Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 8 (26.2.1915)
- Date
- 1915-02-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der höchste Wert aller geschichtlichen Erkenntnis ist gewist der, daß sie nur durch die Erfassung der Vergangenheit die Fähigkeit verleiht, ein abgeklärtes, harmonisches Verhältnis ju der Gegenwart zu gewinnen. Darum ist uns historischer Sinn niemals notwendiger als in Zeiten der Not; wer sich in das große geschichtliche Werden zu versenken und den Odem des ewigen Geschehens in sich aufzunehmen vermag, ist vor der Gefahr bewahrt, durchs das Leid und das Unglück der Gegenwart überwältigt und gebrochen zu werden. Es erscheint darum verständlich und natürlich, baß von allen Völkern der Erde vielleicht kein anderes mit solcher Vorliebe den Blick zu der Geschichte der Vergangenheit zurückwendet wie das jüdische. Seit den Tagen des -Exils leben wir in unserem nationalen Bolksdasein eigentlich mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart; dem Juden der Diaspora ist die Chronik seines Volkes stets lebendig und unmittelbar gewesen. Wäre dem nicht so, wir hatten durch die Leidensgeschichte des Caluth nicht heil hindurchzuschreiten vermocht, sondern wären an ihr zugrunde gegangen. Weil aber , unser Auge stets auf den großen Zeiten unserer einstigen Größss ruhte, weil unsere Seele durch die Betrachtung unserer großen Märtyrerheroen gestärkt war, erschien uns die Not und das Leid des Tages klein und wesenlos, und blieben wir gepanzert gegen die Pfeile unserer Feinde. ' Für diese Erziehung unseres Volkes zu historisch^-abgetlärter Lebensauffassung waren unsere Feiertage von entscheidender Bedeutung. Sie lehrten -jeden Juden mehr als alle Erzählungen der Väter, als alle Lektüre der Chronisten, den großen Sinn und Inhalt seiner Volksgeschichte erfassen, sie gaben seinem Blick die historische Weite und Höhe der Betrachtungsweise. Denn schier alle unsere Feste sind historischer Natur. Pessach, Schewuaus, Sukkaus, Chanulah, sic knüpfen alle an große, grundlegende Ereignisse unserer Geschichte an Und finden ihren Sinn und ihre Eigenart in. deM unvergänglichen, ewigen Inhalt dieser Begebenheiten. Es ist eine der größten und bedeutsamsten Lehren/ die die geschichtliche Erkenntnis uns erteilt, daß es im tiefsten Sinne nichts Neues unter der Sonne gibt. Gewiß schafft die historische Entwicklung immer neue Formen des Geschehens, aber in ihrem innersten Kern und Inhalt sind sie nur Wiederholungen von bereits Gewesenem!. Tie Welt und alles Leben in ihr typisch zu betrachten, ist ein Haupterfordernis wahrer historischer Lebensauffassung. Diese Erkenntnis ist deM jüdischen Volke stets eigen gewesen. Koheleth schon gab ihr die klassische Formulierung, und seitdem ist sie tiefste Ueberzeugung jedes Juden verblieben. Von diesem Gesichtspunkt aus ist nun gewiß von allen unseren historischen Festen Purim das tiefst historische. Denn was. den Inhalt dieses Festes ausmacht, ist ja nicht die Erinnerung an jene einmalige wunderbare Errettung unseres Volkes aus höchster Gefahr, sondern die Einsicht, daß diesem Ereignis typische Bedeutung zukommt; daß unsere ganze Geschichte eigentlich nur eine ununterbrochene Wiederholung jener Begebenheiten darstellü In dieser Weise wurde auch das Purimsest stets aufgefaßt und gedeutet. HaMan und Mordechai wurden uns zu typischen Gestalten unserer Geschichte, die wunderbare Errettung zu einem typischen Geschehnis unseres Lebens. Darum auch ist von allen jüdischen Feiertagen Purim! der volkstümlichste, populärste geworden. Denn aus ihm schöpft unser Volk die Ueberzeugung, daß trotz aller Not und allen Leides der Gegenwart es doch nicht untergehen, vielmehr gerade in der Stunde der höchsten Gefahr ein Wunder cintreten und ein Retter ihm erstehen wird. * Schon seit langer, langer Zeit haben wir kein solches Bedürfnis gehabt, uns diese Ueberzeugnng wieder zu stärken und zu vertiefen wie in diesent Jahre. In diesen Monaten kommt uns das Purimfest wie ein sehnsüchtig erwarteter, Krast- und Trost spendender Freund, wie ein mahnender Meister, wie ein schützender Vater. Denn wahrlich: lvenn ein Jude heute seinen Blick erhebt von der Enge seines Tagewerks und sein Auge hinschweifcn läßt über die Gaue und Länder, wo Inden wohnen, es möchte ihm gar leicht das Herz brechen vor Kummer mrd Sorge, vor Schreck und Entsetzen. Man muß schon sehr weit in unsere Geschichte zurückgreifen, etwa zur Vertreibung aus Spanien oder gar zur Zerstörung des zweiten Tempels, um Epochen zu finden, Äe an Not und Unglück der gleichen,' die wir in diesen Monaten durchleben. Wir wenden den Blick auf Rußland, dem Zentrum des jüdischen Lebens, und was erschauen wir? In Polen sind in diesen Monaten an die zwei Millionen Juden existenzlos geworden!; .und was von den Schrecknissen und der Zerstörung der Kriegsfackel verschont bleibt, die wüsten Horden der russischen Armeen, die zynische Brutalität der rlffsischcn Regierung und der pathologische Judenhaß der Polen sorgen dafür, daß auch das Verschonte zerstört wird. Die namenlosen Leiden und Verfolgimgen, die unsere Brüder in Rußland jetzt erdulden, haben ja selbst in den Wirren und Erregungen des Krieges die Aufmerksamkeit Europas auf sich gezogen und sogar die Sozialisten Frankreichs und Englands zu einem scharfen Proteste bewogen. Menden wir uns dem zweiten großen jüdischen Zentrum zu: Galizien, das Bild, das sich uns darbietet, ist nicht viel, besser: Von den 800,000 Juden Galiziens hat gewiß die Hälfte ihr Hab und Gut, Heimat und Obdach verloren. Uralte jüdische Gemeinden sind dort zerstört, ehrwürdige heilige Institutionen vernichtet worden. Und wenn unser Auge von diesen Stätten des Elends und Entsetzens zu jenem Lande hinflieht, in deM wir in langen Jahren mühevoller Arbeit die Grundlagen zu einer neuen gesunden jüdischen Zukunft gelegt haben, nach Palästina, so erblicken wir auch dort genug des Trüben und Traurigen. Zwar haben wir noch keine sichere Kunde von dem, was dort gegenwärtig geschieht; aber die Feindschaft mißgünstiger Beamten, die gewohnt Zerfahrenheit und Willkür lokaler Behörden lassen auch für die palästinensische Judenheit so manche Gefahren befürchten. Ueberall: Not und Elend; aus Polen, aus Galizien, aus Palästina, aus Alexandrien, aus Algerien, aus allen Ecken und Enden der Welt klingen Klagerufe, Jammerlaute zu uns. Wahrlich, die Not jener Ahnen, über deren Schicksal Haman das furchtbare Los geworfen hatte, war nicht größer als die unserer Brüder, die heute den Mordbuben .der russischen Machthaber ausgeliefert sind.; der Jammer der Juden Susas war nicht herzzerreißender als die Klagen, die heute von den Zehntausenden beraubten, geschlagenen, vergewaltigten Juden Polens und Galiziens durch das Toben der Kriegsfurie zu uns hindurchdringen. Ja, dies Jahr ist uns Purim wirklich mehr als die Erinnerung an ein großes Ereignis der Vergangenheit; dies Jahr wird es uns zu einem unserer unmittelbaren Gegenwart. Wenn wir diesmal die uralte heilige Megillah lesen, wen wird es nicht dünken, in ihr die ergreifende Schilderung der Not des Tages zu vernehmen?. Wenn wir von der Angst und der VerMveiflung der Juden Persiens und Mediens lesen, wer wird nicht glauben, die Erzählung von der momentanen Lage unserer Brüder im Osten zu hören? So wird uns die Vergangenheit diesmal zur lebendigsten Gegenwart; und die Chronik des Einstigen zum Bericht des Augenblicklichen. Wiederum erleben wir die tiefe Erkenntnis des Koheleth: es gibt nichts Neues unter der Sonne. Mir dieser Erkenntnis aber haben Mir wieder den Zauberborn entdeckt, aus dem unser Voll in allen Jahrhunderten des Exils seine Kraft und Energie geschöpft hat. Wenn alles bereits dagewesen war unter der Sonne, dann dürfen wir auch in der Not der Stunde nicht verzweifeln, dann dürfen wir wieder hoffen und glauben. Wenn der erste Teil der Megillyh in unseren Tagen wieder unmittelbare Wirklichkeit wurde, warum soll es auch der zweite Teil nicht werdenkönnen?; wenn das Leiden wiederkehrt, warum auch nicht das Ende dieser Leiden, die Ueberwindung der Not, die Errettung aus der Gefahr? Ist Haman ein unvergänglicher Typus, dann ist es auch Mordechai. Das bittere tragische Schicksal unserer Geschuhte wirkt heute wie vor Jahrtausenden; aber der Gott, der uns dann errettet hat, ist ewig und wird uns auch heute erlösen. Diesen Glauben an die Errettung lehrt uns aber nicht nur das Purimftst, lehrt nicht nur die Chronik der Vergangenheit, sondern auch der Anblick der Gegenwart. Neben den Ruinen und Leichen, die die Stätten eines früheren blühenden jüdischen Lebens bedecken, sehen wir doch auch schon die Keime neuen Lebens sich regen. Die amerikanische Judenheit hat eine große und energische Hilfsaktion für die jüdischen Opfer des Krieges eingeleitet; unser deutsches Judentum, ungeachtet aller Wunden, die der Krieg ihm selbst flchägt, geht gleichfalls schon daran, einen Hilfsfonds zu sammeln. Die jüdische Solidarität, die. die Juden der gesamten Welt zusammenhält, erweist sich stärker als alle gegen sie unternommenen Angriffe; schon wird in Amerika der Plan eines sofort nach Abschluß des Waffenstillstandes einzuberufenden internationalen jüdischen Kongresses lebhaft erörtert. Ueberall kann man die Regungen und Aeußerungen unserer Lebenskraft beobachten, die sich schon anschickt, das Zerstörte wieder aufzubauen. So dürfen wir trotz aller Not und Qual der Stunde mutig, hoffnungsvoll in die Zukunft schauen. Ja, wer weiß, ob nicht diese furchtbare Krise, die wir jetzt durchleben, uns noch unerwartet Großes und Herrliches bringen wird; wer weiß, ob nicht dieser Kwieg auch für uns Juden der Beginn einer neuen Zeit bilden wird. Schon.beginnt die Judenftage zu einem brennenden europäischen Problem zu werden, dessen Beachtung sich die Großmächte nicht werden entziehen können. Wäre es nicht möglich, daß mit der Lösung so. vieler Fragen, die dieser Krieg bringen wird, er nicht auch der alten Judenftage ein Ende bereiten wird?