Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 49 (18.12.1914)
- Date
- 1914-12-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Dezember 1914) W* Die näcbstwSctienUiche Nummer erscheint bereits Donnerstag früh Gedanken zum diesjährigen Channkahfeste. In außergewöhnlichen Umstanden feiern wir dies Jahr unser Chanukahfest. Das einzige von all Miseren Festen ist es,. das uns an Krieg und, Sieg, an Schlachtenglück und Kampferschicks.il gentahnt. Und während wir zur Erinnerung an die großen kriegerischen Taten unserer Ahnen die CHanut'ahlichtlein anznndcn, stehen Tausende unserer Bruder draußen im Schlachtgetümmel; im Westen kauern sie in den Schützengräben, im -Osten tobt der gewaltigste Krieg, den die Geschichte gesehen. Und wenn lvir dann jene große Epoche der Makkabäer mit unserer großen Zeit vergleichen — und wem drängt sich dieser Vergleich nicht unwillkürlich auf? — welch überraschende Parallelen, welch tiefe Wesensähnlichkeit finden wir da nicht zwischen beiden. Heute wie damals kämpft ein Voll üut seine Existenz gegen eine Welt von Gegnern, heute wie dpmals ist es ein Kampf der heiligsten Selbsterhaltungspflicht gegen schnöde Mißgunst und häßlichen Neid, heute wie damals verrichtet das angegriffene Voll, dem seine Gegner sein Dafein, seine Größe nicht gönnen, Wunder- - taten heroischer Pflichterfüllung und herrlichster Aufopferungsfähigkeit. Und endlich : heute wie damals — ja, wir glauben, den Vergleich bis zu diesem Ende durchführen zu dürfen — ruht der Segen Gottes über dem verfolgten, angegriffenen, in seiner Existenz bedrohten Volk. Die schützende Hand, die Gott damals über unserem Volk gehalten hat und es gegen eine .gewaltige Uebcrmacht von Feinden und Neidern zu solch herrlichem Siege geführt hat, wir wissen es, wir sehen es, wie sie jetzt auch über unserem Baterlande schützend erhoben ist, wie . sie die Listen und Pläne seiner Feinde zu Schanden macht, wie sie unsere Heere von Sieg zu Sieg führt,, wie sie uns die Kraft gibt, der furchtbaren Koalition, die sich gegen uns verbunden, Herr zu werden und aus der Gefahr, in die man unser Schicksal gestellt hat, heil und unversehrt, ja stärker und mächtiger als zuvor hervorzngehen. So wird uns unser diesjähriges Chanukahfest von ganz besonderer, segensreicher Bedeutung: wie kein anderes Fest vermag es uns zu stärken, mag es allen Kleinmut aus unseren Herzen bannen und uns Mit der festen, unerschütterlichen Zuversicht an unseren endgültigen Sieg erfüllen; denn es gibt in der Weltgeschichte nur wenig andere Ereignisse, die so i'ehr von dem Walten Gottes in der Historie zeugen, istächtig den Triumph des Gerechten in dem Werdegang der Nationen verkünden, wie die Heldentaten und Siege unserer Makkabäer. Der Gott, der damals die Eroberungssucht wilder Barbaren, den Neid Mißgünstiger Feinde nicht triumphieren ließ er wird auch in unseren Tagen die gerechte Sache znM Siege führen. Mit jedem neuen -Lichtlein, das wir zur Erinnerung an die großen Geschehnisse der Mallabäerzeit qnzünden, vermehrt sich der- Lichtstrahl der Siegeszuversicht in unseren Seelen; und neu gestärkt und erhoben scheiden wir voM trauten, innigen und hoch an. Inhalt und innerem Sinne so machtvollen Channkahfeste. Allein neben diesen tröstlichen, erhebenden Gedanken ruft unser diesjähriges Chanukahfest noch ändere Gedanken in uns wach, Gedanken quälender, peinigender .Art. Wieder steht ein großer Teil aller kriegsfähigen Männer unseres .'Volkes auf den Schlachtfeldern, wieder beweisen unsere Söhne und Brüder, daß das Judenvelk auch im Kriege vollauf seine Pflicht erfüllt, wieder verrichten viele jütische Krieger herrliche Taten der Tapferkeit nnd Pflichterfüllung und zeigen der Welt, daß wir noch immer die Enkel der Makkabäer sind und es unseren Ahnen gleichtun wollen, aber, aber wo kämpfen wir, wofür kämpfen wir? Damals stritten wir in unseren» Lande für unser Dasein, ' auf jüdischem Boden für das jüdische Volk; ein Voll, geschlossen und geeinigt gegen den übermächtigen Feind. Und heute? Zerstreut durch alle Länder hin kämpfen wir in allen Armeen, sind wir getrennt und zerrissen, kämpfen Brüder gegen Brüder, Juden gegen Juden. Und wofür kämpfen wir? Gewiß, uns deutschen Juden, ist das Glück zuteil geworden, für ein Vaterland streiten zu dürfen, dem wir Wohlstand nnd Sicherheit, Bildung und Wissen, Freiheit und Kultur verdanken; aber vergessen wir nicht, daß wir nur einen geringen Teil unseres Volkes ausmachen. Tie Mehrzahl der jüdischen Krieger aber, sie käinpfen für Rußland, für das Land, das loie kein anderes uns entwürdigt und gedemütiat, gepeinigt und verfolgt hat. Wir kämpften damals unter Juda Makkabis Führung gegen Antiochus, den schlimmsten unserer Feinde. Und Tausende unserer Brüder kämpfen heute unter dem Oberbefehl eines Nikolai Nikolajewitsch für das Zarentum, den blutdürstigsten unserer Hasser und Verfolger. Fürwahr, quälender, rasender Schinerz will uns ergreifen, wenn wir unsere Chanukahlichtlein anzünden und ihr milder, ergreifender Glanz uns das in Erinnerung ruft, was einst gewesen, und an das gemahnt, was heute ist. Aber es ist nur der Schmerz eines Augenblicks, das momentane Aufzncken eines furchtbaren Gedankens. Denn Lar bald besänftigt das Licht der Chanukahkerzcn diesen Schmerz und lehrt uns, ihn zu überwinden. Waskünden diese Lichtlein? Nur Erinnerung an die großen Ereignisse der Vergangenheit? Weit mehr als dies. Für uns, das einzige Voll der Geschichte, die wir gewohnt find, allen Dingen dieses Lebens eine absolute Ewigkeitsbedeutung zu verleihen, fnn uns bedeuten diese Lichtlein mehr: Uns künden sie mehr als historische Heldentaten, uns künden sie ewige Werte, absolute Ideen. Uns bedeuten sie die ewigen Werte der Treue und des Mutes, des Gottvertrauens und der Zukunftshoffnung. Treue — mitunter auch gegen - den, der es nicht verdiente, Mut — zuweilen auch für. Ziele, die feiner nicht wert sind, Gottvertrauen — auch in Stunden, die zur Verzweiflung führen müßten, Zukunftshoffnung — auch in Zeiten, die sie als sinnlos erscheinen lassen; all das lehren uns die Chanukahlichtlein als gut und notwendig und groß erkennen. Groß' sind chie Makkabäer, weil sie ihrem Volke die Treue hielten, größer noch, weil sie die Treue, überhaupt zum Inhalt ihres Lebens machten; bewundernswert sind .sie, daß sie den Mut hatten, für die Freiheit ihres Vaterlandes in den Tod zu gehen; bewundernswerter noch, daß sie überhaupt den Mut besaßen, dem Tode ins Angesicht zu schauen. Heber feine historisch-relative Bedeutung hinaus erhebt sich das Chanukahfest für uns Juden, das abstrakt-philosophischste aller Völker, zum ewigen Sinnbilder zum Sinnbilde der ewigen, absoluten Werte der Treue, des Heldenmutes, des Gottvertrauens. Und darum: ob ein grausamtragisches Los es auch über uns verhängt hat, daß in diesem Weltkriege Tausende unserer Jünglinge und Männer für den Zarismus kämpfen, daß wir, über alle Länder hin zerstreut, oft gegen unsere Brüder streiten müssen, die großen Ideale, die uns das Chanukahfest kündet, halten wir auch jetzt hoch, die erhabenen Lehren, die uns die Lichtkein geben, befolgen wir auch in diesem Kriege: wir halten den Ländern, deren Bürger wir sind, die Treue, und selbst wenn sie uns nicht immer unser Recht zngestehen, selbst wenn sie .uns als Parias behandeln, als Sklaven verfolgen und peinigen; wir kämpfen mit Mut, auch wenn wir für Ziele streiten, die wir nicht billigen, für ungerechte Herrscher, die wir nicht lieben können. Und endlich: wir bewahren unser Gottvertrauen auch in den schweren, trüben Zeiten dieses Krieges; Tausende unserer Brüder fallen. Zehntausende werden ihrer Existenz beraubt, reiche, blühende jüdische Gemeinden werden vernichtet, furchtbare Fragen erheben sich schon jetzt für die Zeit nach dem Kriege, aber trotz alledem: wir bewahren unser Gottvertrauen, unsere Zukunftshoffnung und lassen uns durch nichts in unserem Glauben erschüttern, daß auch unser eine herrliche Zukunft wartet. Und gerade indem wir fetzt unsere Treue und unseren Mut beweisen, wird uns selbst dieser furchtbare Krieg in vieler Hinsicht znm. Segen. Es ist das Kennzeichen des großen Mannes und der großen Völker, daß," ihnen alle Unglücksfälle nur als Prüfungen ihrer Stärke und Gelegenheiten zur Stählung ihrer Kraft werden, daß sie so aus allen Gefahren stärker, aus allen Nöten Lrößer noch hervorgehen. Kein Volk bemeistert diese Kunst besser als wir Juden, die Auserwählten Gottes und Stieflinder des Schicksals — ohne daß zwischen beiden» ein Widerspruch wäre. Auch diesen Krieg wollen wir so hinnehmcn und gestalten, daß er uns zur Feuerprobe unserer Treue, zu einer Prüfung unseres Mutes, zu einer Stählung unserer Energie werde. Dann dürfen wir überzeugt sein, daß wir trotz aller furchtbaren Schläge, die er uns schlägt, dereinst auch das jüdischste aller Worte werden sagen dürfen: „gam su letauwoh"; daß er, indem er unseren Mut und unsere Aufopferungsfähigkeit erhöht, uns dazu erzieht und befähigt, das große Werk unserer Selbstbefteiung schneller zu vollenden und den Tag herbeizuführen, da wir wie zur Zeit der Makkabäer wieder als ein Volk auf eigenem Boden für unsere Ideale streiten nnd sterben dürfen. Brief aus Amerika. New Park, Anfang Dezember. Auf die Nachricht, daß Vertreter der rumänischen Regierung nach hier kommen, um eine Anleihe von 12 Millionen Dollar abzuschließen, hatte eine Anzahl Vereine rumänischer Juden eine Konferenz^ einberufen. Diese etwa 5000 Mitglieder zählenden Vereine faßten in der Konferenz eine Resolution,. in der a m erikanischen Oeffentlichkeit die energischste Propaganda einzuleiten, daß dieser Staat, der seine 200,000 Juden unterdrück!, das Geld nicht bekommt. In einem Interview über den xurpäischen Krieg äußerte sich ThoMas' A. Edison nach den Blättern wie folgt: „Die Juden haben Deutschland zu seiner hohen Stellung in geschäftlicher Hinsicht gebracht. Wir kennen ja das