Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 16 (30.4.1915)
- Date
- 1915-04-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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A. | Immer mehr lichtet ficf) der Kreis derer, denen es vergönnt war, im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts unter der Führung von Tr. Israel Hildesheimer s. A. und Seite an Seite mit ihm den zerstörenden Einflüssen der Reform entgegenzutreten. Man braucht nicht einmal Anhänger der so arg gelästerten Trennungsorthodoxie zu sein, um dem Wirken dieser Männer gerecht zu werden. Bis in die Reihen des liberalen Judentums hinein — abgesehen natürlich von den Heißspornen und unentwegten Liberalen der z-cirbung Seiger — hat man die Tätigkeit dieser mir das Judentum in Deutschland so verdienten Männer trotz allem auch richtig zu schätzen gewußt:— 3u solch allgemeinen Gedanken regt nnwilllürtich der Heimgang dieses großen Gelehrten an. llitb daß man so ruhig darüber schreiben kann, nachdem wir ihn eben zu Grabe getragen, zeigt bei aller Liebe und -Verehrung, die er sich für innner in unser aller Herzen erworben, wie ganz anders wir an dieser Bahre stehen als an dem Grabhügel, der sich vor wenigen Monden erst über Der sterblichen Hülle seines Kollegen ain Rabbinerscminar, Pros. Barth s. AH geschlossen. Was hatten wir nicht alles noch von Barth erhofft, was kein anderer so schnell wird leisten lönnen! Wie dankbar hingegen sind wir der Vorsehung, daß sie uns Professor Berliner so lange erhalten. Wie selten einer hat er sein Leben zu irnde gelebt ustd völlig ausgefüllt und sich ausgewirkt, wie es nur ganz besonders begnadeten Menschen verstattet ist. Bei Barth denkt man an das Wort des Talmuds, daß niemand dahingeht, dem nicht eine Fülle von Wünschen unerfüllt geblieben ist. . Auf Berliner aber. kann man das schriftwort anwendcn: Und .es verschied und starb Wraham nach einem guten Alter, hoch betagt und gesättigt. Berliner entstammte dein deutschen Osten. In miem kleinen Städtchen der Provinz Posen ward r geboren. Mit einem nicht geringen Hoimatstolz ijlegte er auf die nicht unbedeutend'^ Reihe der dorther kommenden Gelehrten hinzuweisen, . deren keihe man ihn nun getrost anfügen kann. Berliner War im besten Sinne des Wortes ein. Selfmademan. Ans eigener Kraft hat er sich seine Stellung in der Welt und in der Wissenschaft erworben. Wer sicherlich nicht gering anzuschlagen st hierbei auch das Verdienst seiner ihm vor ungefähr zehn Jahren in den Tod vorängegangenen Gattin. Sie, die eine Tochter des weithin bekannten ehrwürdigen Rabbi Michael Struck aar, hegte und pflegte ihn so, daß er, trotz seiner immer schwächlichen Gesundheit und unbehelligt von sorgen, seiner Wissenschaft sich hingebcn konnte. Berliners wissenschaftliche Tätigkeit hat über len Kreis der Fachgenossen hinaus Anerkennung md Dank gefunden. Das kommt daher, daß affe eine Werke ohne Ausnahme, trotz aller Wissenchastlichkeit. eben auch den gelehrten Laien zugänglich sind. Bon seinenr Raschi-KoMmentar, einem Meisterwerk in Bezug auf Textkritik, bis auf eines seiner letzten Merke, die Anmerkungen zum Buche Hiob, sind sie alle im besten Sinne des Wortes ivpulär. Sie hier mehr oder weniger ausführlich mzuführen und. zu besprechen, wäre zwecklos. Es näßten da. nicht nur seine zahlreichen Einzelwerke anfgefnhrt werden, sondern auch die vielen Aufsätze und Abhandlungen, die er in Zeitschriften,. Zeitungen und Jahrbüchern veröffentlicht hat. Nicht unerwähnt aber kann hier bleiben seine Tätigkeit als Herausgeber des Magazins fiir die Wissenschaft des Judentums von 1875 bis 1893 und vor allem sein großes Verdienst um 'das Wiederaufleben des ivisjenschastlichen Vereins Mekize Nirdamini. Jedoch feine wissenschaftliche Tätigkeit allein süllte sein Leben nicht aus. Bis zum letzten Augenblicke war er auch bemüht, für das Judentum, wie er. es verstand, praktisch zu wirken. In den Annalen der Adaß-Jisrocl-Gemeinde hat er sich ein unvergängliches Denkmal gesetzt. An dem Blühen und Gedeihen dieser in Berlin so außerordentlich wirksamen Geincinde, der nebenbei gesagt alle aggressiven Tendenzen fcrnliegen, hat er nicht geringen Anteil. Noch weilgreifender aber war seine Tätigkeit am Berliner Rabbinerseminar. Hunderte von Schülern haben hier zu seinen Füßen gesessen und aus seinen immer anregenden Vorträgen reiche Belehrung geschöpft. Sie haben ihn wohl auch alle rechr lieb gewonnen. Fehlte doch ganz in seinenr Wesen alles Steife und Unnahbare. Seine lebhaften Augen funkelten jeden, freundlich an, und kam man in sein Hans, fühlte man sich gleichsam von väterlicher Gesinnung umfangen. Bei gar vielen betätigte sich auch die Gesinnung in väterlicher Weise nicht blos in geistiger Hinsicht, sondern auch in ganz materieller. Nicurals ging man aber von ihm ohne irgend ein kleines Apercu oder ein gutes boa moc. Immer wieder ging er an seine reichhaltige Bibliothek oder zitierre etwas und belegte es aus seinen eigenen Schriften. Er war fest in seinen religiösen Anschauungen und durchaus nicht geneigt, auf religiösem Gebiete Konzessionen zu machen. Das hinderte ihn aber nicht, wissenschaftlichen Verkehr mit anders denkenden jüdischen Gelei>rlen zu pflegen, wofern er nur ihre Gesinnung als eine objektiv ehrliche empfand. Wie er zu Znntz persönlich gestanden hat, kann der Schreiber dieser Zeilen ans eigener Erfahrung nicht mclbat. Mit Steinschneider aber verkehrte er freundschaftlich, lucuit sie auch nicht oft zusammentänren. Für uns Spätgeborene war es etwas komisch zu vernehmen, wenn der noch ältere Steinschneider von Berliner sprach, wie man etwa von einem jungen Manne sprichl, der schon recht Bedeutendes geleistet hat und von denr man noch manches erhoffe. Mir müssen schließen, da wir es doch nicht versuchen können, an dieser Stelle ein so inhaltreiches Menschenleben erschöpfend zu schildern. Mer man würde rrotzdem mit Recht einen Mangel empfinden. Wir haben noch nicht, was gerade unsere Kreise intcressiere.il wird, von seiner Stellung zu Erez Jisrocl gesprochen. Er liebte das heilige Land, und jeden Fortschritt in unserer alten Heimat begleitete er mit den heißesten Wünschen. Wir alle wissen, welch großes Interesse er der Tachkemoni- Schule entgegenbrachte. Ob er sich denr Misrachi öffentlich angeschlossen, vermögen wir nicht zu sagen, aber wie auch immer, seiner ganzen Gesinnung nach war er Misrachist, und mit Stolz wollen wir bekennen: Er war in jedem Sinne unser. Segnen wir sein Andenken, indem wir in seinem Sinne im Judentum und am Judentum Weiterarbeiten. H. P- Interview mit Botschafter Morgeuthan. Ein Vertreter des Budapester „Eghenlöseg" hatte mit Henri Morgenthau, dem amerikanischen Botschafter iu Konstantinopel, eine Unterredung. Morgenthau rühmte die Hingabe der türkischen Juden und fuhr bann fort: „Die Inden Amerikas verfolgen die Geschehnisse in Palästina mit dem gespanntesten Interesse. Sie sind russische Emigranten. Ihr Opsersinn offenbart sich in dieser Zeit in erhebender Weise. Es kommen täglich Summen zu mir, die ich nach Palästina weiter befördere. Das Lebensmittel-und Liebesgabenschiff der Amerikaner wurde aber von den Engländern gekapert und nicht durchgelassen.*, Tie Nachricht, daß G r e y sich bei der russischen Regierung zu Gunsten ihrer jüdischen Untertanen verwendet habe, erklärt Morgenthau für falsch. Bedeutsam ist die von Morgenthau mitgeteilte Aeußerung des Oberstkommandierönden Enver Betz.über die Juden. Sie lautete!: „In der türkischen Armee zählen die Juden zu den hervorragendsten Soldaten. Jeder ist auf seinem Platze mrd durch feine todesverachtende Tapferkeit bekannt. Gegen ihren Todfeind, die Russen, gehen sie mit fanatischem Grimm. Es ist natürlich, daß eine ganze Masse von ihnen ausgezeichnet wurde. Schon beim Balkankrieg bewunderten wir das Heldentum der jüdischen Soldaten und gaben ihnen die höchsten militärischen Chargen. Mein Flngeladjutant ist Jude. Dieser Tage erst ernannte ich zwei jüdische Oberste. Ihre Treue ist unerschütterlich. Neben . den Türken sind sie unsere besten Soldaten. Ihre Intelligenz bringt uns den höchsten Nutzen." Zu diesen Worten gab Morgenthau noch mehrere Belege. So ist das Regiment der jüdischen Legionäre, die blanweiße Achselklappen und eine Mütze mit dem Davidswappen tragen, eine Elitetruppe. So bestand der Bormarsch des Zuges nach Hedjar an: Suczkanal aus jüdischen Freiwilligen aus Jemen, deren glänzenden Leistungen der „Tanin" einen Leitartikel gewidmet har. Morgenthau betonte, welche wichtigen 'Aufgaben die Inder: im Dienste des Roten Halbmondes vollbringen, besonders arcch die jüdischen Frauen, da ja die moharmnedaNischen die Oessentlichkeit scheuen. Schließlich seien noch Morgcnthaus Worte über die innerjüdischen Verhältnisse der türkischen Juden heit wicdergegeben: „Ter Krieg hat alle Partei känrpfe zuni Schweigen gebracht und die jüdische Gesellschaft fest zu einander gekettet. Zionisten Md Antizionistcn leben friedlich miteinander; Aschke nasim und Spaniolen werden intim befreundet. Der' jüdische Klub ist das Zentrum der ha in an itä reu und kulmrellcn Arbeit geworden." Die Bibel-Bill. New Jork, im Llpril. In der Judenheic erkennt man nicht die Ge fahr der Bibel-Bill: im Gegenteil, man hat eine gute Meinung von ihr, denn so werde die jüdische Jugend wenigstens ihre Bibel kennen lernen. Die Bill ist ein Werk der Geistlichkeit, und das allein schon hätte rmsere Juden stutzig machen sollen. Tie Geistlichkeit will durch sie Einfluß auf die Schule gewinnen. Bisher rvar in den ame *) Neueren Berichten zufolge landete das Schiff in Jaffa. Die Redalt.