Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 12 (26.3.1915)
- Date
- 1915-03-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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p Nr. 12 feltftiifefartet IsmMsM lnmitienOtuttes. Der Krieg im Lichte des Judentums. K. D a u g i l a i ck y. II. Das jüdische Volk erscheint aus der Arena der Geschichte mit dem gezogenen Schwert in der Hand. Es greift Völker an, vernichtet sie, verbrennt ihre Städte, zerstört ihre Heiligtümer, und wenn dieses alles vollbracht ist, nimmt es Besitz von den eroberten Ländern nnd erklärt sich als Herrn des Landes und der unterworfenen Völker. Es ist also ciu Angriffs- und Eroberungskrieg in seiner stärksten Erscheinung, den das jüdische Volk da gleich bei seinem Auftreten mit den Völkern Palästinas führt. Und der uns oft gemachte Vorwurf, daß, auch wir nur ganz selbstsüchtige Eroberer waren, erscheint auf den ersten Blick vollkommen berechtigt. Aber — auch nur auf den ersten Blick; denn wenn man den Gedanken vorausschickt,. der das jüdische Volk diesen Angriffskrieg zu führen veranlagte, so wird man bald sehen, daß dieser Krieg alles mehr als ein Angriffskrieg war. Vielmehr hatte das jüdische Volk ein uraltes Recht auf dieses Land, weil der jüdische Gott schon Zlbraham versprochen hatte, daß er das Land Kanaan seinen Kindern einst zum Besitz geben werde. Das jüdische Volk führte demgemäß keinen Angriffskrieg, sondern eigentlich nur einen Verteidigungskrieg. Es verteidigte seine uralten geheiligten Rechte auf das ihm von Gott gegebene Land. Mer zu der damaligen Zeit, wo jedes Volk seinen Gott hatte, konnte jeden Tag ein Volk kommen, nnd behaupten: „Mein Gott hat mir schon vor uralten Zeiten dieses Land versprochen, und ich will jetzt nur den Wunsch meines Gottes ausführen, indem ich dieses Land zu meinem Eigentum mache." Man muß. also nach einer stichhaltigeren Begründung suchen. Diese findet man. aber leicht, wenn man sich in die jüdische Geschichte vertieft. Unser Volk war dazu erkoren, oder — wie es unsere Modernen haben wollen — „hatte sich zur Aufgabe gestellt", nach den ihm wesensnahen Ideen des Monotheismus und der Gerechtigkeit, gemäß den Idealen der Thora zu leben. 'Sie waren aber in egyptischer Knechtschaft und hatten sich den Gewohnheiten, Sitten und religiösen Gebräuchen der götzendienerischen und unsittlichen Egypter assimiliert, mit Ausnahme des Stammes Levi, der die Intelligenz des jüdischen Volkes darstellte und der deshalb auch bei den Egyptern in gewisser Achtung stand. Dieser Stamnr wurde nicht geknechtet, und dz die Grundideen des Judentums sich in diesem Stamme von jeher vererbt hatten, so lebte er auch in der Fremde, soweit es möglich war, nach den Normen des Judentums. Um aber den Gottesgedanken nnd die Ethik zur Geltung zu bringen und sie Gemeingut des ganzen jüdischen Volkes werden zu lassen, mußten die Juden vor allen Dingen aus der Knechtschaft erlöst werden, sie mußten frei werden. Sie mußten aber auch aus dem ihnen fremden Milieu herauslommen. Sie mußten ein selbständiges Volk in einem eigenen -Lande werden. Und sie wurden aus Egypten erlöst. In der Wüste offenbarte sich ihnen der jüdische Gott und verkündete ihnen seine Lehren und Gesetze, und sie gelobten, alles getreulich zu erfüllen. .Aber sie hatten zu lange in Nachbarschaft mit den Egyptern gelebt, die Ansichten der Egypter über Gott und die Welt waren bei ihnen zu eingefleischt, als daß sie so schnell eine innere Umwandlung hätten durchmachen können; und wirklich: kaum hatte Moses den Sinai bestiegen, um die Gesetzestafeln in Enrpfang zu nehmen, als sie schon das goldene.Kalb verfertigten. Es war klar: würde jetzt das jüdische Volk nach Palästina gebracht werden, nach einem Lande, das von götzendienerischen und den unsittlichsten Völkern der damaligen Zeit bewohnt und benachbart war, sie würden sofort in die Unkultur zurück-! sinken und würden sich WieUich ganz unter die benachbarten Völker assimilieren, und die Ideen des Monotheismus und der jüdischen Ethik blieben ungekannt. Um Vieser Gefahr vorzubeugen, mußte dem jüdischen Volke die göttliche Lehre erst eingeprägt werken. Zuerst mußten sie die Unsittlichkeit äblegen, um für die Ethik reif zu werden. Dazu mußten sie, lvie gesagt, in ein anderes Milieu kommen, oder besser gesagt, sie mußten eine "Zeit lang überhaupt ohne Milieu, in der Wüste isoliert leben. Mer auch selbst dann war iwch der Einfluß der eingeborenen Völker Palästinas zu befürchten. Damit aber das jüdische Volk ungestört nach seinen Normen leben konnte, mußten erst all die heidnischen, Palästina bewohnenden Völker bekriegt, ausgerottet oder vertrieben werden. Und so tritt die Notwendigkeit an das jüdische Volk heran, den Angriffskrieg gegen die palästinensischen Völker zu führen, der aber doch deshalb nicht weniger zu billigen ist; denn wurde er doch vom jüdischen Volke geführt, um seinen Idealen nachgehen und sie verwirklichen zu können. Und dann waren ja die Völker, gegen welche der Krieg geführt wurde, wie schon gesagt, die unkultiviertesten. und gottlosesten jener Zeit. Es war also gleichzeitig, im vollsten Sinne des Wortes, ein Kanrpf der Kultur und Ethik gegen Barbarei und Götzendienerei. Zahlreiche Stellen in der Bibel (II. SB M. Kap. 23: 31—33, Kap. 34: 11 bis 13, III. B. M. Kap. 18: 24—29) beweisen, daß sich der Krieg nur gegen die Unkultur richtete; denn sollten ja doch auch Angehörige unseres eigenen Volkes ausgerottet und vernichtet werden, falls sie in Laster verfielen. „Heilig sollt ihr mir sein!" „Heilig" inr Sinne der Sittlichkeit. Man sieht also, daß nach dem Judentum nicht nur der Verteidigungskrieg erlaubt ist, sondern auch ein Angriffskrieg. Allerdings darf ein Angriffskrieg nur in einem ganz bestimmten, denk eben besprochenen ähnlichen Fälle geführt werden. Es ist aber ohne weiteres einleuchtend, welche immense Gefahr unserem Volke und damit der jüdischen Ethik von den sieben Völkern drohte. Der Monotheismus und die Ideen der sozialen Rechte hätten vielleicht heute überhaupt nicht existiert, oder sie wären doch zum mindesten nicht so weit gediehen, wen» wir die Völker nicht vertrieben hätten oder wenn wir mit ihnen hätten zusammen leben wollen. Der Auszug aus Egypten wäre ja dann überhaupt garnicht notwendig gewesen. Daß es aber dein jüdischen Volke unmöglich war, in Egypten nach der Thora zu leben, hat man aus denk Vorhergehenden gesehen. Jedenfalls lehrt die Geschichte, daß trotz der 40 Wanderjahre, und trotzdem, daß. erst das in der Wüste geborene Geschlecht, welches nichts vom Götzendienst und der Unsittlichkeit der Egypter gesehen hatte, nach Palästina kommen sollte, und trotz der Vernichtung der sieben Völker, — daß trotz alledem das jüdische Volk schnell vom Wege der Gottheit abwich, daß cs sehr oft den Götzen der benachbarten Völker diente. Und sobald sie ihren Monotheismus und ihre Ethik aufgegeben hatten, ihre Kultur, wurden sie auch von den anderen Völkern unterworfen, nnd es bedurfte da schon so großer und tatkräftiger Persönlichkeiten wie Ehuds, Deborahs, Gideons und Jephtas, um ihnen ihre verlorene nationale Selbständigkeit wieder zu erkämpfen. Dafür aber, daß die Inden keine Angriffskriege geführt haben um irgend welcher materiellen Vorteile willen, dafür gibt es eine Menge von Beweisen in ' unserer Geschichte. Einer sei auch hier angeführt. Nach vielen Mühseligkeiten näherte sich das jüdische Volk Palästina. Sein Weg führte es durch das Land EdoM. Moses ließ anftagen, ob er durch das Land ziehen dürste, er wollte nur die offene Landstraße benutzen; auch selbst Wasser wollte er nicht von den Brunnen des Landes nehmen; aber der König von EdoM ließ ihnen sagen, daß er sie selbst gegen Bezahlung nicht durch sein Land ziehen lassen werde. Wäre nun das jüdische Volk auf dem Prinzip gestanden: Wer die Macht hat, der hat das Recht, sie hätten den Weg durch Edom gewaltsam erzwungen. Aber es lag ja gar kein Grund vor zu einem Angriffskriege. Zwar war der Weg durch Edom der nächste und sicherste nach Palästina, aber sie konnten auch auf Umwegen, wenn auch unter mancherlei Gefahr/ Palästina erreichen, und sie umgingen Edom und vermieden so den Krieg. Auch die spätere jüdischichte ist rein von Eroberungskriegen. Zwar wurden während der Zeit der Richter viele Kriege und Kämpfe geführt, aber auch diese sind alles andere eher als Angriffskriege. Vielmehr bilden sici die Fortsetzung des Kampfes um die Besitzergreifung - Palästinas nnd um die Verwirklichung ihrer sittlichen Ideale. Auch der erste jüdische König Saul ist gezwungen, von Anfang seiner Regierung bis zu seines Lebens Ende, das Schwert zu führen. Die Grenzen des Landes Ul verteidigen gegenüber den ununterbrochenen Einfällen Moabs, Ammons und' der Philister, ist eine schwere Ausgabe. Er hat es auch vermieden, einen Angriffskrieg zu führen. Nur einmal tat er es doch. Und das war, als er Amalek angriff, auf die Aufforderung des Propheten Samuel hin. Aber Amalek war der Erbfeind des jüdischen Volkes. Schon in der Wüste war er dem jüdischen Volke in den Rücken gefallen, und schon damals versprach Gott, daß er „auslöschen werde das Andenken Amaleks unter dem Himmel". Und als nun Saul diesen Angriffskrieg aufnahm, handelte er nur nach dem Gebote der Selbstwehr. Materielle Güter wurden auch durch liefen Krieg nicht gewonnen. Auch König David ist kein „Eroberer", sondern nur der Fortsetzer des Kampfes, den Moses begann. Denn saß doch noch bis dahin der Jebusi auf der Burg in Jerusalem. Erst David griff ihn an und vertrieb ihn. Ueberhaupt erhält Palästina erst durch David die zu seinein Bestände notwendigen Grenzen, und nur durch die zahlreichen Kriege Davids wurde die segensreiche Friedenszeit Salomos ermöglicht. In der späteren Geschichte unseres Volkes sind Angriffskriege überhaupt ausgeschlopen. Die Unterwerstmg durch die assyrischen Völker ließ unser Volk nur daran denken, wie dieses Joch abzuwerfen. Und auch. die.heldenhaften Feldzüge des Bar Kochba und der Makkabäer waren nur Versuche, das eiserne Joch der Fremdherrschaft abzuschütteln. Später kamen die Römer und zerstörten unser Reich. So sieht man denn, daß unsere jüdische Geschichte keine Eroberungskriege enthält und daß wir stets getreu der jüdischen Ethik gehandelt haben; daß wir es vermieden haben, Kriege rein materieller Natur zu führen. /Mer wir mußten oft zum Schwerte greifen, um das heilige Gebot der Selbstwehr zu erfüllen. Gelang cs uns aber nicht, den Krieg völlig zu vermeiden, so vermochten wir.cs doch, die Kriegführung humaner und inenschenwürdiger zu gestalten. Wir waren die ersten, die an die Ausarbeitung eines Kriegs- und Völkerrechts gingen. Damals war die allgemeine Anschauung, daß im Krieg jedes Recht aushöre, aber wir traten dieser Auffassung zuerst entgegen. Natürlich konnte es uns nicht immer gelingen, nach dem von uns verfaßten Kriegsrecht zu handeln; denn es ist doch bekannt, daß es auch in heutigen Zeiten einem sehr erschwert werden kann, die primitivsten Gebote der Menschlichkeit zu halten. Umsomehr damals, als die anderen Völker sich gar keine Vorstellung machen konnten, was eigentlich Recht sei. Recht war bei ihnen, was die Macht gebot. Bei uns Juden war aber gerade das Gegenteil. Ist es doch bekannt, daß kein jüdischer König aus seinem eigenen Machtwillcn heraus einen Krieg beginnen durste. Dazu war vielmehr die Zustimmung der großen Synode notwendig, die dem Kriege sehr abhold war und nur dann ihre Zustimmung gab, wenn der betreffende Krieg eine Notwendigkeit war, zur Wahrung des Rechts und der Gerechtigkeit. — Begann nun der Krieg, so traten eine Reihe verschiedener Verordnungen in Kraft. Zunächst durste keine Stadt angegriffen rverden, ohne daß ihr zuerst Friede angeboten wurde, — eine Verordnung, wie sie noch heute, nach 3000 Jahren, nicht existiert. Nahm die Stadt den Vorschlag an, so brauchte sie nur eine Kriegskontribntton zu zahlen; tat sie es aber nicht, so wurde sie belagert. Dauerte aber eine Belagerung längere Zeit, so durste man. nicht das geringste inr besetzten Lande zerstören; sogar dann nicht, ivenn es von militärischem Nutzen war. So dursten z. B. keine Frucht bäume umgehanen nnd zu Belagernngszwecken Verwender werden. Nur Bäume, von denen man genau wußte, daß sie keine Frucht ttagen, dursten umgehauen »verden, und nur diese durften zur Anfertigung von Belagerungsgegenständen Verwendung. finden. Besonders human aber waren die Gesetze betreffs gefangener Frauen. Man weiß, daß im Altertum