Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 17 (7.5.1915)
- Date
- 1915-05-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692924-2692941--08974-2704143- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
+ 1 + Erscheint wöchentlich am Freitag. Bttagspvtia pro Kirrtrljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— .frei inS Haus. Bei der Post abonniert 90 Pfg-, frei ins haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder, Mk. 2.— > Einzel - Nummern kosten 10 Pfg.!— — — ■—- ■ - - ... ..... -i Redaktion und Expedition: Franlifurt ». m. rr Langestr. 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903. -tl< HerausgÄer: Kafg cheis. Infrrtionsprris für die fünfgespaltene Petitzeile 25 Pfg.. für die Reklamezeile Mk. 1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuchs Wohmmgsinserate> Heirats»Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum^Lorschrist ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und in a.Armoncen^8ureauS., Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Rr. 4864. » IS. Jahrgang. Freitag, den 23. Aar 5675 (7. Mai 1915) Nr. 17. Briefe über de« Krieg. v. Meine Freundin! Mit Freude ersehe ich, wie sehr Sie! das int letzten Briefe .aufgeworfene Thema interessiert und bin gerne bereit, in der Erörterung desselben sortzusahrm. Setzen wir die Untersuchung dort fort, wohin wir das letzte Mal.gelangt waren. Wir hatten erkannt, daß die tiefste Wesensverwandtschaft von Deutschtum und Judentum in der beiden gemeinsamen Auffassung des Löbens als einer Aufgabe, einer Mission zu. erblichen ist. Gehen wir nunmehr daran, die wichtigsten und folgercichsten Konsequenzen, die sich daraus ergeben, darzulegen. Auf die bedeutsamste dieser Konsequenzen spielen Sie in Ihrem Briefe schon unbewußt an. Sie wünschen, ich möge mich besonders über die Nationalgedanken beider Kulturen äußern; und in der Tat betrifft die vornehmste Folge dieser konstatierten elementaren Wesensverwandtschast eben die Gestaltungsart des Nationalgedankens bei beiden Völkern. Wie wesentlich, ja entscheidend die Eigenart des Nationalgedankens irgend eines Volkes für sein nationales Dasein ist, brauche ich Ihnen nicht erst näher darzulegen. Ebenso wie es das größte Problem im Leben jedes Einzelindividuums bildet, wie cs seine Stellung in der Welt, seine Aufgabe im Leben versteht, so spiegelt die 9frt des Nationalgedankcus die Auffassung eines Volkes von seiner Bedeutung, von dem Sinn und Inhalt seiner nationalen Existenz wieder. Da nun die Völker, ganz nüchtern betrachtet, nichts anderes sind als die Summe all ihrer Einzelglieder, so ist es nur verständlich, daß die Art und Weise der persönlichen .Lebensauffassung der Einzelmdividuen eines Volkes richtungweisend und bestimmend sein wird für die Bildung des Nationalgedankens. Daraus ergibt sich die logische Wahrscheinlichkeit, daß Völker, die dazu neigen, das Leben als eine Ausgabe und als eine Mission zu betrachten, auch ihre eigene nationale Existenz in derselben Meise, als Aufgabe und Mission, ansehen werden; sie werden in einer bestimmten ihnen vom Wcltengeist, vom Genius der Geschichte, von der Gottheit — oder wie imMer man das höchste Wesen nennen will — zuerkannten Mission den Grund und Sinn ihres nationalen Daseins erblicken. Es ist nicht schwer, nachzuweisen, daß dieser logische Schluß auch in Wirklichkeit sich bewahr-' heilet. Daß wir Juden den Sinn unseres nationalen Seins in einer uns auferlegten Mission finden, braucht kaum noch gesagt zu werden. Der Gedanke unserer Auserwähltheit ist ja der zentrale Gedanke unserer Geschiichtsphilosophie, unserer nationalen Selbsterkenntnis, ist das immer wiederkehrende Motiv' in unserer Thora, unseren Propheten, kurzum: ist Grundlage und Pfeiler unserer nationalen Theorie. Nur weil wir die Mission haben, Herold des Gottes, Herold der Gerechtigkeit und Menschenliebe zu sein, sind wir überhaupt erst zum Volke geworden am Sinai; nur weil wir dieser Mission zeitweise untreu wurden, sind wir unseres Staates, unserer Selbständigkeit und Freiheit beraubt worden; nur weil wir diese Mission noch zu erMlen haben, sind wir der künfttgen Erlösung aus dem Goluth und der Rückkehr ins Heimatland sicher. Man nehme diesen Gedanken fort, und all unser nationales Sein und Tun, all unsere Geschichte, unser 2000jähriges Martyrium -, und Heldentum verliert seinen Sinn. Daß wir unseren Natioualgedanken im Sinne einer" nationalen Mission auffassen, bedarf also keines Beweises mehr. Nicht schwer zu erkennen aber ist auch, daß das deutsche Volk seinen Natioualgedanken in diesem Sinne geformt hat. Gewiß ist hier der Missionscharakter nicht so allbeherrschend und augenfällig durchgebildet wie bei uns. Vergessen wir aber nicht, daß unser Nationalgedanke bereits vor Jahrtausenden klar forinuliert war, der moderne deutsche hingegen eigentlich erst 100 Jahre alt ist. Doch auch in dieser relativ kurzen Zeitspanne läßt sich dieser Miffionscharaktcr recht deutlich erkennen. An der Spitze der nationalen Theorie des deutschen Volkes, als ihr eigentlicher Begründer, steht der große Fichtq; in Wesen und Denkweise ein Ge? dankenbrudcr unserer Propheten, ward er durch seine „Reden an die deutsche Nation" der Jesaias des deutschen Volkes. Ist aber in diesen unsterblichen Reden der Miffionscharaktcr des deutschen Nationalgedankens nicht in der klarsten und schärfsten Weise formnlicrt? Ist es nicht eben diese Missionsidee, die den Reden ihren gewaltigen sittlichen Pathos verleiht? Weil das deutsche .Volk eine große, weltgeschichtliche Aufgabe zu erMlen hat, deswegen kann es nicht untergehen; nur wenn es sich dieser Aufgabe stets bewußt bleiben wird, wird es groß und machtvoll werden; nur durch moralische Läuterung und Besserung kann es regeneriert werden. Ist dieser Grundgedanke der „Reden" nicht wescnsverwandt mit denk Leitmotiv aller Schriften unserer Propheten? Gewiß, blind müßte der sein, wer nicht die tiefen Wesensdifferenzen sehen wollte, die den Schöpfer der „Ich- Philosophie" von den Verkündern der Maischen Offenbarung trennt. Mer nicht minder blind wäre derjenige, der durchs all diese Differenzen hindurch die tiefere Wesensverwandtschast nicht zu erkennen vermöchte, jene gemeinsame Art der Auf? fassung des nationalen Seins als der Erfüllung einer von einem höheren Geiste auferlegten Mission. Und' diese Art der Formulierung des deutschen Nationalgedankens durch Fichte ist dieselbe, die bis auf den heutigen -Tag die besten und führenden Geister des deutschen Volkes beherrscht. Ob Sie zu Hegels Geschichtsphilosophie greifm, ob Sie Bismarcks innerste Bekenntnisse prüfen, ob Sie eine Aeußerung unseres Kaisers lösen, ob Sie eine Rede Enckens hören, ob Sie einen Leitartikel eines politischen Blattes durchsliegen, überall werden Sie diese selbe zu Grunde liegende Eigenart des deutschen Nationalgedankens als diejenige finden, die, das ganze Denken über deutsches Wesen und deutsche Zukunft beherrscht. So sind wir zu einer zweiten fundamentalen Wesensverwandtschast zwischen Deutschtum Und Judentum gelängt: wie beide das Leben als Mission betrachten, so fassen sie beide auchdas nationale Sein als Mission auf. Bedürfte es noch eines Beweises für diesö tiefe Wesens-, Ähnlichkeit, meine Freundin, Sie würden den denkbar besten in der Stellung beider Nationen im Konzerte der anderen Völker finden. Ich glaube, von allen Völkern^ der Geschichte — ich sehe natürlich von barbarischen Horden ab —. sind wir Inden mit den Deutschen die bestgehaßten (man hat aus diese Analogie denn auch schon oft hingewiesen). Wie wir Juden gehaßt wurden und werden, brauche ich Ihnen nicht zu erzählen; Und wie die Deutschen gehaßt, werden, haben ja die letzten Monate wohl ebenfalls genugsam bewiesen. Nun, dieses gemeinsame Gehaßtwerden ist nur die negative Kehrseite der därgelegten gemeinsamen Art des Nationalgedankens. Die anderen Nationen erblicken darin einen Ausdruck von Hochmut, von Stolz, von Größenwahn. Sich selbst eine welthistorische Mission zuzuerkennen, das dünkt ihnen anmaßend zu sein; imd unfähig, diesen Gedanken der nationalen Mission in kulturell-sittlichem Sinne zu verstehen —' und nur so will er verstanden werden — verleihen sie ihm einen grob Materialistischen, machte politischen Charakter und sehen in ihm den Anspruch auf Weltherrschaft und rücksichtslosen nationalen Egoismus. Wie sehr man uns Juden stets Len Gedanken des „ato bechartonn" vorgeworfen, wie sehr man uns um seincthalb verschrien und angefeindet hat, ist jedem) Kenner unserer Geschichte bekannt; und daß die Behauptung^ wir erstrebten die Weltherrschaft, eine seit Jahrtausenden wiederkehrende Verleumdung unserer Feinde ist, ist nicht minder bekannt. Und nun schaue man "in irgend ein bedeutendes Organ der deutschfeindlichen Presse; dieselben Vorwürfe, dieselben Anklagen, die man gegen uns seit Jahrhunderten erhebt, wird man hier als zugestandene Motive der Feindschaft zögen Deutschland lesen. Dies ist eben das Schicksal dieser Welt: nichtgenug, daß das sittliche Tun an sich schon Ueberwindung und Opfer fordert, wird der sittlich Strebende und Handelnde für gewöhnlich noch von der Masse der ethisch Indifferenten wegen seiner sittlichen Aspirationen als anmaßend und hochmütig verleumdet uni» angefeindet. Nun ist dies zwar gewiß: «der Gedanke der nationalen Mission enthält ein Element nationalen Stolzes und Selbstbewußtseins; wenn wir im Gebete das „ato bechartonn" sprechen, wenn der Deutsche „Deutschland, Deutschland Wer alles" singt, so kann der Philister darin einen Ausdruck höchsten Stolzgefühls sehen; aber, meine Freundin, wo und wann ist etwas Großes erdacht, erstrebt, erkämpft worden, ohne daß der Stolz, das Würdebewußtsein, das Ehrgefühl treibende Kraft dabei war? Ich hoffe. Sie halten es auch darin mit Goethe, der gesungen hat: „Nur die Lumpen sind bescheiden!" Und dennoch, meine Freundin, tiefer gesehen ist doch bei allem Stolze und selbstbewußtem Kraftgesühl, den sie enthält, die Idee der nationalen Mission in Wahrheit ein Ausdruck höchster Bescheidenheit; nicht jener sogenännten Bescheidenheit allerdings, die Krämer und Knechte kennzeichnet, und in dem Mangel jeglichen starken Selbstbewußtseins beruht; sondern jener echten, wahren, sittlich allein wertvollen Bescheidenheit, die nur der Starke, Kraftvolle, Stolze zu besitzen vermag. Kann denn ein Sklave überhaupt bescheiden sein? Womit soll er sich, bescheiden, der doch gar keine Ansprüche erhebt; wie kann der bescheiden sein, denr das Ducken Lebensart ist? Nur der Stolze, Starke, seines Wertes Bewußte kann wahre Bescheidenheit üben, jene, die in einem verehrungsvollen Sichbeugen vor einer höheren Macht besteht. Nur der Große kann Großes erkennen; nur der Starke vor höheren Mächten niederknien; nur wer seinen eigenen Wert kennt, vermag die Gewalt und Größe d:r ewigen Ideale und Weltenkräste erschauernd zu erfassen. In diesem Sinne meine ich es, wenn ich sage, daß der Gedanke der nationalen Mission ein Ausdruck höchster Bescheidenheit ist. Denn in der Idee der Mission wird ja schon die Anerkennung eines höchsten Weltengeistes -ausgesprochen, der diese Mission uns auferlegt'hat, und dessen Willen wir