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Neue jüdische Presse · 1915-03-05 · Heft 9 (5.3.1915) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 9 (5.3.1915)
Date
1915-03-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Wir verließen Herrn Kantsky dabei, wie er int Begriffe war, die Entstehung des Zionismus int Sinne der materialistischen Geschichtsauffassung zu erklären. Es ist für jeden, der ntit dem Wesen und der Geschichte des Zionismus auch nur einigermaßen vertraut ist, von vornherein ersichtlich, daß ein solcher Versuch fehlschlagen ntuß>. Der Zionismus ist in erster Reihe eine geistige und moralische Bewegung, geboren von seelischen, intellektuellen und ethischen Motiven. Seine Entstehung durchs wirtschaftliche Faktoren erklären zu wollen, - ist -ein methodologischer Nonsens, der zu den schiefsten Ergebnissen führen muß. Die Ausführungen' des Herrn Kautsky zeigen, wohin man Mit dieser Methode gelangt. Im Grunde übernimmt er nur die alte flache ForMel: Die eigentliche Ursache für die , Entstehung des Zionismus sei der Antisemitismus. In dieser Formel kann nun ein gut Teil Wahrheit liegen, wenn man nur den Antisemitismus richtig auffaßt und interpretiert: einerseits als die uralte, instinktive Abneigung der europäischen Völker gegen die ihnen in Rasse, Charakter, Geschichte, Religion wesensfremden Juden. — also so wie ihn Pinskcr verstanden hat andererseits aber als die notwendige und natürliche Reaktion der Völker gegen die unnatürliche Assimilation der Juden, also so wie die meisten Theoretiker des Zionismus ihn auffassen. Kautsky aber, dessen Auge für alle seelischen, tiefer wurzelnden, nicht wirtschaftlichen Motive blind ist, erblickt in dem Antisemitismus lediglich eine wirtschaftliche Erscheinung: ein Produkt der kapitalistischen Konkurrenzwirtschaft. Daß man mit dieser Deutung des Antisemitismus wohl den Judenhaß oberhessischcr Bauern oder niederösterreichischer christlich-sozialer Kleinbürger zum Teil — auchnicht ganz — erklären kann, gebeich zu; wie aber will Herr Kautsky den Antisemitismus eines Goethe, eines Voltaire, eines Schopenhauer — oder um in unserer Gegenwart kleinere Geister zu nennen -— eines Dühring, eines ChaMberlain, eines Bartels Mit Hilfe dieser. Deutung verstehen? Hier wie überall tritt die Flachheit und Unzulänglichkeit dieser Geschichtsauffassung zutage, die alle Prozesse und Erscheinungen der Geschichte letzten Endes auf Magenfragen zurückführcn will. Es kann auch daher nicht wundernehm'en, daß Kautsky all die positiven, tiefen seelischen Faktoren, die in unmittelbarer Weise zur Entstehung des 'Zionismus geführt haben, nicht nur nicht gebührend wertet und würdigt, sondern garnicht einmal sieht. Wer nicht mit der typischen Enge des Blickes und der unheilbaren Blindheit für alles außerhalb der Formel Liegende vertraut ist, die alle extremen Vertreter der materialistischen Geschichtsauffassung charakterisiert, wird im höchsten Grade staunen Müssen, wenn er hört, daß in einem Buche, das der Widerlegung des Zionismus und der Lösung dev Judenfrage gewidmet-ist, auch> nicht mit einer Silbe die moralische Judenfrage, das jüd. JndividualitätsprohleM, die geistige Judennot und wie - iMmer die Bezeichnungen dieser einen, tiefsten aller Jüdenfragen heißen mögen, erwähnt sind. Von all den schweren und tragischen Konflikten, in Me - die Assimilation den-modernen Juden hineingestellt hat, von all der seelischen Zerrissenheit und Disharmonie, die sie in uns erzeugt hat, scheint Herr Kautsky überhaupt nichts zu wissen oder richtiger vielleicht — da es unmöglich erscheint, daß er ihrer Erwähnung in der Literatur über die Jüdenfrage nicht begegnet sein soll — sie scheinen ihm bedeutungslos, nicht einmal der Erwähnung wert ziu sein, denn sie berühren ja Nicht den Magen und scheiden somit aus der Materialistischen Geschichtskonstruktion aus. Und Mit' derselben Verständnislosigkeit, mit der Kautsky den seelischen .Entstehungsgründen des westeuropäischen Zionismus gegenüberfleht, erklärt er auch die Entwicklungsgeschichte des osteuropäischen Zionismus. Die russischen Juden — sagt er — sind deshalb Zionisten, weil sie als Kleinhändler, als Arbeiter rückständiger Betriebsformen, dem proletarischen Klasscnkampf mit sozialistischer Zuspitzung nur schwer zugänglich sind und daher nicht zu erkennen vermögen, daß nur der Sozialismus den Antisemitismus beseitigen kann, indem er der kapitalistischen Konkurrenzwirtschast ein Ende bereiten wird. Nur infolge dieser rückständigen Unbildung sind sie auf den Zionismus als Mittel zur Lösung der Jüdenfrage verfallen. Daß aber die osteuropäischen Inden in ihrem vor den zerstörenden Wirkungen der Assimilation bewahrten jüdischen Milieu das uralt-heilige nationale messianische Zionsidcal noch fest inr Herzen tragen, daß sie als Schöpfer der neuhebräischen Literatur und Träger einer eigenen Kultur die geistigen Jüdentumsnot in all ihrer Tiefe verspüren und hauptsächlich aus solchen Motiven zum. 'Zionismus gelangt sind, weiß er natürlich nicht. Und ebenso flach und inhaltslos wie die Deutung des Zionismus durch Herrn Kautsky äst auch sein Versuch, seine praktischen Bestrebungen ad absurdum zu führen. Auch da übernimmt ec nuralte, abgenutzte Schlagwörter, die. er dann durch ebenso alte Argumente zu stützen sucht. Den Gedanken eines jüdischen Gemeinwesens in Palästina erklärt er als eine Utopie. Man staunt, dieses Argument aus dem Munde des Herrn Kautsky zu vernehmen. Wenn Börsianer und Kommerzienräte von Utopien reden, ist cs noch einigermaßen begreiflich. Wenn aber der extremste, doktrinärste Vertreter des radikalsten 'Marxismus mit diesem Worte argumentiert, so klingt dies doch ejpwenig lächerlich. Die weltumstürzenden, den tiefsten Menschlichen-Eigenarten widersprechenden Ideale des Marxistischen Sozialismus, also unter anderem die Ausschaltung der Konkurrenz aus dem! Wirtschaftsleben, die Vergesellschaftung aller Produktionsmittel, die Beseitigung aller Klassenunterschiede innerhalb der Gesellschaft, die Verwirklichung all dieser Ideale erscheint Herrn Kautsky als ganz natürlich und selbstverständlich. Wer paß die Juden jemals in Palästina ein Gemeinwesen errichten könnten, das hält er für eine unmögliche Utopie. Und die Beweise? Nun, ein paar. Zahlen, die man in jedem antizionistischen Leitartikel findet, ein paar Phrasen, die man in -jeder antizionistischen Rede hören kann, das ist alles. Auch hier wieder kann Man sich jede ausführliche Widerlegung ersparen. Die Meisten Argumentationen des Herrn Kautsky sind solche, daß es genügt, sie. zu wiederholen und die schwachen - Stellen zu unterstreichen, uM sie in den Älugen eines jeden, der nur einigermaßen mit der Materie vertraut ist, widerlegt zu haben. Was soll es für einen Zweck haben, gegen ...Herrn Kautsky mit anderen Namen aufzutreten. und .die Meinungen vieler wirklicher Kenner der 'Verhältnisse zu zitieren, pie für Palästina eine blühende Zukunft Voraussagen; was soll es nutzen, .an der Hand von unparteiischen Konsulatsberichten und Ziffern zu zeigen, welch erfteuliche Erfolge die bisherige Kolonisation in Palästina bereits erzielt hat? Es hat wenig Sinn, gegen einen Gegner mit Einzelargumenten zu polemisieren, wenn jener die Grundlage, den Kern der strittigen Materie noch garnicht erfaßt hat. Uns ist der Zionismus die moderne Ausdrucksform eines - zweitausendjährigen heiligen nationalen Ideals, und Herr Kautsky koMnrt uns mit arnlseligen Ziffern. Für uns-bedeutet der Zionismus die Erlösung aus der Not des Galuth und der Tragik per Assimilation, und Herr Kautsky hofft uns mit dem Argumente zu schlagen, Palästina hätte keinen guten Hafen, keine Straßen, keine Eisenbahn von Belang. Mit solchen philiströsen Banalitäten kann man den zionistischen Gedanken wirklich nicht widerlegen.. Große Ideen kann man akzeptieren oder verwerfen, als wahr erkennen oder als falsch. Nachweisen. wollen. Nichts aber ist abgeschmackter, als sie' mit dem dummen Schlagwort der Utopie abtun zu wollen. Herr Kautsky als einer der Führer einer großen Bewegung, die wohl mehr als alle anderen unter diesem Einwand der Philister und Schildbürger hat leiden müssen, hat es wirklich nicht nötig gehabt, in seinen alten Tagen auf dasselbe Niveau herabzusteigen und gegen eine Idee vom Range des Zionismus nrit demselben abgeschmackten Argumente auszutreten. Und ,juni noch ein letztes Wort zu dem positiven Ratschlage, den Herr Kautsky uns Juden gibt. Nicht der -Zionismus — predigt er — werde die Jüdenfrage lösen, sondern das Allerweltsheilmittel des sozialistischen Zukunstsstaates: also nicht nationale Solidarität, sondern die proletarische internationale Solidarität sei unsere Parole, präziser und klarer gesagt: restlose Assimilation. „Je eher das Judentum verschwindet, desto besser für die Gesellschaft und für die Juden 'selbst." Ich Habe nicht die Absicht, noch irgend ein Wort der Polemik gegen diese Assimilationspredigt zu sagen, lediglich die eine Frage sei noch an Herrn Kautsky gerichtet, warum er diese Predigt nur an uns Juden richtet? Wenn die „Rassenmischung", wie er behauptet, in.der Tat eine Förderung der Kultur und einen Fortschritt der gesellschaftlichen Entwicklung bedeutet, waruM sollen gerade!vir Juden unsere Eigenart ausgeben, warum richtet Herr- Kautsky seinen Ruf zur Verschmelzung nicht an diegroßen europäischen Nationen, die doch gewiß untereinander verwandter sind als mit uns? Wenn man doktrinär genug ist, heutzutage noch die kosmopolitischen Ideale des 18. Jahrhunderts zu vertreten, dann muß nran auch den Mut besitzen, mit ihnen Ernst zu machen und sie allen europäischen Stationen zu predigen. Das zu tun, hat Herr Kautsky koohlweislich nicht gewagt; er scheint cs denn doch empfunden zu haben, wie unsagbar absurd es wäre, gerade in diesen Monaten mit diesen abgestandenen Weisheiten ausznwarten. Herr Kautsky darf sicher sein, daß wir uns für die Mission, die er uns zuerkennt, bestens bedanken werden. Mehr: wir erblicken in seiner Assimilationspredigt eine durch nichts gerechtfertigte Anmaßung. Ob' eine Einzelperson oder eine Gesamtheit reif zum Untergange ist> darüber kann nur eins entscheiden: .ob sie noch Lebenskraft besitzt. odernicht. Kein Fremder hat aber

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