Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 10 (12.3.1915)
- Date
- 1915-03-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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10. Lars? ls Lei eit fl» MW W fit. 10 des ftamfefnttec IsmMMm IdmiUtattes. Aufwiegelung zu Progromen in Ruffifch-Pole«. Von Georg Brandes. 4(achdem es durch Aufwiegelung des Hasses der Nationen gegeneinander gelungen ist, Europa zu einem Irrenhaus, einem Trauerhaus, einem Lazarett, einem Kirchhof und einer Fallitmasse zu machen, sollte man glauben, bafji innerhalb der Grenzen der am Kriege beteiligten Länder wenigstens eine Art von Frieden aufrechterhalten würde. Dies gilt, wie ich in einigen Auffätzen dargetan habe, nicht vom russischen Reiche. Während Frankreich und England, durch die Not dazu gezwungen, Europa ivissen lassen, daß die russische garrenMiegierung wie ihre eigenen Regierungen für Recht und Freiheit kämpft, hat diese Regierung die Arbeiterpresse unterdrückt, die Arbeiterorganisationen aufgelöst, fünf sozialdemokratische Mitglieder der Reichsduma verhaftet, den bedeutendsten Staatsmann Finnlands nach Sibirien verschickt, die Polen Mit einem unklaren Versprechen hingehalten, das nicht einmal vom Zaren selbst, sondern von einem Feldherrn abgegeben wurde, dessen Wort keinen verpflichtet, und eine Verfolgung der russischen Juden inszeniert, die ärger ist als irgendwelche srüher. Während die Anzahl der im russischen Heere kämpfenden Juden zwischen einer Viertel- Million und 400,000 veranschlagt wird, hält die Regierung sorgfältig die Rechtlosigkeit der Juden aufrecht und achtet darauf, daß, sic sichnicht über das Gebiet hinauswagen, wo cs ihnen überhaupt zu wohnen gestattet ist. Das ist eben das Gebiet, wo der Krieg in Polen stattfindet, und einige litauische Gouvernements. Wenn grenzenloses Elend und Hunger die Juden zwingen, die ihnen angewiesenen Wohnplätzc zu verlassen, werden sic von Soldatenpatrouillen oder von KosakenschwärMen zurückgetrieben. Wenn jüdische Soldaten, von ihren Wunden einigermaßen geheilt, ein Krankenhaus verlassen, werden sic, falls sie nicht dienstfähig sind, sofort Heimatsort" zurückgesandt, wie unwohnbar dieser auch ist. Ja, es ist vorgekommen, daß ein russischer Freiwilliger von 19 Jahren, dem das halbe Gesicht abgerissen worden war und der uoit Professor Hirschmann in Charkow operiert werden sollte, aus dem Hotel weggewiesen wurde und die Stadt verlassen mußte, weil er ein Jude war oder von jüdischen Vorvätern abstamlnrte. Das bleibt sich nämlich gleich : Zu den auf die Dauer des Krieges eingerichteten Offiziersschulen wird nientand zugelasscn, dessen Vater oder Großvater jüdischer Konfession war. In Polen selbst hat seit Anfang des Krieges eine lange Reihe von Pogromen stattgefunden. Die jüdische Bevölkerung ist geplündert, grausam mißhandelt, an vielen Orten crmiordet worden. Zudem ist diese Bevölkerung aus einer Menge von Städten verwiesen worden, wo sie bisher wohnen durfte, mit 24stündiger Frist hinausgetrieben!; so wurden ungefähr 1500 Familien aus Grodzisk, einer Stadt unweit von Warschau, die ich recht gut kenne, hinausgejagt, während alles, was sie in den Häusern hinterlassen hatten, geraubt und geplündert wurde. Außerdem .sind die Juden aus acht Städten hinausgetrieben worden, von wo sie zur Hauptstadt strömten, die sic unmöglich beherbergen konnte. Dies geschieht zur selben Zeit, wo eine Menge junge Juden, die sich im! Kriege auszeichneten, Tapferkeits- und Ordenszeichen erhalten, und während die Regierungspresse die Juden wegen ihrer EiNsaMmlungen zu Gunsten der Verwundeten und der Hinterbliebenen, sowie wegen ihrer Errichtung van Krankenhäusern u. dgl. rühmt. Daß der Pöbel in Russisch-Polen, wie anderswo in Europa, von einem lebhaften Judenhaß erfüllt ist, kann nicht wundernehmen, und es würde wahrhaftig einen Schriftsteller, der vielleicht kräftiger als irgendein Jetztlebender unter Nicht-Polen seine Ergebenheit an das polnische Volk ausgesprochen hat, nicht dazu bewegen, eine Anklage wider die Polen zu erheben. Gingen die Pogrome vonii Pöbel aus, so wäre dazu nichts zu sagen. So wäre der Fall in Polen der näMliche wie in new und anderswo im eigentlichen Rußland. .Was mich aber reden gemacht hat, das ist der unermeßliche Unterschied zwischen den Verhältnissen in Rußland und in Russisch-Polen, und zwar, hitbare, e noch!M Gk. unser! im wai Jude» x Le« Jude« :n bei habe,, r und . Dan! de bei ndlose« chaffen ist die 3. oder! was tn die ist ei« i, und >en ja in: sie stöhle», rangen st für it Len >ie ich Haut ,en. 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Das eben ist die Hauptsache, und dent ist jetzt nicht mehr abznhelfen. Das Unglück ist ja geschehen, und ich schreibe dies nicht ohne Ueberlegung, sondern in vollem und berechtigtem Ernste. Denn es handelt sich um Menschenleben und menschliche Existenzen zu Tausenden. Sie werden vernichtet als Opfer mittelalterlicher Vorurteile, welche ansznmerzen und nicht großzuziehen die Aufgabe des Geistesadels wäre. (Schluß, folgt.) Unö wir vertauschten den. Spaten mit dem Schwert. Von Lehrer Adolf Rothschild-Achim-Bremen. Nie ohne Not die Fäden nach rückwärts dnrchschneidcn: sie schränken zwar. allerdings den Spielraum ein, aber sie gewähren einen Halt und führen stets neue Kraft aus den Wurzeln der Existenz zu. Aphorismen v. M. . . . Da mit diesem Kriege die Lebensintcrcjsen aller Staaten und damit auch ihrer Untertanen eng verknüpft sind, ist es ganz natürlich, daß sich jetzt alles, aber auch alles um den Krieg dreht. Unsere Zeitungen glauben nur noch „Kriegerisches" bringen zu dürfen: für anderes soll jetzt angeblich kein Verständnis zu gewinnen sein. Nun sind schon sechs Monate verstrichen, und noch ist keine Aussicht auf Frieden. Geduldig ausharren!, rufen uns unsere Führer zu, das müssen, und das wollen wir auch. Der große Weltenkrieg ist für uns alle eine Prüfung, um uns groß zu machen für die zukünftige Welt. Wie kommt es, daß in dieser Zeit manchem manchmal der Geduldsfaden zerreißt? Weil er immer nur vorwärts schaut und das ersehnte Zukunftsbild sich immer weiter von ihm entfernt. Der tiefer Denkendere unserer Tage schaut auch zurück bei jeder weltbewegenden Erscheinung ans die alte und älteste Zeit und sucht und sinket Anknüpfungspunkte, stellt Vergleiche, erforscht Ursache und Wirkung mit philosophischer Genauigkeit und erzielt auf diese Weise ein besteres Verständnis für alles, was in diesen Tagen seine Augen sehen, seine Ohren hören und sein Herz empfindet. Dieses empfehlenswerte Studinnc bringt uns in dieser schweren Zeit über manche Stunde des Trübsals, der Not, der Verzweiflung und der Verzagtheit hinweg, gibt uns Kraft, zerrissene Geduldsfäden wieder anzuknüpfen und schärst unseren Blick für die Zukunft. In unseren hebräischen Schriften mit ihren reichen Geistesfchätzen sprudeln so viele unversiegbare Quellen, die in jetziger Zeit erquickend und befrachtend auf uns wirken können. Unsere Leuchten in diesem Kriegeswirrwar, der Philosoph Salomo und dessen Vater, der königliche Sänger David, denen Gott, der Vater der Weisheit und Milde, die Weisheit ins Herz und das Wort auf die Zunge gelegt hat, haben uns in Liedern und Sprüchen unsere Zeit besungen, als wenn sie sie vorausgeschaut hätten, oder - als wenn es schon einmal eine solche Zeit gegeben hätte. Die Zeit des Krieges ist eine Zeit der Versuchung. Wir tappen .im Finstern, und jn dem Plagen cmd Zagen und Klagen, Hangen und Bangen, Wanken und Schwanken, geben uns jene beide Helden einen Halt durch den Hinweis ans den Urheber alles Seins und Werdens, von dem es heißt: „Du gibst denen, die dich ehrfürchten, ein Panier» sich daran cm« porznrichten, um der Wahrheit willen (Pf. 60)." Im Ps. 57, 9 finden wir den herrlichen Ausspruch Davids: „Erwache meine Ehre! erwache, o Laute, o Harfe, ich will den Morgen wecken." Hierzu erzählt R. Huna, Sohn des Bisna, im Namen des R. Simon ben Chassida: Oberhalb des Bettes David war eine Harfe aufgehängt, die um Mitternachtszeit, von einem vom Norden konrcccendeii Windhauch umschwebt, von selber zu spielen anfing. David griff in die Saiten, um dem Spiel Einhalt zu gebieten und beschäftigte sich hierauf mit der Thora, bis die Morgenröte aufging. Plötzlich kamen die Weisen Israels zu ihm und sprachen: „Unser Herr, o König, dein Volk Israel hat Broterwerb nötig." Der König erhob sich von seinem Lager und antwortete mit königlicher Gelassenheit: „Gehet hin und erwerbet, einer mit dem andern cmd einer durch den andern!" Die Weisen entgegneten aber: „Die Handvoll Nahrung kann den Löwen nicht sättigen, und die Grabe süllt sich nicht von dem ihr selbst entccommenen Sande allein." Hiermcf sprach der König: „Ist es so? . . . Ist cs Iso? .'. Wird der Erwerb cmd der Außenvcrkehr von Feinden bedrängt, so rührt die Hände cmd greifet die feindlichen Scharen an!" Sodann erfolgte die Beratung mit Achitokel, es wurden die Urim und Tumim befragt und die Heerführer beauftragt. ... Wie ist mm der Ausspruch Davids cmd wie die daran geknüpfte Erzählung des R. Chcma zu verstehe»? Schriftgelehrte älterer und neuerer Zeit haben sie zu erklären versucht, und die Ergebnisse sollen hier im wesentlichen wiedergegeben werden: Das dichterische Sinnen und Denken,. Leben und Weben, Forschen und Schaffen des in der Frühe erwachten Königs wird plötzlich von der nüchternen Prosa mit ihren Forderungen unterbrochen. An - das Lager, von dem der König sich erhoben, um, vom Saitenspi'et erweckt, mit der Thoraforschcmg zu. beginnen, trat die Sorge heran, die Sorge ccm das Brot, ccm den Broterwerb für bas Volk.' Die Harfe erweckt den Sänger und dieser den Morgen mit seinem Liede. Das Volk aber ruft den König an: „Dcc bist König, und es' ist Deine Pflicht, dem Volke Brot zu geben." „Das will ich", sprach der König. ,^ch will Boden und Industrie heben, dadurch Erwerbsquellen eröffnen und sie durch Gesetz und -Ordnung schützen: doch ihr müßt fleißig bei der Arbeit sein, um diese Quellen lebendig zcc erhalten, sie zcc vermehren, Ströme von ihnen in alle Lande ergießen zu .lassen und sie so für den Einzelerwerb von Hans zu Haus ergiebig zu machen." „Und wenn der böse Nachbar diese Arbeit stört, wenn Feinde von außen dieses Friedenswerk von innen verhindern, wenn Syrier und Philister das Volk Israel bedrängen cmd .seine den ganzen Erwerbsverkehr ermöglichenden Kanäle verstopfen, die Nährqccellen trübe» cmd alle Wege, auf denen Produktion und Absatz sich bewegen und begegnen, mit den Scharen ihres bittere» Hasses »mstellen? Woher soll der eingeschlossene Löwe sich »ähren, womit die ausgehöhlte Grube sich füllen?" „Feinde von anßen"? fragt der König, „so ziehet gegen, sic und schaffet Raum! Der Spaten verwandele sich in eine Lanze, und ich.will die Leier mit dem Schwerte vertauschen." Das ist das Programm des großen jüdischen Königs: Lehre und Lied, fleißige friedliche Arbeit von inneir — und wenn'» sein muß, K a m p f n a ch außen! Wir sehen, die goldnen Saiten sind nicht uinsonst von dem kalten nordischen Hauch berührt worden. Es mischt sich in den lieblichen Sang -Lpatenton ccicd Schwerterklang. Paßt das Bild cmd seine Auslegung nicht ganz in unsere Zeit? Die Feinde ringsunc störten uns bei ccnserer friedlichen Kulturarbeit, der Kaiser rief und wir vertauschten den Spaten mit dem Schwert und die Leier mit der Lanze., Und was wird, soll und muß der Weltenkrieg bringen? Uns Deutschen den Frieden von ew'ger Dauer, Zcnn Schutz' gegen Feinde eine eherne Mauer. Soll volle Freiheit auch den Inden bringen: Das möchten mit diesem Sieg wir erringe». Wache auf o Harfe, o Laute wach auf! Und spiele der Gerechtigkeit ihren Laus! Und wir wollen dmcn zeigen, daß wir für unser Vaterland nicht bloß sterben, — sondern — was viel schwerer ist, auch leben können. Bunte Chronik. Moriz Karriere und Sie Jude«. Aus dem Nachlaß Moriz Carricre's, desberühmten Aesthetikcrs und Kunstforschers, hat Wilhelm D i e h l neuerdings „Lebcnserinnerangen" hercmsgegeben. (Darm st ad t 19l4 inc Berlage des historischen Vereins für das G.roßherzogtum Hessen), in denen der gefeierte Gelehrte über die Ursprünge feines Daseins, dessen Entwicklung in den ersten drei Jahrzehnten cmd die zahlreichen Beziehungen zu geistig hochstehenden Persönlichkeiten berichtet, die sich umgekehrt für ihn ergaben. Auch mit Jude» ist Carriere öfters in Verbindung gekommen. Schon als 18jähriger Student schloß er sich eng an mehrere jüdische Freunde an. Der eine war eicc gebürtiger Frankfurter, HeinrichBernhardOpPenheim, der 1880 in Berlin als .hervorragender Politiker gestorben ist, der andere Theodor Creizenach, der in späteren Jahren hier in Frankfurt als Lehrer wirkte. Im reifsten Mannesaltcr, auf der Höhe seines Schaffens, rühmt Carriere Creizenach noch nach, daß er einige „hinreißend schöne" Gedichte verfaßt habe, und in der Jugendzeit, da diese Freundschaft in Blüte stand — Carriere sagt wörtlich „wo wir cms sofort verbrüderten" —, prognostizierten ec und seine Genossen Creizenach, daß er vielleicht einmal an Hein e heranreichcn werde, den C. übrigens' gelegentlich auch tapfer verteidigte. Ist auch die Voraussage nicht in Erfüllung gegangen, so bietet sie doch ein schönes Zeugnis für Carriere» Vorurteilslosigkeit. Fördernd und klärend aus ihn wirkte nach seinem weiteren autobiographischen Zugeständnis Moriz A b r aham Stern, ebenfalls ein Franksicrter (1807—1894), der späterhin eine Mathematik-Professur in Göttingen imcehatte. Er erzählt von ihm „durch Creizenach war ich an einen jungen Mathematiker adressiert, Dr. Stern, der ein Jude war und zu bleiben entschlossen war und endlich auch zu den ersten gehörte, die in Deutschland eine ordentliche. Professur erlangten. Klar und verständnisvoll für alles Schöne und Große besprach er mit mir meine Stccdcen; die Herbartsche Anwendung der Mathematik aus Psychologie erschien. chm zwecklos, da die ersten Bedingungen für die Formeln fehlten. Er machte mich darauf aufmerksam, Gauß sei dochi der bedeutendste Göttinger Professor, und i so' Hab ich von der imponierenden Persönlichkeit dieses genialen Mannes eicrcn bleibenden Eindruck gewonnen:" - Dankbar gedenkt er Ludwig Bamberg er's, den er seine» ersten Schüler nennt, der sich ihm bei