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Neue jüdische Presse · 1914-10-30 · Heft 42 (30.10.1914) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
12 (1914)
Issue
Heft 42 (30.10.1914)
Date
1914-10-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Je langer sich der Krieg hinauszieht, je Mehr Man sich in die Situation, die er geschaffen hat, vertieft und die Wirkungen und Folgen sich vergegenwärtigt, die er nach sich ziehen kann, um so vertiefter und gefestigter wird der Standpunkt, auf den sich die Inden aller Lander vom ersten Augenblicke des Krieges an mit instinktiver Sicherheit gestellt haben, um so inniger wird der Wunsch und die Hoffnung, die uns alle beseelt: die Hoffnung auf die Niederlage Rußlands, wenn möglich seine Vernichtung als europäische Großmacht. Wer iwch zn Beginn des Krieges nicht ganz diesen Standpunkt teilen wollte, wer noch irgendwelche Hoffnung auf Rußland selbst setzte und im Glauben befangen war, ein Sieg Rußlands würde auch eine Besserung der Lage der russischen Juden, vielleicht gar ihre politische Gleichberechtigung zur Folge haben urüssen, dem werden die drei Kriegsmonate, die schon nahezu vollendet sind, gewiß eines Besseren belehrt haben. Es ist zwar infolge des Kriegszustandes jede direkte Verbindung mit Rußland abgebrochen und daher unmöglich, Genaues über die gegenwärtigen Zustände in Rußland zu wissen; allein die spärlichen unvollständigen Mitteilungen, die über neutrale Lander zu uns gelangen, die Nachrichten der russischen Presse bieten bereits ein genügend klares Bild von der gegenwärtigen Lage der russischen Juden. Diese Lage läßt sich mit einem Worte schildern: Sie ist rechtlich dieselbe geblieben wie vor dem Kriege, verschlimmert durch die furchtbaren Schrecken des Krieges. Daß rechtlich sich nichts in der Lage der russischen Judenheit geändert hat, darf man mit Sicherheit behaupten. Bon einem Manifeste des Zaren, der seinen jüdischen Untertanen die Erteilung der Gleichberechtigung versprochen hätte, ist keine Rede. Nach wie vor bestehen alle Ausnahmegesetze, und selbst in ihrer schikanösen Anwendung ist keine Aenderung eingetreten. Denn was will es besagendaß der Minister des Innern Maklakow in einem Erlasse die Gouverneure angewiesen hat, die Ausweisungen Hunderter jüdischer Familien aus den Provinzen, die außerhalb des Ansiedlungsrayons liegen, fiir die Kriegsdauer einzustellen, jene Ausweisungen, die während der letzten Jahre eine der härtesten Klagen der rchsischen Judenheit bildeten? Es ist wirklich kein besonderer Akt der Gnade oder Zuneigung zu den Juden, wenn ungeordnet wird, daß die unglücklichen jüdischen Familien, deren Ernährer im Felde stehen, nicht aus ihrer Heimat verjagt werden. Wie wenig darin irgendwelche günstige Gesinnung gegenüber den Juden zum Ausdruck kochmen soll, beweist gleich die Weite Bestimmung des Erlasses, daß neue Ankömmlinge sofort wieder in den Rayon zurückgeschickt werden sollen, eine Bestimmung,. deren Brutalität Man erst dann ganz versteht, wenn man weiß daß unter diesen Neuankömmlingen jene vielen Flüchtlinge gemeint sind, die aus den von den deutsch-österreichischen .Truppen besetzten Gebieten ins Innere des Landes fliehen. Selbst diese unglücklichen Opfer des Krieges sollen nicht über die engen Mauern des Rayons hinausdmchen, auch sie Müssen in diesen überfüllten Städten des Rayons bleiben und' das Elend ihrer jüdischen Einwohner vermehren helfen. Allein nicht nur diese Bestimmungen Wer das Wohnrecht der russischen Juden werden auch im Kriege aufrecht erhalten,' auch die vielen niederträchtigen schikanösen Gesetze, die den Juden Rußlands alle Bildungsstätten verschließen, bleiben in voller Kraft bestehen. Selbst jetzt, da durch den Krieg die Schulen und Universitäten des Auslands für die jüdische Jugend Rußlands gesperrt sind, denkt der berüchtigte ^Minister für VolksausMrung", Kasso, nicht daran, irgendwelche Erleichterung in den Ausnahmegesetzen eintreten zu lassen. Und zur Illustration dieses brutalen Systems sei hier nur der Fall angeführt, daß ein jüdischer Arzt aus Smolensk, dessen Sohn in der russischen Armee steht und sich ausgezeichnet hat, den Minister für seinen jüngeren Sohn um.die Erlaubnis des Besuches eines Gymnasiums bat, und dieses Ersuchen rundweg abgeschlagen wurde. . . . Daß aber in alledem wohlberechnete Methode und ein festes System ruht, beweisen viele Maßnahmen der russischen Regierung, wie zum Beispiel die, d'aß zum Generalgouverneur in Lemberg Graf Bobrinski, eines der gemeinsten und rohesten Häupter der Antisemiten, ernannt worden ist, beweist vor allem die Haltung der reaktionären regierungsfreundlichen Presse. Während in allen kriegführenden Ländern aller innere Zwist und Streit, aller Parteikampf, Rasscnhader und konfessionelle Zank aufgehört haben, ist in der Haltung der reaktionären antisemitischen Zeitungen in Rußland keinerlei Wandlung eingetreten; sie setzen ihre antisemitischen Hetzereien und Beschimpfungen fort, ja steigern sie, sofern eine Steigerung Ucch möglich war, JmMer neue Lügen werden erfunden, immer neue Niederträchtigkeiten ersonnen, um den Haß der Massen gegen die Juden zu schüren. Bald sind die Juden die Hochverräter, die die Niederlagen in Ostpreußen verschuldet hüben, bald sind sie die Tyrannen, die Frankreich beherrschen und vergiften, bald sind sie diejenigen, die Deutschland zum Kriege gegen Rußland getrieben haben, kurz keine Lüge ist frech genug, keine Verleumdung gemein genug, um von den Skribenten der „Schwarzen Hundert" nicht zur Aufhetzung des Volkes gegen die Juden benutzt zu werden. Und daß die Regierung dies weiß und duldet, ja begünstigt und will, ist klar; denn in diesen- Zeiten der militärischen Diktatur genügte ein Wink, um all die Hetzer der „Russikaja Snamja" und „NowojeWremja" verstummen zu lassen. Allein die Regierung sieht diese Hetzartikel sehr gern, hat sie doch eine Zeitung, in der Fürst Trubetzhoi den Vorschlag machte, den Rayon abzuschaffen, Mit einer hohen administrativen Geldstrafe belegt. Wohin aber diese unaufhörlichen Hetzen führen müssen, versteht ein jeder: schion meldeten viele Zeitungen, daß in Polen und Bessarabien Pogroms stattgefunden hätten; und wenn diese Nachrichten selbst bisher sich noch nicht bestätigt haben sollen, wer weiß, wie rasch der Tag kommt, da die Vorgänge des Jahres 1905 sich wiederholen werden. All dies aber hindert die russische Regierung nicht, die Juden in stärkstem Maße zum Kriegsdienst heranzuziehen und mehr Wische Rekruten ausznheben, als sie nach dem Gesetze zu' stellen haben. An die 300,000 jüdische Soldaten sollen im russischen Heere stehen, eine ungeheure Zahl. Und wie es diesen jüdischen Soldaten ergeht, wissen wir ja aus dem japanischen Kriege, in dem die jüdischen samt den polnischen Soldaten als Kanonenfutter zu nutzlosen Sturmangriffen verwendet wurden, wissen wir aus den Mitteilungen österreichischer Kriegsberichterstatter,die berichten, daß auch _ in den Kämpfen um Przemysi jüdische und polnische Truppen mit Kvlbenschlägen zu mörderischen Sturmangriffen gejagt wurden. Vielleicht ist es das böse Gewissen ihrer mrerhörten Verbrechen gegen die heiligsten Güter ihrer jüdischen Untertanen, das die .russischen Machthaber dazu führt, in jedem Juden einen Verräter zn erblicken. In Radom, in Lodz, in Suwalki, überall, wo deutsche Truppen einmal gewesen waren, beschuldigten die Russen nach ihrer Rückkehr die Juden des Verrates, und die bekannt gewordene Erhängung dreier 8er angesehensten Juden Radoms läßt ahnen, wie es der jüdischen Bevölkerung in so manchen anderen Städten .ergangen sein muß. Wie Wer erst die russischen Barbaren in Galizien gehaust haben, werden wir erst nach ihrem Abzug erfahren können; man darf sich aber nach den Erfahrungen, die wir in Ostpreußen gemacht haben, auf das Schlimmste gefaßt machen. Und bei alledem ist natürlich die wirtschaftliche Lage der russischen Juden die denkbar traurigste. Aller Handel stockt, alle Gelegenheiten des Erwerbes sind ihnen genommen, und so sitzen sie eingesperrt in den Mauern des RayonI, arbeitslos, mittellos, Hünderttausende hungernder, frierender, unglücklicher Opfer russischer Barbarei. Daß die russische Regierung Wer nicht einen Finger rühren wird, die ökonomische Lage der Juden zu bessern, ist zu selbstverständlich, Ws daß es noch besonders betont werden müßte. Ein namenlos furchtbares Unglück bedeutet dieser Krieg für die Juden Rußlands. Nur eine Hoffnung vermag sie aufrecht zu erhalten: die Hofstnmg, daß endlich die Stunde der Vergeltung koMMen, daß die Abrechnung mit Rußland erfolgen wird. Würden sie diese Hoffnung nicht hegen dürfen,, sie nnd das gesamte jüdische Volk mit ihnen müßten an ihrem Schicksal verzweifeln. Allein, Gottlob, sie hWen Wles Recht und allen Grund, von dieser Hoffnung beseelt, gestärkt und freudig erhoben zn werden. Schon stehen deutsche Truppen vor den Toren Warschaus. Es mag langsamer gehen, Ws manche heißblütige Optimisten es erwartet und prophezeit HWen, aber — was allein wichtig ist — es geht vorwärts. Ob es einige Wochen langer währt, als viele es geglaubt, von welcher Bedeutung ist dies angesichts solcher weltgeschichtlichen Ereignisse? Des einen, der Hauptsache, , sind wir sicher: Der Tag wird kommen, da Rußlands Banner im Staube liegen und den unterdrückten, vergewaltigten russischen Juden die Befreiung winken wird. Auf diesen Tag harren wir mit unseren. Brüdern in Rußland in bebender Erwartung; die Hoffnung auf diesen Tag gibt uns Trost Wer die namenlosen Leiden, ihnen Wer die Kraft, auch diese Monate furchtbarsten Elends und bitterster Qual zn ertragen und zu überleben. Professor Jakob Barth. I „Chaval al de-awdin we-le mischtakchin Wehe, Wer die, die dahingegangen, und.die nicht zu ersetzen sind!" Ja, unersetzlich ist der Verlust, den das deutsche Judentum und die Wissenschaft des Judentums erlitten. Ein geniWer Sprachforscher, der in den AnnWen der Semitistik dauernd fortleben wird, und ein wahrhaft gläubiger Jude ist mit ihm dahingegangen. Was er der allgemeinen Wissenschaft, gewesen, das wird sicherlich an anderen Stellen

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