Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 9 (5.3.1915)
- Date
- 1915-03-05
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4l Frankfurter Israelitisches Fcmnlienblatt. und gescheit. Ich werde auch jetzt das Leben ernst nehmen und . . ." „Das wird uns weit bringen", sprach er höhnisch, „Du weißt nicht, was Du Dir da aufcrlcgst." Er ging hastig.auf und ab, „Nein", schrie er wieder auf, „und wolltest Du auch wirllich alle Opfer und Mühseligkeiten der «Armut ertragen, nein, ich wlll aber nicht weichen. Wem? Wem? Diesem Hund von Polizciknccht, dieser Bande von Dummköpfen und Heuchlern da oben? Damit sie die Früchte meiner Arbeit genießen — sie unser letztes Hab und Gut verschlingen. Nein, wir bleiben! Wie sagte doch Alexandru: Wir machen den Schwürdel mit, und das ist alles." „Erbarm Dich Mann! Bei meiner Mutter im Grabe — beim Leben unserer Kinder erbarme Dich!" Sie hatte seine.Knie umfaßt und stöhnte schluchzend: „Es ist so verächllich — so schlecht — wir wollen cs nicht tun, nein, lvir wollen es nicht!" „Steh ans und schweig", befahl er keuchend. Ein Weib soll gehorchen. Langsam stand sie auf und kehrte ihr Antlitz gegen die Wank), daniit er ihre Tränen nicht sehe. Er rannte noch immer umher, ivic ein Verzweifelter. „Nicht wir sind die Verächtlichen" grollte er, „nicht wir. Die Macht, die uns zwingt, die gemeine, in Unwissenheit und Verderbtheit sich blähende Uebermacht ist cs; ihr müssen wir uns fügen." „Und Dem Vater?!", schrie Helsia auf. „Der Vater", erwiderte er tonlos. „Freilich der Vater darf cs nie erfahren." .... * „Wir wollen nicht mehr singen", sagte Benno und legte die Noten fort. „Sie sind nicht bei Stimme, Sie haben Kopsweh, Claudia." „Sie können ehrlich heraus, „Herzwch" sagen, lieber Freund", - antwortete Claudia seufzend. „Ach die Menschen, die ich lieb habe, machen mir die meiste Not." „Sie vermissen Alexandru", fragte Benno argwöhnisch ... . „Wir wollen von chm nicht reden", cntgegncte Claudia, während eine lebhaftere. Farbe ihr liebliches Antlitz errötete. „Sie, lieber Benno, sind cs vornehmlich, der mir Kummer macht." „Ich?" „Jawohl, Sic. Spielen Sie nur den Erstaunten! Sie zuerst. Haben Sic mir nicht, seit ich hier bin, viele schöne Stunden Ihrer Zeit gewidmet? Aber seit einer Woche verkürzen Sie mich. Sic haben geheime Zusammenkünfte mit jemandem. . . Wäre cs eine Dame, würde ich diese Vernachlässigung Ihnen verzeihen. . . ." „Sie verletzen mich, Claudia."- - . -- „Sic sollten mich lieber beruhigen, statt mir zu grollen." „Uni mich sorgen Sic, Claudia, im Ernst?", sagte er zärtlich. „Was soll ich tun, um ryeine geliebte Fremänn'izn beruhigen? - „Versprechen Sie mir Ihren Verkehr mit Herrn von.Kcklagiceanu cinzüstellen." i „Nein. Das werde ich nicht versprechen." Er sprang hastig auf. „Ö diese Frauen! Auch das letzte Geheimnis locken sic' einem aus der Brust. ... Woher wissen Sie, daß ich mit Kalagiceanu verkehre?" „Well der Name dieses Herrn fortwährend auf Ihren Lippen ist, well ich jüngst in den Liedern, welche Sie mir brachten, ein offenes Billet fand, worin Herr Kalagiceanu Sie aufgefordert, ihm gewisse Papiere,.zu verwahren. . . . O mein Gott, BenUo, Sie sind noch so jung, so unbedacht, und Alexandru sagte von ihm, der sterbe bestimmt im Gefängnis." „Alexandru sagt", rief Benno höhnisch, „ja freilich auf Alexaudrus Weisheit muß man schwören. Der kümmere sich ferner nur um keinen anderen, als um sich selbst. Ich aber bin kein feigherziger Egoist wie er, der sein Volk in Not sieht, ohne eine Hand, zw rühren, ihm aufzuhelfen. . . O wenn wir Juden nur uns selbst befreien wollten, es sind genug, die zu uns stehen, well sie gleiches Leid ertragen. Und Kalagiceanu, er fühlt für uns, leidet mit uns; denn seine Feinde sind unsere Bedränger." . „So hat mein Herz doch recht geahnt", unterbrach ihn Claudia bekümmert. „Ach, mein Freund, ich fürchte, daß man Sie mit all den begeisterten schönen Träumen von Freiheit und Erlösung nur in eine Wüste voll Jrrtümcr verlocken wird; und Sie hallen den Sonnenglanz auf dem Sande für das Wasser des Heils. - Nehmen Sie sich in Acht! Jener Republikaner ist gewiß ein Patriot, aber kann auch Ihr Kämpfen wohl, ein gemeinsames sein, um deswlllen er in Ihnen den Glauben . anseiuen, Eifersein Mitgefühl für Ihren'Schmerz: er-, weckt, Ihre Sache kann niemals die seine werden. Und ich sehe nur allzuuahe die Gefahr voraus, welche dieses Bündnis für Sie in sich schließt."' „Sollte man cs glauben, das; diese schönen, klaren Augen so schwarze Gespenster sehen?" „Sic spotten meiner, aber die unbestimmte Angst, die mir . das Herz zusammenschnürt, nehmen Sie mir nicht hinweg. Es geht etwas vor — etwas Unheimliches, Furchtbares für Sie alle; wahrhaftig, ich glaube, ich habe Unheil in Ihr Haus gebracht." „Sic? Claudia! Sie haben Glanz und Schönheit zu uns gebracht", rief er feurig. (Fortsetzung folgt.) Uniyersitäts-Cafe Bockw"!,eem8P ErstklaaalgoB Famllion-Oafö. — ■■ > BV* M&ssige Preise. VI _Besitzer: Ennat Ounkoi. Hoch der Kaiser! Ans dem Mdischeu von Morris Roseufeld übertrageu von einem Landsturmmann aus Wache. In Rußland meine Wieg' einst stand. Da hat man mich in Schlaf gesnngcn . . . Es hat in der Tyrannen Land Mein Wiegenlied tramig geklungen. Zuerst hat Diutter still geweint. Und dann vergoß ich bitt're Zähren; Mich peinigte ein schlimmer Feind, Wollt' keiner meinen Jammer hören! Kein Frühling pflegte mir zu grünen. Kaum konnte ich zu leben wagen — Sollt' ich dein Dränger immer dienen Und nie genießen, stets nur.klagen? Im Wachen Weh uiü» Schreck im Schlafen, Nur Leid und Kummer, niemals Güte? — — In fremdes Land, in fremden Hasen Bin ich gefloh'n, des Weinens müde. Doch auch in weite Fern geklungen Ist stets Gewalt nur, Mord und Tücke, Des Bär'n Geheul' zu mir gedrungen. Der wütend reißt mein Voll in Stücke. Wird denn der Frevel ewig siegen. Daß Unheils Donner ewig rollt? Wird denn das Schicksal nie es fügen. Daß Rußland seinem Schuldherrn zollt? Ich hab's gefragt oft mit Verzagen, Gezittert hat mein Herz nach Rache — — Da enplich: Rußland wird geschlagen!! Und Freud' erfüllt mich und ich lache! Je mehr der Feind es wird bedrängen. Je uäh'r gen Ende zeigt der Weiser, Ruf' ich mit jauchzenden Gesängen: Hurra für Deutschland! Hoch, der Kaiser! I. B. L. Ei« Kriegsfreiwilliger über de« Feldgottesdieust. Unser Held ist erst 17 Jahre alt mid liegt schon seit drei Atonalen inr Schützengraben. Im August bestand er mit' ausgezeichnetem Erfolge das Abitur ' am Gymnasium. Er als einziger Jude meldete sich mit den übrigen 16 Abiturienten freiwillig, wurde aber zu seinem größten Leidwesen wegen allgemeiner Körperschwäche zurückgewiesen. Er meldete sich aber immer und immer wieder, bis' man chn schließlich einstellte. Unser Kriegsfreiwilliger stammt aus einem Hause, das dem Judentum ziemlich fern steht. Er war bei seiner Barmizwo und.wohl auch sonst noch einmal cm den hohen Feiertagen in der Synagoge. Er schreibt mir über den Gottesdienst, der am 6. Februar in Longwy in einer französischen Schule durch den Feldgeistlichen Rabbiner Dr. Bäck, abgehalten wurde, folgendes: Longwy ist ungefähr eine Stunde von unserer Ruhestellung entfernt. Alle in der Nähe liegenden jüdischen Soldaten waren zu dem Gottesdienst erschienen — etwa 50 —, vom Offizierstellvertreter bis zum gemeinen Manne «aller Chargen. Ein Unterarzt war auch zugegen. Auch mehrere mit dem Eisernen Kreuz Geschmückte bemerkte man unter den Airdächttgen. Ich ging mit meinein Gruppenführer, Unteroffizier M. . . aus Hamburg, , der auch ein Jude ist. Er ist als Reservist eingetretenwurde bald zum Gefretten und schließlich zum Unteroffizier befördert. Seine Brust ziert auch' das Eiserne Kreuz. Wir sind die beiden einzigen Juden in unserer Kompagnie. Und nun zum Gottesdienst. Er war sehr schön. Ich hätte nicht geglarrbt, daß michder ich doch gaNz freireligiös erzogen bin, die Andacht so packen könnte. Herr Dr. Bäck erschien mir wie ein Prophet. Der Einleitungsgesaug klappte nicht besonders, viel mehr sprach : die eindrucksvolle Rede des' Rabbiners, die alle Teilnehmer des Gottesdienstes sehr zu befriedigen schien. Er sprach so ernst, so zuversichllich, so warm väterlich, so rein menschlich, kurz direkt göttlich. Seine Worte trafen unser Herz. Jetzt erst habe ich empfunden, was Religion ist, und was 'Religion heißt. Zum Schluß sprach der Rabbiner ein deutsches Gebet,, und wir' sangen das niederländische Dankgebet, das besser klappte. Nach dem Gottesdienst ließ der Rabbiner, der Nr. -9. Nr. mich st seine T verankei an mich wie üb zmn M das Er Minjan All ging, s nicht .<£ alt, un Geräten dem Z allmorg der Wc ab un! uatürlü möchten ungewo bringt, lässigun sonders Tage i bin fes — auc ei n i SP av die A war. uns jetzt' wie ' ein Engel erschien, einen Sack mit Liebes-! gaben herbeiholen, die er an uns verteilte. Zeder! bekam, was er wollte. Hierhatten wir den 'Geistliche»! und den Menschen in einer Person. Hoffentlich haben! wir bald wieder solchen Gottesdienst. Ich liege -jetzt! wieder in meinem Schützengraben. Vor meiner Seele! erscheint immer wieder die patriarchalische Gestalt des! Rabbiners Dr. Bäck. A. B. . . . Rothschild,-Achim. A«s Feldbriefeu. Heute mittag ist ein großer Teil der iu meiner Stube liegenden Leute auf Wache gezogen, so will ich die wirtlich wohltuende Ruhe benutzen, um Euch über meine Erlebnisse und Eindrücke auf meiner Sendung nach Kzu berichten. Am Sonntag, den 2. Weihnachtsfeiertag, abends, läßt der Feldwebel mich rufen und zeigt mir den Battaillonsbefehl: „Die 1. Komp, stellt morgen früh zur Abholung der Post in K. 4 Pferde, 1 Wagen, Transportführer Unteroffizier M., der sich um %8 morgens auf dem Batalllionsbureau meldet." Gern übernahm ich diesen Auftrag. Wenn wir als Brigadechache in C. auch ziemlich weit vom Schuß lagen, so lagen wir in den Quartieren doch wie die Heringe nebeneinander gepfercht in den ärmlichen, schmutzigen Bauernhäusern. Das tägliche Einzelexerzieren, eine Woche genossen, hatte auch schon den Reiz der Neuheit verloren, und so war ich sehr froh, mal eine Gelegenheit zu haben, einen Abstecher und einen Blick hinter die Front zu jun. «Pünktlich fand ich mich morgens ein: mein Wagen mit 2 Sitzen, 1 schwerem Schafspelz drauf für mich, mit' 4 Pferden bespannt, ferner von jedem anderen Bataillon 1 Wagen mit 2 - Pferden standen schon bereit. Der Bataillonsadjudant gab mir meine Reiseroute an, gab mir noch verschiedene Besorgungen auf, der Bataillonsführer befahl mir, so schnell als möglich zurückzukehren, beide wünschten mir gute Reise, und nun ging's los. Wir waren noch nicht lang zum Dorf heraus, so merkten wir schon, daß es mit dem Vierspänner schlecht ging, die Pferde waren nicht aufeinander eingefahren. So wurde bei dem ersten Bauernhaus unterwegs halt gemacht, und ein Wagen requiriert. Nun ging's mit 4 Wagen weiter. Durch eine traurige, ödc Gegend führte uns der Weg; was unsere Felder in Posen im Winter so belebt, das sind die schönen, stattlichen Schober oder gefüllten Feldscheunen, die in ihrer großen Zahl allüberall unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Hier in Polen gibt es, wenig Großgrundbesitz, allermeist kleine und kleinste Bauerngüter, die ihre kleine Ernte in' Haus und Hof unterbringen. Das erste Städtchen Sz. erreichten wir aus noch einigermaßen guten Wegen gegen- 2 Uhr. Ich ließ unrein, jüdisches Haus ueuueu, in dem ich essen konnte; als- Jude wurde ich herzlich ausgenommen, und . vorzüglich mundete das gute Mittagsbrot am jüdischen Tische. Nach einer Stunde ging es weiter. Nun kam das dicke Ende, obwohl nur 10 Kvlometer nach K. sind, brauchten wir 4 Stunden, bis wir in der tiefen Dunkelheit die Stadt erreichten. Furchtbar war der Weg; -Pis au die Knie sanken die Pserde in den Schmutz und hatten furchtbare Mühe, die leeren Wagen vorwärts zu bekommen. K. ist ein Städtchen in der Größe wie P. iitü einem etwas größeren Markplatz, In dessen Mitte ist jetzt das Feldmagazin, in dem die Lebensmlltel auf. gespeichert sind. , Reihe an Reihe, neben und hinter einander stehen auf dem Platze die verschiedenen-Kolonnen, deutsche und österreichische, in der Nähe des Marktplatzes, im Theater, so wurde cs mir vom Inspektor bezeichnet, ist das Proviantamt, wo ich für meine Pferde den Hafer enrpsing; das Dkunitionsdepot ist natürlich außerhalb. Die Stadt zählt ca. 1500 Juden und 1000 Polen. Wie ich Euch schon mitteilte, brachte ich sofort Wagen, Pferde, Fahrer unter und ging dann aufs Ortskommando; der Feldwebel dort bewirtete mich herzlichst mit Cognac, Eiern, Semmel und gab mir dann einen Quartierzettel -für die Feldpost; dort lag ich mit den Postillonen zusammen, die zeigten sich' sehr kameradschaftlich; sie hatten reichlich Decken, und Pelze und gaben mir auch gern davon was ab, sodaß ich mich gut einpacken konnte und ich in dem bequemen Raun, auf reichlichem Stroh stets gut schlieft Im BÄt zu schlafen kenne ich überhaupt nicht mehr, außer in W. und P. habe ich nie das Vergnügen gehabt in den . 54/a Monaten, und - das Strohlager auf der Erde bekommt mir Gottlob ganz gut. Wenn ich nur unter warmem Dach bin, dann bin ich schon sehr, glücklich. Am nächsten 'Morgen stmrd ich zettig auf . und ließ mich zur Schul -führen, die lag ich Dunkel, -es wurde im Bet-Hamidrosch gebetet. Mit neugierigen, beinahe ängstlichen Blicken wurde ich zuerst betrachtet; erst als ich meine Tefillin herausnahm, war alles'beruhigt und erfreut. Eins -störte mich sehr, -alle -bis auf wenige gingen - um - den Almemmor herum spazieren und brachten für wich eine große Unruhe in-den Gottesdienst. Auf meine Frage; ob dies und auch das Rauchen, das auch ganz vereinzelt geschah, auch in Schul üblich sei, wurde mir erllärt, dies - fei nur hier -gestattet. Aber abgesehen von diesem fühlte ich'mich doch'so glücklich und heimisch, wieder im Gotteshause und in einer größeren Gemeinschaft beten zu können; wie nahe fühlte ich mich doch hier diesen armen Juden, die -ihres Glaubens wegen: in dieser schweren Zeit Not und Geführt zu bestehen hatten. Und Nun durfte ich vor die Thora treten — es war gerade Montag — mid voll Rührung und Dankbarkeit den Allgüttgen preisen, der Das In c Dra Auf Kunda meine Fle un d t 51 Eons der Gr.