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Neue jüdische Presse · 1915-05-28 · Heft 20 (28.5.1915) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 20 (28.5.1915)
Date
1915-05-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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♦ fl ♦ ♦ f ♦ t-:: --r1 -'' ~ Erscheint wöchentlich am Freitag. SeMzsprris pro Niertetjahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert 90 Pfg., frei ins . Haus 4 Psg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich»Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 10 Psg. . ' -= ■ ~ ■= -- > NeLutrtion und G-epedition: Frankfurt a. M. rr Langestr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. ^erausgsver: Hals Geis. Anfertiansprei» für die fünfgespaltene Petirzeile 2S Pkg.. für die Rellamezeilr Mk. l.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen »Angebote und -Gesuche, Wohnungsinserate. Heirats-Annoncen lö Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und ina.Annoncen»Bureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. 13. Jahrgang. Freirag, den lö Sivan öv7ö (28. Mat 1915 r Rr. 2v. Josef Chasanowicz.*) Nur zwei Worte, ein Bor- und ein Nachname, — doch welcher Inhalt! „Heilig sollt ihr sein, denn ich bin heilig", so lasen wir vor kurzem in unserer Thora. Nur wenige streben danach, nur die Auserlesenen, — doch wo sind' in unseren Tagen die Heiligen? Mein Josef Chasanowicz, war ein Heiliger, er war es wirklich! Bon Patriotismus hören wir tagaus tagein sprechen, von Volkstreue und Volksliebe. Leben wir doch in einer Zeit, da Millionen freiwillig ihr Leben auf den Schlachtfeldern lassen und die unsäglichsten Leiden freudig ertragen! Aber einen solch glühenden Patrioten und Volksfreund hat dennoch die Welt noch nicht gekannt. Man mußte Josef Chasanowicz beim Büchersam- Meln fnr die jüd. Nationalbibliothek in Jerusalem gesehen habün, um die Richtigkeit dieser unserer Worte, ermessen zu können! So mußte Rabbi Akiba bei seiner Werbearbeit für den Kampf der Befreiung seines geliebten Volkes von den Klanen Roms ausgefehen haben! Josef Chasanowicz war Arzt, ein hervorragender Arzt. Als ausgezeichneter Arzt und ausgezeichneter Mensch erfreute er sich einer großen Praxis, — und doch galt ihm seine Praxis nichts, nichts trotz seiner großen Menschenliebe. Nur widerimllig übte er seine Heilkunst auch übte! sie mir, insofern er dadurch dem Zionismus neue Seeleu zuzuführen vermochte. Denn was galt ihm der E i nzelne gegenüber seinem Volke! Und nur als Brüder und Schwestern, als Kinder seines heißgeliebten Volkes, behandelte er sie, entzog er sich widerwillig seiner ihm unendlich teuern Volksarbeit! Was Joses Chasanowicz dem jüdischen Volke war, dies zu sagen, vermögen nur die, die ihn persönlich kannten und seine rastlose Arbeit für' sein geliebtes Volk beobachtet haben. Uns jüngeren war er stets wie ein leuchtendes Meteor, und wir können ihn uns bei der nationalen Arbeit zur Befreiung unseres unterdrückten Volkes schwerlich wegdenken. In einer Zeit voll Lug und Trug, voll Tücke und Niedertracht, voll Raub und'Habsucht; in einer' Zeit, da.Treubruch, .Verrat und Zynismus zur.Staatsraifon und zur „geheiligten" Maxime eines „ritterlichen" Königs erhoben wurden, in .eine solche Zeit paßt ein Josüf Chasanowicz nicht hinein. „Mipnej haraar mäesaf hazadik", — und! also ging der Gerechte dahin. Gehe hin denn, gehe hin, teurer Sohn deines Volkes! Dein Platz gehört in die höheren Sphären und nicht in die irdische Medrigkeit! Ruhe sanft, Dein Name bleibt in unserer aller Herzen unauslöschlich, er bleibt mit goldenen Lettern in der Geschichte-Judas ewiglich! Die Stellung der rumänischen Jude« zu den kriegführenden Mächten. Bon Mendel Mramovice, Jassy. Bon einer allgemeinen Stellungnahme der rumänischenJudenheit zu dem gewaltigen Völker-! ringen kann nicht gesprochen werden. Dazu ist die rumänische Judenheit zu wenig einheitlich. *) I. CH. lebte als Arzt in Bialystok und erreichte ein Aller von 70 Jahren. Für die von ihm in Jerusalem errichtete Jüd. Nationalbibliothek hat er 40,000 Bücher gesammelt. Die Juden der Moldau hegen nicht nur Sympathien für die Zentralmächte, sondern sie erflehen tausendmal den Sieg der deutsch-österreichischen Waffen. Von der österreichischen Bukowina, wo sich die Inden aller Rechte erfreuen, und dorr dem russischen Bessarabien, wo die Juden geknechtet werden, umgeben, selber in einem Lande lebend, in dem der einfachste Polizist wie ein Minister schaltet und der Jude nicht einmal das Wahlrecht besitzt, ist die Gesinnung der moldauischen Anden schon gegeben. Der Haß gegen Rußland und die Liebe zu denr beuachbarton sreiheitlicheu Oesterreich machen diesen Teil der rumänischen Judenheit, der die fromm ein chassidischen Kreise umfaßt, zu den wärmsten Freunden der Zentralmächte. Was jene gefühlsmäßig bestimmt, ist bei den aufgeklärten Kreisen, den sogenanuteu Maskilinr, mehr das Ergebnis der Ueberzeugung. Diese einstmaligen Talmudjünger, diö in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts im Beth- Hämidrasch verstohlen unter den Talmudfolianteu Heine, Schiller und Goethe lasen, also durch ein deutsches Medium sich der modernen Weltliteratur näherten, sind von einem Haß gegen das barbarische Rußland beseelt. Hierzu kommt aber ihre lleberzeugung, daß von einüm Einfluß Frankreichs und Englands auf Rußland zu Gunsten der Juden nicht die Rede sein könne, und daß die allgemeine Judenfrage durch den Sieg des Dreiverbandes leine Lösung erfahren, inr Gegenteil durch das dann allmächtige Slaventum nur noch verzweifelter sich gestalten würde. Ganz anders ist aber die Stellungnahme der jüdischen Mittel- und Hochs.chuljugend und der walachischen Juden. Bei der gebildeten Jugend ist die Pflege des französischen Geistes in den höheren Schulen bestimmend gewesen. Bon der ersten bis zur letzten Gymnasialklasse wird die französische Sprache und die französische Literatur gelehrt. Frankreich, das freiheitliche Frankreich, wird so das Ideal der Jugend, und dieses Ideal macht blind gegen die Folterqualen der russischen Judenheit und gegen die furchtbaren Folgen eines Sieges Rußlands für die ganze Kulturwelt. Zur Erklärung des Verhaltens der walachischen Juden sind nicht viel Worte zu verlieren. Da sie den traditionellen jüdischen Gesetzen nicht mehr so treu sind wie ihre Brüder in der Moldau und der Assimilation immer mehr verfallen, so fühlen sie auch weniger den Druck des Antisemitismus und hegen, wie die Majorität der von der russophilen und frankophilen Presse beeinflußten Rumänen, ihre Sympathien fiir den Dreiverband. Da das Gros der rumänischen Juden in der Moldau wohnt und da die studierende Jugend infolge der prozentualen Zulassung zu den Schulen nur gering an Zahl ist, so kann man sagen, daß die Mehrheit'der rumänischen Juden auf Seiten der Zentralmächte steht. Dritter offener Brief au „The Amerika« Hebrew". Es ist eine geraume Zeit, daß ich Ihnen .meinen letzten Brief geschrieben habe. Ich hatte ''eigentlich .die Absicht nicht, über.die in Ihrer , Zeitung, erschienenen Veröffentlichungen hinauszugehen. Mich dünkte, es wäre genug des Grauenhaften berichtet, und für den, der hören und sehen will, ist der Beweis für die ungeheure Schuld des russischen Blutregiments zur Genüge erbracht. Es steht fest, daß die russische Soldateska, auf die wehrlosen Juden gehetzt, an diesen Grausamkeiten verübt hat, die an Bertiörtheit und Itaserei grenzen, daß das russische Reich sich mir dem unschuldigen Blut zahlloser Juden befleckt und den ganzen Tiefstand seiner Kultur durch die Greueltaten plündernder Kosaken und blindwütiger Horden vor den entsetzten Augen per Mitwelt aufgedeckt hat. Das ist eine Tatsache und gehört der Geschichte an, und keine Verdrehungskunst vermag an ihr zu rütteln. Allein es scheint, daß über den Umfang der geschilderten Grausamkeiten man sich nicht die! richtige Vorstellung macht. Wenn ich früher gesagt habe, daß die Zerstörung jüdischen Lebens und jüdischen Gutes sich wie eine verheerende Welle durch ganz Polen wälzte, so soll Ihnen und der Welt dieser dritte Brief, der eine Auswahl aus dem mir vorliegenden Material, meinen Beobachtungen und Erfahrungen darstellt, zeigen, daß ich damals nicht zu viel gesagt habe. Ich war vor kurzem in K i e r n i e c i a. Man führte mich dort in einen kleinen Garten. Es war der Garten des Ortsrabbiners.. Jetzt ist er zum Friedhof geworden. Dreizehn frische Gräber sind dort aufgeworfen, Gräber von erschlagenen Inden, die von den Russen niedergemmht und in Löchern verscharrt worden waren; nach dem Einrücken der Deutschen wurden sie exhumiert und in Kierniecia beigesetzt, wo ihrer Gräber in ihrer stummen Sprache erschütternde Anklage erheben gegen russisches Barbarentum. In L e n c z y c a zogen in einer Novembernacht die russischen Soldaten raubend und plündernd durch die Straßen der Stadt. Ms sie sich dem Hause einer Familie Blum näherten, verriegelte deren 18jährige Tochter die Tür, um die Eindringlinge fernzuhalten. Ein Soldat schoß durch die Tür und zerschmetterte dem jungen Mädchen den Arm, der später abgenoimnen werden mußte. Ein in demselben Hause wohnender Feldscher Abram Solne eckte zum Arzt, um schnell Hilfe zu holen, und das sollte ihm zum Verhängnis werden. Er wurde, obgleich er als Mitglied des russischen Roten Kreuzes die weiße Binde trug, von den Kosaken verhaftet und unter Anklage der Spionage gestellt. In seiner Wohnung wurde unterdessen viel Geld, Gold, Silber und Kostbarkeiten geraubt und seine Frau und Kinder, auch ein jüngerer Bruder mißhandelt. Auf der Kommandantur sollte er. seine Schuld durch Unterschreiben eines ihm vorgelegteu Schriftstückes bekennen, und als er sich weigerte, wurde er geprügelt und eingesperrt. Am dritten Tage brachte man ihn, an Hände und Füßen gefesselt, nach Lodz, wo sein vom Kutnoer, Etavpenkommandanten verhängtes Todesurtell bestätigt und vollllreckt werden sollte. In der Umgebung des Lodzer Ortskommandanten befand sich aber eine Dame, eine Französin, von der bekannt war, daß sie auf den Offizier großen Einfluß besaß. Die znm Wahnnsinn verzweifelte Frau des Verurteilten wandte sich an diese, und mit Bitten und Beschwören und einer Summe von 1000 Rudel gelang es ihr, das Herz der Dame zu rühren, — und der Feldscher wurde nach entsetzlich qualvollen Stunden wieder freigegeben. In Kntno wurden drei Juden, Jsak und Abram Domanowicz. und der 40jährige Witkowski, vom Lanvrat verhaftet, weck sie die Deutschen bewirtet hatten. Nach Lowicz gebracht, wurden sie zu 50 Knutenhieben verurteilt. Einer der beiden Brüder wurde im Anschluß an die Execntion so schwer mit Stöcken mißhandelt, daß ec am anderen Tage starb. Die beiden anderen entgingen diesem Schicksal dadurch, daß sie unangekleidet vom Richtplatz flüchteten. In der Nacht vom 11."bis 12. Oktober drangen 5 Kosaken in das dortige Beth-Hamidrasch ein, wo die Juden zum Gebet versammelt waren, schlugen die Scheiben entzwei und bedrohten die Juden, die entsetzt durch die Fenster flüchteten. Ein alter 60jähriger Lehrer konnte nicht schnell genug entkommen und erhielt einen Säbelhieb über den Kopf, der ihn für längere Zeit aufs Krankenlager warf. Am 11. Oktober kamen die Kosaken in die Wohnung des einige 50 Jahre alten Meilisch Hirschderg, verwundeten ihn mit ihrer Lanze, und er wäre getötet worden, wenn er nicht mit 75 Rubel sein Leben sreigekanft hätte.

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