Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 40 (16.10.1914)
- Date
- 1914-10-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die innere Lage. Wer die Entwicklung des innerjüdischen Lebens Westeuropas im letzten Jahrzehnt aufmerksam betrachtet, wird vor allem eine Tatsache feststellen müssen: das innere Leben der westeuropäischen Judenheit wird von Jahr zu Jahr einheitlicher, gelangt immer mehr unter die Herrschaft großer, historischer Tendenzen. Während es früher meist nur eine Summe lokaler ■ und provinzialer Vorgänge darstellte, die, den Bedürfnissen des Augenblicks entsprungen, auch nur Augenblicksbedeutung besaßen, läßt die Entwicklung der letzten Jahre deutlich erkennen, daß große bleibende Ideen und Bewegungen zu den ausschlaggebenden Faktoren werden, die das innerjüdische Leben Westeuropas bestimmen. Diese Erscheinung. ist zweifellos sehr erfreulicher Natur. Nicht nur stärkt sie das Solidaritätsbewüßtsein und den inneren Zusammenhang der ivesteuropäischen Judenheit, sondern sie zeugt auch von einem Erstarken des jüdischen Interesses, ohne das ja große Bewegungen und Strömungen gar nicht hätten entstehen können. All diese Bewegungen und Strömungen, die das innere Leben der westeuropäischenvor allem über dasjenige der deutschen Juden in den letzten Jahren bestimmt und gestaltet haben, gruppieren sich alle um die eine großx, um die größte Bewegung des modernen Judentums: die nationakjüdische. Sie hat den Impuls zur Wiederbelebung des innerjüdischen Lebens in Westeuropa gegeben, und sie beherrschte auch mittelbar oder unmittelbar all die bedeutsamen Vorgänge und Erscheinungen, die es in den letzten Jahren bot. Damit aber ist schon gesagt, daß die Meisten dieser Vorgänge den Charakter von Kämpfen tragen, denn die historische Aufgabe der nationalen Idee ist es, sich ihre Bahn zu ebnen, sich ihre Herrschaft zu erkämpfen, gegen den Widerstand der großen Massen und führenden Kreise. All die heftigen Kämpfe, die in den letzten Jahren die deutsche Judenheit erregt haben, der Kampf gegen die Wiance, die Streitigkeiten, innerhalb des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, die Fehde zwischen dem Zentralverein und der Zionistischen Vereinigung, sie sind nur Tellerscheinungen dieses einen gro^n historischen Prozeffes. Man mußdie Kämpfe in diese geschichtliche Perspektive einstellen, um über das im Einzelnen oft Unangenehme und Unschöne, das sie — wie alle Parteikänchfe — bieten, hinwegzukoMmen und sie in ihrer wahren Bedeutung als notwendige Phasen einesgroßen Prozesses zu erkennen. Von diesem historischen Standpunkt betrachtet, verschwindet das Kleinliche, Persönliche, Parteimäßige, das diesen Kämpfen .anhaftet, nimmt es den Charakter der unvermeidlichen menschlichen Unzulänglichkeit an, die allem Großen in der Geschichte beigemengt ist, und was dem Beobachter dann allein übrig bleibt, ist der innere Sinn und der bleibende Wert dieser Zwiste, der die Schattenseiten, hie sie bieten, mühelos ertragen läßt. Das vergangene Jahr war sehr reich an solchen Kämpfen. Der Kampf zwischen Zentralverein und Zionismus war kaum in seiner ersten leidenschaftlichsten Phase beendet, da begann bereits der Streit um das Haifaer Technikum, der sich sehr bald zum Sprachenkampf und dann weiter zu einem allgemeinen Kampf zwischen dem Hilfsvereirr der deusschen - Jutzen und' dem Zionismus entwickelte, und als solcher ja noch heute nicht eigentlich beendet, sondern durch den Krieg nur zu einem Waffenstillstand gebracht worden ist. Wer heute, nachdem die unmittelbare Erregung des Augenblicks geschwunden ist, diese ununterbrochene Reihe von Kämpfen überschaut, empfindet die Notwendigkeit ganz besonders stark, sich bei der Betrachtung zur Höhe des historischen Standpunktes zu erheben. Denn das Maß an Kleinlichkeit im einzelnen, an persönlicher Befehdung, an Parteidemagogie, an politischem Ränkespiel, an gegenseitigen Verleumdungen und Beschimpfungen, an Unwahrheit und Ungerechtigkeit, das sie enthalten, ist recht groß. Es fällt heute sehr schwer, all die Dokumente des Kampfes zu lesen, die Broschüren und Pamphlete, die Reden und Artikel und vor allem die — Inserate. . . Allein man muß sich auch hier sagen, daß all dieses Abstoßende und Unschöne Begleiterscheinungen sind, den eigentlichen- Inhalt des Ganzen hingegen eben der Kampf der naüonalen Idee um ihre Herrschaft und Anerkennung bildet. Und darum: mögen auch im einzelnen auf beiden Seiten Fehler begangen worden sein, mögen in Einzelheiten manchmal Fragen, den Anlaß zum Streite gegeben haben, die bei ruhiger, nüchterner Betrachtung sehr wohl friedlich Hätten entschieden werden können, der große Kampf als solcher war nicht zu vermeiden und hätte früher oder später, in dieser oder jener Form ausgetragen werden müssen. Der Sprachenstreit bildete nur den deutlichsten und leidenschaftlichsten Ausdruck dieses Kampfes. Im Kleinen zeigte er sich überall: innerhalb der verschiedensten Organisationen wie der Gemeinden konnte man ihn wahrnehmen; das gesamte innerjüdische Leben Westeuropas stand unter dem Zeichen dieser Auseinandersetzung. Der Krieg hat in diesem Kampfe zunächst eine Pause eintreten lassen. .Was später sein wird, wer will es sagen? In diesen Monaten, in denen das Schicksal aller großen europäischen Nattonen entschieden wird, wird auch die Lage des jüdischen Volkes in so mancher Hinsicht mitbestimmt. Bon ihrer Gestaltung wird natürlich auch die Entwicklung des mnerjüdischen Lebens 8er westeuropäischen, ganz besonders der deutschen Judenheit, abhängen. Bestimmtes Voraussagen zu wollen, wäre töricht und vermessen. Das einzige, was geboten ist, äst: in ernster Geduld zu warten und in froher Zuversicht das Beste zu erhoffen. — Die Judenheit Amerikas macht in vielfacher Hinsicht dieselben inneren Prozesse durch wie die Judenheit Europas. Nur daß infolge des Zusammentreffens der noch wenig assimilierten Juden des Ostens mit denstark assimilierten, in Amerika bereits ansässigen Juden die Erscheinungen des innerjüdischen Lebens Amerikas komplizierter und vielgestalttger sind. Allein der ausgleichende Einfluß der Assimilation Macht sich auch dort stark bemerkbar und reiß die trennenden Mauern zwischen den eingesessenen und eingewanderten Juden mtt der Zeit nieder. Auch in Amerika käMpft die nationale Idee einen energischen Kampf uM ihre Anerkennung. Und — wie füglich behauptet werden darf — mtt großem wachsendem Erfolg. Der Anschluß einer Anzahl bedeutender Persönlichkeiten der amerikanischen Judenheit an den Zionismus zeugt von dem stetig 'steigenden Einfluß, den der nationale Gedanke sich erringt. Auch die Haltung der amerikanischen Kuratoren im Streit uM das Technikum, ihr energisches Eintreten für die hebräische Sprache bewies, welch starke SHmpathien alles Ppsittv Jüdische innerhalb der Wrenden Kreise 8er Juden der Vereinigten Staaten heute bereits besitzt. Und wenn auch späterhin einige dieser Kuratoren ihren StandpunÜ geändert hüben — fragen wir nicht, wodurch es bewirkt wurde —> und Jakob Schiff sogar einen heftigen Angriff gegen die Zionisten gerichtet hat, so darf dem nicht. allzugroße Bedeutung beigelegt werden. Die hochherzige Spende von 15,000 Dollar, die Jakob Schiff vor kurzem erst für die Unterstützung dev palästinensischen Kolonien während des Krieges zwc Verfügung gestellt hat, beweist, wie gut jüdisch dieser große Philanthrop und mit ihm die führende» Wärmer der amerikanischen Judenheit gesinnt sind^ und welch große Erwartungen wir auf sie setzen dürfen. Dies hat noch eine andere bedeutsame Erscheinung des.vergangenen Jahres gezeigt: der überraschend große Erfolg, der der Agitation des Sekretärs des Misrachi in Amerika beschieden war. Es ist ihm in kurzer Frist gelungen, eine. starke Misrachiorganisation dort ins Äeben zu rufen, und wenn die neugegründete Organisation energisch ausgebaut werden wird, so darf der Misrachi große Hoffnungen auf die amerikanische Judenheit setzen. Dieses — auch in anderen Ländern wahrzunehmende — Erstaun des Misrachi ist überhaupt eine der erfreulichsten Erscheinungen des vergangenen Jahres. Der Misrachi beginnt, . die große Bedeutung, die ihm beschieden ist, zu realisieren und die starken latenten Kräfte, die in den jüdischen Massen schlummern, für sich auszunutzen. Als diejenige Bewegung, die in der harmonischen Verbindung des Religiösen mtt dem Nationalen die wahrhafte Vertreterin der Wischen Tradition darstellt, ist der Misrachi berufen, die Organisatton der bretten jüdischen Bollsmassen zu werden. Innere Streitigkeiten und eine verkehrte Führung haben ihn bis vor wenigen Jahren daran gehindert, seine große 'Aufgabe zu erfüllen. Nachdem er diese innere Krise, die er nach dem 10. Kongresse zu überstehen hatte, glücklich überwunden hat, geht er nunmehr daran, sich ne» zu reorganisieren und eine umfassende Agttationsarbeit zu entfallen. Der Erfolg der letzten Jahre beweist, daß er mit großen Öffnungen und begründeter Zuversicht an diese Arbeü gehen darf, und er bald einen großen Erfolg erwarten stnyr. * Und nun zum Schlüsse noch einen Blick auf das innerjüdische Leben des Laiches, um deffentwillen eigentlich die großen Kampfe, die das gesamte jüdische Volk in dar letzten Jahren so sehr erregten, ausgefochten werden: auf Palästina. Bon den zwei großen Komplexen, aus denen sich die Judenheit Palästinas zusammensetzt, verharrte der eine auch im vergangenen Jahre in jener inneren Starrheit und Apathie, in der er sich nunmehr schon seit Jahrzehnten befindet. In der inneren Lage des „alten Ji schnitz" hat das Jahr 5674 kaum ein nennenswertes Ereignis, geschweige denn irgendwelche Wandlung gebracht. Alles ist beim Men geblieben. Noch haben sich die Männer, hat sich die Organisation nicht gefunden, die das schwierige Werk unteriwmmen hätte, den alten Jischub zu regenerieren. Es ist sehr traurig, daß dies konstatiert werden mutz. Denn es muß immer wiederholt werden, daß eine völlige Neubelebung Palästinas ohne die Regenerierung des Men Jischub undenKar ist.