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Neue jüdische Presse · 1915-04-09 · Heft 13 (9.4.1915) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 13 (9.4.1915)
Date
1915-04-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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♦ I ♦ Erscheint wöchentlich am Freitag. Kerusspreis pro Nierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert 90 Pfg., frei ins Haus 4 Psg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 10 Pfg. Redaktion und Erpedition: Frankfurt a. ID. rr Eangeftr. 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903. Herausgeber: Kaks cheis. A - - Infertisnspreis für die fünfgefpaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Etellen-Angebote und -Gesuche, Wohnungsinserate, Heirats. Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Äorschrist ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und in a.Annoncen^8ureauS.. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M unter Nr. 4864. r—- -i - Freitag, den 25 Nissan 5675 (9. April 1915) 13. Jahrgang. Der Konkurs des Technikums in Haifa. Der „Hilfsverein der Deutschen Juden" veröffentlicht in einigen jüdischen Zeitungen eine Darstellung der Vorgänge, die zum Konkurs des Technikums geführt haben. Diese Ausführungen des Hilfsvereins, die in der Behauptung gipfeln, daß' der Hilfsverein dieses große jüdische Unternehmen durch die Konkurserklärung und spätere Erwerbung „gerettet" habe, wiederholen sehr ausführlich, aber sachlich nicht korrekt die Borgeschichte des Konkurses und dürfen im einzelnen nicht unwidersprochen bleiben. Tie Schuld an allem Unglück wird dem Sprachenkampf zugeschoben, der den Austritt der amerikanischen Kuratoren zur Folge hatte, und wieder wird die alte Fabel aufgetischt, die zionistischen Kuratoren hätten in ihrer Kurzsichtigkeit verlangt, „daß, wenn nicht alle technischen Fächer, so doch, ein großer Teil gleichfalls in hebräischer Sprache vorgetragen werden sollte." Demgegenüber muß wieder einmal festgestellt werden, daß die zionistischen Kuratoren in der Sitzung vom 26..Oktober 1913 nur verlangt haben, es sollen Mathematik, Physik und Chemie, das heißt von 45 Unterrichtsstunden 8, in hebräischer Sprache abgehalten werden. Nach dem Austritt der Amerikaner hätten sich nun die Herren Dr. James Simon und Dr. Paul Nathan bereit erklärt, von den bis zur Eröffnung der Anstalt noch fehlenden 300,000 Mark je ein Drittel beizusteuern, wenn auch die Familie Wissotzky den gleichen Betrag unter den gleichen Bedingungen hergäbc. „Diese .Bereitwilligkeit", behauptet der Hilfsverein, „war nicht vorhanden." Das Gegenteil ist richtig: HerrWissotzkybczw. die zionistische Organisation erklärte sich bereit, das fehlende Drittel aufzubringen unter der Voraussetzung, daß die Bestimmungen des Einigungsbeschlusses vom 22. Febr. 1914 zur Ausführung gebracht würden. Die Bereitwilligkeit hierzu war jedoch auf Seiten des Hilfsvereins nicht vorhanden, wie sich in der Kuraioriumssitzung vom 17. Juli 1914 klar herausstellte. Nun kam der Krieg. „Eine legale Beratung mit den in Rußland und den in England ansässigen Kuratoren lvar während der Kriegsdauer unmöglich geworden, sodaß die gesamte Verantwortung und die gesamte finanzielle Last auf den Schultern der Verwaltung ruhte." Dieser Satz zeigt llipp und klar, was nötig gewesen wäre und was der Hilfsverein unter allen Umständen hätte tun müssen, ehe er sich zu dem verhängnisvollen Schritt einer Konkurserklärung während des Krieges entschloß: die Einberufung einer Sitzung des Kuratoriums nach Haag, Kopenhagen oder Stockholm, wo alle Kuratoren über das weitere Schicksal des ihnen anvertrauten, dem Gesamtjüdentüm gehörenden Institutes in , aller Ruhe gemeinsam hätten beraten können. Und wer hätte es gewagt, eine solche Konferenz für „illegal" zu erklären? Was hätte gehindert,, ihren Beschlüssen Legalität zu verschaffen? Statt dessen wurde der Konkurs eröffnet, und alle Bemühungen seitens der zionistischen Organisation, den Versteigerungstermin wenigstens bis zum Ende des Krieges zu verschieben, scheiterten, am Widerstande des Hilfsvereins. Der zionistische Vorschlag, daß die drei hauptbeteiligten Faktoren je ein Drittel der laufenden Verpflichtungen in Höhe von 80,000 Mk. aufbringen sollten, deren Deckung jedenfalls die übereilte Versteigerung unnötig gemacht hätte, wurde abgelehnt: man verlangte statt dessen, der Jüdische Nationalfonds sollte diese fehlenden 80,000 Mark allein und — wie ausdrücklich gefordert wurde — ä fonds perdu hergeben! Es muß also entgegen der Darstellung des Hilfsvereins noch einmal wiederholt werden: Der Hilfsverein wollte eben die durch den Krieg geschaffene Lage unter allen Umständen ausnützen. Der Hilfsverein hat sich auch in keinem Stadium des Verfahrens geniert, von den glücklichen Zufällen Gebrauch zu machen, die der Krieg ihm darbot. Als die deutschen Direktoren des Jüdischen Nationalfonds in der ersten Gläubigerversammlung vom 20. Januar 1915 einen Sitz im Gläubigerausschuß beanspruchten, war es der Vertreter des Hilfsvereins, der nach Erschöpfung aller sachlichen Gegenargumente den Richter ^darauf hinwies, daß eie Ansprüche des nach englischem Recht organisierten Jüdischen Nationalfonds gemäß den während des Krieges herrschenden Bestimmungen abzuweisen seien. Wenn daher im Kommunique ' des Hilfsvereins heute behauptet wird, die Familie Wissotzky hätte ihren Willen durch einen Deutschen oder einen Neutralen zum Ausdruck bringen können, so zeigt diese Ablehnung der legalen deutschen Vertreter des Jüdischen Nationalfonds als Vertreter einer „englischen" Gesellschaft, was die „russische" Familie Wissotzky zu erwarten gehabt hätte. Der Hilfst erein erklärt, bei der Erwerbung des Technikums „keine andere Absicht gehabt zu haben als die, das in Haifa bereits Geschaffene soweit möglich bis zum Friedensschluß zu erhalten." Daß es hierzu nötig war, dieses große jüdische Institut in Konkurs zu erklären und es aus dem Gemeinbesitz des jüdischen Volkes in den Privatbesitz des „Hilfsvereins der Deutschen Juden" überzuführen, wird durch die weitschweisigsten Ausführungen nicht bewiesen werden können. Erlebnisse in jüdischen Kolonien. Ter Dichter Alfons Paquet, der im fernen und im nahen Orient Reisen unternommen hat, deren Schilderung seinen Namen weiten Kreisen vertraut gemacht hat, hielt am 24. März im Preuß. Abgeordnetenhaus den Schlußvortrag in einem Zyklus von Vorträgen, den das Kartell: Jüdischer Verbindungen zu Gunsten des Roten Halbmondes veranstaltete. Er sprach über „Erlebnisse in jüdischen Kolonien". Er begann damit, daß heute, wo gleichsam die ganze Menschheit sich auf ein neues Zeitalter vorbereitet, auch die seit einigen Jahrzehnten an Palästina geknüpften jüdischen Erwartungen an Boden gewinnen, und daß auch ein großer Teil der Christenheit die Erscheinung des jüd. Zionismus mit Erwartungen und tiefen Sympathien begleitet. Mit dichterisch-lebendiger Kraft schilderte er Palästina mit seinen Gegensätzen von erhabener und strenger Oede und üppiger Lieblichkeit, die hügelige Stadt Jerusalem mit ihren engen Gassen und dem unendlich weiten Ausblick von der Zinne ihrer Häuser, die Berge Palästinas mit ihren vulkanischen Forrnen, steinigen Abhängen, die Erdsenke am Jordan und die Ebenen mit ihren alten und neuen Siedlungen. Der Hauptteil des Vortrages beschäftigte sich mit dem jüdischen Landbesitz in Palästina, der feine Entstehung den zionistischen Kolonisations¬ Rr. 13. bestrebungen der letzten Jahrzehnte verdankt. Besonders interessant war die Schilderung eines nationalen jüdischen Volksfestes in der jüdischen Kolonie R-echoboth, das Paquet am Borabend des jüdischen Osterfestes vor zwei Jahren mitfeierte. In anschaulicher Schilderung führte der Redner den Charakter der jüdischen Kolonien Rischon-Le-Zion und Pethach-Tikwah vor, in denen die jüdische Kolonisation ein reges Leben und einen wachsenden Wohlstand hervorgerufen hat. Interessant ist, daß die Kolonie Pethach-Tikwah, die zuerst dem jüdischen Fiskus eine Steuerleistung von '60 Mk. brachte, nunmehr ca. 68,000 Mark Steuern abführt. Die Schwierigkeiten der Kolonisation sind nicht gering, aber sie werden durch das großzügige Arbeiten der zionistischen Organisation überwunden, die sich in einer Bank, in Landesentwicklungs- und Jmmobiliengesellschaftcn, im Jüdischen Nationalfonds und in zahlreichen landwirtschaftlichen, wissenschaftlichen und industriellen Unternehmungen, wie z. B. in dem für die Förderung kunstgewerblicher Hausindustrie geschaffenen Bezalel, ein System von äußerst zweckentsprechenden Instituten geschaffen hat. Der jüdischen Kolonisation in Palästina ist sicherlich eine reiche Zukunft Vorbehalten; freilich sind die Leiden des Krieges auch für Palästina, wie für die ganze Türkei nicht gering. Den Freunden der Türkei und des Heiligen Landes muß cs aber gelingen, die augenblickliche Not durch Sammlung von Geld und Übersendung von Lebensmitteln zu lindern. Rußland und England haben in den letzten Jahren große Anstrengungen gemacht, um Palästina in ihre Interessensphären einzuziehen; .aber nur durch Deutschland und durch die zionistische Kolonisationsbewegung sind wirklich positive Werte geschaffen worden. Die neue jüdische Kolonisation hat es verstanden, jüdische Kolonisten fest in den palästinensischen Boden einzuwurzeln. „Der Zionismus bediente sich bisher bereits in wesentlichem Maße deutscher Formen der Organisation, er verdankt dem deutschen Idealismus Fichte'scher Prägung unendlich viel von seinem Gedankengut. Er hat aber auch eine große Bedeutung für die deutsche Politik." Paquet gab der Ueberzeugung Ausdruck, daß unter allen christlichen Völkern das deutsche iveitaus am meisten innere Beziehungen zum Zionismus habe und am besten imstande sei, seine Sache, so wie ein großer Teil des jüdischen Volkes die Verwirklichung erträumt, zu fördern. Dafür bietet eine Gewähr, daß Deutschland, dem, wie wir alle hoffen, die Durchführung der großen kulturellen Aufgaben zufallen wird, die das .türkische Vorderasien bietet, sicherlich nicht daran denkt, die in der Türkei ' lebenden Nationalitäten ihrer Eigenart zu entkleiden. Es wird nur den berechtigten Wunsch zu verwirklichen suchen, diesen Nationalitäten die europäische Zivilisation durch, das Mittel der deutschen Sprache zu überbringen. Nicht darum kann es sich, handeln, die nationalen Volkssprachen in einen Gegensatz zu der deutschen zu bringen. Jeder Konslikt kann vermieden werden, wenn nur in Zukunft die deutsche Sprache unter allen europäischen Sprachen im Unterricht an die erste Stelle tritt und damit den Platz ausfüllt, den bisher die französische und englische ausgefüllt hat. Dies gilt auch für die jüdische Wiederbesiedlung Palästinas, deren Fortschritte wir hier in Deutschland mit so viel Vertrauen, Spanmmg und Sympathie verfolgen und die schon

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