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Neue jüdische Presse · 1915-05-28 · Heft 20 (28.5.1915) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 20 (28.5.1915)
Date
1915-05-28
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Frankfurter Israelitisches FamilienAatt. Nr. 20. Frankfurter Edelmetallverwertung G'rlach t Veias Goldu.Silberecbe'deanKtal > Metallurg. Laboratorium. Tannii8«tr. 28. Franbfnrt a. H. TeL I* 6US* Ankauf aller Edelme> all-Rflckstände, Bruchgold u. Silber. _Barren — Fellnng — fiekr&taen AbfliUen» am Arm, ihnen folgte der Direktor Kremski. Letzterer war eigentlich ein sehr miserabcler Direktor, aber als Schauspieler gar nicht so übel. Sein Fach waren die gutmütigen Väter- und Onkelrollen. Er spielte sie auch im Leben recht brav. „Aber Kind, liebes, törichtes Kind", ließ sich sein väterlicher Baß jetzt vernehmen, „unter meinem Schutz wirst Du doch nicht zagen, das Heim eines Kavaliers zu betreten, für dessen lautere Absichten Dir sein guter Name bürgt!" „Ihr Schutz, Kemski!", lachte Life Lehmann, sic schrie förmlich vor Lachen. „Das wäre ebenso gut, als wollte ich bei Gewitterregen einen Regenschirm von Florpapier über niich spannen; aber nun ist's ja egal, nun bin ich einmal hier. Hübsch haben Sic's Alcxandru, sehr hübsche" Sic hatte sich von Jemilians Arin los gemacht und spazierte im Zimmer herum. Plötzlich stieß sie einen Schrei aus: „Himmel, wie kommt Fräulein von Moorbach hierher?" Claudia starrte das Blut, aber Life hatte sie keineswegs entdeckt, sie stand vor dem' Schreibtisch, ja sie kehrte Claudia den Rücken zu, als sic rief: „Das ist ihr Blld, wie merkwürdig!" „Sehr natürlich", sagte Jemilian, „sic hat es mir geschenkt." „Sie kennen Fräulein von Moorbach? Woher? Wieso. Das müssen Sie mir. erzählen." „Wenn es Dir Vergnügen macht." „Es ist zu interessant. Setzen Sie sich hier auf das Tabouret zu meinen Füßen und sprechen Sie, ich brenne vor Neugier, ich schwärme nämlich für die schöne Claudia." „Ich nicht. Obwohl sie sterblich in mich verliebt war." „Was?" „Sie liebt mich noch." „Aufschneider!" „Ich . kann Dir Beweise geben." „Erzählen! Erzählen." Life, trommelte mit den Füßen vor Ungeduld. „Was? Die stolze, vornehme Claudia in Sic verliebt? In Sie?" „Es gibt erstamrlichere Wunder als das. Vor fünf, sechs Jahren wohnte ich in Wien in einer sogenannten Fremdenlegion. Ein äußerst feines Institut, man sprach nur englisch beim Diner, die Inwohner und Inwohnerinnen fast alle Ausländer, die Herren vom Highlife, die Damen meist Aristokratinnen du sang, Du verstehst?" „Kein Wort. Warum reden Sie immer Latein?" „Ich meine, die Damen alle, Frau Gencralin von ” Frau Oberst von **" „Ach so!" „Fräulein von Moorbach darunter. Ich plauderte hin und wieder mit ihr, sie war wirllich recht unterhaltend. Auf einem Maskenfeste, welches die Pension zum Besten der Missionare am Kongo veranstallete, erschien sie als Knappe, wirllich ganz allerliebst. Vielleicht hatte sie irgendwoher erfahren, daß ich ein Ritterkostüm gewählt, kurzum, ich Hatte einen reizenden, lleinen Schildträger, der sich den ganzen Abend an mich attachierte. ,;Knappe",' sagte ich zu ihr, „ich wollte, daß Du Zeit Deines Lebens ein Mann wärest, ich würde Dir meine Freundschaft schenken." „Und ich wollte nicht eine Stunde, daß Du ein Mädchen wärest", erwiderte sie, während ich an ihrem Halse sah, wie sie unter der Maske errötete, „Deine Freundschaft würde mir zu wenig sein!" .Den nächsten Tag fand ich für gut, eine größere Reise anzutreten. —" „Das ist recht grausam!" „Mag sein", Jennlian drehte seinen Schnurrbart und lächelte vor sich hin. „Wenn ich irgend einem Attentate auf meine Freiheit nicht widerstehe, so wird es eine Millionärin sein, aber nicht Fräulein Claudia." ,; (Fortsetzung folgt.) Restaurant Nprankel 96 Bergerstrasse 96. Jeden Domienstatr Faniiliemihend mit Konzorr. HF“ Eröffnung des Gartens "WU Willi Sprankeh Erinnerungen aus Sen Tagen Ser Kindheit. Vom Bergingenieur L. R o s e n t h a l (Basel). Wenn man von Cassel aus auf der sogenannten „Holländischen Chaussee" gen Norden wandert, so passiert man sehr bald oie fränllsch - niedersächsischc Sprachgrenze und erreicht nach etwa 4 Stunden das liebliche Tal der Warme. Bei dem Dörfchen Obermeiser zweigt eine Nebenstraße rechts ab, die nach dem nur 2 Kilometer entfernten Niedermeiser führt. Dort bin ich geboren, dort verlebte ich meine frühesten Jugendtage, aus denen ich nun dieses und jenes herausgreifen und schlldern will. Man sieht das Dorf erst, wenn die Straße den langgestreckten Hügelrücken erstiegen hat, der cs bis dahin den Blicken verbarg. Dann liegt cs aber auch dicht vor einem niit seinen roten, von Obstbäumen umgebenen Dächern, seinem spitzen Kirchturm und den vielen Gärten. Eine weite Aussicht hat sich gcöfsiiet. Bis zu ihrer Mündung in die Dicmcl schweift der Blick den Krümmungen der Warme entlang; rechts und links, in mannigfacher Abwechselung, bewaldete Hügel, vielfarbige Felder, grüne Wiesen und ganz im Hintergründe die hellen Muschelkalkwändc, die das linksseitige Gehänge des Diemeltales bilden. Aber ein noch weit reizvolleres Landschaftsbild zeigt sich, wenn wir uns umkehrcn und nach der Richtung, von wo wir gekommen sind, blicken. Da blaut im Süden das gewaltige Massiv des kahlen Dörnberges, das durch die scharf gerissenen Basaltllippen, die cs flanlleren, ein förmlich alpines Gepräge erhält. Daneben links verdämmern die Linie des Habichtswaldes, aus dem wie ein Ricscnfinger die 596 Meter hohe Pyramide des „Herkules" gen Himmel zeigt. Von rechts grüßen die hohen, waldigen Kuppen der Gndenberge, des Escheberges und noch näher der Malsberg, welche der Sage nach schon Karl der Große besucht haben soll. Alles in allem ein Stückchen Erde, das selbst verwöhnten Reisenden gefallen dürfte. Die malerischste Erhebung aber liegt da ganz nahe ün Nordosten; sie heißt „der Rosenbcrg", und ihr weit ins Land schauender, waldbedcckter Kegel darf als das Wahrzeichen von Niedermeiser gelten. Alle diese Kegel, Kuppen und Dome sind Basaltberge, die sich durch ihre kühnen, energischen Profile wesentlich von den sanft geschwungenen Linien der sedimentären Basis unterscheiden. Als feurig-flüssige Laven durchbrachen sic diese, türnrtcn sich über sic empor und bildeten bei ihrer Erstarrung jene oft wunderbar regelmäßigen Säulenabsonderungen, wie sic so häufig in Hessen Vorkommen. Biele derselben werden in Steinbrüchen ausgebcutet, aber zum Glück hat sich der Naturschutz ihrer in neuerer Zeit angenommen, so daß die schönsten Schaustücke vor der gänzlichen Vernichtung bewahrt bleiben dürften. Doch ich wlll nicht abschweifen. Also — ad rem Mein Vater Israel Katz Rosenthal war nächst dem Großgrundbesitzer Neutze der wohlhabendste Mann im Dorfe, was er wohl in erster Linie seiner weit und breit bekannten Rechtschaffenheit zu danken hatte. Wir besaßen ein Manufaktur- und Eisenwarengeschäft, wozu, von 1854 an, noch eine große „Oekonomie" mit viel Land, Pferden, Kühen und Schafen kam, welche der Vater von den Erben des Vorbesitzers käuflich erworben hatte. Dieses Besitztum lag für sich allein, im Westen des Dorfes. Es hieß: „Die Olechmühle" (Oelmühle), weil eine solche den ganzen mittleren Gebäudekomplex einnahm; sie wurde, von uns umgebaut und mit modemen Einrichtungen versehen, zum Hauptgeschäft, da meine beiden älteren Brüder sich darauf verlegten, einen schwunghaften Handel mtt Qel und Oelkuchen nach Holland zu betteiben, zu welchem Zwecke sie sogar die Produkte der Mühlen aus der näheren und femeren Umgegend ankausten. Wir übersiedelten natürlich aus dem alten Hanse „ans dem Ueber" in die Mühle, die mit ihren großen Baum- und Gemüsegärten, ihrem sich lustig drehenden Rad, vom rauschenden Forellenbach getrieben, mir gar wohlgefiel. Die israelittsche Gemeinde war nur klein, — sie zählte im ganzen zwölf Familien, von denen zehn den Namen Rosenberg (wohl nach dem vorhin besprochene« Berg) führten, während mein Vater und sein Bruder Meier sich im Gegensatz dazu Rosenthal nannten. Mit Ausnahme des Lehrers Sandel Katz, der aus Guxhagen an der Fulda stammte, gab es in der jüdischen Gemeinde des Dorfes also nur Rosenberge und Rosenthäler. Trotzdem Hustete es in der lleinen meist wohl-s gefüllten Synagoge oder der „Schul", wie sie siber- Caf£ Kaisergarteri am Opemplata I Erstklassiges Familien-Caftj I —.-T- - Nachmittags Konzerte. 1 Frm Hanseimann, Besitzet. I wiegend genannt wurde, nicht nach Rosen. Doch ja« einmal im Jahre erfüllte tatsächlich köstliches Blumen» aroma den festlich geschmückten Raum. Das war z» „Schewuoth". Noch heute, wenn ich den wunderbare» Geruch von Flieder oder Maiglöckchen einatme, ersteh« vor mir das Blld der mit den Kindern Floras so reii» ausgestatteten „Schul" in Niedermeiser. » Nicht minder entzückend war aber auch der Du» der verschiedenen Kuchen, die meine liebe Mutter, z» diesem hohen Festtagen zu backen pflegte. I Meine Mutter — in tiefster, treuester Sohnes» liebe denke ich ihrer. So lange ich noch auf Erde» wandele, werde ich nicht vergessen, was sie mir gcl wesen ist, diese herrliche Frau. Ausgestattet mll alle» Tugenden, mit allen Vorzügen des Geistes und eine» echt jüdischen Herzens, lebt ihr Bild in meiner Sec» fort, für und für. Unermüdlich im Wohltun, aufopfern» für ihre Kinder, nichts für sich selbst, dabei arbeit» sam, sparsam, bescheiden, kürz, es ist mir nie tvieder i» Leben eine Frau von so hohen Charaktereigenschaft» begegnet. Ihr Andenken sei gesegnet. I Der Lehrer Katz war ein Prachtmensch, — immel guter Laune, gefällig und herzensbrav. Von allen, bil mich später unterrichtet und auf die Bahn des Wissen« gebracht haben, ist er mir der liebste geblieben. En hatte nur ein geringes Bareinkommen, aber die große» Gartengrundstücke, die zum Schulhause gehörten un» von seinem fleißigen Frauchen bewirtschaftet wurde» sowie die reichlich bemessenen Naturalgaben, die via» zu Simchas Thora „schnoberte", glichen das hric&cl aus. Alles war ja zu jener Zeit noch so billig. llJ nur eins anzuführen: ein Pfund bestes Rindsleis» kostete „Zweigutegroschen", also nach unserem heutige« Gelbe, sage und schreibe, fünfundzwanzig Pfennige. Wi« oft bin ich nicht im Aufttage der lieben Mutter na» dem Kreisstädtchen Hofgeismar gewandert, um bei» Metzger Barche Regensberg zehn Pfund Fleisch zu hole» Hatte ich den mtt mitgegebenen Taler erlegt, dann pack» der Bärche es mtt in die ebenfalls mitgebrachte Ser» vielte, ttug mir einen schönen Gruß für die Mutte» auf, und ich ttollte mich wieder davon. ' Das Fleisch« packet, an den Wanderstecken gehängt, baumelte ab« wechselnd bald über die rechte, bald über die link« Achsel, denn es drückte doch schmählich, und ich lim» immer froh, wenn ich „die Ware" (Warte), den höchste» Punkt der Landstraße, erreicht hatte, und es nun ab« wärts. den heimischen Penaten zuging. Vorher abc» rastete ich an dieser aussichtsreichen Stelle ein wenigl Es war gar zu schön da, auch sah man den sonst s» wenig sichtbaren, fast mathematisch genauen Basaltkcge« des „Desenberges" mit der gleichnamigen Burgrmn» auf seiner Spitze, die für mich stets so viel Anziehende» und Geheimnisvolles hatte. » Elll ftöhliches, gemütliches Leben herrschte damal» in Niedermeiser. Die mit vielen Söhnen und Töchter» gesegneten Famllien lebten untereinander - in schönste« Harmonie. An den Schabbesnachmittagen belebten di« jungen Leute in ihren bunten Festkleidern die Dorf« straßen und nächsten Umgebungen. Die männliche» Sprossen führten fast alle den Vornamen Simon, un» um sie voneinander zu unterscheiden, mußte man imme» den Namen des betteffenden Vaters mitnemren z. Bl Daniels Simon, Josefs Simon, Jeremias Simon :cl Sie hießen so nach ihrem Großvater, „dem alte» Schimmen", der als Lieferant der näpoleonischen Truppe» über zwanzigtausend Taler zusammengebracht hatte, ei» nach den Begriffen der damaligen Zell sehr bedeutendem Vermögen. Da er aber zwölf Söhne sein eigen nannte, kam auf jeden doch nicht viel. Unter dem weiblichen Teil des Jungvolkes, de»! Schönchen, Blümchen, Goldchen, Täubchen, Bräunchenl Röschen, Edelchen und ivie die Kosenamen sonst lauteten,! gab es manch reizende Mädchengestalt. Nur über di« Bedeutung von: Peßchen, Frettchen, Kellchen, Veilchen! und manch anderer wunderlichen Frauennamen, bin ich! mir-nie llar geworden. . I Auch der „Großmutter" dieser Schar, der alten! „Schimmesche", der Wllwe des eben erwähnten Armeelieferanten, will ich bei dieser Gelegenhett gedenken. Das'war eine von der Last der Jahre gebeugte Greisin, die jahraus jahrein in ihrem altmodisch eingerichteten Stübchen saß, von wo aus sie die Dorfstraße und den etwas höher gelegenen Kirchplatz mit seinen viel-

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