Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 18-19 (14.5.1915)
- Date
- 1915-05-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Mai 1915) Rr. 18|19> A Infolge der Feiertage ist die heutige Husgake eine Doppelnutnmer. Die nächste Hummer erscheint Freitag, den 2$. Mai Bom Wesen des Judentums. Von S. H. Gold mann. V. Spinnen wir unseren Faden weiter. Wir sind dabei, die Stellung des Fremden innerhalb des Judentums klarzulegen; dabei erachteten wir ein näheres Eingehen auf die Werts ch ä tz u n g, die dem Fremden im Judentum zuteil wird, sowie aus das daraus resultierende Recht desselben als geboten. Also die Wertschätzung des Fremden im Judentum! Wir könnten sie an Hand von Satzungen der Thora und der Aussprüche unserer Weisen in unseren Schriften feststellen, allein wir hätten dann bloß Tatsachen ohne Begründung, und selbst diese Tatsachen gar oft in sich widersprechender Form. Um aber ein genaues Bild zeichnen zu können, müssen wir zunächst den Maßstab kennen lernen, der an das menschliche Individuum überhaupt angelegt wird, worauf wir uns mit den Forderungen, die an es gestellt werden, werden vertraut zu machen habm. Und noch eins: Es ist nötig, zugleich auch Wer den Maßstab, der an den Juden angelegt wird, genaueres zu erfahren. Versuchen wir es! Wir sagten, der Mensch sei im Ebenbildc Gottes geschaffen. Dies ist eine sehr hohe Stufe, und der Wert des Menschen als Ebenbild des Göttlichen kann nicht hoch genug ein ge schätzt werden! Doch demgegenüber steht eine nicht minder bedeutende Tatsache: „D e r T r i e b des Menschenherzen", heißt es Genesis Kap. 8, 21, „ist bös von seiner frühesten Jugend." Im Ebenbilde Gottes und bös von früher Jugend! Ist es nicht eine contradictio in adjecto? Gewiß, doch gerade die Gegensätzlichkeit im Menschen Macht seine hohe Bedeutung aus! Der Mensch ist ein Doppel wesen, ein Wesen aus Materie und Geist; die Materie bildet den Sitz des „jezer hara", die Seele, die geistige Substanz, ist die Wohnstätte des „jezer hatob". Der jezer hara ist der intensivste Ausdruck des aktiven Seins der Materie, die Verkörperung des Blößen, und der Gegenpol des jezer hatob, des höchsten aktiven Seinsprinzips desGeistes, LesUrquells des sselenhaft Guten und Sittlichen im Menschen. Ter Gegensah zwischen den beiden ist groß, ist gewaltig! Ein jedes ist bestrebt, sich Mit seinem ganzen Könüen durchzusetzen, sich auszuleben! Und so tobt ein beständiger ununterbrochener Kampf zwischen ihnen,' und das Menschliche Leben spielt sich also als steter Kamps zwischen den beiden sich diametral entgegengesetzten Kräften des Seins ab. Nun ist aber nach der Lehre des Judentums das Sein positiver, ethischer Natur, ist doch der Schöpfer des Alls sittlich „kado sch" und mithin ist dem Menschen von Gott die hohe Aufgabe zugetzacht, in dem ewigen Kampf des Prinzips des Guten gegen das Böse tzen ewig sich wiederholenden Sieg des ersteren über da s letztere zu Stande kommen zu lassen und .so das eigentliche Ziel der Schöpfung zu erreichen. Dies wird dadurch erwirkt, daß der Mensch seiner Bestimmung, dem Guten in sich, das heißt dem „jezer tob" in seinem.schweren Kampfe gegen feinen bösen Antipoden, den „jerez hara", den Sieg zu verleihen nachkommt. und die Materie dem Geist unterwirft! Bildet doch das Antiethische einen Teil der aktiven Seins- Prinzipien der menschlichen Natur, und somit dürfen sie nicht unterdrückt oder gar ausgeschaltet/) sondern den geistigen ethischen Kräften unterworfen werden, im Sinne des Maßprinzip'es der goldenen Mitte; des „schwil hasahab"-), wie es Maimoni öder „derech hameloch", wie es Philo formuliert. So hat die göttliche Weisheit den Menschen geschaffen, nicht als weiches, unschuldiges, naivkindliches, sondern als trotziges, gewitzigtes, sinnliches, boshaftes, schuldbewußtes Geschöpf von strotzender männlicher Kraft gedacht, und ihn mit einer schweren Bürde beladen, mit dem ewigen Kampf mit dem Bösen auf Erden. Fürwahr, eine schwere, schwere Bürde, aber zugleich eine schöne, grandiose Aufgabe! Allein wie ist diese schwere Aufgabe zu lösen; wo sind die Mittel, sie zu lösen? Doch die Mittel sind gegeben, der Mensch kann, wenn er will, sie lösen, und daher ist es seinö heilige Pflicht, sie zu lösen! Dem Menschen ist eine göttliche Verstandesseele von seiner Geburt auf gegeben,») die da weiß, vom Guten und Bösen zu unterscheiden; sie muß es wisien, da sie göttlich ist?) Der Mensch besitzt einen freien Willen, „bechirah chafchith"/) und ist in der Lage, die Wahl zwischen Gutem und Bösem zu treffen; auch kommt das Gewissen, das in ihm wohnt, hinzu; nicht nur erkennt er, sondern er verspürt die gute sowie die böse Tat?) Aber auch die Hilfe des Himmels ist ihm in seinem Kampfe um das Gute verliehen. Ueberdies steht ihm die göttliche Thora, die ihm genau den Weg des Guten, des Lebens, und des Bösen, des Verderbens, zeigt, zur Verfügungsie gewährt ihiu verlMiche Stütze?) Ilnd noch eins: Vermittels der Thora ist er in die Lage versetzt, sich mit dem Weisen seines Gottes vertraut zu machen, und somit kann ihm sein Gott als Musterbild und Wegweiser in seinem schweren Kampf mit dem Bösen dienen. Ist doch sein Gott Herr des Guten wie des Bösen, der Schöpfer des Lichtes und der Finsternis zugleich — „jozer or ubore choschech", dem Affekte innewohnew) und als „baal chema" — Herr des Zornes, der aber als „kowesch kaafo" — .Bezwinger seines Zornes — seinen unermeßlichen Zorn zu bömeistern weiß und seinen „charon af" — brennenden Zorn — in „arech apajim!" — Langmut — verwandelt,») sodäß er die Welt trotz ihrer unsäglichen Verderbtheit immerdar — abgesehen von der einmaligen Sintflut — geduldig gewähren läßt. Also der Hilfsmittel übergenug! Doch wo bleibt der Lohn für all die beständigen Entsagungen, für die Mühen eines immerwährenden schweren Kampfes? Der folgende Artikel gibt die Antwort. Wenn ein Mann oder eine Frau '(heißt es Numeri Kap. 6, 2) eine Gelübde getan hat, sich vorübergehend zu Ehren Gottes durch Enthaltsamkeit von manchen Dingen oder auch nur von einem .Ding, wie z. B. , vom Weine, hervorzutun, so soll er, wenn die Zeit seiner Enthaltsamkeit um ist, ein einjähriges Schaf als Schuldopfer darbringen, als Sühne dafür, daß er sich durch die Enthaltsamkeit vom Genuß des Weines an seinem Körper versündigt hat („wechiper alaw meascher chata al hanesesch" — laut Rabbi Eleosor-Hakapar (Traktat Nedarim, 10. 1) „schechata benafascho, schezier. azmo min hajasin." In Traktat Nasir S. 19 auch S. 22 gesen wir: wer seinem Körper einen Schmerz durch Enthaltsamkeit vom Genüsse irgend beliebiger Sache — „mikal dabar" — zufügt, wird Sünder genannt," „nikra chote". Siehe auch Traktate Schabuoth S. 8. Kerituth S.. 26, ebenso Maimoni „jad hachasakah" 13. Abschnitt „nesiruth" halachah 8. Derjenige, der einen Tag fastet, wird Sünder genannt. (Tanueth S. 11 und .Nedarim 10). Rabbi Chiskeja im Namen Raws sagt: Dem Menschen steht's bevor, darüber Rechenschaft (im Jenseits) abzulegen über all das, was sein Auge gesehen hat und davon nicht genossen hat (Jeruschalmr keduschin, Abschnitt asara juchsiu). °) Um Mißverständnissen vorzubeugen, sei hier bemerkt, daß die goldene Mitte — „schwul hasahab — nicht wie nach Maimoni (schmone Prokim Abschnitt 4ltnb hilschoth deoth Abschnitt 9) im Sinne des Aristoteles als Gipsel der Sitteuvollkommenheit: „tachlith haschlemuth" zu verstehen ist, denn bei vielen Tugenden, wie z. B. Gerechtigkeit» Bescheidenheit u. d. m., würde der schwil hasahab kein zutreffender Maßstab sein. Worauf die schwil hasahab vornehmlich augewendet werden soll, sind hauptsächlich die sexuelle Leidenschaften. Sonst aber ist kaut Oboth die „midah beinenith": das Maß der Mitte als verwerflich „midath sedom" anzusehen. 3' So die Ansicht unserer Thora. (Siehe Sanhedrin 91a, Berachoth 10», Jkarim 4 Abschnitt 34, vergleiche Akeda Abschnitt 69 u. v. a.) In Wajikra Rabba Kap. 34 lesen wir folgendes parabolische Geschichtchen: Die Schüler des Rabbi Hillel fragten einst ihren Lehrer, wohin er gehe. — „Einem Gast eine Gefälligkeit zu erweisen" war seine Antwort. ,T>ast du denn jeden Tag Gästen »Ist denn das arme Seelchen uicht auch ein Gast des Körpers, heute ist es hier, morgen nicht." Nun behauptet Maimuni, daß der Mensch keine Be» standesseele bei seiner Geburt besitzt» sondern eine Art werdende Kraft „koach hachonvh" oder „sechel hahijUljani" (potentielle Kraft), die nach und nach vermittels der erworbenen wahren Begriffe „beämzautz hahsagoth haamitijoth" von Ursubstanz — „maase merkaba" — in Aktivität tritt und schließlich zur Berstandsseele wird, die rmvergäuglich ist. Zu dieser Stufe können nur die wahren Philosophen, denen die „wahren Begriffe von der Ursubstanz" gegeben sind, gelangen und damit zugleich zur Unsterblichkeit, anders aber die einfachen Sterblichen — einschließlich der frommen und gerechten Talmud-Gelehrten —, denen die wahren Be- > ' griffe von der Ursubstanz nicht gegeben sind, die gehen gleich den Tieren mit ihrem Tode spurlos dahin. . Diese maimunische Ansicht lehnt sich au AlristoteleS an, daß sie aber im vollen Gegensatz zu unserer Thora steht ist klar. Es sei noch erwähnt, daß auch nach Ansicht der Kabala die Verstandesseele dem Menschen bei der Geburt nicht gegeben ist, ab« durch gute Taten — „maasim tobim" — er-;' worben wird; somit ist jeder Mensch in der Lage, < sie zu «we ben und damit auch zur Unsterblichkeit zu gelangen. Daß die Ansicht Maimunis irrig ist, beweist die 'I : dies-Erzählung und der Spruch Gottes zu Moses (Exodus): Kein Mensch kann mich schauen und dabei am Leben bleiben — „lo jirani haadam H wachaj." In Traktat Chagigah S. 11 lt 13a, heißt {!; es: es ist nicht gestattet, sich mit d« Ursubstanz „bemaase merkoba" zu befassen, selbst dem Weisen ist ■; es nur in ganz geringem Maße erlaubt. Nach ' .der j Lehre des Judentums ist Gott nur sein« Aktivität j: nadf zu beurteilen, nicht ab« seiner Substanz 'nach, die Aktivität, gewissermaßen auch das Wesen selbst ’ — zu «kennen, ist geboten, sofern der Mensch dcrrh aus lernt, seine Handlungen diesem anjj zupassen; aber nach der Substanzdes Wissens halber zu forschen, ist Sünde.;v 4) Wohl erklärt Rabbi Akiba, daß bezelem äloknn nicht wörtlich aufzufassen sei; er deutet es auf seine Weise dermaßen: „Er schuf ihn im besonderen Bilde in j . ausgezeichnet« Gestalt." Rabbi Akiba wollte damit den Antropomorfismen, der Versinnbildlichung Gottes ent-- gegentreten, gleich den 18 Verbesserungen der Schrift-; stell« — „18 tikune sosrim." Allein Rabbi Akiba ginn hierin zu weit, so «klärt er laut mechiltha .uuch Jalkut. § 34 den Satz Bernischith 3, .22 „Heu hahadam ij j i