Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1915-03-12 · Heft 10 (12.3.1915) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 10 (12.3.1915)
Date
1915-03-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2692297-2692924-2692934--08899-2704061
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

■ ■ - .. - —1 t Erscheint wöchentlich am Freitag. Aemgspreis pro Vierteljohr: In Fran'iurt a. M. Mk. 1.— fr« ins Haus.- -Bei der Postabonniert SO Pfg., frei ins Haus 4 Psg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und -Oesterreich» Ungarn Mk. 1.50, für Rußland I Rubel, für olle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel-Nummern kosten 10 Psg. & .-..# Redaktion und GzPedition: Frankfurt a. M :: Cangeftr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. Aerausgeber: Haltz ^ets. Jnfertionsprr» für die fünfgefpattene Petitzeile 35 Pfg.. für die Reklamezeile Mk. 1.—. Bn Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Lngebote und -Tefuche, WohnungSinserate, Heirats - Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichem. Lmwncen»AnnahmebeiderExped.undinaLlnnoncrn»Bureau». Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4854. IS. Jahrgaug. Freitag, den 26. Adar 5625 (12. März 1915) «r. 16. Die Zukunft des Orients. Im Abgeordnetenhaus sprach im Rahmen eines vom Kartell Jüd. .Verbindungen zugunsten des Roten Halbmondes veranstalteten Vortragszyklus Dr. Paul Rohrhach Wer „Die Zukunft des Orients". Der Redner erörterte zunächst die Wandjung der deutschen W e l t p o l i t i k. Wä^- rend Bismarck es ablehnte, Deutschland in die Auseinandersetzungen im Orient verstricken zu lassen, ist heute die deutsche Wcltpolitik mit der Zukunft des Orients aufs engste verknüpft- Bismarck konnte noch den Gedanken aussprechen, die Erwerbung Helgolands sei ein Fehler gewesen, weil sie Deutschland zwinge, es gegen französische Flottenangriffe stark befestigt zu halten; Bismarck konnte erklären, Deutschland habe keine Interesse daran, Rußland die freie Fahrt durch die Dardanellen zu mißgönnen und könnte sich auch mit der Erwerbung Koustantinopels durch Rußland zufrieden geben. Seitdem haben sich die Verhältnisse aber geändert. England hat Deutschland als seinen hauptsächlichen Konkurrenten, der dem englischen Imperialismus entgegentreten muß, zu bekämpfen und einzukreiscn begonnen und hätte spater niemals mehr Helgoland abgetreten. Und Rußland hat seit den Petersburger Tagen Bismarcks eine so ungeheure Vermehrung der Bolkszahl durchgemacht, daß es, seinen natürlichen Entwicklungstendenzen folgend, zum Kampfe um die freie Durchfahrt durch die Dardanellen schreiten mußte; und da der Besitz Konstantinopels mit dem Protektorat über die Lalkanstaaten, mit der Zertrümmerung Oesterreichs und der Ausdehnung der russischen Hoheit bis audie Ostalpen und das Adriatische Meer verbunden sein müßte, mußte sich Deutschland den russischen Aspirationen entgegenstellen. Nachdemdie russische Expansion in Ostasien durch Japan, den englischen Verbündeten, znrückgeschlagen und wieder in den nahen Orient geleitet worden war, hatte damit auch England das Ziel seiner Einkreisungspolitik gegen Deutschland erreicht, dessen wachsender Einfluß, in der Türkei zur Stärkung des ottomanischen Reiches und zur Bedrohung Egyptens, des Schlußsteines im Gewölbe des britischen Imperialismus, führen nnrßte. Für Deutschland bestand und besteht die Sicherung seiner freien Entwicklung gegenüber dem britischen Imperialismus ' auf der zweifachen politischen Lebensversicherung :dcrstarkenFlotte and der Bedrohung Egyptens durch eine starke Türkei. Tie von den Ententemächten verfolgten Ücilungsplane müssen Deutschlands schärfsten Widcriand finden, und darum sieht die Türkei in Deutschland den einzigen uneigennützigen Freund. Die Entscheidung, wer beim Ausbau des Orients der Baumeister sein wird, England oder Deutschland, ist die wichigste Frage der Auseinandersetzungen und Kämpfe. Der Orient bietet einer planvollen Kulturarbeit, vie sie Deutschland leisten kann, ungeheure Mögichkeitcn. Die physikalische Ertragfähigkeit ist ins Ingemessenc zu steigern. Deutschland bringt hierin die Werlegene Technik und das Kapital. Notvendig ist vor allem eine kluge Schulpolitik. Die »eutsche Wissenschaft hat bewiesen, daß die Deutschen rie Fähigkeit des Verständnisses für fremden, lationalen Geist besitzen. Der deutsche Idealismus md die Tatkraft deutscher Pioniere werden im Verin mit dem Einfühlungsvermögen in den Geist »es Orients der deutschen Kulturpolitik im Orient in reiches Betätigungsfeld für die Zukunft sichern. Im Anschluss an diese Auseinandersetzungen behandelte Dr. R. die Bedeutung, die die zionistische Bewegung für die deutschen Bestrebungen im Orient spielen könne. (Sr stellte die Fragen: Sind die Juden imstande, einen wichtigen Teil des -Orients, wie Palästina, zu kolonisieren? Sind sie imstande, wenn sie in größerer Zahl dahin auswandern, bedeutende Kulturwerte zu produzieren? Ist zu erwarten, daß dabei gefährliche politische Konflikte vermieden werden können, ünd ist zu erwarten, daß sich hieraus ein Nutzen für die deutsche Weltpolitik ergeben werde? Me diese Fragen bejahte Redner. Die Zionisten verfolgen die Idee, als ein in Palästina beheimatetes Volk dort wieder ihre alte Sprache zur lebendigen Volks- und Gebrauchssprache zu Machen. Das erscheint auf den ersten Anschein merkwürdig. Man kann aber an der Möglichkeit dieser Wiederbelebung der hebräischen Sprache und des hebräischen Geistes nicht zweifeln, wenn man sieht, mit welcher Begeisterung und mit welchem Ernst ganz nüchterne Männer diese Bestrebungen verfechten. Die Zionisten sind natürlich selbst der Ansicht, daß neben der hebräischen Sprache für den Verkehr mit der Außenwelt eine europäische Vermittelungssprache notwendig sei, und für die Deutschen ist ein stillschweigendes Uebereinkommen mit der zionistischen Bewegung durchaus möglich, wonach die in Palästina die Wiederbelebung des hebräischen Geistes erstrebende zionistische Bewegung und das unter ihreml Einfluß stehende orientalische Judentum die deutsche Vermittlungssprache fördern. Versteht doch auchjetzt die Mehrzahl der aus dem Osten stammenden Juden die deulschc Sprache. Die Interessen des nationalell Judentums im Orient gehen anderseits mit den deutschen, nicht mit den englischen Bestrebungen parallel, da England gegen- Wer der in Konstantincpel konzentrierten Einheit des Islamauf seine Spaltung durch Förderung der arabischen Tendenzen hinarbeitet und -darum die zionistischen Bestrebungen den arabischen Aspirationen unterordnen muß. Es handelt sich also darum, zwischen dem Wachstum der zionistischen Bewegung und den deutschen Bestrebungen im Orient eine Interessengemeinschaft zu schaffen. Es ist zwar nicht leicht, in Palästina ein neues, starkes Leben hervorzurufen; dafür ist aber auch die zionistische Bewegung von einem hingebenden Idealismus getragen. Es muß bezweifelt werden, ob es möglich wäre, eine solche Aufschließungsarbeit bloß mit einer großen Zahl von Millionen zu leisten. Wenn jemand dazu imstande wäre, sind es nur die jüdischen Idealisten, die nicht hingehen, um Geld zu verdienen, sondern um eine Stätte zu schaffen, in der wenigstens ein Teil des jüdischen Volkes ein freies nationales Leben sich sichern kann. Zur Lage der russischen Jude». Die Lage der russischen Judenheil wird inrmer trauriger. Me judenfeindlichen Elemente der Regierung und Bevölkerung vereinigen sich mit den unvermeidlichen Härten und Nöten des Krieges, um ihr immer neue Schläge zu versetzen,, immer tiefere Wunden beizWringen. Me namenlosen Leiden, die die jüdische Bevölkerung des russisch-polnischen Kriegsgebietes jetzt durchmacht, sind aus vielen Zeitungsmeldungen bekannt. Jede Nummer der jüdischen Zeitungen Amerikas bringt neue Klagerufe. Es hat den Anschein, als ob die russischen Machthaber enischlossen sind, die jüdische Bevölkerung dieser Gebiete einfach zu vernichten. Systematisch: werden die Juden aus allen Dörfern und Städten der Grcnzprovinzen vertrieben, und ihre Habe wird den Soldaten und dem Pöbel zur Plünderung Werlassen; mit welch unbeschreiblicher Grausamkeit und Barbarei dabei verfahren wird, hat der vor wenigen Woche» veröffentlichte 'Appell des Zentralkomitees des Jüdischen Arbeiterbundes mit erschütternder Wucht geschildert. Aber auch im Innern Rußlands, in den Gebieten, die bisher noch nicht von der Kriegsfurie unmittelbar berührt sind, ist die jüdische Lage unsagbar traurig. Die ökonomischen Folgen des Krieges spürt niemand so wie die Juden. Denn während das Gros des russischen Volkes von der Landwirtschaft lebt und so vom Kriege nur mittelbar getroffen wird, sind ja die russischen Juden ganz und gar auf den.Handel angewiesen. Hinzu aber kommt noch ein anderes Moment: der weitaus überwiegende Teil der russischen Juden besteht aus kleinen Handelsleuten und 'Handwerkern, die, selbst ohne Kapital, die finanzielle Grundlage ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit in den Leihkafsen finden, die in allen größeren Städten Rußlands bestehen und eine segensreiche Tätigkeit ausgeWr haben. Diese Kassen sind nun fast alle durch den Krieg vernichtet worden, da die Banken ihnen keinen Kredit mehr gewähren. In vielen Städten mußten sie bereits aufgelöst werden, wo sie noch bestehen, haben sie keine Mittel mehr, und so ist gerade der ärmeren Schicht der russischen Judenheit der Kredit und damit die Grundlage ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit entzogen. Diese traurige ökonomische Lage einigermaßen zu verbessern, wäre allerdings durchaus möglich: es wäre hierzu nur erforderlich, daß eine große Bank den Leihkassen wieder Kredit einräume; dazu imstande und berufen wäre aber nur die Reichsbank, und diese weigert sich, es zu tun, weil die Regierung diesen ökonomischen Ruin ihrer jüdischen Untertanen ganz gerne sicht. Und damit sind wir bei demjenigen Faktor angelangt, der mehr als alle anderen an der furchtbaren Lage unserer Brüder in Rußland die Schuld trägt: bei der j ndenfeindlichen Haltung der russischen Regierung. Es gab zu Beginn dieses Krieges ja so manche Juden in England und Frankreich, die vom.Kriege eine Besserung der Lage der russischen Judcnheit erwarrsten; es sei nur an das Auftreten Israel Zangwills erinnert. Wer aber nur ein wenig mit der historischen Entwicklung und dem politischen Wesen des Zarismus und der russischen Autokratie vertraut ist, mußte von vornherein wissen, daß von dem gegenwärtigen Regierungssystem in Rußland auch nicht ein Jota von Rechten für die Juden zu erwarten ist, vielmehr sehr wohl mir einer Verschlechterung der politischen Stellung gerechnet werden kann. Die letzten Monate haben dies mit unwiderlegbarer Klaren bewiesen. Kein einziges von den unzähligen Ausnahmegesetzen und Beschränkungen, die den einzigartigen Kodex der russischen Jüdengesetzgebung bilden, ist aufgehoben worden; mit unbarmherziger Strenge mcd .zynischer Grausamkeit werden sic nach wie vor durchgesührr. Jüdische Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten dürfen nicht das Ansiedlungsrayon verlassen, sodaß in einer Stadt wie Wilna, die im ganzen nur 200,000 Einwohner zählt, bereits 170,000 jüdischer Flüchtlinge sich zusaMmengedränch haben;

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.