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Neue jüdische Presse · 1914-10-30 · Heft 42 (30.10.1914) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
12 (1914)
Issue
Heft 42 (30.10.1914)
Date
1914-10-30
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Abraham verteidigte sich, indem er seine Begegnung mit dem Jugendgefährten erzählte. „Karl Rippert, Disponent bei Schwicdler und Compagnie," sagte Dann kühl, „hat eine Tochter von Carol Michail geheiratet. Wird ein Vermögen haben von hunderttausend Rubel, erbt einst das Dreifache oder mehr." „Was?", fragte Abraham verblüfft, und seine Hochachtung vor dem ehemaligen Schneidergesellen wuchs und schoß wie Riesenspargel in die Höhe. „Die Herminenvilla bei Pfaffendorf gehört ihm jetzt," fuhr der Alte eisig fort, „vor zwei Jahren ist er zur griechisch-katholischen Kirche übergetreten." Abraham erbleichte. Von dem Nippert-Karl war an diesem Abend nicht mehr die Rede. Man wusch sich die Hände. Der alte Herr als Oberhaupt der Familie sprach den Segen über den Wein und die geflochtenen Sabbatbrote, und das Mahl begann. An anderen Abenden bildeten die frohe Laune und die munteren Einfälle Abrahams die Unterhaltung der kleinen Tischgenossenschaft. Der Alte nickte zustimmend zu den witzigen Glossen seines Schwiegersohnes, oder stritt sich wohl im lustigen Scheingefecht mit ihm herum zum hellen Jubel der jungen Frau und der lachenden Kleinen. Heut' wollte kein Scherz, kein lustiges Wort über Abrahams Lippen; finster, verstimmt sah er auf seinen Teller und ließ seine Lieblingsgerichte unberührt vorübergehen. Mehr noch als die Niederlage der so schön geplanten Naturalisation hatte ihm die Nachricht von dem schmählichen Glaubenswechsel des Freundes das heitere Herz und die gewohnte Frohnatur getrübt. - „Mann, was ist Dir?," fragte Frau Golde besorgt. Da brach , der Schwiegervater los: „Also Rumäne wolltest jDu werden! He, weißt Du wohl, was das heißt? Dazu muß man hier geboren sein wie der Bär im Pelze und Dinge vertragen können. . Dinge, an die Ihr da drüben," der Alte kniff die Augen zusammen und blinzelte Abraham spöttisch an — „Ihr da mit Euren überstudierten Köpfen, an die Ihr Euch niemals werdet gewöhnen können. Zum Exempel: Es wird Krieg mit dem Türken oder dem Chinesen oder gar mit dem Bruder Oesterreich. . ." „Oho, das wollen wir einmal sehen," schrie Abraham in dem sich der österreichische Chauvin regte, und stülpte die Aermel auf. (Fortsetzung folgt.) Elektr. Licht-, Kraft-, Schellennnd Telefon-Anlagen. Tel. Taunus 4389. ff. Referenzen. Savignystrasse 51. Gläserne Wände.*) Alfred Knobloch, der frühere Oberbürgermeister von Bromberg und jetzige Direktor des Hansabündes, hat einen Roman geschrieben. Nicht die Liebe in einer ihrer tausendfachen Spiegelungen und Verwicklungen gab ihm den Stoff; nur so ganz nebenbei greift sie einige Male in die Handlung ein. Der Lebensgang eines in irgend einem ostpreußischen Neste ausgewachsenen Juden bestimmt den äußeren Rahmen des Romans; poch seine Seele, — der Leser ist anfangs darüber im Zweifel. Zunächst empfängt der Leser einen ansprechenden Einblick in das Getriebe unseres straffen Militarwesens — wie sehr berechtigt diese wohlwollende Schilderung ist, zeigt ja Pie jüngste Gegenwart, die den schärfsten Nörgeler zum Bewunderer des preußischen Drills umgewandelt hat •—> dann wendet sich der Gang der Ereigniffe zu wirtschaftlichen Fragen, und man gewinnt den Andruck, daßj der frühere Oberbürgermeister seinem Herzen Lust machen will über die Erfahrungen seiner Amtszeit, die in dem Bürokratismus der höheren Behörden ihre Hemmung fanden, — doch dann zeigt sich immer klarer und klarer, was die *1 Gläserne Wände. Ein Roman von Alfred Knobloch. 311 Seiten. Broschiert 4 Mk., Halbpergament 5% Mk. Berlin W. 50, Morawe & Scheffelt, Frankfurter Israelitisches Familienblatt. „Gläsernen Wände", die dem Roman den Titel gaben, bedeuten. Wände scheiden den Jchden von seiner Umwelt, Wände von Glas, sodaß viele Juden sie nicht sehen wollen. „ . . . taten, als wenn es ihr heiligstes Sehnen wäre, der christlichen Bevölkerung ganz und gar zu gleichen, so zu denken, zu Ahlen, wie sie; die also nicht die leibliche, wohl aber die geistige Taufe erwarben, jedenfalls aufhören wollten, als Jude erkannt und gesondert zu werden." Und nun die Kritik dieses Anpassüngsstrebens, das keine Wand sieht. Das Unvernünftige, Verachtungswerte der Assimilation, mit wahreren Worten kann es nicht gesagt werden,.als sie der Christ Knobloch gebraucht. „Gerade! Erst recht! Jude sein! Sein Judentum zeigen vor diesen Leuten tritt Namen und Stellung, die auf gehöhten, mit Privilegien und Monopolen ausgestopften Fundamenten wohnten. Dadurch allein konnte das Judentum geachtet und gefürchtet werden. Solange der Jude tat, als gebe es eine Vervollkommnung hinauf zur christlichen Denk- und Lebensweise, so länge sah die christliche Denkweise natürlich auf die jüdische herab. Beweisen, daß man kulturell, geistig, seelisch als Volljude ganz und gar genau so hoch stehe wie der Vollchrist. Im Gegenteil! Mußte nicht eigentlich ein Vergleich beider Teile blindlings zugunsten des Judentums ausschlagen? Unter welcher beispiellosen Ungunst der geschichtlichen Verhältnisse hatte das alte Judentum, palisadenartig das Heiligste der Thora schirmend, sich erhalten, war durch grauenhafte Missetaten und Verfolgungen, unter Dezimierungen und Einkerkerungen vorwärts geschritten, Mann an Mann, aufwärts, im Schacht der Jahrtausende dem Lichte zu. . ." Nur gegen eine Stelle des Buches muß nachdrücklichst Einwand erhoben werden. Es ist nicht der „jüdische" Geist, der das Geschäftsleben beherrschst und befiehlt, „den Schuldner ohne Erbarmen zu verfolgen, ihn bis zur äußersten Armint auszuplündern und dem geschäftlich Dummen so viel wegzunehmen, als das Gesetz zuläßt." Das „jüdische" Herz ist weich. Schreibt doch Knobloch selber einige Sätze später: „Wo wurde denn bei den Christen für Kranke, Wöchnerinnen, Witwen, Waisen auch nur annähernd so gesorgt wie bei den Juden?" Und nun zur Beurteilung des Romans als solchen. Das Buch ist nicht nur das Werk eines sehr klugen Mannes, sondern auch eines Mannes, der in die Gestaltung der Dinge hineinsieht und so .zum Dichter wird. Hierzu kämmen der hohe sittliche Ernst, der das Ganze trägt, ein angenehmer, flüssiger Stil und eine bis zum Schluß den Leser fesselnde Handlung. Also alles in allem: eine wertvolle Bereicherung unserer Romanliteratur. Aus dem Feldbriese eines ungarischen Landsturm-Feldwebels. .... Es ist unerhört, wie das ' russische Heer mit seinen polnischen nnd jüdischen Soldaten umgeht. Diese werden nach den gefährlichsten Punkten geschickt. So wurden z. B. beim Angriff auf die Festung Przemysl zur Erstürmung der Festungsschanzen nur polnische und jüdische Soldaten verwendet. Als diese von unseren Truppen zurückgeschlagen wurden, sind sie von 'hinten durch die Maschinengewehre ihrer eigenen Truppen zum erneuten Angriff gezwungen worden. Alle Gegangene berichten dies. Unter den gefallenen Russen ist auffallend viel jüdische und polnische Mannschaft. Diese werden einfach zur Schlachtbank geführt. Rührende Szenen kann man hier sehen. Einzelne jüdische Soldaten haben vor dem Festungsangriff ihren weißen Kittel, den man am Jomkippur trägt, angezogen. In ihren Taschen fand man Briefe, in denen sie unsere jüdischen Sanitätssoldaten und diejenigen, die sie beerdigen, bitten, bei ihrer Auffindung und nach ihrer Beerdigung einen Kaddisch nach ihnen zu sagen. Die russischen Offiziere benehmen sich sehr feige. Bei den Angriffen sind sie immer hinten nnd treiben die kämpfenden Soldaten mit Kantschnschlägen in die Feuerlinie. - Rosch-Haschono, Jom-Kippur nnd 'Snkkoth haben wir — einzelne, denen ihr Dienst es gestattete — wundervoll verlebt. Gottesdienst haben wir in einer kleinen Bauernstube eingerichtet. Eine Sefer-Thora bekamen wir ans einer Privatsynagoge des benachbarten Przemysl. Einen sehr guten Borbeter hatten wir m der Person eines sehr religiösen Landsturm-Feldwebels. Der Gottesdienst wurde in einer sehr innigen nnd andächtigen Weise gehalten. So viel Personen, so viele Waffengattungen haben daran teilgenommen. Jn- Seite 5. fanterist, Husar, Artillerist, österr. ' Landwehr, Ulaner, Dragoner, Sanitäter nnd 2 Offiziere bildeten das andächtige Publikum. Der Umstand, daß am Jom-Kippnr ein sehr starker Festnngsangriff stattfand und man den ganzen Tag fürchterlichen Kanonendonner hörte» trug noch znr Erhöhung der andächtigen Stimmung bei. Es .scheint doch, daß der liebe Gott unsere Gebete erhört hat und unfern Truppen znm Sieg verhalf. 8 Spezialität: Francke & Weber fl ÜBeinKorken. er^tr^~nd Bunte Chronik. Helleres ans dem Kriege. Ein französisches Armeekorps begleiten ein katholischer Pfarrer und ein jüdischer Rabbiner. Pater Narp und 'Rabbiner Ginsbnrger sind immer zusammen und spenden den Sterbenden letzten Trost bis in die vorderste Linie. Jüngst kamen sie völlig ermüdet in ein Dorf, wo nur noch ein einziges Bett zu haben war. So legten sie sich dann beide zusammen angezogen hinein, um zu schlafen. Da wandte sich der Pater zu dem Rabbiner und sagte: „Schade, daß uns nicht ein Photograph so knipsen kann: das Alte niid das Neue Testament, schlafend in demselben Bett." Kunst und Ltteratur. Der Krieg als Erzieher von Professor Dr. Theobald Ziegler. 10 Pfg. Zum Besten des Roten Kreuzest Frankfurt a. M., Gebrüder Knauer. Der Krieg erzieht uns znm Staat und läßt unser Verhältnis zn ihm ein ganz anderes wie bisher werden. Wir erleben heute den Staat mit vollem Bewußtsein. Doch nicht nur, daß Volk nnd Staat eins sind, auch daß Volk nnd Heer eins sind, lernen wir jetzt. Unser politisches Leben war Parteileben, an die Stelle des Parteibekenntnisses ist jetzt der Glaube an den alleumsassenden Staat getreten. Der Krieg erzieht staatsbürgerlich, er erzieht aber auch vor allem sittlich, nnd sittliche Erziehung heißt vor allem, sozial denken nnd fühlen nnd handeln lernen. Und religiös erzieht der Krieg. Das Volk lernt wieder fromm sein und glauben. — Das ist der Rahmen, in dem jich das Ganze bewegt. Das Heftchen ist in gegenwärtiger Zeit sehr lesenswert. Jeschurnn. Monatsschrift für Lehre und Leben im Judentum. Herausgeber: Dr. I. Wohlgemuth. 1. Jahrg., 10. Heft. Berlin N. 24. Verlag des Jeschurnn. Der erste Aussatz .ist aus der Feder des Herausgebers und lautet: Der Krieg und die Moral. Er zeichnet die Grenzen des Erlaubten im Krieg nach der Bibel, also nach jüdischer Auffassung, nnd stellt fest, daß in dem gegenwärtigen Wcttkriege seitens der Russen, Franzosen nnd Engländer diese Grenzen weit überschritten werden (Grausamkeiten, Verleumdungen» Heuchelei), während das deutsche Volk seinen Grundchärakter - „Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit", der ihm bei seinen Gegnern den Spottnamen „Deutscher Michel" beigebracht hat, im hellsten Lichte zeigt. Ms tteffenden Beleg für die .^Heuchelei" führt Dr. Wohlgemuth „den Entrüstungssturm aus Anlaß der angeblichen Zerstörung der Kathedrale von Reims" an. Er schreibt in hellstem Zorne, wir fühlen jedes Wort mit: „Da haben die geistigen Führer, die Elite der kultivierten Menschheit es an Schmähungen der Deutschen nicht fehlen lassen. Und 'das alles um ein Bauwerk, um ein totes Gestein. Wer bei den Armenievmetzeleien, bei den Pogroms, bei den grausigen Begleiterscheinungen der letzten Balkankriege, da hielt diese Auslese der Menschheit es nicht für angemessen, flammenden Protest zn erheben. Und die Annahme politischer Heuchelei, daß die Kathedrale von Reims nur zum Vorwand genommen werden sollte, nm bet dieser Gelegenheit der Abneigung gegen Deutschland Ausdruck zn verleihen, ist noch die beruhigendste Lösung. Wäre der Protest ehrlich gemeint, kein Wort wäre scharf genug, um ihn zn brandmarken. Me Herren wären dann auf die gleiche Stufe gesunken wie jene Römer, die mit feinstem Verständnis und tiefdringendem 'Schönheitssinn für die vollendeten Werke der Kunst sich begeisterten, aber ihre Fische mit frischem Menschenfleisch fütterten. Hunderttausend!: zuckender Menschenleiber ringen jetzt mtt ihren Schmerzen, mit dem Tode, das. ficht die kunstbegeisterten Größen nicht an, ist jedenfalls nicht stark genug, sie zn einer Kundgebung znsammenznführen. Wer die Bedrohung eines Kunstwerks, die darf nicht nngesühnt bleiben, die trifft sie ins Herz." Kaiser Friedrich Quelle - Offenbach a. B. —.- Gegen Gicht nnd Bhemnatismns bewShrt, Alleiniger General -Vertreter: Frladrloh Stahl, Frankf.a.H.» Güntherab.-AUee 37. TeI.Hansa259n.714. Wocheir-Salerrder. (Zeitangaben nach dem Laach.) Samstag, den 31 Oktober {= 11 Cheschwan.) Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Ubr 35 Min. Säbbat-AuSgang in Frmckfurt a. M. 5 Uhr 50 Min. in Berlin 5 Uhr 24.Min. Wochenabschnitt: Lech-lecho.— Abrahams! Wanderungen. Sein Verhältnis zn seinem 'ihm unähnlichen Neffen Lot. Sara und Hägar. Beschneidung Abrahams.

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