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Neue jüdische Presse · 1915-01-29 · Heft 4 (29.1.1915) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 4 (29.1.1915)
Date
1915-01-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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' Von L e o R o s c n b e r g. Es hat den Anschein, als ob die seit den Tagen des Berliner Kongresses aus dem! politischen Jdeenkreis des offiziellen Europa Verbannte und zu einem nicht gerade glorreichen Vegetieren in unersprießlichen und unmaßgeblichen Diskussionen und Reden verurteilte Judenfragc jetzt wieder ins volle Licht der europäischen Öffentlichkeit rücken und gebieterisch auf Lösung drängen wolle. Minister und Feldherren, führende Politiker und einflußreiche Männer der Feder scheinen gegenwärtig um die, Wette zu eifern, ihr tiefgehendes und ernstes Interesse einew Problem zu bekunden, dem man bislang am liebsten ganz aus dem' Wege ging. Während die Führer der verbündetest Heere Deutschlands und Oesterreich-Ungarns an die tvohlvcrstandenc Interessengemeinschaft mit der jüdischen Bevölkerung Kongreß-Polens appellieren, hat die. russische Regierung ihre altgewohnte Meisterschaft in falschen Vorspiegelungen und niezuhaltenden Versprechen den Juden gegenüber von neuem bekundet, und ihre Helfer in London und Paris geben sich redliche Mühe,- aller Welt glaubhaft zu Machen, daß der (für den Dreiverband) erfolgreiche Ausgang des Krieges die Millionen jüdischer Untertanen des Zaren einer neuen Aera von Recht und Freiheit entgegenführen wird. Aber auch maßgebende Führer ausschlaggebender politischer Parteien, darunter Aiänner, an deren aufrichtiger und ehrlicher Gesinnung man nicht zweifeln kann, stimmen kräftig in diesen judenfrenndlichen Chor ein. So hat der voM Antimilitarismus zum Ultrapatriotismus bekehrte Gustav Hervö in den letzten Ausgaben seiner „Guerre Sociale"*) einen flammenden, von tiefster Moralischer Entrüstung getragenen Protest gegen die immer noch bestehende Rechtlosigkeit der russischen Juden veröffentlicht, der in der an die Bundesgenossen gerichteten Mahnung gipfelt, ihren Einfluß in wirksamer Weise für die Sache der Freiheit und des Rechts einzusetzen. Bor allem aber in England scheint die öffentliche Meinung in den letzten Tagen, wo sie doch an eigenen Sorgen und Nöten genug hat, ganz in den Bann der politischen Judenfrage geraten zu fein. Angesehene Zeitungen und Zeitschriften aller Parteien und Richtungen, so die konservative „The Nation", die liberale, Bernhard Shaw nahestehende „The New-StatesMan" und die „Contemporaly Review", bringen fortgesetzt Artikel erster und maßgebender Politiker, und Journalisten, in denen die Emänzi- , ■ Patron der russischen Juden nicht nur als eine sittliche Forderung, sondern geradezu als eine politische, ja militärische Notwendigkeit hingestellt wird. -Dieselben, die bisher.auch den schüchternsten und bescheidensten Hinweis auf die Möglichkeit einer -Intervention zu 'Gunsten her russischen Juden mit der Bemerkung abtun zu können glaubten, daß dies eine Einmischung in die „inneren Augelegenheiten" eines souveränen Staates bedeuten würde, sagen jetzt ganzoffen und unumwunden, daß *) Die schärssten und bemerkenswertesten Stellen dieses. Protestartikels sind'von der Pariser Militärzensur unterdrückt worden; eine, vollständige Abschrift desselben ■ ist . jedoch vorher nach England gelangt und im „M a n che st er G n a r d iä vt‘ veröffentlicht' worden. -Me Ausführungen .Hervös -haben' in. eogliMn- -.und -' atN-e r i k ani.s ch e n; Kreisen. großes , Aufsehen . erregt. der Dreiverband an einer günstigen Lösung der russischen Judenfrage das größte Interesse habe.*) Daß diese ungeahnte und unerwartete Wendung der Dinge im Herzen unserer „geborenen" Politiker das Gefühl tiefer Genirgtuung und lebhaftester Spannung zugleich auslösen mußte, das braucht noch kaum gesagt zu werden. Sie, die immer von jenem glücklichen Zustande träumten, da die Juden vor das Forum der hohen Politik Europas nicht als duckende Bittsteller und Hilfesucher, sondern als eine bündnissähige und gleichberechtigte Partei treten werden, glauben, jetzt tatsächlich an dem Ziel ihrer Wünsche angelangt zu sein. Und in der Tat, nicht nur Herr Zangwill, dieser humoristischste aller Politiker und politischste aller Humoristen, erwartet jetzt alles Heil von einer ihm im „Foreign Office" in Aussicht gestellten „Judenpolitik", sondern auch sonst nüchterne und denkfähige Zionisten geben ihrer Ueberzeugnng Ausdruck, daß, nachdem .die Juden der Würde eines Objektes der Politik teilhaftig geworden sind, sic nun danach streben müssen, zu einem Subjekt derselben zu avancieren. Man lese z. B. das Münchener „Jüdische Echo", wo in einem „Krieg und Judenpolitik" überschriebenen Artikel in der augenblicklichen politischen Konstellation ein bedeutungsvoller Wendepunkt in der europäischen Judenpolitik erblickt wird. Wie man sieht, die große Zeit hat auch bei uns kein „kleinliches" Geschlecht gefunden. Wie ist nun tatsächlich dieser merkwürdige unerklärliche Wandel der maßgeblichen politischen Gesinnung Europas möglich geworden? Was war es, das der — in unbeteiligten Kreisen mindestens — längst dem Odium unheilbarer Banalität verfallene Judenfragc wieder zu neuer, fast sensationeller Aktualität verhalf? Welchen Triebkräften und Motiven entspringt dieser scheinbare Drang zur Neuorientierung in der europäischen Jüden-- politik? Daß es das seit geraumer Zeit in sanfter Hut diplomatischer Einlullungskünstler schlummernde „Gewissen Europas" ist, das nun plötzlich erwacht sei und sich zu regen beginnt, — daran zu glauben fällt etwas schwer. Denn dieses angebliche europäische Gewissen hätte, wenn es seinen hartnäckigen -Leugnern znm Trotz nicht alles positiven Seins bar sein sollte, auch in früheren Zeitläuften reichlich Gelegenheit gehabt, sein Vorhandensein und seine Kraft zu dokumentieren. Es war aber bisher nichts von ihm zu merken, trotz allen eifrigen Nachforschungen und Nachstellungen. Nie haben sich schwache und niedergedrückte Völker seines wirksamen Schutzes erfreut, und auch wir, der Schwachen Schwächsten, haben wiederholt vergeblich nach ihm gerufen. Die sich in höchster Not an ihn Klanimernden hat es immer schmählich im Stich gelassen. Während dem letzten Balkankriege, wo die elenientarsten Interessen und Rechte vieler tausender Juden Mazedoniens und des bulgarischen Silistriä auf denk Spiel standen, hat keine von den Mächten,**) am allerwenigsten England und Frankreich, die sich doch so oft in der Rolle des europäischen Gewissens gefallen,, auch die geringste Anstrengung gemacht, die Juten dieser Gebiete vor "oer Entrechtung und - *) Um der neutralen Welt glaubhaft zu machen, daß.der Dreibund — mit Rußland an der Spitze — den Kampf der Befreiung der Unterdrückten führt. D. Red akt. **) Unseres Wissens wollte Oesterreich — wahrscheinlich mit her Zustimmung Deutschlands — Saloniki zu zu.Gunsten, der Juden Äs neutrale Freistadt erklärt wissen. D. Redakt. der drohenden wirtschaftlichen Vernichtung zu bewahren. An Anregungen und Mahnungen dazu Hat es auch von berufener und hervorragender Seite nicht gefehlt; man denke z. B. an das mutige Auftreten Luzattis 'in dieser Angelegenheit. Durch die rückhalts- und bedingungslose Auslieferung Salonikis an die Griechen durch die nämlichen Mächte wurden die Mischen Bürger dieser Stadt, die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung, der Verelendung und Unterdrückung preisgegeben, und vollends durch die von Europa einstimmig gebilligte Annektiert bulgarischen Bodens durch Rumänien sind viele Tausende von. ehemals fteien bulgarischen Juden ihrer Bürgerrechte verlustig geworden und das Los jener unserer Volksgenossen zu teilen verdammt, die kein anderer als der sich jetzt gründlich ausschweigende CleMeneeau in jenen Tagen als die „letzten Sklaven in Europa" bezeichnete. Mer es bedarf wirklich kaum des Hinweises auf das Verhalten der genanMen Mächte in Fragen der internationalen Judenpolitik; denn auch in ihrem eigenen Machtbereich haben diese Mächte alle Gerechtigkeit und Billigkeit, insofern sie sich nicht an den Buchstaben der Verfassungen gebunden fühlten, ihren Juden gegenüber vermissen lassen. Das 'freiheitsstolze Frankreich verweigert seinen in ihrer Heimat der Willkür preisgegebenen tunesischen und marokkanischen Juden das Bürgerrecht. Und hat nicht auch England in der Kaßfraige, die doch eigentlich ebensogut eine englische wie eine jüdische ist, die Ehre und das Recht seiner jüdischen Bürger schmählich im Stich gelassen, um ja nicht denk werten Bundesgenossen Unbequemlichkeiten zu schaffen? Ueber das Verhalten der Italiener gegen die Juden Tripolitaniens soll hier geschwiegen werden. Wahrlich, wer angesichts dieser harten Tatsachen noch an eine von uneigennützigen Motiven geleitete europäische Judenpolitik glauben kann, wer überhaupt diesen Teil Europas eines uninteressierten Handelns für fähig hAt, demist nicht mehr zu helfen. Die gewaltigen Stürme unserer Tage haben gleichsam den Schleier, der das Antlitz des offiziellen Europa lange Jahre verhüllte, gelüftet. Der große internationale Maskenball war zu Ende, und bei der nun erfolgten Deniaskierung hat die europäische Politik aller Welt ihr wahres Gesicht gezeigt. Die gesamte Kulturwelt hat einen Änschauungsnnterricht über die Naturgeschichte des politischen Europäertnms empfangen, dessen aufklärende Wirkung noch lange andauern wird. Krasser, Man möchte fast sagen: animalischer Eigennutz und von allen sittlichen und rechtlichen Rücksichten und Hemmungen entblößte Gewinnsucht haben sich als einziger Antrieb und Ziel zugleich des politischen Willens der größeren, aber keineswegs besseren Hälfte Europas erwiesen, lln- ' entwegte Moralisten, die sichbisher mit aller Kraft gegen die Ausdehnung der Idee eines rücksichtslosen Daseinskampfes auf menschliche Zustände sträubten, sind wohl inzwischen eines Besseren belehrt worden. Mer auch eingefleischte Ideologen werden sich jetzt Wohl kaum der Einsicht verschließen Wunen, daß die Welt nicht Von Ideen, sondern von Lebensintere-ssen beherrscht' wird. In dieser vom Kämpft um .Lebensinteressen durcytobten Welt ist Macht Recht, Schwäche — . Unrecht. Wir aber, die wir dm Schwachen Schwächsten sind, haben uns nur solange behaupten kömten.

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