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Neue jüdische Presse · 1915-02-05 · Heft 5 (5.2.1915) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 5 (5.2.1915)
Date
1915-02-05
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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(Fortsetzung.) „Jede, nur zu!",,sagte Salomon munter, der ordentlich wie von einem Alp erlöst aufatmete. „Eine Kleinigkeit", fuhr Jemilian fort. „Sie haben es selbst erfahren — man ist in den letzten Jahren hier recht animos gegen die Juden geworden; es heißt, daß jetzt auch das Grundbesitzrecht ihnen entzogen werden soll." Salomon erschrack. „Sie haben davon gehört?", fragte er besorgt. „Das kann nur eine Frage der Zeit sein", gab Jemiljan zurück. „Sie ist kein Vergnügen hier, die Stammeszugehörigkeit des auserwählten Volkes, freilich anderswo auch nicht — einerlei — man muß sich ä konto dieses alttestamentarischen Erbübels vorsehen, vorsehen mehr als je. Also hören Sie, Liedertrost! Wir schreiben die Hypothek auf den Namen meines Halbbruders Leonid ..." Salomon sprang aus. „Nein! Nie! Nie!" Er war totenbleich. „Mit dem Popen Alexandru mache ich keine Geschäfte." „Auch gut! Wie Ihnen beliebt." Jemilian stand auf und ging dem Salon zu. Er war noch nicht an der Tür, da kehrte er unvermutet wieder um, und mit einer; bei ihm höchst seltenen Anwandlung von Gutmütigkeit schalt er lebhaft auf Salomon ein: „Sie sind verrückt, Verehrtester! Was zum Henker.macht es Ihnen, ob der ■ kleine Lenotschka Pope oder Daleilama ist? Ein Kaufmann kennt keine persönlichen Empfindlichkeiten, er kennt nur Verdienste, verdienen mit großem V! Hören Sie? Verdienen an dem und jenem, meinetwegen auch an Ihrem Totfeinde, je mehr — je besser. Und diese, die vernünftigste aller Revanchen, bietet sich Ihnen — Mann, Hören Sie doch vernünftige Leute an! Ihr Wohnhaus hier ist gar kein übles Grundstück, - überdies stößt es dicht an das Gehöft des Boromäusklosters, in welchem man demnächst meinen Halbbruder zum Obern ernennen wird. Eine vorzüglich dotierte Pftünde, der Gehalt eines Ministers, sag ich Ihnen. Unter uns — früher oder später muß Leo das Haus kaufen — Sie können jeden Preis stellen, und, mein Bester, Geld ist nicht jüdisch, nicht katholisch, es ist interkonfessionelles Heiligtum aller Nationen." „Nie! Nie!", rief Salomo», zitternd vor Zorn. „Sagen Sie Ihrem Bruder. . ." „Daß Sie ihn todschlagen werden, wo Sie ihn finden. Ich weiß, ich weiß. Seien Sie ruhig, Leo wird weder Ihnen noch Ihrem Bruder je zu begegnen suchen. Und daß er Ihrem Vater nicht als revenant unter die Augen trftt." — „Ich würd's ihm nicht raten", rief Salomon mit verbissener Wut. „Bringen Sie ihn lieber nicht um!", für Alexandru trocken fort; „ich bin nicht sein Erbe, Sie erweisen mir keinen Gefallen damit. Im Gegenteil. Leo's bischen Christentum ist eine sehr schätzbare Reklame für mein Geschäft. Grundbesitz erwerben ohne diesen orthodoexn Strohmann ist heutzutage, selbst für mich, den Eingeborenen in Rumänien, bald unmöglich; als kurz: entweder Sie gehen auf sein Anerbieten ein, oder . . ." »Ich lehne es dankend ab", ergänzte Salomon sarkastisch. „Nein! nein! Lieber darben mit'Weib und Kind. Ich kann verdursten, aber aus schmutziger Quelle trinken — nie! nie! Ich nehme keine Hilfe von diesem Schuft." . ’ Alexandru ward es unbehaglich. „Sie nehmen nicht fiein Geld", brummte er verdrießlich, „sondern das meine". „Aber sein Name muß aus dem Spiel", rief Salomon. hastig, „er hat uns betrogen, meinen Vater, der ihn geliebt hat, wie sein eigenes Kind." „Sie werden sentimental, mein Freund. Auf diesem Gebiet muß ich freilich die Segel streiche». Was hat der. Junge so Furchtbares begangen?! Er ging seinem Vorteil nach; wenn das betrügen heißt, sind acht Zehntel Frankfurter Israelitisches Familienblatt. der Menschen Betrüger, und der Rest wird es werden. Lassen Sie also die pompejanischcn Ausgrabungen — darben mit Weib und Kind!" Jemilian lachte laut auf. „O ja, Fleisch und Brot würde Frau Helsia entbehren können, Konfekt schon weniger. Nichts für migut, mein Lieber! Mein Vorschlag ist korrekt und. annehmbar. Willigen Sie ein, schnell, heut noch! Wer weiß — morgen können Sie's nicht mehr. Pardon — ich höre Fräulein von Moorbach singen — das sind Benno's Lieder — da muß ich dabei sein." Er schlug die Portiere, die das Spielzimmer vom Musiksaal trennte, zurück, blieb aber am Eingang stehen, dex Weg schien versperrt. Alles hatte sich in den Saal gedrängt, und Jemilian konnte sich unmöglich durch die Menge einen Weg bahnen, ohne zugleich durch ein Geräusch den Gesang wie die Andacht der Zuhörer zu stören. Claudias Stimme ivar stark und übervoll; nian fühlte, diese gewaltigen, erschütternden Töne quollen aus einer glücklosen, liebesehnenden Menschenbrust; und wie sich Benno's weicher, dunkler Bariton leise, sanft, dann immer glühender, leidenschaftlicher ihr gesellte, da zerschmolzen der Klang dieser goldig hellen Frauenstimme und der glutdurchzitterte Gesang des Jünglings zu einem einzigen, gewaltigen hohen Liede des Leidens. Dazu die melancholisch sanfte Weise, in der die rumänischen Melodien dahinströmen: rings im Saal lastete die Gewalt dieses schwermütigen Zaubers auf jedem Gemüt. Die Männer standen ergriffen, die Frauen weinten. „Mein Haupt ist krank. Mein ganzes Herz ein Weh, Und mein Gesang Nur Schmerzenslaut und Klagen . . . Wer meine Tränen sammeln wollt' und tragen. Er schrie, daß er an dieser Last vergeh'. AU meine Tage Not und Schmerzen nun — Verdruß und Qual zur Arbeit mir gegeben — Und selbst des Nachts, äch! kann mein Herz nicht ruh'n. Warum! warum, ach soll ich leben? Schwarze Augen, schwarze Augen, Warum heut' von Tränen naß? Holde Lippen, holde Lippen, Warum lächelt' Ihr so blaß? Laß Dein Trauern, laß Dein Klagen, Will Dich küssen, braune Meid, Zierlich süßes Wort Dir sagen .— Bring' Dir Perlen und Geschmeid, Bring' Dir Ketten, goldne Spangen, Perlen in Dein dunkler Haar, Und mein Arm will Dich umfangen. Dich beschützen in Gefahr. Nicht mir, n8ht mir reich' Deiner Perlen Pracht; Denn meine Locken ließ der Schmerz ergrauen — Gieb die Juwelen einem Weib, das lacht. Viel Tränen nur gebühren Juda's Frauen. Der Dränger naht! Er, der mein Volk verdirbt — Die Freveltat — Herr, wird sie niemals enden? Verkauft sind wir, gewürgt von Mörderhänden, Dein Volk, Herr, das für Deinen Namen stirbt! „Gott erbarme Dich!" Vor Alexandrus Füßen fielen Steine wie Kinoerköpfe so groß, — mit gellendem Schrei stürzte Claudia auf ihn zu; aber Niemand hatte Zeit, sich um ihre verräterische Besorgnis zu kümmern. Durch die Fenster flog ein Hagel von Steinen, in die Spiegel, auf die Möbel, aufs Klavier, daß die Tasten klirrten, die Splitter stoben. Die Frauen schrien und fielen in Ohnmacht, die Männer rannten wütend umher, es war, als stände die Welt in Flammen. (Fortsetzung folgt.) Kein Vaterland! *) Fort braust der Zug, umringt von Flitter, Sitz dort ein Mann, das Antlitz bleich. Um seine Lippen zuckt es'bitter. Es ist der Herr im Russenreich'. Der Bluthund ist's, vor dessen Throne Gerechtigkeit kein Plätzchen fand. Der nach Sibiriens' Todeszone So viele Tausende gesandt. *) Frau B. Löwenthal in Wiesbaden stellte uns dieses Gedicht ihres 1906 in Wiesbaden verstorbenen Gatten zur Verfügung. Er hatte es 1891 in Baltimore gedichtet. D. Redakt. Seite 5 Poll Todesangst hält er die Hände .Dor's Antlitz jetzt, und stiert und lauscht: Dringt dort der Mord durch feste Wände? — Der Borhang war'»» der leis gerauscht. — Roch ist Dir eine Frist gegeben. Roch fühlst Du nicht des Rächers Stahl. Wozu denn auch? Dein ganzes Leben Ist nichts als Angst und Todesqual. Vom Heim, wo oft mit süßem Lieben Die 'Mutter ihn als Mick» geküßt. Treibst Du den Mann mit Knutenhicben, Weil Dein Gott nicht der seine ist. Kein Heini der Seinen Haupt zu bergen. Ob »och so elend Weib und Kind, Kein Mitleid kennen Deine Schergen, Ob noch so eisig ras't der Wind! Kein Obdach, wenn die Stürnre rasen. Des Jammers und des Elends Bild» So irren Tausend auf den Straßen, Ein abgehetztes, müdes Wild. Gestoßen von dem heim'schen Herde, Beraubt, verlassen und verbannt. Wie weit und groß auch Gottes Erde. Für sie giebt es kein Vaterland. Am Kreuzweg hält mit lauten Klagen Ein Haufen, hungrig, krank und müd'. Bald hört man sie Gebete sagen. Bald singen sie ein Sterbelied. Da plötzlich hebt sich aus den Schaaren Ein junges Weib, fast thränenblind. Mit aufgelösten, wirren Haaren, Im Älrm ihr einz'ges, todtes Kind. Das Antlitz wendet sie gen Norden, Wo noch der Thurm des Dorfes ragt. Aus dem des Kaisers rohe Horden Sie mit dem kranken Kind gejagt. Die Rechte hat fie hoch erhoben. Die Linke hält den toten Sohn. So ladet sie vor Gott da oben Den Unmensch auf dem Czarenthron. Q, ruft sie, wenn mtt kaltem Lachen Der Tod Dir schaut in's Angesicht, Da schützen nicht bezahlte Wachen, Die Schreckgespenster fliehen nicht. Sie nah'n mit geisterhaftem Rauschen, Der Rachsengel fiihrt sie an. Da möcht' mit Dir, o Kaiser, tauschen Nicht der gemeinste Bettelmann. Vergebens stöhnst Du in den Kissen, Da hilft nicht Scepter und nicht Krön', Es ftägt das rächende Gewissen, O Umnensch nichts nach Deinem Thron, Und noch' nach vielen hundert Jahren, Wenn Freiheit blüht, Gesetz und Recht, Wenn's keinen Kaiser mehr und Czaren Sei Du verflucht und Dein Geschlecht. Dann zieht vielleicht dein letzter Sprossen, Gebrochen, elend und verbannt. Verlassen von des Glücks Genossen Aus dem verlor'nen Vaterland. Dann schleppt vielleicht die müden Glieder Auf eines armen Juden Hof, Und legt sich dort zum Sterben nieder Der allerletzte „Romanoff." Isidor Löwenthal. Kaiser Friedrich Quelle Oflenbach a. ft -. Gegea CHabfc ud Bbemattaans bewährt. Alleiniger General-Vertreter: Frledrloh Stahl» FhiiWaI- Oflnth bthH.- Alle» 37 T»> Hansa^Süo 714» Wochen-Kalender. (Zeitangaben nach dem koach.) SamStag, den 8 Februar l--> 22. Schwab) Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 5 Uhr — Mi». SabÜat-AuSgang in Frmckfurt a. M. 6 Uhr 15 Min. in Berlin S USr 30 Min. Wochenabschnitt: Jisrau. — Jisraus Besuch bei seinem Schwiegersohn Möses. Die »Lehn Gebote." Der Erd-Alter. Wochengottesdienst in Frankftrrt. Morgens: 6 Uhr 45 Min. in den meisten Synagogen (Unterlindau, Bockeuheim 7 Uhr 10 Min., Königsteinerstr., Hauptsynagoge 7 Uhr 30 Min.). Abends: 4 Uhr 30 Min. in den meisten Synagogen (Königstemerstr. 7 Uhr, Hauptsyuagoge 4 Uhr). I Offenbaeber Druckluft-Anlage I QHanbach a. I. Telefon 123. {Anschluss mitFrankfnrt). I Bewährteste TapptchrafnfllDBg (100,000 qm jährlich) ■ sowie unObertroffens Battanu. Battf■ darnralnlguno mittelst Druckluft and Wasserdampf. Allgemeine Mitteilungen. Unter den Stätten, an denen die Arbeüen des unterbrochenen Friedens tteu und beharrlich fortgesetzt werden. stehen an erster Stelle die Unterrichtsanstalten und Erziehungs-Institute, die kein Staat in so reichgegliederter Fülle, in so hoher Vollendung besitzt wie Deutschland. Auch in unserer Stadt besteht seit vielen Jahren das von dem akadein, gebild. Lehrer P. Klibausky

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