Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 38 (25.9.1914)
- Date
- 1914-09-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Mann, noch das setzte Opfer seinem Zionismus David Wolffsohn. Aus Staub und Erde schuf Gott den Menschen zu eitlem schwachen, nichtigen, der Vergänglichkeit geweihten Wesen. Dann aber blies Gott seinen Odem in die Seele des Menschen, und erhob ihn so über die Natur, über alle Kreatur, die ihn umgibt, und verlieh ihm die Iine der Ewigkeit. Diese schlicht-erhabene jüdische Schöpfungschichte des Menschen kündet den tiefsten Sinn Menschenlebens. Jeder von uns ist ein jöpfer, jedem ist die .Aufgabe gestellt, sich >st zu einem Menschen zu bilden, zu schaffen, d der Prozeß unserer Selbstbildung »zu einem ede der Menschheit gleicht dem Schöpfungszesse Gottes. Den Odem Gottes senken wir unsere Seelen, irgend eine große Idee wählen : zur Basis, zum Mittelpunkt,, zum Heiligsten eres Lebens, und damit erheben wir uns über : Erdenhaftigkeit und ^Nichtigkeit empor und leihen uns die Glorie der Ewigkeit Und Ungänglichkeit. Immer wieder kam mir dieser Gedanke in rer vollen, grandiosen Größe neu zu Bewußtr, wenn ich die markige Gestalt David Wolffhns erblickte. Er war einer jener seltenen mschen, die dieses Selbstschöpfungswerk in der losesten Weise vollbracht hatten. Hervorgegangen > einem einfachen Milieu, in frühester Jugend eits hinausgestoßen unter alle Fahrnisse und rrsale des Lebens, nicht in der Lage, in >iger Muße sich jenes Quantum von allerld Namen, Zahlen und Gedanken zusanrmenaffen, das wir dann in eitler Schmeichelei „Bildung", bezeichnen, also einer jener, denen Zutritt zum 'Kreise der „Intellektuellen" verjtt blieb, .schuf er sich in jahrelangem eisernen igen zu der bedeutendsten Persönlichkeit des itigen Zionismus, zu einem der größten MÄnner modernen Judentums. Diese Selbstschöpfung ibt für immer seine größte Tat. Die gewal- 'te Leistung David Wolfssohns war er selbst. Wie gewaltig diese Leistung war, erkannte n, wenn Man ihn einmal als Leiter des Konsses gesehen hatte: wie er, der Kaufmann, diese csamMlung. der besten Köpfe der zionistischen rtei beherrschte und meisterte, wie er sich aus [er Masse von Doktoren, Schriftstellern und dnern als sie alle überragende, bedeutendste Perlichkeit des Kongresses heraushob, mit welch sterhastem' Geschick er die Geschäfte dieses unstgsten und lebhaftesten aller' Kongresse leitete, : all dies sah, erfaßte erst die volle Größe, die der Selbstentwicklung Wolffsohns enthalten ist. d dieses Wunderwerk der Selbstbildüng aus em arMen, ungebildeten, verwahrlosten Jungen, mit 11 Jahren in früher Morgenstunde am fen herumlungerte, um abfahrenden Matrosen >aretten zu verkaufen, zu dem anerkannten hrer 'der größten Bewegung der modernen jud. schichte, .vollbrachte David Wolffsohn nur so, k. er den Odem . Gottes in seine Seele senke, r Odem Gottes, die große Idee, die ihm! der ttelpunkt und die Grundlage seines Wesens rde, war der Zionismus. .Bon allengroßen hrern der zionistischen Bewegung — mit Ausjme Herzls — war David Wolffsohn der beste wist. . Denn ihm war der Zionismus alles, t der zionistischen Idee war er David Wolfsn,' ohne sie nur ein einfacher, bedeutungsloser nfmann. Soviel Wvlfffohn dem Zionismus gegeben hat, der Zionismus hat ihM mehr gegeben. Diese Konstatierung enthält nicht den Schatten einer Heabsetzunrg seines Wirkens als Zionist, sie verleiht ihm vielmehr erst seine eigentliche größte Bedeutung. Er gleicht darin Theodor Herzl, von dem man dasselbe sagen kann. Ohne den Zionismus ein geistreicher, beliebter Feuilletonist, dessen Name so rasch, vergessen wird wie die Erinnerung an ein Feuilleton schwindet.; mit dem Zionismus jedoch die größte Gestalt der niodernen jüd. Geschichte, einer der großen, unvergänglichen Volksführer der Weltgeschichte überhaupt. Es war kein Zufall, daß HerA keinen Zionisten mehr geschätzt keinem mehr Vertrauen geschenkt hat wie Wolffsohn. Es war eben dies Bewußtsein, das diese sonst so fremdartigen Charaktere verband: daß sie durch den Zionismus zu dem wurden, was sie waren, daß sie dem Zionismus nicht notwendiger waren als der Zionismus ihnen. Diese Tatsache bestiinmte in hohem Grade den Charakter David Wolffsohns. Er war ein einseitiger Mensch. Für ihn gab es auf dieser Welt nur eins:, Zionismus. Man konnte halbe Tage lang sich mit ihm unterhalten, ein anderes Thema als den Zionismus kannte er nicht. Alles andere interessierte ihn nicht. Dies ging so weit, daß manch einer ihn für einen engherzigen Menschen von beschränktem Horizonte halten mochte. Allein in dieser EinseitiAeit ruht seine Größe. Wie alle Menschen, deren Wesen ganz von einer Idee durchdrungen und bestimmt wird, die ihr Leben ganz in den Dienst dieser Idee stellen, erschöpfte er'sich völlig in diesem Dienste. Die.Idee nimmt eben für sie einen so weiten Umfang an, daß sie ihnen zu einer Welt für sich wird, groß genug, ihren Geist ganz gefangen, ihre Tatkraft völlig in Anspruch zu nehmen. Menschen, die zu solcher Einseitigkeit befähigt sind, Müssen in ihrem Wesen wahrhafte Naturen sein. Denn diese Einseitigkeit ist das Ergebnis der Konsequenz, und was ist Konsequenz anderes als Wahrhaftigkeit, die mit Tatkraft gepaart ist. Und gerade in diesem Punkte haben wir Wolffsohn so viel Unrecht angetan. Gewiß, niemand zweifelte an feine zionistische Wahrhaftigkeit, aber er galt uns doch vor allem als Politiker, als der kluge Führer einer Partei, und so bewerteten wir nur allzuoft seine Worte und , Taten mit dem Wertmesser kleinlicher politischer Beurteilung. Hinter jedem seiner Worte suchten wir Hintergedanken; wir mißtrauten ihm> wir waren stets auf der Hut. Wie falsch, wie niedrig dies doch war! David Wolffsohn war kein Polittker. Er war klug, vielleicht der klügste Kopf der Bewegung, aber Polittker. war er nicht. . Er war zu wenig geschmeidig, um Polittker zu sein, zu aufrecht und gerade in seinem Haß wie in seiner Liebe, um Politik. treiben zu können. Man brauchte nur einmal Mit ihm sich unterhalten zu haben, um zu erkennen, wie wesensfremd seinem Charakter das eigentlich Politische war.So wie er schimpfte und tadelte, lobte und sich begeisterte, mit dieser elementaren Offenherzigkeit spricht kein Polittker. Er selbst empfand diese falsche Einschätzung sehr schmerzlich. Dieses ewige Mißtrauen, das ihm begegnete, . hat seinem kranken Herzen manche Wunde geschlagen. Und als er uns dies sagte, als es so weit war, daß er es sagen mußte, glaubten wir ihm auch dies nicht. Wolffsohn krank! Er strotzt vor Gesundheit. Und sofort wußte man es: eine politische Krankheit.' Und selbst auf dem letzten Kongreffe, als er, bereits ein totkranker brachte, und er in seiner Rede auch ein Wort von seinem kranken Herzen .sagte, wie' lachten da die Superklugen, und ein hebräischer Schriftsteller glaubte höchst geistreich zu sein, als er bemerkte: „Es ist doch manchmal ein Glück, ein krankes Herz zu haben." Nun, da er im Alter von 59 Jahren gestorben ist, wird man ihm wohl glauben müssen, daß er krank war. Ich hoffe, daß wir mit der Erkenntnis dieses Irrtums auch cinsehen werden; wie sehr wir uns in seiner Gesamtbeurteilung getäuscht haben, als wir triefen Menschen mit der wahrhaften, reinen Seele für einen Polittker erllärten. Einseitigkeit .gnd Wahrhaftigkeit bildeten den einen Grundzug seines Wesens, Tatkraft den anderen. Unsere Zeit ist reich an energischen Naturen, allein selbst in unserer Zeit war die Tatkraft David Wolffsohns etwas außergewöhnliches. Schon der äußere Erfolg seines Lebens zeugt von dieser Tatkraft: wenn einer aus einem Zigarettenverkäufer zu einem reichen, großen Handelsherrn wird, so verdankt er dies nicht dem „,Glücke" sondern seiner Energie. Jeder, der ihn in seiner zionistischen Arbeit sehen konnte, mußte staunen über diese rastlose Energie. Sie hat ihm zuletzt auch sein ftühes Grab gegraben. „Es war Ihr Unglück — sagte ihm ein bedeutender Arzt — daß Sie zu gesund waren. Waren Sie schwächer gewesen, so wären Sie jetzt kein schwerkranker Mann." Er mutete sich ein Maß von Arbeit zu, dem sein starker Körper für die Dauer nicht gewachsen war. Wie so viele große Männer, starb er an der Tyrannei, mit der er seinen Körper regiert hat. David Wolffsohn war einer jener Menschen-- die man nur darin wahrhaft kennen lernen kann, wenn man in persönliche Berührung mit ihnen kommt. In seiner öffentlichen Wirksamkeit waren gewiß die großen Gaben seines Geistes und seines Charakters zrr erkennen; allein das Letzte, Tiefste, Größte, das er besaß, blieb dem, der ihn nur in seinem öffentlichen Wirken beobachtete, verborgen. Wer ihn als Präsidenten des Kongresses, als Leiter des Aktions-Komitees kannte, mußte' ihn verehren lernen; ihn lieben lernen konnte nur, wer ihn in seinen vier Wänden sah. Bor zwei Jahren etwa hatte ich zum ersten Mal das Glück, ihn persönlich kennen zu lernen. Wir sprachen lang und viel, natürlich nur über zionistische Tinge, denn — wie gesagt — ein ynderes Thema kannte Wvlfffohn in der Unterhaltung mit einem Zionisten nicht. Und seltsam: so lehr mich' die Dinge selbst interessierten, über die wir sprachen» so sehr mich die Meinungen selbst, die er vorbrachte, fesselten, während der ganzen Zeit der Unterhaltung und auch nachher beschäftigte mich die Person Wolffsohns mehr als die Objekte des Gespräches selbst. Meine Aufmerksamkeit galt ihm mehr als seinen Meinungen, es kam mir nüht so sehr darauf an, was er sagte, als vielmehr daraus, wie er es sagte. Und Äs ich in späterStunds ihn verließ,.da war alle Erinnerung an die Einzelheiten unseres Gespräches' geschwunden, und ich war nur ganz erfüllt von dem einen Eindruck: daß ich sein Haus um ein Großes reicher geworden verlassen habe, um das Bewußtsein, einige Stunden einem großen Manne gegenübergestanden zu sein. Dieser Eindruck hat sich mir - seitdem jedesmal neu verstärkt, wenn ich Mit ihm. znsammenkam. Stets wenn ich von ihm fortging, sann ich nur über ihn, nicht über seine Mein--