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Neue jüdische Presse · 1914-11-20 · Heft 45 (20.11.1914) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
12 (1914)
Issue
Heft 45 (20.11.1914)
Date
1914-11-20
Page
Seite 5 (sequence 6)
Language
German
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Nr . 4 5 m «total. E3 Die Verjagten. Eine Erzählung aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Von C. Berg. (Fortsetzung.) „Das war recht unduldsam," sagte Claudia leise. „Wo denkst Du hin?!," rief Helsia empört. „Da würde manch einer kommen. Im Leben würden sie zur Taufe eilen und begraben liegen wollen bei Vätern und Urgroßvätern; — nein, ein, das war nur gerecht. Kurz, Abraham wurde samt seinem Anträge kläglich heimgeschickt. Die Härte der Gemeinde erwies sich als weise Vorsicht obendrein. Die Kirche verlangte ihren Toten; — wehe, dreimal wehe den Vermessenen, die ihn ihr vorenthalten hätten! Der wurde nun mit Kreuz und Weihrauch in einem roten Sammetsarge begraben, und ich kann es Dir nicht schildern, und Du, meine Liebe, wirst es auch schwerlich begreifen, wie sehr dieser Pomp meinen Glaubensgenossen als ein zum Himmel schreiender heidnischer Gräuel erschien. Jemilian, sein Erbe, war als Jüngling ein steinreicher Mann. Um den etwa zehnjährigen zurückgebliebenen Bruder Leo kümmerte er sich einfach nicht — die Witwe blieb verschollen — so nahm denn Abraham in aller Stille den Kleinen in sein Haus und hielt ihn, getreu seinem Eide, wie seinen eigenen Sohn. Zehn Jahre lang wurde er bei Liedertrost erzogen, gespeist, gekleidet, unterwiesen und belehrt. Vater Abraham war stolz auf den Pslegesohn, — ein so begabter, kenntnisreicher Junge dieser Lenotschka, dabei fromm wie ein Rabbi; er wollte auch - wirklich einer werden. Niemals hat ein Frommer die härtesten Vorschriften der Religion peinlicher und auffälliger befolgt, niemals ein Chassid lauter und herausfordender gebetet. Vor zwei Jahren entließ man ihn jvie einen Heiligen und sandte dieses Wunder, an Gelehrsamkeit und Frömmigkeit nach Krakau zu einem gerühmten Talmudlehrer, mit tausend Segenswünschen, iberreich mit Geld versehen. Das erste, was der .Heilige" tat, war, daß er heimlich nach Warschau fuhr mb dort eine Summe, von der ein keineswegs Sparsamer in halbes Jahr lang anständig hätte leben können, n acht Tagen in den verruchtesten Lokalen und in icrderbtester Gesellschaft durchbrachte. Die letzte Kunde >on ihm erhielten wir aus einem Kloster in Czenstochau, vo rnan ihn mit offenen Armen ausgenommen hatte. . . Natürlich hatte niemand das Herz, dem Vater Abraham >iese Nachricht zu überbringen. Mein Gatte und sein öruder erfanden ein abgefeimtes Lügen- und Nachrichtenhstem über den frommen Schüler in der Fremde; aber leit alten Mann mochten sie täuschen: zwei junge Augen urchschauten den Trug. Vater Abraham hatte diesen!eo nicht allein geliebt. Die Schwester meines Mannes, onst ein sanftes, stilles Ding, hatte ein so eigensinniges strz, daß es lieber aufhörte zu schlagen, als daß es ich von dem Unwürdigen loszusagen vermochte. Der öle Leo war es wohl wert, daß sich ein braves Mädel n aller Heimlichkeit um ihn zu Tode gräme! Obendrein vußten die Brüder, aus Schonung für des Vaters schmerz, den Namen jenes Verhaßten in Ruhe und freundlichkeit nennen und ließen zum Schluß, da der romme Betrug vor dem klugen Alten nicht länger ortzuführen war, unter den durchdachtesten Bo'rspiegeungen, Ränken mit» Kniffen den hoffnungsreichen Jünger il den Füßen jenes berühmten Talmudisten sanft des kodes aller Gerechten entschlafen. Und Vater Abraham at ihn lange, lange betrauert, diesen schurkischen ieuchler!" . „O Helsia, wie bist Du hart!," sagte Claudia. „Und oenn er es aus Ueberzeugung tat?" „Aus Ueberzeugung!," fuhr die junge Frau auf. Ms Ueberzeugung! Zeige mir den Christen, der aus Überzeugung sich dem Judentum zugesellt, und ich will!ier den aufrichtig reinen Herzens Ueberführten gelten lassen. Ei, laß doch sehen, wer sind sie, diese Bekehrten? kehricht zumeist, niedrige Seelen, ftir irgend einen -churkenlohn erkaufbar. Der tut es um ein Weib, der iir 'nen Mel, für Geld, für leine Stellung — >aus Uebereugung ja, daß ihm der Gotteswechsel einen Vorteil ringt. Und jener Leo Alexandru wird als Pope, Bischof ~ Archimandrit eine ganz andere Höhe erklimmen, wie r sie als Jude je erreicht. Es haben vor ihm Getaufte »ohl schon glänzendere Carriere gemacht. . . Nun zu deinem Jemilian! Weiß Gott, ich war ihm immer ram, aber, seit Du ihn liebst—", die junge Frau chöpfte tief Atem> „da hasse ich ihn wie Pen Tod. , . Frankfurter Israelitisches FamilienAatt. Sette 5. Leider, bei den Männern unseres Hauses ist er hoch angesehen. Der Patriarch gedenkt es ihm,, daß der kaum Achtzehnjährige zur Zeit an dem perfiden Glaubenswechsel seines Vaters keinen Teil nahm. Freilich aus welchem Grunde? „Ich beabsichtige nicht, in Rumänien zu sterben. Wenn es denn durchaus eine Religion sein muß, so werde ich eines Tages diejenige des Landes annehmen, in welchem ich leben werde, und welche mir die erstrebenswertesten Vorteile bietet. . ." Das sind seine eigenen Worte, das ist ganz seine hochmüttg-gezierte, korrette Art. Denn korrekt ist er, das muß man ihm lassen, vom Scheitel bis zur Sohle, innerlich und äußerlich der Vollendeste Korrekthettsautomat. , Er ist gepropft voll mit anständigen Gesinnungen, und wer ihm darob auch einen Zweifel an den Kopf würfe, klapp, der würde unverzüglich die Versicherung strengster Reellität aus ihm ziehen. . . Da lachst Du, Liebste? Ach, ich müßte meine Claudia schlecht kennen, hätte nicht just sein kavalieres Auftreten, dieser Schein von Vornehmheit ihr leider das Köpfchen bestochen. Wohl, apart ist er, aber auch, und das ist's, was ihn mir vor allem so unleidlich macht, ein bewußtes Original . . . „War der Vater ein Schwindler, so ist der Sohn ein Pedant. Er strotzt vor Ehrlichkeit und Unantastbarkett, und mit der Exklusivität seiner Person trägt er die Lauterkeit seiner Handlungen wie seines Geschäftsgebarens recht prangend zur Schau, nur klüger, viel klüger ist er, wie sein ein bischen anrüchiger Herr Väter. . . Auch er nimmt jeden Vorteil wahr, aber ohne sich zu kompromittteren, und seine vielgerühmte Rechtschaffenheit ist nur ein Ergebnis seiner Vorsicht. Er mied die Taufe, wahrscheinlich, weil ihm als Jude zu einer reichen Heirat sich größere Chancen bieten; sonst würde er als Schatzmeister des Papstes ebenso ein Katholik, wie als Finanzminister Pinkus des Ersten in Jerusalem ein Jude oder unter Tschin-ha Chan gewiß Chinese sein. Und ich wollte, es hätte seinem Stern gefallen, ihn lieber nach Peking oder Nanking hinzusühren als nach Wien, um dort meiner gescheiten Claudia das Köpfchen zu verdrehen. Und jetzt, bitte, gieb mir einen Bonbon; habe ich doch über diesen vertrackten Menschen mich ganz heiser gesprochen." „Nimm," sagte Claudia trübe lächelnd, „obwohl Du von meiner Hand kaum Süßes für all' die Bitterkett, mtt der Du einen mir teuren Menschen überhäuftest, verdienst. Mich tröstet nurdaß die Männer eures Hauses doch Jemilian zu schätzen scheinen." „Leider!," seufzte Helsia. „Sie sind mtt ihm geschäftlich eng liiert und schwören nicht höher als bei ihm. Daß ihr Vertrauen nur nicht ihr Unglück wird! Denn Art läßt nicht von Art, und mit Verlaub, der Knüppel liegt beim Hunde. . . Mer ich hetze, lästere, schüre und rede mir bei ihnen, wie bei Dir, vergeblich die Zunge wund. . ." „Ich danke Dir," sagte Claudia sanft. „Alles, was Du mir sagtest, ist sicher von Herzen treu gemeint und ist vielleicht auch wahr. Aber ob gut, ob schlecht, ob Engel oder Satan, ich liebe Jemilian nun einmal „Es gibt keine Originale," schrie Helsia auf, „o mein Gott, sind wir denn wirklich nur die einen der andern Plagiat? Ganz so wie Du hat unsre arme Emma auch gesprochen, wenn man sie von den schlechten Streichen jenes Leo überzeugen woltte. Meine Herzensfteundin, was kann ich tun, um von dieser Besessenheit Dich zu hellen?" „Sorge nicht," antwortete Claudia und drückte freundlich Helsia's Hand, die vor Erregung zitterte. „Wir andern Mädels, wir sterben nicht an gebrochenen Herzen, wir leben muttg damtt fort. Dann kommt der Helland, der all die bösen Geister einer wllden Leidenschaft zu bannen weiß — es ist vielleicht die Zett. . . vielleicht. . . Der Zug hält. . . Wie heißt hier die Statton?" „Jtzkanh". Frau Helsia sprang auf und raffte ihre Esfetten zusammen; eine Beschäfttgung, welche jetzt ihre vollste Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. „Mein Gott, die Pässe! Hast Du nur unsere Pässe zur Hand?" „Gewiß." Neugierig blickte Claudia zum Fenster hinaus. «Jetzt sitzen wir hier schon zehn Minuten. Warum in aller Welt öffnet man uns nicht?" Die Tür wurde aufgerissen. Auf dem Tittbreü des Wagens erschien ein Beamter und schrie hinein: „Famllie". „Gieb ihm die Pässe?," befahl Helsia, die noch immer' ihre Schachteln und Necessaires zusammensuchte. Der Beamte ergriff, die beiden Büchlein, schlug die Türe zu und verschwand. Nach einer Viertelstunde peinlichen Harrens, dursten die Passagiere endlich die Wagen verlassen. Wie eine Horde Verbrecher wurde das gesamte reisende Publikum aller Klassen in einen großen Raum hineingetrieben, mtt Donnergetön fielen die mächttgen ehernen Torflügel ins Schloß. Ein Gendarm, furchtbar, bewaffnet wie ein Räubermajor, kehrte die Schlüssel um. Man war abgesperrt. Kleinlich, hart, gewattsam abgeschlossen. Unwiderruflich von einer fteieren Welt geschieden. Das ist der Einzug, der erste Schritt im Reiche der Barbaren! Das Menschentum hört auf. Die Sphäre des Zählviehs oder auch Zahltters beginnt. Und jeder, der von da außen kommt, und wäre er der Höchstgeborenen einer, wie ein Verdächtiger wird er verhört, wie ein Höriger muß er sich um das Recht des Aufenthalts bei Zöllnern und Schergen bemühen. Das ist die Gleichberechttgung in Rumänien. „Jetzt bist Du in Rumänien," sprach Helsia ein wenig kleinlaut zu ihrer Begleüerin. „Ich merke es," entgegnete Claudia. Sie war der Freundin mtt Liebe, ohne Bedenken in das ftemde Land gefolgt, aber jetzt wollte doch ein Gefühl von Beklemmung sie beschleichen. . . eine heimliche Angst vor unbekannten Gefahren. Das Durcheinander wirrer Sümmen ftemder Menschen flößte chr Furcht ein. Leises Weinen traf an ihr Ohr. Bor ihr stand ein schwarzlockiges, zerlumptes, kleines Mädel, die Augen mtt grünem Schirm bedeckt, und streckte chr bittend die Hände entgegen. Claudia reichte ihr ein Goldstück, aber das Kind ließ nicht ab. „Warum weinst Du?," ftagte Claudia. „Man schickte mich fort!" „Wer bist Du? Und wer tut Dir ein Leches?' „Ach, gnädige Madame, es ist nur ein Judenkind," erklärte eine ftemde Frau. „Die Eltern find zeitig gestorben, und well sie deutsch ist, wird sie jetzt ausgewiesen, ja! ja!" „Ausgewiesen!," wiederholte Claudia und sah bestürzt auf das blinde Kind. ,Lomm, komm," drängte Helfia, „wenn Du Dich um alles Elend hier bekümmern willst" — _(Fortsetzung folgt.)_^_ SCHLOSS-BAD B Ockenheim, Kanfnngerstrasse 18, Tel.482111- — Lichtbäder, — Dampfbäder, — Vierzellenbäder. — Kindermund. Auch eine Liebesgabe. Der Krieg hat uns den Brotkorb höher zu hängen geheißen. Eines Mittags gab's Kartosfelsuppe. Ruch fand keinen großen Gefallen an dieser herrlichen Speise. Der .Vater wies sie zurecht und sagte: „Wie sehr möchten sich unsere armen Soldaten in dieser naßkalten Witterung im Schützengraben fteuen, wenn sie diese schöne warme Suppe hätten." Das schlagserttge Ruthchen antwortete mtt treuherzigem Gesicht: „Ach, Vater, bring sie doch den Soldaten hin!" Wie st» Ruthchen z» helft» weiß. Das 4jährige Ruthchen hllft der Mutter schon sleißig in der Küche. Am Freitag will es der Mittler backen helfen. Mutter erlaubt ihm, sich einen kleinen Berthes zu backen und gibt ihm ein Stückchen Teig. Mtt den kleinen Fingern knetet es eifrig die Teigmasse. Der Berches ist ferttg. Nun will Ruth auch eine Flechte drauf machen und Mohn aufstreuen, und dazu muß sie noch etwas Teig haben, kann aber nicht auf das Wort Flechte kommen und sagt nach' einigem Nachdenken: „Mutter, ich must noch etwas Teig haben, ich muß noch. . . muß noch... die... die Frisur. . draus machen." Und der 8jährige Rudi, ein eifriger Pattiot, steht dabei und ruft voll Freude, als HÄe er einen Franzosen gefangen: „Ruthchen muß 5 Pfg. zahlen, hat ein Fremdwort gebraucht." Achim. Adolf Rothschild. Haider Friedrich Oaelle - Offenbuh «. M. - 6egaa GUht nnd Btemamin bewährt. Alleiniger ( Frankf.a.1 Woche»-«ale»0er. (Zeitangaben nach dem Loacb.l SamStag» den 21. November (= S Kwlew.! Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Uhr 05 Min. Sabbat-AuSgang 1» Frmckfurt a. M. 5 Uhr 25 Min. in Berlin 5 Uhr — Min. Wochenabschnttt: Tauldaus. — Esau und Jakob. Esau verkauft an Jakob die Erstgeburt: Zsak. durch das Alter blind geworden, gibt, ohne es zu wissen, den Segen des Erstgeborenen Jakob. Esau bedroht Jakob

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