Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 6 (12.2.1915)
- Date
- 1915-02-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Februar ISIS) Nr S Die Asfimilatiouspredigt des Herrn Karl Kautsty.*) Bon N ach um Goldmann. III. - Ich habe im vorigen Aufsatz beit Grundirrtunt aufgewiesen, der den gesamten Gedankengang der Kautsky'schen Broschüre über den Haufen wirst und seinen mit der Gewichtigkeit und Prätension wissenschaftlicher Erkenntnis unternommenen Angriff gegen den Zionismus als eine bedeutungslose Don Quichote-Attacke erscheinen läßt; es sei nun im folgenden versucht, die einzelnein Phasen dieser .. Attacke zu beleuchten und zu beurteilen. Bott beu zwei Gebieten, mit dencitt sich die Broschüre beschäftigt: Rasse und Judentum, be- .■ herrscht K. lediglich das eine: die Rassenfrage. Die. ersten vier Kapitel, in denen er sich mit der Rassentheorie auseinandersetzt, sind denn auch die besten, ja die allein wertvollen in seiner Arbeit. . Es würde zu weit führen, den Gedankengang dieser vier Kapitel hier darzulegen; auch kann man sich als Laie kein eigentliches Urteil über die Richtigkeit und den Wert des Ansichten K.'s über die Rassentheorie erlauben; allein, insofern Man wissenschaftliche Dinge mit dem schlichten logischen Meu- . scheuverstand. beurteilen kann, wird man doch sagen -dürfen, daß all das,, was K. über die Rassenstagc sagt, vernünftig, logisch und überzeugend ist. Kaum aber beginnt er von dem allgemeinen Rassen- . Problem zu der speziellen Judenfrage.überzugehen, beginnen auch schon die Jrrtümer, die Mißverstandnisse und schiefen Auffassungen. Im stuften Kapitel tritt K. den Beweis an, „daß die Juden keine Rasse darstellsn". Das wichtigste Argument bietet ihm „eilt kurzer Blick auf ihr« Geschichte.", der uns darüber belehren soll, daß in Palästina, „das an der Grenze zweier Gebiete liegt, die jedes eine besondere Rasse * ..fassen, diese beiden Rassen sich schon früh Und . immer wieder von neuem begegnet und gemischt ' haben". Diese beiden Rassen sind diö armenoidische Rasse Kleinasiens und die semitische, oder besser gesagt die arabische Rasse Arabiens. Zu dieser ursprünglichen RassenMischung kamen im Laufe der Zeit noch viele anders Mischungen zu: „außer den kanaäischen, hebräischen, arabischen Bestandteilen sind auch Leute aramäischer und ägyptischer Herkunft in das Volk Israel ausgenommen worden". Ml dies mag wahr und richtig sein. Ist es von irgendwelcher Bedeutung str unser Problem? Nicht von der geringsten. Die entscheidende Tatsache ist lediglich die, daß aus diesen Mischungen und Verschmelzungen schließlich eine Gemeinschaft von Menschen mit eigener Sprache und Kultur, eigenem Territorium und Staat, mit gemeinsamen historischen Traditionen und gemeinsamen Zukunstshosfnungen hervorgegangen ist, die Man dann als jüdische Nation bezeichnete. Und diese allein entscheidende Tatsache muß ja auch K. zugeben. Er tut es zwar ungern, zögernd, aber immerhin, er tut es: „Solange die Israeliten in Palästina geblieben waren" — sagt er — .„mochte das einheit- ’ liche, natürliche Milieu immerhin eine . Tendenz in der Richtung einer einheitlichen geographischen Rasse in Kraft erhalten"; dieses Hantieren mit deM „mochte", „immerhin" und „der .Tendenz" ist zwar sehr verklausuliert, schier advokatorisch. Die Kautsky'jche Brofchüre: „Raffe und Judentum" ist im Verlag der Neue» Zeit, Stuttgart, erfchienen. Preis 50 Pfg. aber es genügt, daß K. die Tatsache selbst schließlich nicht bestreitet, daß dort in Palästina sich eine jüdische Nation herausbildete. Soweit — das Zitierte befindet sich auf Seite 48 — konnte man mit K. noch leidlich übereinstimmen. Hier aber setzen diö Jrrtümer und Mißverständnisse ein, die alle in dem einen Kardinalfehler ihre Wurzel haben, in der engen Verknüpfung von Rasse und Nation, die an manchen Stellen geradezu zur Verwechselung des einen mit deM anderen sthrt. Aus diesem Irrtum ergibt sich zunächst der große methodologische Mangel der Beweisführung. K. ging von vornherein von der Annahme aus, Nation, .und Raffe seien unzertrennliche Dinge, daher genüge, es, zu beweisen, die Juden seien keine Rasse, um .damit auch gezeigt zu haben, sie seien keine Nation'; und so hat er denn das Problem der Raffe eingehend und grundsätzlich zunächst klarzulegen gesucht; dagegen hat er dem Begriff der Nation 'keinerlei prinzipielle Untersuchung gewidmet, und diese Untersuchung gerade wäre viel wichtiger gewesen als alle noch so vernünftigen Ausführungen über die Rassenftage. - Was unter Raffe zu verstehen sei, sagt nun K. klar und deutlich und beweist nun daraus, daß die Juden keine Rasse bilden. Sehr gut. Was aber ist unter einer Nation zu verstehen? Diese Frage ist viel wesentlicher, denn der Zionismus .basiert ja nicht auf der Behauptung,, die Juden seien eine Rasse, sondern auf der These, sie seien eine Nation. Die Antwort auf diese wesentlichere, ja allein wesentliche Frage bleibt aber K. schuldig, oder vielmehr: er gibt sie nur im Vorbeigehen und gibt sie falsch. Daß die Juden in Palästina eine Nation bildeten; gibt er wohl zu; aber mit ihrer Wanderung und Zerstreuung über die Länder „hören sie auf, eine Nation zu bilden". Diese Behauptung ist die wichtigste in der ganzen Broschüre, wie wichtig, hat K. selbst infolge der falschen Voraussetzungen, von denen er ausgeht, gar nicht bemerkt. Wenn diese Behauptung wahr ist, dann — ja dann freilich ist die Theorie des nationalen Judentums ad absurdum geführt; ist die jüdische Nation bereits vor Jahrtausenden untergegangen, so könnte keine Macht der Welt sie wieder zu neuem Leben erwecken. Hier also bei dieser Frage befinden wir uns an dem wichtigsten, entscheidenden Punkte des gesamten Problems. Und nichts beweist schlagender, wie sehr K. diö Theorie und das Wesen des nationalen Judentums mißverstanden hat, als die Tatsache, daß er den Beweis für diese wichtigste, entscheidend« Behauptung, die Juden hätten infolge der Zerstreuung aufgehört, eine Nation zu bilden, in — sage und schreibe — einem einzigen Satze erbringt. Ich glaube, schlimmer fehlgehen in der methodologischen Behandlung eines Problems, als es K. hier getan hat, ist nicht gut möglich. Sehen wir uns nun diesen einen Satz umfassenden Beweis für die folgenschwere Behauptung vom Untergang der jüdischen Nation etwas an. Der Beweis lautet: „Alles, was das Wesen einer Nation ausmacht, ging ihnen verloren; die Gemeinsamkeit des Territoriums, ja sogar die Gemeinsamkeit der Sprache." Das ist alles- und so kurz der Satz ist, so falsch ist er. Zunächst: Was macht denn das Wesen einer Nation aus? K. antwortet: die Gemeinsamkeit des Territoriums und der Sprache. Darauf ftage ich: Und die gemeinsame Vergangenheit und die gemeinsamen Traditionen und die gemeinsamen Hoffnungen und ' der gemeinsame Zukunstswille? Ich ftage weiter: Ist es denn überhaupt wahr, daß den Juden ihre gemeinsame Sprache verloren ging? Und was bedeutet die gesamte gewaltige hebräische Literatur, was derTalmud, die Religionsphilosophie, die Kabbalah usw., was die ganze moderne Literatur? Hat mau schon je gesehen, daß einem Volk söine Sprache verloren ging und es durch 2000 Jahre hindurch weiterhin all seine geistigen und kulturellen Schöpfungen in dieser Sprache niederlegt? Hat man es je gesehen, daß einem Volk seine Sprache verloren ging und die Söhne dieses Volkes zwei Jahrtausende später Tageszeitungen und Revuen in dieser Sprache lesen, und die jüngstgeborenen Enkel jener Ahnen, die ihre Sprache verloren, in. dieser selben Sprache Räuber und Gendarm spielen und ihre Lehrer ärgern? Aber genug der Fragen. Wenn K. sich seine Aufgabe so leicht macht, den Untergang des jüdischen Volkes vor 2000 Jahren in einem Satze zu beweisen, brauchen wir uns wirklich nicht die Mühe zu machen, diesen Beweis in 20 Sätzen zu widerlegen. Diese Mühe ist auch deshalb überflüssig, well K. selbst sie uns abnimmt; er widerlegt selbst seine Behauptung vom Untergang der Mischen Nation so oft und so schlagend, daß wir uns begnügen können, seine eigenen Widerlegungen zu zitieren. Also die Juden haben ihr Territorium, ja sogar ihre Sprache verloren und haben sonnt aufgehört, eine Nation zu bilden. Was bilden sie aber denn? Den Gefallen, unterzugehön, haben unsere Ahnen K. nicht erwiesen (ihre Enkel von heute werden es ebensowenig tun), und so stellten sie ihn vor die schwere Aufgabe, sich mit ihrer Existenz abzufinden und diese mit seiner Behaupt tung, daß sie als Nation untergegangen seien, nun in Einklang zu bringen. K. macht sich diese Aufgabe ebenso leicht, wie er sich alle schweren Fragen, die er hätte beantworten sollen, leicht gemacht hat. „Praktisch" — erklärt er — „verwandelte es (das Judentum) sich aus einer Nation immer mehr in einen internationalen Bund." Das ist in der Tat ein großartiger Ausspruch, würdig des delphischen Orakels. „Ein internationaler Bund" ist eine bequeme Sache; man kann sich darunter alles mögliche vorstellen; auf diesö Weise hat man die Frage beantwortet und doch nichts gesagt. K. empfand es scheinbar selbst, daß dieser Mysteriöse „internationale Bund" noch irgend einer näheren Erläuterung bedürfe; schließlich muß doch solch ein internationaler Bund irgend einen Daseinsgrund haben, irgend eine Kraft besitzen, die ihn zusammenhält. Und so doziert er: „Was ihn zusammenhielt, das war der Rest des alten nationalen Lebens, der sich erhielt, die Religion." Und zuvor war es nicht die religiöse Weltanschauung, die diesen Bund Klsammenhielt, denn „gerade die Religionen waren als Mythus und Philosophie in den Jahrhunderten um 'Christi Geburt herum im ganzen Mittelmeerbecken in. lebhaftem Umwandlungsprozeß begriffen, am meisten in den Kreisen, aus denen sich das Judentum damals ausschließlich rekrutierte, den städtischen." Und darum also: „Nicht das religiöse Denken, sondern der religiöse Ritus blieb das fests und greifbare Zeichen der religiösen Gemeinschaft, was fiir die Juden aller Gebiete des damaligen Wellhandels ein gemeinsames, von allen anerkanntes und leicht erkennbares Band blldet." Damit also