Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 12 (26.3.1915)
- Date
- 1915-03-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2692297-2692924-2692936--08925-2704089- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
lsche zu chine. »Inlxe« sSmtl. rohen. ) nach iirta.1 lstr.4I. 1 O9107. a 2948, Georg 17. Wwe., Roux, Munck. mdschaft . anzuem ein vorkow' ten Zuchin für kvett«, r [t ‘2(1 offen. e erden innen : uin« d 3, I. ke snne i° itt. r >e I. . .. 2,'h Bi f,8fl Erscheint wöchentlich , am Freitag. Serugspreis pro jlirrtrlzahr: In Franksurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert 90 Pfg., frei ins Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zuserürung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel»Nummern kosten 10 Psg. Redaktion und GXpedition: Frankfurt a.m. :: Eangeftr. 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903. Heransgever: Kakg cheis. (r - - . ... — * Jnsertiormprri» für die fünfgespaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklamezeile Mk.1.—. Bei Mederholungen entsprechender Rabatt. Stellen.Lngebote und -Gesuchs Wohnnngsinserate, heirats»Annoncen 15 Pfg. die sechSgesPelltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz, und DatmnÄorschrist ohne Verbindlichkeit. Lnnoncen-Annahme bei der Exped. und in a.AnnonceiEureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Rr.4864. - 13. Jahrgang. Freitag» den 11. Nissan 5675 (26. März 1915» Rr. 12. Des Peffachsestes wegen erscheint die nächste Nummer am 9. April. Zum Peffachseste. Hegel, vielleicht der tiefste Geschichtsphilosoph der modernen Zeit, hat als das treibende, zugrundeliegende Prinzip der weltgeschichtlichen Entwicklung die Idee der Freiheit erklärt: „Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit." .Dieser Gedanke muß richtig verstanden werden: unter Freiheit meint Hegä nicht nur die politische Freiheit, sondern vor allem die philosophische, seelische, metaphysische Freiheit; jene, deren Gegensatz und Widersacher nicht nur die Tyrannei und Despotie darstellt, sondern in noch höherem Grade die Gebundenheit der Materie, die Gesetzlichkeit der Natur, die Unfreiheit alles Physischen. Freiheit und Unfreiheit ist idennsch mit Geist und Materie, mit Kausalität und Eigenwilligkeit, mit Determinismus und Willenssteiheit. . Aus dieser grundlegenden Auffassung der Geschichte folgt etwas sehr wesentliches: der Glaube an das Wunderbare in der geschichtlichen Entwicklung. Denn alles, was uns unbegreifbar ist, erscheint unserem engen Menschenverstände als wunderbar, recht eigentlich begreifbar ist uns . aber nur das, was uns vorhersehbar ist: alles Vorhersehbare aber zählt zum Reiche der Kausalität, der Physis. Ist die Weltgeschichte wirklich die Entwicklungsgeschichte des Geistes in seinem Aufstieg zu immer höheren Entwicklungsarieu und Ausdrucksformen rmd ist „die Freiheit —■ um wieder Hegel zu zitieren — das einzige Wahrhafte des Geistes", dann herrscht in der Historie nicht das Gesetz der Kausalität, dann sind ihre wahrhaft großen, entscheideirden Ereignisse nicht vorhersehbar, nicht begreifbar im wissenschaftlichen Sinne dieses Wortes, dann sind die gewaltigsten Geschehnisse der Geschichte, jene, die zwischen Epoche und Epoche stehen, in der Tat Wunder. Dieser große Gedarrte, einer der erhabcrrsten und folgereichsten der deutschen Philosophie, bildet eine der wichtigsten Ideen der jüdischen Weltanschauung. Wir Juden haben zrrm ersten Male in der Kulturgeschichte eine Ecschichtsphilosophre geschaffen. Von den fünf Büchern der Thora bis zum geheimnisvoll-rätseltiefeu Buche Daniel durchzieht eine große gcschichtsphilosophische Konzeption die gesamte Bibel; in dieser jüdischen Geschichts- Philosophie ist aber der beherrschende Begriff nicht die causa, sondern der telos," nicht die Ursache, sondern der Zweck. Was den Sinn der Geschichte ausmacht, ist nach jüdischer Auffassung nicht ihre Gesetzlichkeit, ihre Bedingtheit durch das Prinzip der Kausalität, wodurch sie unfrei wird und zu einem Teile - der Naturgeschichte herabsinkt, sondern ihre Zielstrebigkeit, ihre Richtung auf große ewige Ideale hin. Die Ursache ist blind; Ursächlichkeit negiert die Freiheit; ist die Ursache gegeben, so ist die Wirkung schon mit Notwendigkeit bestimmt. Der. Zweck, das Ziel dagegen setzt die Freiheit voraus; ihn: zu setzen, ist mein Wille und mein Werk; wer den Lauf der Weltgeschichte nicht pon Ursachen, sondern von Zwecken beherrscht erklärt, erhebt die Freiheit zu ihrem tragenden Pxinzip., So hat denn auch das Judentum stets Pies« Idee, verkündet; Mschen -‘Naturgeschichte und Menschengcschichte sah es eineunüberbrückbare Kluft; -dort die Unfteiheit und hier die Freiheit, dort das Reich der eitrig gleichen Notwendigkeit, hier die Welt der unvorhersehbaren Spontanität; dort strenge, undurchbrcchbare Gesetzlichkeit, hier ewig neue Wunder. Und es scheint, als ob die Geschichte unseres jüdischen Volkes nur eine große Verwirklichung und Bestätigung dieser Lehre ist, als ob es unser Schicksal und unser Beruf sei, diesen Gedanken von dem Wunder in der Geschichte Lurch, unsere Existenz zu beweisen. Denn was ist die jüdische Geschichte anderes als eine Kette von ununterbrochenen Wundern? Wenn vielleicht irr anderen Kapiteln der Weltgeschichte noch der Irrglaube verständlich ist, daß es möglich wäre, den Gang der historischen Ereignisse lediglich durch das Prinzip der Kausalität zu erklären, wer wollte es versuchen, auch nur einen kurzen Wschnitt unserer Geschichte ohne den Begriff des Wunders zu begreifen? Daß wir überhaupt noch existieren, ist za schon ein Wunder, ist das größte Wunder unserer Historie. Wenn man sich dies vor Augen hält, wird es begreiflich, daß von allen Wischen Festen Pessach von jeher als das bedeutsamste, inhaltsreichste betrachtet wurde. Weil es der Erinnerung an jenes große Wunderereignis gewidmet ist, mit dem unsere Geschichte beginnt und so zum Symbole unserer gesamten Historie, unserer nationalen Existenz überhaupt wird. Jeder von uns — lehren unsere Weisen — hat Teil an dem Wunder des Auszugs aus Egypten, jeder von uns hat gewissermaßen dies Wunder miterlebt. Tenn in jeder Epoche, in jedem großen Wschnitt unserer Geschichte vollzieht sich ein ähnliches Wunder. Der Verlauf der Ereignisse, die den Auszug aus Egypten bilden, ist der typische Verlauf der jüdischen Volksgeschichte: Stets von neuem werden wir geknechtet, immer wieder werden wir verfolgt und unterdrückt, bis unsere Existenz in Frage gestellt wird, und immer tritt in der Stunde der höchsten Not das erlösende Wunder ein und die Rettung, die schon unmöglich, unglaubhaft schien, erfolgt. Darum die Mahnung an jeden Juden, sich alljährlich am Sederabend in die Geschichte des Auszug aus Egypten wieder zu vertiefen und sie zu erleben, auf daß er den Sinn unserer Historie begreife und nicwals den Glauben an unser Dasein, an unsere Zukunft verliere. Wir werden in diesem Jahre unser Pessachfcst mir ganz besonderer Innigkeit und Andacht feiern. Denn in diesen Monaten tut es üns ganz besonders not, uns den Glauben an die Unvernichtbarkeit, an die ewige Existenz unseres jüdischen Volkes zu stärken und fester in uns zu verwurzeln. Denn gar nah jst uns jetzt, die Verzweiflung, gar zu groß ist die Gefahr für uns, in den Ozean von Jammer und Not, der uns umflutet, zu versinken. Mährend wir dies Jahr die herrliche, so jchlicht-inhaltstiefe Hagadah lesen werden, werden wir an die Tausende unserer gemordeten, an die Hunderttausende unserer wirtschaftlich zu Grntlde gerichteten Brüder in Polen und Galizien denken und werden aus den heiligen Worten der Hagadah die Kraft schöpfen, die Verziveiflung, die uns bei diesem Gedenken erfassen möchte, zu überwinden und werden aus den wunderbaren Ereignissen der Vorzeit den Glauben trinken, daß der Gott, der uns aus der Sklaverei Egyptens befreit hat, . uns auch, jetzt nicht verlassen wird. , , So wird uns das Pessachsest zu einem Borne der Kraft und der Hoffnung; und wir werden von ihm Abschied nehmen, gestärkt und gefestigt in dem Glauben an die Ewigkeit unseres Daseins, an die Herrlichkeit unserer Zukunft, an die Unvcrgänglichkeit unseres Volkes. Vom Wese« des Judentums. IV. Von S. H. Goldman». Von der Toleranz im Judentum soll im folgenden gesprochen werden. Toleranz rnr Judentum, wie sonderbar! Eben wurde von uns der Beweis geführt, daß die Gerechtigkeit und das gleiche Recht das Hauptmerkmal des Judentums bilden, rmd nun soll das Judentum aus seine Toleranz hin geprüft werden! Toleranz und Gleichheit, schließen sie sich nicht gegenseitig aus? Was soll die Toleranz, wo die Gleichheit dominierend ist? Der Herr toleriert seine Untergebenen und gewahrt ihnen in seiner Großmut gewisse Rechte, aber wo in gller Welt toleriert der .Herr den ihm ebenbürtigen Herrn, 8er gleich ihm im Vollbesitz seiner Rechte ist? Es ist' ersichtlich, daß im Judentum, in dem das Prinzip des mischpot echod (gleichen Rechtes) gilt, kein Platz für Toleranz ist! Will man das Verhältnis des Judentums zu den Nichtjuden seststellen, so muß man vielmehr nach dem Recht fragen, das der Fremde innerhalb des Judentums besitzt: Wer auch nach seiner Wertschätzung innerhalb des Judentums muß gefragt werden. Doch wie istes damit, mit diesem Rechte und mit der Wertschätzung, bestellt? Wir sagten bereits, daß die Hillelsche Formel: „ma tnaloch soni lechowroch l» taawid" ans der Annahme fußt, daß der Mensch im Ebenbilde Gottes — bezelem Elokim — erschaffen wurde und daher — und dies bedarf zur Klärung der Sache besonderer Beachtung — das Ebenbild Gottes trägt. Was nun das erster« — die Erschaffung des Menschen — betrifft, fo kann hier unmöglich irgend welcher Unterschied zwischen Jude und Nichtjude gemacht werden, da es zur Zeit der Schöpfung keine Juden, ja nicht einmal Noachiten, gab. Jene >var vielmehr die Zeit des Menschen schlechthin, der keine Religion, keine Gebote und Verbote, keine besonders gearteten Stämme oder Völker kannte, sondern ohne Wissen und ohne Religion in seiner kindlichen Unschuld im Gan-ELcii (Paradies' einherwandelte und sich der Sorglosigkeit und der Unsterblichkeit erfreuen durste. Gar bald jedoch sollte es anders kommen, dem, Kind- Menschen gelüstete es nach Wissen, kaum aber genoß er etwas vom Baume der Erkenntnis, da erfolgte sein Fall; der Mensch wurde aus dein Paradiese gewiesen, in dem er sorglos dahingelebt hatte, und sobald er sein Brot im Schweitze seines Angesichts zu erwerben genötigt ward, stellte sich der Neid und der Hader ein, nndder Brudermors Kains erfolgte. Das eine geeinte Menschentum war nun dahin,' es zerfiel in Familien, Stämme und Völker, und ein wütender, verheerender Kampf begann unter ihnen zu toben. Die zerrissene, habsüchtige Menschheit, die bezelem Elokim erschaffen war, wurde immer mehr von ihrem Urbilde, dem, Ebenbild Gottes, entrückt, sie yerleugnete ihren Schöpfer und formte sich Götzen