Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 36 (11.9.1914)
- Date
- 1914-09-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36 Frankfurter Mraelitisches FamilienKait. rei 102 wo an- und Gerdas z» :un chcr und dc« voi cken a« uw er mni lUIL gcri i'iitf z> ab ließ lge> alllc» übc> ige, chla ' H au» cns iubi ver nfci bii tolji ccgt icn iltci T, Visitenkarten jüdische Neujahrskarten 100 Stflck von 75 Pfennig. H. Oppenheim, Papierhandlung Inhaber Bernhard Rubinstein Frankfurt a. M., 1 Börsenplatz 1. Telephon Amt Hansa 2005. Jomkippur 1870 vor Metz. Bor Metz im Kriegeslagcr, im Abend-Sonnenschein, Da traten deutsche Krieger aus den geschlossenen Reih'n, Marschierten froh und mutig bergab ins heit're Tal, In ernster Festcsstimmung, zwölfhundert an der Zahl. Und einer kommandierte, die andern folgten gern; Es galt ja sein Kommando dem Ew'gen, unscrm Herrn. Die Waffen all', sie wurden zusammen jetzt gcstelllt Durch kleine Blendlaternen der weite Platz erhellt. Ein Omed ward errichtet auf einem großen Stein, Ein Hügel, für die Thora, cs sollt' die Lade sein. Der 'Hügel war bedecket mit wollenem. Gewand, Än einem Pfahl ein Flämmchen als cw'ge Lampe bräunt'. Hier auf des Platzes Mitte, ein wenig nwr erhöht. Mit einem Seil umzogen, auch das - Almemmor steht. Und als cs nunmehr dunkelt, die Krieger treten vor; Das erste Werk der Sühne verkünden sie im Chor. Ein andrer tritt zum Omed, Kolnidre hebt er an; Die jüdischen Soldaten, sie folgen Mann für Mann, Sie folgen laut und kräftig dem heiligen Gesang, Das Herz wird immer leichter, das früher schwer und bang. Und mit dem frühen Morgen, da ziehn sie lvieder ans, Dort unter freiem - Himmel ins Welten-Gotteshaus. Hier bis die Sonne sinket, die Schär zum Himmel blickt. Und weder Trank noch Speise hat heute sie erquickt. Drauf' bei der Totenfeier mit Tränen sie gedenkt Der lieben Kameraden, die man ins Grab gesenkt. Hell endlich funkeln die Sterne und siebenmal ertönt Das Wort des reinsten Glaubens, der Liebe, die versöhnt. Und einer grüßt den andern, reicht ihm die Bruderhand, Geschlossen wird im Herzen das schönste Freundschaftsband. Die christlichen Kameraden als treue Liebeswacht Sie schützen ihre Brüder von früh bis in die Nacht. eng> asch Sid tfen, )ich im» bii nun mit cnd. tbcn 2ii aus und fort ihr» tf!> iolfi!tcn, neu, hcn, munde, von ein val. eidc euer K , 31 •ei. Nun treten alle wieder ganz munter in die Reih'n Zu ihren Reginientern im Hellen Mondenschein. Erhoben durch den Glauben, ermutigt zu der Pflicht, Sind sie bereit zum Kampfe; sie stehn und wanken nicht. Dir. G. Philippson. Wobnungs-Einriebtnngen ln künstlerlseli. ÄuHassung Verkauf von kunstgewerblichen Erzengnissen. Antiquitäten. Friedrich Bernhard, Frankfurt a.M Tel. Hansa 5574. B5rsenstrasse 11. Eingesandt. Frankfurt a. M., 8. Sept. 1914. Sehr geehrter Herr Redakteur! Erlauben Sie mir gütigst in der E r u w - A n g e - legen heit einigc Spalten, die den Zweck verfolgen sollen, klärend zu wirken. Rabb. Dr. Breuer hat an das schwarze Brett der Synagoge anschlagen lassen, daß, trotz des nun eingerichteten Cruw, das Tragen am Schabbos' nach wie vor in der Stadt Frankfurt religionsgesetzlich verboten bleibt. Damit wird nicht mehr und weniger gesagt daß diese Einrichtung, die von hiesiger rabbinischer Seite unter Mitwirkung von thorakundigen Dajonim getroffen worden ist, als dem Religionsgesetz nicht entsprechend anzusehen sei. Ferner wird damit der Stab über alle diejenigen Herren gebrochen, die es doch gewiß mit ihrer Verantwortung absolut ernst nehmen, und diesen Herren wird weiter die Fähigkeit abgesprochen, eine solche Einrichtung nach dem Din überhaupt zu treffen. Es steht weiter fest, daß Rabb. Dr. Breuer .seine Entscheidung getroffen hat, ohne daß er es für notwendig erachtet hätte, in eine sachverständige Prüfung des ihm angebotenen Materials einzutreten. Hätte nun Herr Dr. Breuer ans irgend welchen äußerlichen Gründen — wie man das später hörte — keine Zeit oder innere Ruhe zur Prüfung des Materials, so wird man nimmermehr einsehen können, woher derselbe die Berechtigung mahm, kurzerhand die Einrichtung für unerlaubt zu erklären. Wenn es ihm crnst mit der Sache selbst gewesen wäre, so hätte cr den ihn. in dieser Sache aufsuchenden Herren seine rcligionsgesetzlichen Bedenken sofort bekannt gegebeil und auseinandersetzen müssen oder am schwarzen Brett u u r bekannt geben dürfen, daß er bislang zu einer Prüfung - keine Zeit gehabt hätte und daher das;Tragen am Schabbos innerhalb seiner Gemeinde noch inicht., erlauben, könne. Das wäredenn. doch wohl das Acußerste .gewesen, wenn .es ihm .ernst mit der Erhaltung des Friedens innerhalb der Frankfurter Judenheit gewesen ist. Nun ist aber die Begründung für seine verneinende Entscheidung in aller Oeffentlichkeit durch Rabb. Dr. Nobel in der klarsten und ruhigsten Weise widerlegt worden, nachdem nachgewiesen wurde, daß, Rabb. Dr. Breuer sich bei seiner Entscheidung geirrt habe. Man hat nicht vernommen, daß Herr Dr. Breuer in sachlicher Weise diese Darstellung widerlegt hat. Es hat vielmehr in der ganzen Frankfurter jüdischen Oeffentlichkeit heftige Erbitterung hervorgerufen — auch in. der Religionsgesellschaft —, daß von der Kanzel herunter, ohne jede sachliche Begründung, neuerdings in der denkbar schärfsten persönlichen Form vorgegangen worden ist. Ohne auf die religionsgesetzliche Frage der An- . gelegenheit eingehen zu können, soll hier des historischen Interesses wegen fcstgelegt werden, daß Rabb. Dr. Breuer mit seinem Veto nicht nur nicht sehr schlecht beraten war, sondern auch der Autorität seiner religionsgesetzlichen Entscheidungen einen sehr schlechten Dienst geleistet hat. Nicht mehr und weniger war ihm in loyaler Weise angeboten, als daß cr als Obergutachter angerusen nmrde in einer religionsgesetzlichen Frage, die vom Rabbinat der jüdischen Gemeinde Frankfurt inauguriert war. Dadurch war ihm Gelegenheit gegeben, .den Ernw so einznrichtcn, wie er einwandfrei, selbst nach seiner Ansicht, erachtet worden wäre. Wenn Herr Dr. Breuer nur sofort ernstlich in die Prüfung der Angelegenheit eingetreten wäre, dies den vermittelnden Herren bekannt gegeben hätte, so hätte er gerade dadurch die nach seiner 'Auffassung zu früh veröffentlichte Erlaubnis verhindern , und somit dem ganzen Streit die Spitze abbrechen können. Der Autorität des Rabbinats der Jsr. Religionsgesellschaft hätte er damit einen ganz enormen Dienst geleistet und auch das Ansehen seiner Gemeinde in den Augen der gesamten Frankfurter Judenheit erhöht. Und fragt inan sich nun, was die Folge dieses Vetos ist, so kommt von selbst die Einsicht, daß gerade das Gegenteil von dem, was Herr Dr. Breuer gewollt, von ihin erreicht worden ist. Eine verhältnismäßig nur geringe Anzahl der Mitglieder der Religionsgesellschast richtet sich nach diesem Veto. Denn dasselbe wird nicht mehr beachtet werden wie etwa das Veto, von der Schechitah der großen Gemeinde zu essen. Denn auch auf dieses Veto kann sich der Rabbiner der . Religionsgesellschaft nichts einbilden. Und bekannt ist auch, wie wenige sich der Entscheidung Rabbiners Dr. Breuer über die religionsgesetzliche Verpflichtung des unbedingten Austrittes aus der Großgemeinde Frankfurt unterworfen und für sich verbindlich anerkannt haben. Diese fruchtlosen Bemühungen müßten doch dem Herrn Rabbiner die Augen öffnen darüber, daß seine Autorität eine starke Kräftigung sehr wohl vertragen kann. Für den ruhigen Beobachter ist es schon seit langer Zeit ein Aergernis, daß ein nicht unerheblicher Teil der Mitglieder der Religionsgesellschaft mit Lächeln über derartige Entscheidungen des Rabbinats zur Tagesordnung übergeht und daher, traurig in sich gekehrt, das Aussichtslose und Nutzlose aller Einwendungen erkennt. Wenn nun aber schon Herr Dr. Breuer der Anschauung ist, daß der hiesige Eruw selbst nicht in Ordnung ist» und wenn er sieht, wie ein großer Teil, auch Mitglieder seiner Gemeinde, am Schabbos dennoch tragen, — so ist es seine erhöhte Pflicht, diesem „Jssur" so schnell als möglich ein Ende zu bereiten, dadurch, daß er für einen nach seiner Anschauung koscheren Eruw sorgt und nicht Gebrauch macht von seinem alleinigen Einspruch auf „Eruwe Chazeiraus". Man könnte diesen Einspruch sonst doch nur als eine Schikane allen anderen gegenüber, die die Wohltat des Tragens am Schabbos genießen wollen, betrachten, da es ja nur von dem Willen des Herrn Dr. Breuer — selbst nach seiner Entscheidung — abhängig ist, in „Eruwe Chazeiraus" miteinzustimmen. .Denn es bedarf ja keiner Erörterung mehr darüber, daß das Tragen am Schabbos durch einen Eruw religionsgesetzlich erlaubt ist. Soll man nicht folgern, daß das Veto eine Machlauko aus.Politik .ist, so muß von Rabb. Dr. Breuers Seite aus in kürzester Frist alles geschehen, um dieser eventl. Folgerung die Spitze abzubrechen, da sonst historisch feststünde, daß er den Frieden in der Frankfurter Judenheit ohne Notwendigkeit beeinträchtigt hat. Denn in dieser Angelegenheit würde ja auch der „Emmes" zu Gunsten des „Schvlauin" keine Zurückdrängnng erfahren, auf die sich Herr Dr. Breuer sonst so oft berufen hat. Hochachtungsvoll Wolfs. Elektr. Licht-, Kraft-, Schellen- und Telefon-Anlagen. Tel. Tannas 4389. ff. Referenzen. Savignystrasse 51. Kunst und Literatur. Erlebtes und Erstrebtes. Erinnerungen von Dr. E. Heinrich Kisch, Universitätsprofejsor und Regierungsrat, Wien-Marienbad. 308 Seiten. Mk. 5.50, geb. Mk. 7. Stuttgart und Berlin, Deutsche Verlags- Anstalt. Lebenserinnerungcn von Persönlichkeiten, die in lebendiger Fühlung mit ihrer Zeit standen, bilden für den Selbstunterricht die beste Möglichkeit, einen Zeitabschnitt kennen zu. lernen. Am 26. Februar 1861 war dem österreichischen Volke die Verfassung gegeben worden, welche die Landtage der einzelnen Kronländer und eine Gesamtvertretung derselben, den Reichsrat, vorsah. In dieser für die moderne Seite 5 österreichische Geschichte bedeutungsvollen Zeit war der damalige junge Student Kisch in der Redaktion der „Prager Morgenpost" tätig, und er gibt uns so in seinen „Erinnerungen" ein treues Bild jener Tage, in denen auch das tschechische Nationalbewußtsein sich durchsetzte. In Kischs Jugend war die freiheitliche Bewegung des Jahres 1848, der große Volksaufruhr in Prag, der Sieg der Gleichberechtigung aller Stände, der Emanzipation der Juden gefallen. Auch all', dies weiß Kisch anschaulich zu schildern. Seine Studienzeit ist wissenschaftlich sehr interessant. Sie stand im Zeichen der medizinischen „Wiener Schule", der Allherrschast der pathologisch-anatomischen Forschung und des therapeutischen Nihilismus. Und mit Kischs Berufsleben innig verbunden ist die gewaltige Entwicklung, die Marienbad, sein Wohnort, genommen hat. Man wird also Kischs „Erinnerungen" mit Nutzen lesen, aber auch mit Unterhaltung, denn er gibt nicht nur reiches Material, sondern setzt dieses auch in einer fließenden, anschaulichen Schreibweise vor. Eines gefällt mir nicht, nämlich Kisch als Jude.. In einem echt jüdischen Hause ausgewachsen, entjudet er sehr schnell, — und was von seinem Judentum üfirttf geblieben ist, ist schließlich nur der Wille, sich nie taufen zu lassen. Doch Kisch ist darin ein Kind seiner Zeit, sein jüdischer Entwicklungsgang ist der von Tausenden. Auch hei der Betrachtung seines. Lebens entsteht unwillkürlich die Frage, wieso denn gar keine Gegenströmung gegen den verheerende» Entjudungsprozeß einsetzte. Man soUte meinen, daß in einer Zeit, in der das jüdische Bewußtsein, das jüdische Wissen und die praktische jüdische Lebensbetätigung qualitativ und quantitativ noch um vieles kräftiger als heute waren, der Selbsterhaltungstrieb sich hätte aufbäumen und nach Gegenmitteln hätte suchen müssen. Probe aus i „Erlebtes und Erstrebtes von Dr. Kisch", Seite 1<0. ... Noch zwei Dezennien zuvor, als Prag noch eine völlig deutsche Stadt zu sein schien, hatte der alte Führer Polacky, welcher mit dem tschechischen Sprachlehrer Jungmann und zwei anderen 'Freunden eine Konferenz zur weiteren Entwicklung der Nationalsprache hielt, sich geäußert: „Wenn jetzt die Zimmerdecke über uns einstürzt und uns begräbt, so ist mit uns die tschechische Sprache begraben." Jetzt war diese Sprache bereits kunstvoll ausgebildet, und nicht weniger gls 22 in Prag erscheinende tschechische Zeitungen sprechen zn dem Volke in diesen slawischen Lauten. Es wurden im Beginne der 60er Jahre rasch hintereinander tschechische Volksvereine und fachliche Gesellschaften gegründet, ein tschechischer Juristenverein,. ein Verein tschechischer Aerzte, eine tschechische akademische Lesehalle. Tschechische Konzerte wurden gegeben und nationale Bälle veranstaltet, für die Gründung einer tschechischen Akademie der Wissenschaften, zu dem Baue eines eigenen Nationaltheaters wurde eifrig gesammelt, die Errichtung eines Pantheons für berühmte Tschechen aller Zeiten geplant. An dem deutschen Charakter der bestehenden Universität wurde mächtig gerüttelt und drohend die Abhaltung tschechischer Vorlesungen an allen Fakultäten verlangt. Eine Nationalhymne wurde dem Volke in jeder öffentlichen Versammlung, in den Salons, in den Konzerten so lange vorgespielt und vorgesungen» bis sie zur tschechischen Marseillaise wurde. Wie auf 'kulturellem Webiete haben die Tschechen auch ans wirtschaftlichem Terrain in den letzten 50 Jahren beispiellos erfolgreiche Arbeit ^verrichtet. Das tschechische Volk war kn dieser halbvergangenen Zeit arm und niedrig in seinen materiellen Ansprüchen . . . „ein Bedientenvolk" nach Ausspruch des Dichters Hebbel. Und nun hat sich das tschechische Nationalvermögen durch ein unermüdliches Hasten und an amerikanische Verhältnisse gemahnendes kühnes Ringen rasch und riesig gehoben. Fabriken, großindustrielle Unternehmungen, Banken und Kreditinstitute sind in tschechischen Händen, und Millionenvermögen wurden nicht nur von einzelnen, sondern von ganzen Schichten der Nation erworben. Man muß wirklich vor diesem gewaltigen Streben und Schaffen der Tschechen in jener Zeit, und seither dauernd, allen Respekt haben. Und auch vor ihrer Opferwilligkeit bis in die untersten Schichten des Volkes hinein. Ich habe davon selbst ein Beispiel erlebt, welches mir, unvergeßlich bleibt und ganz charakteristisch ist. Das mit' den größten Opfern der gesamten tschechischen Bevölkerung des Landes erbaute neue tschechische Rationaltheater war kurz nach seiner Vollendung ein Opfer der Flammen geworden. Darob echte, tiefe Trauer, ja geradezu Verzweiflung unter allen Tschechen und ein fanatischer Eifer, dieses Gebäude wieder in erhofftem Glanze erstehen zu. lassen. In allen tschechischen Zeitungen feurige Aufforderungen zn freiwilligen Beiträgen für den Neubau. Da trat eines Tages die tschechische Köchin, welche bei uns diente, an meine Frau heran mit der Bitte, ihr das Sparkassenbüchel, in welchem sie die mühsam erübrigten Groschen des Lohnes durch mehrere Jahre bis zur Höhe, von mehr als 100 Gulden eingelegt hat, auszufolgen. „Aber Kathi," bemerkte meine Frau, „Sie sind ja eine so solide Person, wozu wollen Sie plötzlich Ihre Ersparnisse herausnehmen?" — „Gnädige Frau, unser Theater ist abgebrannt (die Person war noch nie in einem Theater gewesen), da muß ich alles, was ich habe, für unser Theater hergeben." Und dabei blieb es, trotz aller Einwendungen meiner Frau. Ich erkannte aber, daß ein Volk, welches mit solchem Selbstbewußtsein, solch tiefen Opfermut vereint, sich durchsetzen muß. . . Spezialität; Francke & Weber jtelnRorKeii