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Neue jüdische Presse · 1915-03-19 · Heft 11 (19.3.1915) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 11 (19.3.1915)
Date
1915-03-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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■ " " ' . ='~ ■ N Erscheint wöchentlich am Freitag, jlrfttgsprm pro Vierte! jähe: In Frankfurt a. M.Mk. 1.— srer ins Haus. Bei der Post abonniert 90 Pfg., frei ins ' Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, für Rußland l Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 10 Pfg. —.— --- Redaktion und Expedition: Frankfurt a. M. :: Cangtftr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. Herausgeber: Saig cheis. Insrrti»u»prris für die sünfgespaltene Petitzeile 25 Psg., für . dieRcllamezeile Mk. 1.—. Bei Müierholungrn entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Besuche, AohnungSrnserate, Heirats-Annoncen 15 Psg. die sechSgesPallene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Borschrist ohne Berbindlichbnt. Annoncen-Annahme bei der ixped. und in a.Annoncen-BurranS. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. Freitag, den 4 Nissan 5675 (19. März 1915) 18. Jahrgang. Bow Wesen des Judentums. - - ui. Von 'S. H. Goldmann. . Erinnern wir uns, was wir in unserem vorigen Artikel Nr. 2 ausgcführt haben: Wir konstalicrten nämlich. Laß. die Gerechtigkeit das Hauptmerkmal des jüdischen Gottes ist. und mithin die ethische Grundidee des Iudent ums, alle anderen Eigenschaften, wie z. B. Barmherzigkeit und rächender Zorn, nur Folgen der Gerechtigkeit für verdiente Strafe oder Lohn sind. Die kurze Formel: „Ma dialoch soni lechawroch!o taawid" — Was dir unlieb ist, das tue allch einem andern nicht, — in der Hille! das Grund- .wesen des Judentums zusammenfaßse, beruht auf der Auffassung des Judentums vom Wert des Menschen, der im Ebenbilde Gottes — bezclem Elokim — erschaffen wurde und das Ebenbild Gottes trägt: Wesen im Ebenbilde Gottes können lind dürfen nicht in ihrenr Recht geschmälert sein! Ueberdies ist ja, wie gesagt, dasHauptmerknial Gottes, des Schöpfers und Schützers des Menschen, die Gerechtigkeit, und mithin ist das gleiche Recht für Menschen, die den Geist der göttlichen Thora zur Richtschnur ihrer Handlungen machen wollen, selbstverständlich. „Tie Gerechtigkeit das Hauptmerkmal Gottes! Wie unphiiosophisch!" höre ich ansrusen. Lagt nicht Cohen in seiner Abhandlung „Religion und Sittlichkeit", daß Gott selbst in der Auffassung der jüdischen Religionsphilosophic keine positiven Attribute zugeschrieben werden können: allein, Cohen beruft sich auf Maimonides, nach dessen Ansicht — siehe More Nebnchim Band k, Abschnitte50—60 — die positiven Attribute eine Vielheit Gottes involvieren, und daher nur — laut Aristoteles, dessen Schildknappe zum Schaden des Judentums er ist —. negative 'Attribute zulässig sind. Nun ist aber diese Ansicht Mainwnides bereits seitens jüdischer Philosophen'— und zwar von denk Karäer Rabbi Aron in seinem Buche „Ez chajim" und dem großen Philosophen Rabbi Chisdoi Kreschkasch in seinem bedeutenden Werke „Or Haschem" — treffend widerlegt worden. Für uns ist bei unserer Forschung nach dem Wesen des Judentums einzig und allein unsere Thora — die schriftliche und mündliche zugleich — maßgebend, und betrachtet man das Schrifttum objektiv, genau wie es ist, o h ne. Den telei zuliebe irgend einer Tendenz, so ergibt sich ohne weiteres, daß die Wesensart Gottes ausdrücklich als gerecht in der Thora zum Ausdruck gebracht worden ist. Was nutzen. da alle haarscharfen Theoreme, wenn die. Thora deutlich und klar sagt: „Wenn ich des Ewigen Namen anrufe, erkennt die 'Größe unseres Gottes, der Felsenschutz, der Schöpfer, der ist ein Gott der Treue, gerecht und redli'ch ist er!" Oder: Tie Erscheinung des Ewigen zog vor Moses vorbei und rief: Der Ewige ist unveränderlich, Las ewige Wesen des Allmächtigen. Er ist ein unbarmherziger und allgnädiger Gott." Oder: „Ich, Gott, bin erbarMnngsvoll." Auch MaiMnni, dem diese Stellen im Wege stehen, sucht sich damit zu Helsen, indem er diese Wesens- Merkmale Gottes als Attribut seiner Tätigkeit ,>töar PönlotoM' -- zu deuteln sucht, doch jeder Kenner der hebräischen Sprache weiß, wie Haltlos diese seine Deutung ist! Im, Laufe unserer Abhandlungen werden wir .uns noch öfters, mit Mlimonides, dessen .Alnschanung von der- Pedeuluug des Menscheii im Ebenbilde Gottes und .fein Verhältnis zn Gott und dergleichen mehr vom Standpunkte des Judentums vollständig abweichen lmd Mithin dem unserigen znwiderlaufen, zu befassen haben. Doch zurück zu unserem Thema. Wenn die Gerechtigkeit im Judentum das Dominierende ist, so kömite man uns entgegenhalten, weshalb ist das Abschlachten von zahmen Tieren erlaubt? Allein die Hillelsche Form regelt bloß das Verhältnis von M c n j ch z u M en s ch, i n d e m sic die Zuerkennung der gleichen Existenzberechtigung und des gleichen Rechtes aller m e N f ch l i ch e n W e s c n i m Ebenbilde G orres, und nur i m E b c n b i l d e Gottes, proklamierl, — und somit sind die Tier e von diesem Rechte ausgenommen. Und noch eins: Die Gerechtigkeit im Judentum ist nicht in ihrem Prinzip begründet, nicht i h r e t w i l l e n soll Gerechtigkeit geübt werden, sondern sie ist lediglich aus das W c s c n und den Willen Gottes znrückzuführen: „Wenn du gepfändet das Kleid deines 'Nächsten, ehe die Sonne untergegangcu, gib es ihm zurück, denn ich bin erbarmungsvoll." „Fluche nicht einem Tauben, und vor einen Blinden lege keinen Anstoß. Ich bin Gott." „Ihr sollt keine Ungerechtigkeit tun bei Gericht, mit Gerechtigkeit sollst du dcineit Nächsten richten. Ich bin der Herr." „Du sollst lieben deinen Nächsten wie dich. Ich bin der Herr." „Du sollst nicht in deinem Beutel zum Betrügen beim Kauf oder Verkauf Kveierlci Gewichtsteine haben, große und kleine. Du sollst nicht in deinem .Hause zweierlei Efa (Hohlmaß) haben, großes und kleines. Volle und richtige Gewichtsteine sollst du haben, volles und richtiges Efa sollst du haben. Denn ein Greuel des Herrn, deines Gottes, ist jeglicher, der solches tut, jeglicher, der Unrecht tut." Diese wenigen Beispiele genügen, um zu beweisen, daß selbst die ethischen Gebote der Thora auf doch Willen Gorres zurückzuführen find: ivohl sind noch andere Gründe, sei es nationaler, sozialer oder humaner Natur, angeführt, allein der allerletzte und maßgebendste Grund ist in dem Willen Gortes zn suchen. Und dieser Wille Gottes ist es auch, der die Tiere dem Menschen . im Ebenbilde Gottes untertan machte, und zu den Noachiten gar sagte: „Alles, was sich regt, was da lebt, euer sei es zum .Essen: wie das grüne Kraut gebe ich euch alles." „Doch Fleisch mit seinem Leben, jdas ist" mir seinem Blute, sollt ihr nicht essen." Also auch dem Tiere ist ein Recht auf schonende Behandlung eiugcränmr, auch sie haben Anspruch auf 'Nahrung soioie auf Ruhe nach geleisteter Arbeit mrd dergleichen: — allein dieses Verhältnis des Menschen zum Tiere ist mehr auf die Gerechtigkeit, als auf die Barmherzigkeil znrückznsührerr. „Gott entzieht keinem noch so geringen Geschöpfe seinen Lohn", heißt es im Talmud (Traktat Bobo Kamo 38). Wäre die Barmherzigkeit der ausschließliche Faktor des Judentums,. so wäre das Schächten der Tiere überhaupt unzulässig. Wir sagten, daß der Hillelsche Grundsatz die Beziehung von Mensch zu Mensch regelt, da er die Ebenbürtigteil aller Menschen proklamiert. Die Hillelsche Formel ist jedoch rein negativ; wohl lehrt sie den Juden, seinem Nächsten keinen Schaden — materiell wie geistig — zuzufügen, aber sie kündet nicht, welche positiven Pflichten der Jude gegen seinen Nächsten hat. Nun enthättnnsere Thora gar viele diesbe- Rr. 11 züglichen Gebote, doch mit der Verwandlung Hitlels des positiven „weohawto lereacho komocho" in das negative „ma dialoch soni lechawroch lo taawid vermissen wir eine kurze Formel, die da sagt, w i e w c i i der Jude in seinen positiven Pflichten, gegenüber seinem Nächsten zu gehen hat, rmd da scheint uns der Grundsatz unseres volkstümlichen Lehrers Rabbi Akiba: „chajecho kodMin lechajei chawercho" dein Leben geht dem deines Nach-- sten vor (Traltat Bobo Mezia" 62, Sifro Behar) als gegeben. 'Analogon zn Mbas Formell ist der Satz: „Schelcho kodem leschel kol odom" --- erst koMme ich und dann kommt ntein Nächster (Traktat Bobo Mezia 30 und Sanhedrin 64). 'Also kein Altruismus, geschweige denn Kommunismus, sondern berechtigter und daher gesunder Egoismus! Ter 'Nächste ist ebenbürtig, gleichberechtigt und hat 'Anspruch auf würdige Hilfe nach Kräften, aber mehr nicht! S v ist das volle Verhältnis vom jüd. Bollsgenossen zum Volksgeiwssen vom Standpunkte des Judentums aus. Nun bleibt die Frage offen: Wie ist das Verhältnis des Juden zuM Nichtjuden? Um aber dieje Frage zu beantworten, müssen wir zunächst ans den zweiten Punkt dieser Artikelaus die Toleranz im Judentum, eingehen: dies aber soll im folgenden Artikel geschehen. ' Jüdische Kriegsprobleme ii. Zum russisch-polnischen Jndenproblcm. In der deutschen Presse wird jetzt lebhaft darum gestritten, ob man die Erörterung der Friedensbedingungen schon sreigeben oder aber) damit noch warten solle, bis die' Entscheidung aus:öeu Schlachtfeldern eine enbgiUtige sein wird. Während besonders die Vertreter der wirtschastspolitisHcn Verbände die Freigabe der Diskussion fordern, steht die Regierung auf dem Standpunkt, daß eine solche öffentliche Debatte jetzt noch verfrüht sei. Weny man nun auch durchaus die Motive und Wünsche verstehen kann, die in weiten Kreisen die Forderung der Ermöglichung einer freien Erörterung der Kriegsziele und Friedensbedingungen entstehen lassen, so wird man doch in der Hauptsache den Standpunkt der' Reichsregierung teilen und wird zugeben müssen, daß die kriegerischen Ereignisse noch nicht in das Stadium eingetreten sind, in dem eine solche Erörterung schon nützlich »nd »vünschenswert wäre. Ganz anders liegen die Dinge aber für uns Juden, soweit es sich um die Zukunftsgestaltung der jüdischen Verhältnisse handelt. Zunächst einmal brauchen wir, machtlos wie wir sind, nicht zn befürchten, daß eine zu frühzeitige Kundgabe unserer Hoffnungen und Wünsche den Gegner zu, ver-- stärktem Kampfe, zu einem verzweifelten Einsatz all seiner Kräfte veranlassen wird. 'Sodann aoer sind diejenigen Forderungen, die wir vor allen anderen stellen und durchzusetzen trachten müssen, von solcher Natur, daß sie von dem Ausgang des Krieges und der künftigen Neugestaltung der politischen Verhältnisse der Welt unabhängig sind. Solcher Forderungen gibt es für uns zwei: die eine betrifft unsere Po l i t i s ch e G l e i ch b e r e ch t i g u n g, -die andere betrifft Palästina. - Beide Forderungen sind ja nicht erst jetzt entstanden, sind nicht Ergebnisse der momantanen Lagesondern Ziele und Ideale, die schon fest langer Zeit geheiligt und geweiht sind. Die For-

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