Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 3 (22.1.1915)
- Date
- 1915-01-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692924-2692927--08836-2703991- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Erscheint wöchentlich am Freitag. Srmgsprris pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert 90 Pfg-, frei ins Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 10 Pfg. NedaKtüm und Expedition: Frankfurt a. M. :: Langestr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. AerarisgÄer: Kalg cheis. ft- - ■■ "" —— Insertiouspreis für die fünfgefpaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuche, WohnungSinserate- Heirats-Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und ina.Annoncen^8ureauS., Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. 13. Jahrga»s. Freitag, Sen 7. S675 (22. Januar ISIS) Rr. 3. Briefe über den Krieg. ui. Meine Freundin! Ms ich Ihren Brief zu Ende gelesen hatte, mußte ich an Heinrich Heines unwilligen Ausruf denken: „Es ist doch furchtbar mit den Frauen! Je mehr man ihnen sagt, um so mehr fragen sie." Ich gab Mich der Hoffnung hin, mein letzter, langer Brief habe alle Ihre Fragen beantwortet, und muß nun lesen, daß Sie noch keinesfalls befriedigt sind, ja daß ich auf Ihre eigentliche Frage gar nicht eingegangen sei. Nicht wie. das Judentum sich zum Kriege stelle, interessiere Sie so sehr, wie vielmehr die andere Fragewie es Mit den kriegerischen Eigenschaften der Juden bestellt .sei, genauer gesagt: was von dem Mut und der Tapferkeit der Juden zu halten sei. Nun, ich verstehe sehr wohl, daß diese letztere Frage Sie lebhafter beschäftigt und Sic den jungen Juden mehr Interesse entgegenbringen als dem abstrakten alten -Judentum. Und so ergreife ich denn gern nochmals die Feder, um mit Ihnen ein wenig über die Tapferkeit unserer jungen Juden zu plaudern. Doch ein eingefleischter Bewunderer deutscher Systematik und Methodik, wie ich nun einmal biil, muß ich sofort mit einer prinzipiellen. Methodologischen Vorfrage beginnen: Was ist überhaupt die Tapferkeit, Meine Freundin? Ich muß gestehen, wenn ich den Begriff der Tapferkeit ein wenig logisch und systematisch prüfe, finde ich ihn als solchen 'ohne eigentlichen Inhalt. Mich dünkt vielmehr, er zählt zu jener Kategorie von Begriffen, die wir im Alltag so gern und häufig gebrauchen, die aber — streng gefaßt — gar keinen einheitlichen, bestimmenden Inhalt besitzen. Der bekannteste dieser Art von Begriffen ist der der Liebe. Was bedeutet Liebe? Nichts irgendwie Bestimmtes. Wir gebrauchen das Wort für, die verschiedenartigsten Gefühle, die nichts Miteinander gemeinsam haben. Denn welcher Zusammenhang, welche Wesensgleichheit besteht wohl zwischen der Liebe zum Vaterland und der Liebe zum Kinde, zwischen dem amor Dei und der Liebe, die mich mit der Geliebten verbindet? Es sind Gefühle, die völlig verschiedenen Sphären des seelischen Lebens augehören, die schlechterdings nichts miteinander gemeinsam haben, und die unsere oberflächliche, an äußerlichen Merkmalen hastende Wortbildung nur deshalb unter einem Begriff zusammengefaßt hat, weil sie alle einen Zustand der Verbundenheit des Subjekts mit einem Objekte, des „Liebenden" mit dem' Gegenstand seiner „Liebe" bezeichnen. Es ist ebenso bestellt mit dem Begriff der Tapferkeit. Wir verstehen darunter wohl die Fähigkeit, vor Gefahren nicht zurü^uschrecken, Leiden, Schmerzen, Uebel auf sich zu nehmen. Nun ist cs aber klar, daß kein Mensch Gefahren sich aussetzen oder LeideU erdulden wird ohne irgendwelche ihn dazu bestimmende Ursache, daß also Tapferkeit an sich ein nichtssagender, inhaltsloser Begriff ist. Vielmehr wird die Fähigkeit, sich Gefahren auszusetzen und Leiden zu ertragen, stets durch irgend ein Mptiv verursacht werden, das in der Seele des „Tapferen" das in jedem Menschen leheUk« Streben, allen Unlustgefühlen aus dem Wege zu gehen und .alle Lustgefühle zu suchenüberwindet. Mithin ist alle „Tapferkeit" nur eine Folge, ein Resultat tiefer ruhender Gefühlskräfte, und von einem Menschen zu sagen, er sei tapfer schlechthin, hat, recht betrachtet, kernen Sinn. Nicht ob einer tapfer jst oder nicht, ist für ihn charakteristisch, sondern ob er in dieser oder jener Sache, aus diesem oder jenem Grunde tapfer ist oder nicht, ist bezeichnend für seinen Charakter. Es ist einleuchtend, daß die „Tapferkeit" des Missionars, der zu wilden Stämmen geht, um ihnen seine Religion zu predigen, und die „Tapferkeit" der Mutter, die unter Lebensgefahr ihre Kinder aus dem brennenden Hause rettet, oder die! „Tapferkeit"" des Verbrechers, der einen waghal- , sigen verbrecherischen Streich ausführt, Dinge sind, die abgrundtief von einander .geschieden sind.; Mithin — mithin, meine Freundin, wäre eigentlich Ihre Frage überhaupt sinnlos; wenn cs keine Tapferkeit als solche überhaupt gibt, kann die Frage nach der Tapferkeit der Juden auch gar nicht gestellt werden. Allein, so grausam bin ich denn doch nicht, um nach alter Sophisten- Manier eine Frage so zu beantworten, indem man beweist, daß sic garnicht gestellt werden kann. Und so wollen wir, nachdem Ihnen diese prinzipielle Einleitung gezeigt hat, daß Man im strengen Sinne dieses Mortes von einer Tapferkeit als solchen garnicht sprechen kann, von der Höhe dieser streng logischen Betrachtungsweise in die Welt des Alltags hinabsteigen, und uns fragen, was denn nun die Alltagssprache unter der Tapferkeit versteht, von der sic ja so oft spricht. Es muß doch sicherlich einen gewissen Sinn haben, wenn wir , immer von der Tapferkeit als solcher reden und sagen, der sei tapfer und jener feige. Was verstehen wir unter dieser Tapferkeit, die wir ja als eine ethisch wertvolle Eigenschaft, als eine Tugend auffassen? Wenn Sie deM nachspüren, meine Freundin, werden Sie leicht finden, daß der letzte Inhalt dieser „Tapferkeit"" in ihrer Alltagssprachbeoeutung in der Fähigkeit besteht, sein Leben 'hinzugeben. Wir bezeichnen einen, der Gefahren cntgegenschreitet, als tapfer, weil wir damit sagen wollen, daß er imstande ist, in der Verfolgung seines Zieles, wenn es sein muß, auch sein Leben hinzuopfern; in der Tat wird denn auch der Volksmund einen Gelehrten .etwa, der aus der Liebe zur Wissenschaft allen Gütern des Lebens entsagt, um in Not und Armut seiner Wissenschaft zu leben, wohl kaum! 'tapfer nennen, weil hier eben der Gedanke an die Hingabe dös Lebens als letzten Prüfstein der Tapferkeit fehlt. Hier also: in der Fähigkeit der Hingabe des eigenen Lebens ruht der Inhalt und Sinn der Eigenschaft, die wir als Tapferkeit bezeichnen; der Grad dieser Fähigkeit aber wird nun stets von der Art der Bewertung des Lebens durch den einzelnen abhängen, und die Frage nach der Tapferkeit des Juden wandelt sich so in die andere Frage: Wie bewertet der Jude das Leben überhaupt, sein eigenes Leben im besonderen? Damit aber sind wir wieder .zu dem Ausgangspunkte meines vorigen Briefes angelangt; (woraus Sie ersehen können, meine Freundin, daß in demselben bereits die prinzipielle Antwort auch auf das Problem dieses Briefes enthalten war.) Dort hatten wir ja die Quintessenz aller jüd. .Lebensanschauung in der Lehre von der Heiligung des irdischen.Lebens durch seine Vergeistigung und Versittlichung erkannt. Daraus ergibt sich von selbst, daß das Judentum und die Juden — denn was ist das ZüdentuM anders als der höchste Ausdruck des jüdischen Geistes und des jüdischen Charakters?.— das Dasein überhaupt, das Leben jedes einzelnen im 'besonderen sehr hoch bewerten, höher bewerten als jede andere Lebensanschauung. Daß dem Anhänger einer lebensverneinenden, jenseitssüchtigen Weltanschauung das Leben nicht hoch gilt, ist selbstverständlich: der indische Fakir, der altchristliche Asket gingen innerlich beglückt in den Tod, der ihnen die Erlösung von der Qual des Daseins brachte. Aber auch die Jünger jener Weltauffassung, die das Dasein in seiner naturalen Gegcbenheir bejahr, Wunen das Leben nicht allzu hoch bewerten. Denn das Leben entbehrt ja im Rahmen dieser Weltanschauung jeglichen Sinnes; in der Welt, wie sie sie anffaßt, herrscht kein ethisches Gebot, ftndern nur das natürliche Gesetz der Macht; nicht die Norm regiert, sondern der Zufall; über den Göttern thront die Moira; innerhalb einer solchen Weltanschauung kann das Leben bestenfalls als holdes Spiel erscheinen — und so erschien es den Griechen in ihrer großen Zeit — sonst aber als ein unbegreiflicher, zweckloser Nonsens — und also dachte die Antike in der Zeit ihres Niederganges. Es spiegelt sich in dieser Bewertung des Lebens seitens der nationalen Weltanschauung zugleich auch die Stellungnahme des primitiven Naturmenschen zum Dasein. Auch ihm ist es entweder ein unbegreiflicher Chcws, das Werk böser Dämonen, blinder Schicksalsgöttinnen, oder aber ein Spiel, das holde Gestank kindlicher Götter, — und „die antiken Götter sind in Wahrheit nur große Kinder"", pflegte Voltaire zu spotten. So oder so gesehen, wie er sich immer auch das Leben erkläre, der primitive Naturmensch, der natural denkende Mensch der Antike kann dem Leben keinen allzuhohen Wert beilegen, weil es jeden inneren Sinnes entbehrt; er hängt am Dasein mit dem Instinkt des Kindes, des Primitiven, aber wenn er es bewußt anschaut und wertet, kann er es nur gering einschätzen. Er wird es leicht hingeben Wnnen für irgend ein Ziel oder eine Idee, die ihn begeistert; selbst kleine Ziele, geringwertige Ideen können chn zur Lebenshingabe befähigen, da das Leben selbst ihnr so wenig gilt. Wie ganz anders wir Juden! Für uns besitzt das Leben einen tiefen Sinn, eine unendliche Weihe und damit einen unermeßlichen Wert. Die höchsten Ziele .und Werte, die wir .kennen, jene der Ethik, sie sind nur im Leben, durch das Leben realisierbar. Jst dem Juden die Thora der Ausdruck des Herrlichsten und Heiligsten, was die Welt kennt, nun, so weiß er doch stets, daß sie eine „taurath chajim", eine Lehre des Lebens ist. Das Leben ist kein Absurdum und'kein Spiel, sondern eine große, gewaltige Aufgabe, eine heilige Pflicht. Unter allen Pflichten, die wir kennen, steht die Pflicht zu leben in vorderster Reihe. Gott hat dem einzelnen die Pflicht des Lebens auferlegt, nur er kann ihn seiner Pflicht eMheben. Alle Gebote verlieren ihre Geltüngskrast, wenn es sich um die Erhaltung des Lebens handelt; und der Selbstmord wird zum verabscheuungswürdigen Verbrechen. . Es ist klar, daß eine solche Lebensauffassung und ein Volk, daß sie geschaffen hat, das Leben ganz anders bewerten müssen, als der primitive und natural denkende Mensch. Der Jude kann es nicht für erlaubt oder gar geboten halten, für irgend ein Ziel oder ein Ideal sein Leben hinzugeben, weil nur wenig Ideen und Werte ihm mehr gelten als das Leben selbst. Die höchste Lehre der Antike war: schön zu sterben; das höchste Gebot des Judentums: ethisch zu leben. Der Grieche ward dazu erzogen, einen Heldentod zu sterben; der Jude wird