntnis dös jüdischen Schrifttums und der Beobachtung der jüdischen Tradition, und der Unterricht in den Religionsquellein des jüdischen Volkes nimmt den ersten Platz im Religionsplano ein. Dagegen spielt bei den anderen Schulen all' dies und was damit zusammenhangt, nur eine Aschenbrödelrolle. Sie haben für Religion und Hebräisch zusammen nur 2 bis höchstens 3 Stunden in jeder Klasse wöchentlich übrig. In der Jacobsonschule zu Seesen ist „der Sonntag und nicht der Samstag schulfreier Tag". In der Samsonschule zu Wolfentzüttel werden di« Winter-Freitagabende durch „musikalisch-deklamatorische Vorträge" gefeiert, und der Sylvesterabend wird „in hergebrachter Weise in ausgelassener Fröhlichkeit" begangen. Letztere Schule verkündet als ihr Ziel „die Heranbildung sittlich guter Menschen und tüchtiger Staatsbürger", von irgend einem jüdischen Erziehungsideal sagt sie jedoch kein Wort. Betrachtet man die Schulen der neologen Richtung, so gewinnt man den Eindruck, daß sie wirklich nichts anderes erstreben, als „sittlich gute Menschen und deutsche Staatsbürger" zu erziehen, und man fragt sich vergebens, wie sie sich eigentlich ihren Einfluß auf eine „jüdische" Zukunft vorstellen. Denn die homöopathischen Dosen jüdischer Glaubenslehren, die für. sie als letzter Rest der gewaltigen jüdischen Lehre mit all' ihren Folgerungen für die Lebenswirklichköit übrig geblieben sind, können doch kein Leben mehr erzeugen! Das „neologe" Judentum hat eben nur seine „verneinende" Kraft bewiesen. Hatte es noch ein jüdisches Wollen, so müßte sich das gerade an Pen Stätten zeigen, in Lenen es seine Jugend erzieht. Dann lehrte man dort nicht im Ganzen 2—3 Stunden Religionslehre und hebräische Sprache, sondern Man würde dem Hebräischen allein 2—Z Stunden widmen, würde es unterrichten wie das Französische und das Englische und würde wie bei diesen Sprachen auch beim Hebräischen das Ziel haben, die Schüler mit den Meisterwerken in der Literatur dieser Sprache vertraut zu machen und befähigten, strebsamen Schülern die Möglichkeit zu geben, allein weiter in die Literatur eindringen zu können. Mer die Geistescrzeugnisse dör großen jüdischen Vergangenheit scheinen nicht einmal die Bedeutung einer xbeliebigen fremdländischen Kultur zu haben, für die hebräische Sprache genügt das mechanische Lesenkönnen mit dem Verstehen einiger geläufiger Gebetausdrücke als Ziel. *) Die jüdischen Realschulen Deutschla.n.ds von D.r. A. Fürst, Realschülprofessor in Szekessehörvär 1915. 54 Seiten. Das waren die Gedanken, die uns kamen, als wir des ^Verfassers Schilderungen der neologen Schulen lasen. Aber auch seine Schilderungen der traditionstreuen Schulen veranlaßtön uns zu weiterem Nachdenken. Der Verfasser schreibt bezüglich dieser Schulen auf Seite 82: „Ein symptomisches Zeichen dafür, wie ängstlich die Schulen im profanen Unterricht jede Betonung ihres jüdischen Charakters vermeiden, erblicke ich darin, daß sich unter sämtlichen mitgeteilten deutschen Auffatzthemen kein einziges befindet, das nur im entferntesten jüdischen Inhaltes oder Interesses ist, obwohl die Heranziehung fremder Disziplinen Mn hier nichts Unerlaubtes oder Ungewohntes wäre." Mit diesen Worten hat er seinen Finger auf eine tiefe Wunde gelegt. Er selbst zieht freilich keine Schlüsse, weil das nicht in der Absicht seiner Arbeit liegt, — doch wir wollen sie ziehen. Tie reinliche Scheidung zwischen jüdischen und profanen Fächern in Befolgung einer recht eigentümlichen Erfassung des Ausspruches „Jofo thauroh im derech erez" hat sich als verhängnisvoll erwiesen. Tenn diese Scheidung überträgt sich nachher leicht auf das profane Leben. So kommt es, daß man die wichtigsten Lebensfragen in zahlreichen traditionstreuen Kreisen nicht von der Warte jüdischer Welt- und Lebensanschauung zu betrachten sich gewöhnt hat, und daß so selbst in diesen Kreisen, die die jüdische Tradition rein erhalten möchten, ein starker assimilatorischer Zug festzustellen ist. In den Häusern zahlreicher traditionstreuer Familien hört man z. B. bei Tisch selten ein jüdisches Thema, und, wenn nicht die Üblichen Segenssprüche vor und nach der Mahlzeit wären, könnte man meinen, sich an einetoi Tische zu befinden, an dem das Jüdische kein Interesse mehr hat. Das ängstliche Bemühen der einseitigen Hervorkehrung der religiösen Seite des Judentums findet sich' aber auch in den jüdische Unterrichtsfächern selbst: Vernachlässigung der Geschichte des jüdischen Volkes und seiner Sprache als Sprache**) und als Mittel, mit der Literatur vertraut zu werden. : Möge man in der traditionstreuen Judenheit auf diese Dinge endlich einmal die Aufmerksamkeit richten. Melleicht findet man dann einen Weg, manches zu erhalten und zu fördern, was unter den jetzigen Verhältnissen der Assimilation verfällt. Das Martyrium der russische» Jude«. Sofort, als der Weltkrieg ausbrach, richteten sich die Blicke aller Juden sorgvoll und bangend nach Rußland, ist es doch bekannt, daß jede Erschütterung des politischen Lebens in Rußland, jede Krise und jede Not, sofort auf die Lage des russischen Judentums rückwirkt, da es ja die althergebrachte und beliebte Maxime der russischen Machthaber ist, für alles von ihnen verschuGetö Unglück die Juden als die Schuldigen zu erklären. Man mußte so von vornherein befürchten, daß bei einem für Rußland unglücklichen Verlauf des Krieges — an dem in Deutschland niemand von Anbeginn gezweifelt hat — sich die furchtbaren Ereignisse wiederholen werden, die nach öem russisch-japanischen Kriege eingetreten sind, und man mußte vor Pogromen fürchten, die in ihrem! Umfang ebenso **) Nur in der höheren Israel. Schule zu Leipzig wird der -hebräische Sprachunterricht ziemlich energisch bis - zur Technik des hebräischen Briefstils betrieben. - sehr jene des Jahres 1906 übertreffen könnten, wie dieser Weltkrieg an Größe den Kampf gegen Japan übersteigt. Der in den ersten Monaten für Rußland relativ günstige Verlauf des Krieges, besonders die zeitweilige Besetzung galizischen Gebietes, hatte diese Gefahr ein wenig zurückgedrängt. Statt dessen setzte im polnischen Krietzsgebiete eine Verfolgung der Wischen Bevölkerung seitens der militärischen Behörden ein, die zusammen mit dem niederträchtigen Verhalten der polnischen Einwohner einen großen Teil der dort lebenden Inden ruinierte und sie brot- und schütze los in die Fremde trieb. Es war ein ganz neues System der Judenverfolgung, das da zum Bor« schein kam; unter dem Mantel militärischer Maßnahmen wurden Tausende von Juden aus ihren Heimstätten verjagt und ganze jüdische Gemeinden über Nacht vernichtet. Man zweifelt« anfangs, ob diese brutalen Maßnahmen Willkürtaten einzelner Befehlshaber oder aber Teilerscheinungen eines systematischen Vorgehens darstelltvu; bis dann der Armeebefehl des OberkoMmandierenden Nikolai Nikolaewitsch bekannt ward, der zeigte, daß hi« eine durchaus systematische und beabsichtigte Judenverfolgung in größtem Stile vorlag. Seitdem ist dieses System aus immer größer« Gebiete ausgedehnt worden; aus iimner neuen Gemeinden wurden die Juden ausgewiesen, und 'in der vor kurzem erfolgten Ausweisung der Wüschen Bevölkerung aus den Gouvernements Kowno und Kurland hat diese Verfolgung ihren Höhepunkt erreicht. 150,000 JrÄen mußten binnen weniger Tage Haus und-Hof, Hab und Gut Erlassen unb in entfernte Gouvernements auswandern.'Wer den Vorgang in seiner ganzen Größe sich ausmalt, w« weiß, was. es für eine Familie bedeutet, binnen zweier Tage die seit Jahrzehnten bewohnte Heimstätte zu v«lftssen und den größten Teil des in jahrelanger harter Arbeit erworbenen Gutes preiszugeben, der wird verstehen, welche unausdenkbare Summe von Jammer und Elend ein solcher Ausweisungsbefehl bedeutet, wird verstehen, von welcher Brutalität urü» Niedertracht die Befehlshab« sein müssen, die solchen Befehl erteilen konnten. Mein das Schlimmste an alledem ist der Umstand, daß mit diesen Ausweisungen tzie Berfolgung noch nicht ihr Eiü>e erreicht hat, vielmehr nicht abzusehen ist, was noch kommen kann. Denn es liegt lediglich im Belieben der militärischen Gewalt, auch andere große Gouvernements als Kriegsgebiete zu erklären und demgemäß die Ausweisung der Mischen Bevölkerung dort anzuordnen; schon melden die Zeitungen, daß tzie Juden in Riga (50,000) und Wllna (zur Zeit an die 200,000) eine baldige Ausweisung.befürchten. Zumal, wenn das Kriegsgebiet noch eine Ausdehnung erfahren sollte infolge der siegreichen Offensive uns«« Truppen iu Galizien und Kurland, sind solch weitere Austreibungen und damit 8« Rum von weit«en Zehntaufenden russischer Juden bestimmt zu «warten. Und zu all diesen „loyalen" Verfolgungen kommt noch die Furcht vor and«eu, sMimmeren hinzu. Die Gefahr der Pogrome, die bislang etwas zurückgedrängt war, tritt Wied« hervor; der große Zusammenbruch der russischen Armeen, der früher od« spät« einmal eintreten mußte, hat b«eits begonnen; Mederlage auf Niederlage haben die lebten Wochen dem russischen Heere gebracht; schon ist Prcemysl wiedererobert und di« Räumung Lembergs vielleicht nur noch eine Frag« von Tagen. Und so erhebt sich wieder die Sorge, daß wieder

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