Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 51 (31.12.1914)
- Date
- 1914-12-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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+ 1 + ♦ f ♦ ff "" ■ ~ - ■' '■ —i Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a» M. Mk. 1.— frei inS Haus. Bei der Post abonniert SO Pfg., frei inS Haus 4 Pfg.' pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, für Rußland I Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel. Nummern kosten 10 Pfg. Redaktion und Grpeditisn: Fratikfurla.il). » Cangcftr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2S03. Jusrrtisnspreis für die fünfgespaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 1.—. Brr Wickerholungen entsprechender Rabatt. Stellen »Angebote und -Gesuche, WohmmgSinserate- HeiratS-Amumren IS Pfg. die sechsgespaltene Petvtzeüe ohne jcken Rabatt. Platz, und Datwn-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Sxpck. und in a.Annoncm»BureauL Konto beide« Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. 12. Jahrgang. Donnerstag» den 14. Tewes 56<5 (81. Dezember 1914) Rr. &L. Bom Wesen des Judentums?) , i. Vom Wesen des Judentums bestehen gar viele Behauptungen^ Behauptungen entgegengesetzter Natur. Das Judentum, sagen die einen, fußt auf der Barmherzigkeit, er stellt das „Weohawto lereiacho konrocho (Liebe Deinen Nächsten wie Dich)" zu seinem obersten Postulat. Das Judentum beruht auf der Vergeltung, der Gott Israels ist ein Gott der Rache, sagen die anderen: Das Judentum ist tolerant, ist universell, ja sogar kosmopolitisch; das Judentum ist unduldsam, national, chauvinistisch narional! Das Judentum ist durch und durch rationell, eine Religion ohne Glauben; das Judentum ist dogmatisch, auch im Judentum gibt's Glaubensartikel — 13 an der Zahl — wie bei den anderen Religionen. Das Judentum . . . doch genug der Beispiele! Es ist nicht unsere Aufgabe, all die divergierenden Anschauungen über das Judentum Hier aufzuzählen; nur die hauptsächlichsten, die das Grundwesen des Judentums berühren, »vollen wir auf ihre Stichhaltigkeit prüfen. Auf ihre Stichhaltigkeit prüfen? Behauptungen diametral entgegengesetzter Natur und stichhaltig?! Zunächst sei die erste der drei Ansichten, die voir der Güte und Barmherzigkeit oder von der Vergeltring und dem rächenden Zorn Gottes, untersucht. Der jüdische Gott ist gülig, ist barmherzig, — und die Beweise? Bedarf es noch überhaupt eines, Beweises? Jedes jüdische Kind, sofern es nicht ganz dem Judentum entrückt ist, »vird die Beweise hierfür erbringen können. Wird doch seit Mehr als/einem Jahrhundert, seit Mendelssohn, iM jüdischen Religionsunterricht gelehrt und von der Kanzel herab gepredigt, daß der Gott Israels ein Gott der „Allgütigkeit, Ällbarmherziigkeit und Allgnädigkeit" sei. Schier unzählig sind die Sätze aus der Bibel, aus dein Talmud — sowohl dem Babl» (zu Babylon abgefaßten) als auch dem Jeruschalmi (abgefaßt in Jerusalem) —, aus Midrasch, und in der übrigen .reichhaltigen Literatur, die für die „Allbarmherzigkeit" des israelitischen Gottes erbracht worden sind und noch werden. Wer sollte da Zweifel hegen? Wer des Beweises bedürfen? Und doch, doch siehe, gar viele sprechen von dem! rächenden Gott Judas und behaupten: Der Gott, der sich Israel am Sinai offenbart hat, ist ein Gott der Rache, des Zorns und der Vergeltung. Die so meinen, sind gleichfalls nicht der Beweise bar, ja der stichhaltig en Beweise. Freilich sind diese Beweise Nicht ganz und Nicht allen bekannt — von einem rächenden Gott in einer Welt der christlichen Liebe spricht Man nicht gern —; allein minder stichhaltig als die ersteren find sie deshalb nicht. Wir wollen einiges aus vielem herausgreifen: „Ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifervoller Gott, der die Schuld der Väter ahndet an den Kindern, im 'dritten und im vierten Glieds (Exodus Kap. 20, 5. Deuteronomium Kap. ö, 0)." „Der Herr, Eiferer ist sein Name, ist ein eifervoller Gott (Exodus 34, 14)." „Der Herr, dein Gott, ist wie ein verzehrendes Feuer, ein eifervoller Gott (Deuter. Kap. 4, 24)." „Auf- *) Einleitend sei hier vorausgeschickt, Last das Judenchm, von dem hier gesprochen wird, das einzige und daher wirkliche Judentum, da§ die schriftliche und mündliche Lehre umfaßt, gemeint ist. reiben sollst du alle Völker, welche der Herr, dein Gott, dir gibt, du sollst ihrer nicht schonen und ihnen keine Gnade gewähren (Deuter. Kap. 7 und 2)." „Ein eifervoller und rächender .Gott ist der Herr; der Herr übt Rache und ist voller Grimm (Nahum Kap. 1, 2)." „Gott ist ein langsamer, aber sicherer Rächer (Jeruschalmi Taanit, Beizo, Schekolim)." „Gott nimmt es genau mit seiner Umgebung, auch um eine Haarbreit (Jewomot S. 121, Bobo kamo S. 50, Jeruschalmi Schekolim, Beizo)." „Derjenige, der behauptet, daß Gott »nachsichtig ist, dessen Sein ist der Verwirkung »vert (Bobo kamo S. 50, Jeruschalmi, Beizo, Schekolim')." Soweit die wenigen Proben aus Bibel und Talmud, sofern sie in satzungsgemäßen Worten formuliert sind. Auch die historischen Tatsachen sprechen eine »»icht minder beredte Sprache! Sowohl die Sintflut und die Zerstörung Sodoms und Gomorras, als auch die twn Gott »viederholt verhängten Strafen über das abtrünnige und tviderspenstige Volk auf seiner Wanderschaft in der Wüste »vie später im Lande Kanaan zeugen von der vergeltenden Art unseres Gottes. Ist aber etwa deshalb die Behauptung von der Barmherzigkeit des jüdischen Gottes hinfällig? .Gewiß nicht! Was ein Jahrhundert lang in Schule und Synagoge gelehrt und gepredigt wurde, ist!— Mit Abzug des künstlich und tentenziäs übertriebenen Teiles — wahr, dafür sprechen die vielen, vielen Aussprüche aus Bibel und Talmud, »vie auch. die geschichtlichen Begebenheiten - wie z. B. das historische Ereignis bei der Sendung Jonas nach Niniwc, das im Buche Jona erzählt »vird. Doch, wo ist die Lösung dieses Problems? Wie ist dieser krasse Widerspruch zu erkläre»r? Wie sollen diese diametral entgegengesetzten Be- ' hauptungea in Einklang gebracht werden? — Die Antwort darauf folgt. S. H. Goldman»». Brief a«s Oesterreich. Die Wiener Jndenheit zählte bis vor einigen Monaten 160,000 Seelen, — und heute zählt sie 320,000, hat sich also verdoppelt. Die Flüchtlinge aus Galizien haben dieses Wunder vollbracht. Wer kümmert sich um .diese von Haus und Herd verjagte, berufs- und mittellose Menschenmasse? Die Regierung und die Zionistische Organisation, auch einige humanitäre jüd. Vereine, — nicht aber .die Israelische Knltusgemeinde. Wohl hatte der zionistische Vertreter lm Kultus- Vorstand diesbezügliche Anträge gestellt, sie »vurden aber abgelehnt, „da der Regierung die Versorgung obliege"; auch ein Bemühen bei den reicheren Steuerträgern wurde abgelehnt. Die Zionistische Organisation dagegen hat Hervorragendes geleistet. Ihre Rechtsschutzstelle hat bereits Tausenden zu ihrem Rechte verholfen und hunderttausende Kronen jüdischen Geldes gerettet. Der Kindergarten, die Jnterventtonsstelle, das Unterstützungsbüro, Pas Krankencm»bulatorium sind Mustergillttge Einrichtungen, die die Lage der unglücklichen Heimatlosen nach Möglichkeit erleichtern. Das gleichgültige Verhalten der offizielllen jüdischen Persönlichkeiten hat natürlich zur Folge, daß die reichen Juden für die jüdische Hllfsaktion sehr wenig tun. Die Reichen bedürfen ja meistens eines „offiziellen Anstoßes", der Mittelstand aber tut stets voir selbst, was seine Pflicht ist; — so auch hier. Am meisten zur Kritik fordern die reichen galizischen Juden, die sich in Wien aushatten, heraus. Die Herrschaften benehmen sich, als wenn sie zum Vergnüge»» hier weilten und kümmerir sich garnicht um ihre Landsleute. Verwundern muß auch die Untättgkeit der ,-Oesterr. Israel. Union", einer Organisation, die dem Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens entspricht. Gerade, weil es sich darum handelt, die Flüchtlinge nicht als Almosenempsänger behandeln zu lassen, sondern ihr gutes Recht Äs österreichische Staatsbürger mit Würde zu schützen, hätte die Union größere Aufgaben als je. In Wien wird doch alles getan, um M verhindern, daß die Leute wirtschaftlich Fuß fassen. So verweigert ihnen die Stadt Arbeits- und Hausierscheine. > 1 ■ Einen recht anschaulichen Brief bezüglich der russischen GreneltateN in Sadagora bringt Blochs Wochenschrift. Als in der kritischen Nacht vom 30. zum 31. August die Brücken gesprengt wurden, flüchtete 80 Prozent der Bevölkerung aus der Stadt. AM Dienstag, 1. Sept., erschienen 150 Fichren mit Bauern aus den benachbarten russischen Grenzorten, um zu plündern. Die in Sadagora zurückgebliebene jüdische Jugend drängte sie jedoch zurück. Am Abe»»d kam die erste russische Patrouille, 15 ivilde Tscherkessen. Am nächsten Morgen trafen »»nzählige ruthenische Bauern ein, und es begann »»»tter militärischer Leitung die allgemeine Plünderung. Als einen Tag später ein russischer Kommandant die Stadt übernahm, versprach dieser in einer Bekanntmachung Schutz des Lebens »md des Vermögens der Einwohner, — und es kehrte der größte Teil der Bevölkerung zurück. Als aber die Oesterreicher Czernowitz zurückeroberten, begannen die Russen in ihrer W»»t in Sadagora ein .systematisches Morden, Rauben und Plündern bei Christen und Juden. Der traurige Bericht schließt wörtlich: „Wie Man hört, haben geschändete Mädchen Selbstmord begangen. Kalman Leib Retter w»rrde ermordet, als er seine Frau und Tochter vor Vergewalttgu»»g zu schützen versuchte. Bei ihm wurde ein Vermögen von 400,000 Kronen geraubt. Ebenso zahlreiche Wareiworräte. Me ganze Stadt wurde von chm unterstützt, da er das Kultusvermögen verwaltete. Nun wurde bei ihm alles ausgeraubt »rnd geplündert, sodaß nicht ein Stückchen Webe geblieben war, ihn zu bestatten. Das Geraubte wurde nach Rußland überführt. Kein einziges Haus blieb verschont, und über 200 Menschen liegen verwundet. Wir halten u»»s seitdem in den Kellern »md in versteckten Wohrmngen außerhalb der Stadt auf, wagen uns nicht ins Freie, i»M auch nur Brot einzukaufen, den Hunger zu Men. Es ist begreiflich, we»m ich Mr erzähle, daß der Schrecken viele Menschen z»»M Wahnsirm gebracht hat, und es finb auch viele infolge der ausgestatldenen Leiden wahnsinnig geworden, lind wagt sich jema»»d, vom H»mger getrieben, auf die Straße, Brot einzukaufen — was früher 50 Heller gekostet, bezahlt man jetzt mit Kr. 1.20 — komNtt ein russischer Soldat »md reißt es aus' den Händen, selbst die Kleider werden vom Leibe heruntergezerrt. So wurden z. B. dem Wolf Sandmann der Ueberrvck und die Sttesel auf der Gage geraubt; ehens» wurden Feibisch Weißbach- »md Feibisch Körner die Sttesel von den Füßen geraubt, bei einem Meter