Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 6 (12.2.1915)
- Date
- 1915-02-12
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4. Frankfurter KraetitischeS FamAienÄatt. Nr) 6) Caf4 Kaiser am Opernplatz moderne Yorhuurand Möbelstoffe. Tischn. Dlvandecken etc. Carl Bisrhoff 19 Neue ■•inierstraau 19 am Schauspielhaus. leider — „launisch ist sie, die Nike, die Bringerin glorreicher Siege", dieweil ein geschickt geführter Hieb den stark bezechten Kommandeur von seinem Mumtionswagen herunterpurzeln machte. „So! Das war der Erste", sagte Salomon grimmig, „was wollt Ihr hier?" „Du hast nicht zu fragen", schrie ein Jndivivuum, das Salomon recht bekannt vorkam. Er täuschte sich auch keineswegs: -er Schreier war ein ehemaliger Scherer aus seiner Fabrik, den man wegen allerhand schlechter Streiche entlassen hatte . . „Ihr seid Juden, Ihr alle, und jetzt wird man Euch fortjagen alle miteinander." Mitllerwelle war Ehren-Thomas wieder unter dem Wagen hervorgekrabbelt und brüllte, sich mühsam an der Planke des Karrens aufrecht haltend, mit einem wahren Bärengeheul: „Raus müßt Ihr, Juden, raus!", welch imponiereichen Schlachtruf der Haufen hübsch taktmäßig wiederholte. Herr von Kalagiceanu lud gemächlich seinen Revolver: „Wollen mal der Kanaille eins aufknallen!" „Nicht schießen", wehrte Wraham. . »Lassen Sie mich nur diesen betrunkenen Schlingel zur Raison bringen!" „Um Gotteswillen, nein", mahnte der Patriarch leise, „wir müssen es entgelten!" Und unbekümmert um den Steinhagel, der an ihm vorübersauste, faßte er seinen guten, Men Thomas Thryphosowitsch bei den Schultern und schüttelle ihn derb: „Wo hast Du den Befehl des Herrn Polizeimeisters, sag'?!" „Da stets in die Puppiere", grunzte Thomas. Ja, wo waren die „Puppiere?" Er suchte und nestelle an Men Taschen und Ritzen seiner verschlissenen Uniform herum, die „Puppiere" waren nicht zu finden. Ein UnfM, den Liedertrost längst vorausgesehen hMe, denn seit Menschengedenken war es Thomas unbestrittenes Recht, Me ihm amllich anvertrauten „Puppieren" einfach zu verlieren. „Den Befehl her!", schrie Wraham, und es kostete ihm nicht wenig Kraft, den tobenden Janhagel zu überschreien, „ich werde Dich melden, HMunke, Du hast ein Amtssiegel unterschlagen. Ihr da mit, Ihr werdet Alle arretiert!" Bor Mem Geschriebenen hat der rumänische Pöbel ziemlichen Respekt. Man stutzte, fragte einander — der und jener bückte sich wohl selbst nach den gesuchten „Puppieren", und jetzt, recht im günstigsten Augenblicke, kam Hilfe, frellich auf die wunderlichste Art. Alexandru und Benno, die auch nicht davon bleiben wollten, hatten mit einer Kraft und Gewandheit, die jedem Athletenpaare Ehre eingebracht hätte, den Wagen mit den Steinen umgestülpt, waren dann auf die Bretter gesprungen und feuerten ein Paar Schüsse in die Lust. In fünf Sekunden war der Kampfplatz sehr bereitwillig geräumt. Thomas Thryphosowitsch nahm man mit, ein wenig gewaltsam,, aber Herr von Kalagiceanu bestand darauf, er wolle ihn den Damen zeigen. Oben im Saal wurden die Rückkehrenden mit hellem Jubel empfangen; Frau Helsia fiel vor Mer Augen ihrem Gatten um den Hals, die Dame» bestürmten die Männer, ihnen den Hergang des Wenteuers zu erzählen. Kalagiceanu trieb den sich jetzt sehr lläglich geb erd enden Gofsengeneral vor sich her. „Tausend Entschuldigungen vor Ihnen, verehrteste Frau Wirtin", lachte Kalagiceanu, „daß ich kein schöneres Kriegsbeutestück zu Ihren Füßen niederlege! Wer nun müssen wir mit diesem Strolch ein Keines Verhör anstelle». Warum hast Du skandaliert?" Ziemlich cingcschüchtert, sah sich Thomas in dem eleganten Salon um; er wollte nicht sprechen, man ■ brachte ihm einen Kognak, da wurde er ball) gemütlich. „Panttschek Groducza hat gesagt: „Thomas, kriegst Du zehn Bani, wenn Du heut dem Juden die Fenster einschlägst. Kann ich doch nicht zehn Fenster Me einschlagen, bin ich zu schwach, Hab' ich mir gute Freunde mitgenommen." »Liebenswürdiger jFüngling, dieser Groducza", sprach Herr von Kalagiceanu leise. „Und was hat er noch befohlen?!", schrie er Thomas an. „Die Puppieren!", sagte Thomas ängstlich. Frauforter Edelmetallverwertung I GerlaoH L Velos I Probier n. Scbmelzanxtalt. Meiallnrg. Laboratorium. 1 Tmunsitr. 28. Xmkfurt a. M. Tel. 1. 674*. I Ankauf aller Edelmeiall-Rückstände, Brucbgold u. Silber. I Barren — leUiuig — fiekrlKen — Abfallen. | „Ja wohl, da steht es drin", eruiunterte ihn Wraham, „aber Du weißt gewiß auch davon, Brüderchen, nicht wahr?" Thomas blinzelte tückisch mir sich und fauchte dann: „Die Juden müssen raus!" „Du mußt raus", rief Salomon ärgerlich, worauf freund Thomas auch wirllich vor die Tür befördert wurde. „Bieten wir Dir nicht Unterhaltung?", fragte Frau Helsia ihre Freundin. „Nun hat man Dir sogar ein bischen Revolte vorgemacht." „O, Ihr mit Eurem Aufstand, Ihr macht zu viel Aufhebens davon", antwortete Claudia, die aber nur lächelte, um ihre innere 'Angst zu verbergen. „Herr Alexandru hat während des ganzen Tumultes nicht einmal seine Glacäs abgelegt." „Es lohnte sich. Schlechter Spaß! Das war Alles." „Dem der schlechtere Ernst bald Nachfolgen wird, mein lieber Jemilian. Ich bin überzeugt, Thomas hat in seinen „Puppieren" für die meisten von Ihnen das Ausweisungsdekret." „O, o, Herr von Kalagiceanu, bange machen gilt nicht", lachte Salomon. Aber sein Lachen hatte einen falschen Klang, er war tief erblaßt; die Mehrzahl seiner Gäste merkte seine Verwirrung und scharte sich um ihn. „Was hatte Kalagiceanu gesagt? Ausweisungsdekret? Dummes Zeug!", brummte der eine. „Das hieße Rumänien entvölkern. Wir leben im neunzehnten Jahrhundert." | „Was tue ich mit dem Jahrhundert?", erwiderte der alte Jude kopffchüttelnd. „Wir haben aus dem vorigen noch dreizehnhundert Tage Plus." „Das Jahrhundert kann sich seine Toleranz verglasen lassen, ein schönes Bild ist es nicht!" „Auch wahr." „Laßt uns hören, was Kalagiceanu rät!" Ueber Herrn von Kalagiceanu's Gesicht flog ein häßlicher, maliziöser Schein. Fast geringschätzig blickte er auf die ängstlichen Mienen vor ihm herab; er war ein außergewöhnlich großer Mann und komrte recht, gut über alle hinwegsehen, dann zuckte er die Achseln und sprach: „Ja,meine Herrschaften, die Regierung hat unerschütterlich die Wsicht, Sie zu vertreiben, und. gegen solche Schicksalsschläge treffen auch die wohlmeinendsten Ratschläge in die Lust. Sie sind Juden, das ist Ihr Malheur, Sie sind zumeist deutscher Abstammung, das ist Ihr Verbrechen." „Ich bin naturalisiert", sagte Alexandru kalt. „Wir nicht! Man gestattet es nicht mehr", riefen Salomon und viele andere. „Auch gut", entgegnete Herr von Kalagiceanu, „oder vielmehr desto schlimmer. Dann bleibt nur Eines:. Geben Sie sich den Anschein, die allergehorsamsten! Söhne des Vaterlandes zu sein. In diesem Lande ist Mes auf den Schein zugeschnitten, vor allem die Loyalüät. Versuchen Sie es mtt ihr, unterstützen Sie rumänische Bestrebungen, geben Sie an rumänische Schulen, rumänische Kirchen Geld, recht viel Geld, seien Sie wohltäüg, meine Herren, das macht immer einen guten Eindruck nach oben, und noch einmal: seien Sjei recht loyal! Sie wissen, im Auslande illuminiert man seinem Fürsten zu Ehren die Fenster und Türen, bei uns stellt man die Lichter in den Rinnstein, ei ja!"/ „Sie raten uns, wie der Bauernjunge den Hühnern", sagte Salomon trüb, „legt fleißig Eier, dummes Federvieh, dann braten wir Euch noch lange nicht. . . . Aber einmal werden Sie uns doch hinschlachten, wer weiß, wie bald!" „Herr von Kalagiceanu", rief Beiuio hefttg, „wenn dieser Rat Ihnen von Herzen kommt, dann haben Sie sehr wenig Herz für uns." „Grünschnabel", brummte Jemilian und ging bei Sette. Die andern disputierten und debattterten hin und her, bis der reiche Grünburg, dessen Meinung gewöhMch den Ausschlag gab, entschied: Herrn von Kalagiceanus Vorschläge dünkten ihm ganz befolgenswert. (Fortsetzung folgt.) Ein weher Traum.... Ein weher Tramu in stillen Dämmersttlnde», Ein leis Erwachen ferner, stolzer Tage Und eine schmerzvoll ausgeklung'ne Sage, So wirst nach deinem Scheiden du empfunden. Dein Leid und Jubel, deiner Seele Ringen Fällt den: Vergessen heim, ein leichter Raub. Es bleibt von deinem Leib die Handvoll Staub, Von deinem Sein ein langsam — still Verklingen. Willi Eilbott. Erstklassiges Familien-Caf4 Nachmittags .Konzerte. Fr. Hänselmann, Besitzer. Aus Feldbrieseu. ... Heute nacht hatte ich Unteroffiziersposten von 10—12 und 5—7% Uhr bezogen und zwar zusammen mit den: Studenten, der mit mir im Unterstand liegt. Dm Unteroffiziersposten liegt etwa 200 Meter vom Feind entfernt, ist aber ganz ungefährlich. Es war eine prachtvoll schöne Nacht, der ein herrlicher Morgen folgte, und alles lag so sttll und friedlich, - daß man sich kaum vorstellen konnte, daß sich zwei Völker im bluttgen Ringen gegenüberliegcn. Und eben ist es Freitag mittag. Alles schläft im Unterstand um mich her. So gehen denn meine Gedanken hinweg von Frankreichs Erde, voin grausigen Kriegsschauplatz, und im Geiste bin ich in unserem schönen Frankfurt, und da sehe ich die liebe Mutter in der Küche herimihantiercu und die anderen alle, um Mes für den lieben Schabbos in die Reihe zu bringen. Ja, meine Gedanken gehen nicht weg von zu Hause, und heute abend gehe ich im Geiste um 4,50 Uhr zur Synagoge,, um den Schabbos zu empfangen. Und morgen am Schabbos ist ein doppeltes Erwachen; erstens ist morgen Schabbos Schiroh, ein Erwachen eines ganzen Balles aus der Knechtschaft Aegyptens, und dann ist noch Chamischoh-osor-beschwat, ein neues Aufblühen ' der Natur. Möge der Allgütigc doch auch bald, bald geben, daß dieses furchtbare Völlerringen endlich auch einmal ein Ende nehmen möge und Mes wieder ins alte, schöne Geleise käme. Da denke ich eben gerade au die letzten Worte der letzten Rede von Herrn Dr. Breuer: „Auseh scholaum biinraumow", der in den Höhen den Frieden schafft. Möge bald der Friede über uns und Aber ganz Israel kommen. Amen. I. L. Bunte Chronik. Rabbi Varuch Doctor. Bon Dr. med. Rainer.. Alte Reminiszenzen steigen bei Nennung dieses Namens auf. . . Die uralte Kehillah „Senklow", das ehemalige jüdische „Kleinparis" mit ihren Gaünim. . . Rabbi Baruch <senklower, wie er auch vielfach genannt wird, war eine seltene Erscheinung — er zählte zu den Vertrauten des Wilna er Gaön, welcher ihn besonders hoch schätzte —: ein „Polyhistor", ein klaren, scharfen Denker, ein Philosoph, ein großer Mathematiker, ein hervorragender Arzt — zeitweilig sogar Hofarzt des mächtigen Fürsten Radziwill — und ein großer jüdischer Rabbi. Er wäre die Zierde jeder großen Kehillah geworden. Aber ein besonderes Schicksal waltete über ihm; — er sollte nicht „Raw" werden. Sein Hang Lwn Forschen trieb ihn zu den Quellen der damMgen Wissenschaft nach Amsterdam, nach London, nach Berlin zu' Moses Mendelsohn. ... So wunderte er unstät hin und her, überall die Spuren seines großen Geistes hinterlassend, Werke veröffentlichend, Anregungen erteilend. . . . Dann kam hinzu sein nüchterner, geradezu schneidender Vorstand, sein »Lritizismus". Jedem Mystizismus, jedem „Chassidismus" (damals im Entstehen begriffen!) war er abhold, ja geradezu feindlich. Er glaubte nicht an Schckim weruchüth, ebenso wie der „Müreh", der große Maimonides (der Wilnaer Gaüu trat bekanntlich hierin dem „Rambam" entschieden entgegen durch seinen berühmten Ausspruch: haphil usuphiah hoaruroh hitösau!) Rabbi Baruchs Werke sind jetzt sehr selten. Eins über „Resuüth" befindet sich in British Museum. Bon der hebräischen Ucbersetzung des Euklides sollen noch einige Exempel in der großen Bibliothek existteren. Seine zahlreichen Manuskripte sind verloren gegangen. Etwas von Mahram Schiff. Skizze von Dr. med. Ratner, Wiesbaden. Ein ^»waschechter" Aschkenas war er, der Rabbiner und Rosch-Jeschiwah von Fulda und später in Regensburg. Etwas jünger als sein „polnisches Antipode, der „Mahrschoh" oder Rabbi Samuel Edeles. Letzterer war im Vergleich zu Rabbi Mekr Schiff wie etwa ein großer Juwelenhändler im Verhältnis' zu einem kleinen Anttquitätenhändler, bei dem man manchmal auch recht seltene Pretiosen findet! Der Mahram Schiff schrieb seine talmudischen Novellen sehr lakonisch, ja manchmal deutete, er sie nur durch ein Merkwort an. Deshalb bildete er auch den Schnecken der „Chederschüler" in ftüheren Zeiten. Es galt nämlich, seine seinen Gedanken zu erraten. . . Es waren sozusagen .„die masurischen Seen" für die Flachköpfe. . . Der tüchttge „Melämed" alter Zeit sparte nicht die Prügel. . . Jetzt bildet der Enkel des Rabbi Mekr Schiff, der Weltbankier Jakob H. Schiff, den Schrecken der „Kosakewitsch", weil er kein Geld — hergeben will. Eleklr. Licht-, Kraft-, Schellen- und Telefon-Anlagen. Tel. Taunus 4389. ff. Referenzen. Savlgnyxtrasae 61. ■ Spezialität: Francke & Weber® LffleinMen. ar£nrsj~"J