Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 48 (11.12.1914)
- Date
- 1914-12-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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■■■ Erscheint ivöchenuich am Freitag. Alrrugsprris pro Mirrtetjuhr: Zn Frankfurt a. M. Mk. I.— frei inS HauS. Bei der Post abonniert 90 Pfg-, frei in3 HauZ 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich»Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel. Nummern kosten 10 Pfg. Redaktion und Erpedition: Frankfurt a. M. :: Cangeftr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. H-rarrsg-Ver: Kols Heis. Anfertionspreis für die fünfgespaltene Petitzeile W Pfg-, für die Reklamezeile Mk. 1.—. Bei Mederholungm entsprechend« Rabatt. Stellen-Angebote und -Besuche, Wohnungiinserate, HeiratS-Annoncen 15 Pfg. die fechraespolltene Petutzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Borschrist ohne Rerbindlichkrit. Aunoncrn»LnnahmebeiderLxPed.undiNLHlnnoncrr>Bureau«. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt «.M unter Nr.48«4. IS. Jahrgang. Freitag» den 23. Wslskf 5675 (11. Dezember 1914) Ar. 48. Pole» und Inden. Ans Russisch-Polen kommen traurige Nachrichten, die Wn einer geradezu fürchterlichen Lage der dort lebenden Juden berichten. Die Haltung der polnischen Bevölkerung den Juden gegenüber ist jetzt dieselbe wie sie vorher gewesen:; ja Mehr noch: in den Wirren des Krieges erblicken die Polen die Möglichkeit, ihrem unversöhnlichen Judenhaß seinen Lauf zu lassen, und h, gelangen Meldungen zu uns von furchtbaren Taten und Ausschreitungen der Lndenschast und des Hasses. In vielen Städten (Samiosz, Josefow, Krelce u. a.) haben die Polen regelrechte Pogrome veranstaltet, überall verleumden sie die Juden, bei den Militärischen Machthabern, und Juden sind bereits Opfer ihrer Brutalität geworden. - Auch in die nichtMische Presse ist ja die Kunde vost diesen Vorgängen schon gedrungen, und die scharfen Anklagen, die Georg Bvarütes vor kurzem erst gegen die Polen erhoben hat, sind der stärkste Beweis für den leidenschaftlichen Judenhaß, der die Polen Rußlands beseelt. Für den Kenner der Verhältnisse sind all' diese Erscheinungen nichts Ueberraschendes. Es war stets ein falscher Glaube gewesen, der in den Polen unsere Freunde sah. Von jeher herrscht innerhalb des PolesttuMs eine mächtige antisemitische Strömung, die in dem letzten Jahrzehnt sehr gewachsen ist. In der russischen Dmna gingen die polnischen Abgeordneten in allen Fragen, die die Inden betrafen, meist Hand in Hand mit den schlimmsten Reaktionären; als in Polen die Selbstverwaltung der Städte erngeführt. werden sollte, setzten!es die Polen durch,, daß die Juden, die stellenweise die Majorität in den Städten bilden, in der brutalsten Weise entrechtet wurden; und äks gar vor wenigen Jahren die jüdischen Wähler Warschaus die Wühl eines polnischen, als Antisemit schlimmster Art bekannten . Chauvinisten zuni Dumaabgeordneten -verhinderten und statt seiner einein polnischen Sozialdemokraten wählten, da entlud sich in ganz Polen ein Ausbruch tiefsten leidenschaftlichen Hasses gegen die Juden,, wie er in dieser Wildheit und Stärke selbst in Rußland kaum zu: finden war. Der .seitdem mit eiserner Konsequenz-! und brutaler Energie durchgesührtc wirtschaftliche Boykott gegen die Juden hat dann bewiesen, .daß dieser Haß nicht das Produkt einer Momentanen Parteileidenschyft war, sondern dem Innersten der ' polnischen Volksseele entsprang. Und wer daran vor dem. Kriege noch Weiseln möchte, der wird wohl jetzt von allen Zweifeln gründlich geheilt sein: die Haltung, die die Polen gegenwärtig den Juden gegenüber einnehmen, ist in ihrer Grausamkeit und Gefühllosigkeit weitaus schlimmer als diejenige der russischen Bevölkerung, ja selbst Xals die. der russischen Regierung. Während vün Pogromen, im Innern Rußlands bislang keinerlei . sichere Meldungen nach hier gelangt. sind, ist die jüdische Presse Amerikas voll von zuverlässigen Nachrichten über Pogrome und Ausschreitungen in den polnischen Gebieten. In manchen Städten wie in Lublin ist es sogar die russische Behörde gewesen, die den von polnischer Seite inszenierten Pogrom verhindert hat. Dieser instinktive Judenhaß der Polen ist aber leider nicht nur bei den russischen-sondern auch den österreichischen Polen anzutreffen. Die Leidensgeschichte der galizischen Judenheft ist zur Genüge bekannt; niemand aber trug an dev Leiden unserer Brüder in Galizien mehr Schuld als die Polen, die faktisch die Regierungsgewalt, in Galizien ausübten. Sie haben die'Juden aller Erwerbsmöglichkeiten beraubt, haben sie bei allen Wahlen in der brutalsten Weise vergewaltigt, haben sie politisch äs facto entrechtet und die jammervolle Lage verursacht, in der sie sich in den letzten Jahren befanden. Ml dies ist für uns Juden von großer Bedeutung. Die Kenntnis der Gefühle und Gesinnungen, von denen die Polen uns gegenüber beseelt sind, ist wichtig. für die Beurteilung dieses Krieges in seiner Bedeutung für die ruffischen Juden, ist noch wichtiger für unsere Bemühungen ans die Besserung der Lage unserer Brüder in Rußland npch dem Kriege. Dieser Krieg wird pon der Judenheit der gesamten Welt als ein Befreiungskampf auch für die unterdrückten russischen Juden angesehen; und Man darf mit Sicherhüt erwarten, daß bei den Friedensverhandlungen auch über Vas Schicksal der Millionen russischen Juden beraten werden wird. Das Mische Volk erwartet dabei von unserem Vaterlande, daß es eine Besserung ihres Schicksals herbeiführen wird. Hierbei aber müssen wir uns darüber klar sein, daß die Befreiung eines Teiles der russischen Judenheit vom Joche Rußlands und ihre Auslieferung an eine polnische Herrschaft für diese Juden keinen Vorteil brächte, eher noch eine Verschlimmerung ihrer Lage zur Folge haben durste. Nur wenn die von RnWand befreiten Juden unter die Herrschaft Deutschlands oder Oesterreichs kommen sollten, wäre dies für uns Juden ein Gewinn, ein wahrhaft günstiges Resultat dieses Krieges. Es tut uns fetb, in dieser Zeit scharfe Worte gegen die Polen schreiben zu müssen. Viel erfreulicher wäre es, würden die Juden und die Polen, die beide die' Opfer russischer Tyrannei sind und beide ihre Befteiung durch Deutschland und Oesterreich erhoffen, in diesen Monaten solidarisch ihre gemeinsamen Ziele verfolgen. Leider aber ist das Polenvolk zu sehr durch seinen Judenhaß geblendet und verhetzt. Und der trügerischen Hoffnung, daß dieser Haß nur eine vorübergehende Erscheinung sei, wollen und dürfen wir Juden uns nicht hingeben. Wir haben in den Jahrhunderten, da ein so großer Teil unseres Volkes in Polen lebt, genügend Gelegenheit gehabt, den Charakter des Polenvolkes, besonders in seinen Aenßerungen uns gegenüber, kennen zu lernen. Von den Majofisjuden polnischer Schlachzizen bis zu dem Boykott der letzten Jahre und den Pogromen dieses Krieges zieht sich durch die Wünsche Geschichte eine Kette von Haß und Brutalität gegen uns Juden. Dessen - eingedenk zu bleiben, ist ein Gebot unserer Zukunft. Wir Müssen es bei Zeiten erkennen und verkünden, daß eine Befteiung der russischen Juden nicht darin bestehen kann, daß sie von russischer Unter polnische Gewaltherrschaft kvMmen. Nur wenn das verhindert wird, dürfen wir.hoffen, daß dieser Krieg, daß der Sieg unseres Vaterlandes in der Tat eine Besserung in der Lage unserer Brüder in Rußland herbeiführen wird. Ans -enHreigniffe« des Tages. Die Mische Philanthropie. Wenig Dinge gibt es, die uns als Juden in dieser schweren Zeit des Weltkrieges Mehr trösten und erheben könnten als der Anblick der jüdischen Wohltätigkeit. Furchtbare Wunden schlägt uns dieser Krieg; neben Men Verlusten an Menschenleben, neben allen Materiellen wirtschaftlichen Schädigungen, die er uns zufügt, gefährdet er in gewisser Weise sogar das heiligste GM, - das wir besitzen: die Mische Solidarität. Der Kampf, der zwischen Me Kulturvölker Haß und Zwietracht für viele Jahre hinaus sät, trennt auch die Juden der verschiedenen Lander und ist geeignet, die Bande, die sie einen mü> umschließen, zu lockern, vielleicht hier und da sogar zu zerreißen. Angesichts all dieser Gefahren und Schädigungen bleibt nur noch ein Gebiet des jüdischen Lebens, das unseren festen Glauben an unsere Solidarität und Einheit auftecht zu erhalten vermag: imsere Philanthropie. Es ist ja leider dies das Charakteristikum unseres Daseins in der Diaspora: daß dasjenige Feld des. öffentlichen Lebens, auf . dem Mir vor allem uns als Juden betätigen können, die Philanthropie ist. Seitdem wir Nicht mehr in der Sage sind, gleich anderen Völkern nationale ^Politik zu treiben, können wir nur durch gegenseitige Liebe und Wohltätigkeit unsere Solidarität beweisen; während andere Nationen durch ihre Macht ihre Angehörigen schützen und förbern, können wir nur durch Liebe unseren Brüdern noch kund tun, daß es ein jüdisches Volk noch gibt; das Mische Herz ist das stärkste Symbol unserer nationalen Einheit. Es ist nun naturgemäß, daß dieses jüdische Herz besonders.erkennbar ist in den Zeiten der Not. Niemals erweist sich unsere Solidarität stärker und wirklmgsvoller als in Stunden des 1 Leids unddes Schmerzes; um nur an Erscheinungen der letzten Jahrzehnte zu erinnern, wer deiftt nicht an die wundervolle Tätigkeit der Mischen Philanthropie nach den Pogromen des Jahres 190»? Es hat in Unserer Geschichte wenige Zeiten gegeben, die eine so starke Betätigung unseres Mischen Herzens erforderten, wie die jetzigen. Noch HM der Krieg seinen Höhepunkt nicht erreicht, noch lassen sich die Schädigungen, die er uns verursacht hat, nicht übersehen, und schon wissen wir von einer furchtbaren Lage der swknischen und galizischen Judenheit, schon dürfen wir Mit wirtschaftlichen Schäden rechnen, die sich auf viele, viele Millionen beziffern. Es ist eine gewaltige Aufgabe, die unserer Philanthropie nach dem Kriege bevorsteht, zu deren Bewältigung die intensivste Mitarbeit des gesamten Judentums unb die höchste Opferwilligkeit jedes Nnzelnen nötig sein wird. Solange der Krieg selbst noch tobt, können die Juden der kriegführenden Lander natürlich noch nichts unternehmen. Wohl aber können, und Essen unsere Brüder in den neutralen Staaten Mit den Vorbereitungen zur ErsWung der gewaltigen philanthropischen Ausgaben beginnen, die sich nach dem Kriege ergeben werden. Hier kommt vor MeM, fast allein, die amerikanische Judenheit .in Betracht. Sie wird durch ihre Zahl, ihre wirtschaftliche Kraft, ihre günstige Älge während des Krieges'berufen sein, die FMrung in der nach LeM Kriege einzusetzenden Hilfsaktion zu übernehmen. Ein Blick .auf das jetzige innerMische Leben der Vereinigten Staaten beweist denn auch; daß sich die Inden Amerikas bereits ihrer Pflichten bewußt geworden sind und Mit der sie auszeichnenden Energie schon den ersten Schritt zur Organisierungdes Hilfswerkes getan haben. Schon vor einiger Zeit wurde ein großes Komitee in New Port ins Leben gerufen, dem die führenden Männer des amerikanischen Judentums angehören.