Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 43 (6.11.1914)
- Date
- 1914-11-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Krieg in der Anffaffnng des Judentums. IV. Die Friedensidee im Judentum. Will man die Auffassung des Judentums vom Kriege ganz verstehen, so muß! man erkennen, welche Bedeutung der Friedensidee im System der jüdischen Weltanschauung zukommt. Denn in der Stellungnahme zuM Friedensgedanken, dem gedanklichen und ethischen Ueberwinder des Krieges, zeigt sich erst die Beurteilung des Krieges in ihren letzten Konsequenzen. Der Friedensgedanke — pflegt man oft zu sagen — ist so alt wie die Kultur. Dies ist nicht ganz richtig. Er ist so alt wie das prophetische Judentum. Bor AMos und Jesaja war derGedanke eines künftigen, universellen, ewigen Friedens der Menschheit unbekannt; manche Träumer und Mystiker mögen wohl vorher vom ewigen Frieden geschwärmt haben, zu einem. wohl ausgebildeten, gedanklich fundierten, ethisch geheiligten Gedaüken ward er erst durch die Propheten erhoben. In dem Bilde der zukünftigen Entwicklung der Menschheit, das die Propheten entwerfen, bildet der ewige Friede die höchste Stufe. Er bedeutet das oberste, herrlichste Ziel allen kulturellen, religiösen und sittlichen Fortschritts. Wo sind die Ursachen zu suchen, die unsere Propheten zu den Schröpfern der Friedensidee werden ließen? Diese Ursachen gilt es aufzu- Wren, will man die grundlegende Bedeutung, die dieser Idee im Judentum zukommt, verstehen. Die letzte gedankliche Quelle des prophetlichen Friedens- Igedankens ruht in der höchsten, zentralen Idee Ides Judentums: dem Gottesgedanken. Wie lalle großen Ideale und Ideen des Judentums Ileitet sich, auch diese von dem allbeherrschenden Imonotheistifchen Gedanken her. „Gott ist einzig", Iin diesem gewaltigen Glaubensbekenntnis Ides jüdischen Volkes ruht eigentlich schon der Iganze, unermeßlich große Reichtum, des Juden- Itums an Ideen, Idealen Und'sittlichen Normen Igeborgen. Gott ist einzig, dies ist der höchste lAusdruck der gewaltigsten aller jüdischen Ideen, liier Einheitsidee. Alle Kultur vor dem Juden- «mn — und zuM großen Teil auch noch bis zum Iheutigen Tage — vermochte sich bei Mer Höhe Ider geistigen Entwicklung zu der Idee der Einheft «licht aufzuschwingen. I Und in der Tat ist vo'n. Men philosophischen Gedanken dieser vielleicht der schwievigst zu erfassende. „Ich verstehe den Polytheismus, ich begreife den Pantheismus, selbst der lÄheismus ist mir noch erfaßbar" — sagte ein «wßer Philosoph — „der Monotheismus ist mir Unbegreiflich" Es gehört eben eine gewaltige Kraft «edanklicher Abstraktion, geistiger Konzentration und Uynthetischer Genialität dazu, um die unendliche Verwirrende Mannigfaltigkeit der 'Erscheinungen Mieser Welt, das ewige Kommen und,. Vergehen Mer Dinge, die unüberbrückbaren Widersprüche Mieses .Lebens: das Geborenwerden und Sterben, MW Gute und das Böse, das GWck und das Leiden, Mir Mes, Mes in dem einen Gedanken des einen Mchöpfers und Beherrschers alles dessen,.des einen Wittes, zusammenzufassen. So schwer es aber auch t, zu diesem Gedanken zu gelangen, so, unermeßlich wertvoll ist er .auch .Erst er ermöglicht dasmige, das zu erreichen höchste Aufgabe des Mengen ist: dre Konzeption einer Weltanschauung. Denn eine Weftanschauung haben, bedeutet eben die Welt verstehen, bedeutet also, ihre MannigfMigkeiten und Widersprüche auf ein einheitliches Letztes zurückzuführen; erst wenn man alle Erscheinungen des Daseins auf eine letzte Ursache zurückzulciten vermag, hat man sich zu einem Verständnis des Daseins durchgerungen.. Und so zielen denn auch in der Tat alle wissenschaftlichen und Philosophischen Strebungen der Menschheit immer auf das eine hin: für das Verschiedenartige eine einheitliche letzte Ursache zu finden; und die Bedeutung der großen naturwissenschaftlichen Leistungen der modernen Zeit, des Gesetzes von der Erhaltung der. Kraft und der Materie oder des Gravitationsgesetzes oder des organischen Entwickkungsgedankens, beruht ja imMer nur darin, daß sie eben eine einheitliche Kraft als letzte "Ursache all der vielen Einzelerscheinungen uns aufzeigen. Das Judentum,' das die Einheitsidee zu seinem zentralen Gedanken hat, hat zum ersten Male in der Kulturgeschichte eine wahrhaft geschlossene Weltanschauung geschaffen; aber nicht genug damit: weil der Einheitsgedanke alle Aeußerungen des Judentums bis in seine letzten Verzweigungen durchdringt und umfaßt, ist es bis heute die geschlossenste alter Weltanschauungen geblieben. Welch entscheidende Bedeutung nun dieser Einheitsgedanke für die Friedensidee besitzt, ist leicht verständlich. Wenn die ganze Welt als eine geschlossene innere Einheit aufgefaßt wird, wenn der Schöpfer und Beherrscher dieser Welt, Gott, einzig ist, dann ist der Krieg schon gedanklich überwunden und der Friedensgedanke in seiner metaphysischen Bedeutung proklamiert. Denn Krieg bedeutet immer Trennung, Entzweiung, den Kampf der Teile untereinander; einer Welt, die als Einheit begriffen wird, muß der Krieg als Disharmonie, als Störung des normalen Zustandes erscheinen. Dem Griechen, für den jedes analytischdenkende Volk, jede Stadt, jeder Strauch,, jeder Fluß, jeder Berg seinen Sondergott hatte, erschien der Krieg als selbstverständlicher, natürlicher Bestandteil der Weltordnung. Der Jude, der alle Einzelerscheinungen in der einen großen Einheit sah, mußte den Krieg als eine Störung der natürlichen Ordnung der Dinge, als ein Uebel, das beseitigt werden muß, betrachten. So ward der jüdische Gott zu einem Gotte des Friedens. Er ist der Schöpfer dieser Well; er schuf sie als Einheit, als Harmonie, er verabscheut den Krieg, der diese Einheft stört. Daher jene ewig denllvürdige Vorschrift: Kein Eisen darf über den Allar Gottes geschwungen werden; denn Eisen ist das Instrument des Krieges, und der Krieg ist dem Gotte der. Einheit und des Friedens ein Abscheu. Daher auch das Verbot an David, den Tempel zu bauen'; nicht David, der große Kriegsherr und Eroberer, sondern Salomo, der Friedenskönig, soll die Stätte Gottes erbauen. Allen anderen antiken Völkern schien der Krieg die höchste Funktion ihres Gottes zu sein; alle antiken Götter waren in erster Reihe Kriegsgötter; das jüdische Volk bettachtete den Krieg als etwas, das sein Gott verabscheut; zum ersten Male in der Geschichte wird Gott als Friedensgott konzipiett. Allein, in dieser allgemein Metaphysisch-religiösen Ueberwindnng des Krieges durch die Mische Einheitsidee ist ihre Bedeutung für den Friedensgedanken noch wicht erschöpft. Vielmehr. wird sie von noch unmittelbarerer Wirkung auf die Ausbildung des Friedensgedankens. Die Einheitsidee äußert sich ja nicht nur in der Vorstellung der Einheft Gottes und der Well, sondern auch in der — pom> praktisch-ethischen Gesichtspunkt noch bedeutsameren — Anschauung von der Einheit der Menschheit. Auch dieser Gedanke war im gesamten Altertum von unerhörter Neuheit. Die Kluft, die in der Antike jedes Volk von Men fremden Nationen trennte, ward im Judentum zum ersten Male überwunden: die gesamte Menschheit ist eine große Einheit. Zu dem philosophischen abstrakten Gedanken von der Einheit Mes Wellgeschehens konnte sich noch mancher geistesstarke griechische Philosoph durchdringen: so manche Naturphilosophen, so Pythagoras, so Anaxagoras vor allem; die ethisch fundamentale Idee von der Einheit der Menichheit vermochte kein Grieche zu erfassen: Plato noch erachtet die Scheidung von Griechen uns Barbaren, von Herren und Sklaven ftir notwendig und gut. Das Judentum hingegen, dem der EinheitsgedUnke der allbelebende Faktor seines Denkens war, konnte gar nicht anders, als in natürlicher konsequenter Entwicklung zum Gedanken der Menscheneinheft zu gelangen, denn einem Gotte Muß ja notwendigerweise die eine Menschheit entsprechen, und mit Recht sieht Eohen in dieser logisch-naturgemäßen Folgerung der monotheistischen Göttesidee ihre größte ethische Bedeutung. Daher denn jene großarttge Gesetzgebung zum Schutze des Fremden und'Sklaven, die das Judentum so hoch Mer Me anderen Kulturen des Altertums erhebt. Und nun ist es wiederum klar, wie bedeutsam der Gedanke der einen Menschheit für die Ausbildung der Friedensidee werden mußte. Ist die Menschheit eine Einheit, so sind die Menschen und Völker bei aller Verschiedenheit prinzipiell sich gleich; die Idee der prinzipiellen Mensch e n g l e i ch h e i t, die alle großen sozialen und demokratischen Bewegungen der Geschichte bis zum heutigen Tage beherrscht hat, ist durchaus Mischen Ursprungs, sie war die selbstverständliche Folgerung aus dem Gedanken der einen Menschheit. Damft aber ist der Krieg auch in seiner konkreten.Erscheinungsform für immer überwunden. Denn man darf es als Axiom aussprechen: alle Kriege haben ihre Ursache in der Ungleichheit: die äußeren Kriege in der Ungleichheit der Völker, die inneren in der Ungleichheit der Bürger. Nur aus dem Bestreben der mächtigeren Völker, die anderen schwächeren zu beherrschen, erklären sich Me Völkerkriege; nur aus der Sucht der oberen Klassen, die niederen zu unterdrücken, entstehen alle Bürgerkriege und Revolutionen. Wer einmal innerlich sich zu dem Gedanken der prinzipiellen Menschengleichheit durchgerungen hat, hat damft auch den Krieg überwunden. Daher das Verbot der Offensivkriege im Judentum, daher die Ablehnung des Krieges seitens aller großen Vertteter des Mischen Geistes, daher die Prollamierung des Friedensgedankens durch die Propheten. Aber noch ist die Menschheit nicht auf diesen Standpunkt gelangt, noch herrscht Ungleichheft und Ungerechtigkeit, noch tobt also Krieg und Kampf. Wird eine Wandlung eintteten, wird .ein Fortschritt einsetzen, wird der Krieg einst auch tatsächlich überwunden werden? Wie viele großen und edlen Denker, die selbst Merzeugte Anhänger des Friedensgedankens waren, habe nicht diese Frage gestellt und mit einem resignierten Wer weiß, mit einem skeptischen Zweifel oder gar mit einem verzweifelten Nein beantwortet. Das Judentum hat niemals in seinem Glauben an den endgülttgen Sieg der Friedensidee geschwankt. Und auch dieser unerschütterliche Glaube ist nur eine Mge des zentralen Einheitsgedankens. Ist Gott einzig. |o