Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 36 (11.9.1914)
- Date
- 1914-09-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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September 1914) Nr. 36 Der Krieg in der Auffassung des Judentums. ii. Bon der A r t der K r i e g e. Die prinzipielle Stellungnahme des Jndenlinnö zum Kriege — ergab sich ans unserer Befrachtung — ist eine ablehnende. Jedoch ist diese tlblehnung des Krieges als keine absolute, für pden Einzelfall gültige anzusehen; vielmehr gibt im Realen auch Kriege, deren Führung ethisch Erlaubt, ja geboten ist; und es gilt nur festzuvetleu, welches das K r i t e r i u m ist, das für Die ethische Bewertung eines Krieges maßgebend ist. Dieses Kriterium kann nur in dem grundigenden Prinzipe der jüdischen Ethik zu finden lein; dieses aber ist — wie wir sahen — das Prinzip der Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit Imf Erden zu wahren, zu fördern, zu verwirklichen, Pacht den Zweck und den Sinn des Daseins aus. kiesen Zweck zu erfüllen, muß jedes Mittel recht icin; der Satz: der Zweck heiligt die Mittel/ hat per und nur hier seinen guten Sinn. Denn ein Nittel, das die Gerechtigkeit realisieren hilft, kann jckbst nicht ungerecht sein. ,Mithin wird auch der Krieg dann ethisch geboten sein, wenn er dazu lieitt, das Prinzip der Gerechtigkeit zu ivahren. Wie fber kann dies im Einzelfalle Möglich sein? Kriege haben, im allgemeinen gesprochen, [inen einzigen Zweck: die Machtsphären der Völpr zu bestimmen; wenn der friedliche Wettkampf er Nationen so scharf und heftig geworden ist, aß er nicht mehr friedlich ausgefochtcn werden Imn, beginnt der blutige Krieg und trifft die letzten Entscheidungen. Die .Frage nach der sittlichen Berechtigung gewisser Kriege wird also aufs Iiigste zusammenhängen mit der anderen Frage: Pie muß, vom ethischen Standpunkte gesehen, die sielt unter den Völkern verteilt sein, welches Recht, selchen Anspruch besitzt eine Nation auf einen stimmten Teil der Erde? Diese Frage ist im udentum klipp und klar beantwortet. Die Verölung der Erde unter den Völkern — lehrt es ist das Werk Gottes. 'Gott teilt den einzelnen ationen ihre Länder zu, und die Auffassung der ölker als Lehensmänner Gottes hat im Judenin eine größere Bedeutung als die eines Bildes, ithin ist der faktische Besitzstand der Völker auch! r von Gott gewollte, also auch der ethisch nktionicrte. Jeder Versuch, ihn willkürlich zu adern, ist ein Frevel; jede Abwehr eines solchen crsuches. also eine Pflicht. Damit aber haben r das Kriterium für die ethische Bewertung Krieges gefunden: Eroberungskriege — hrt das Judentum — s i n d' 0 o nt ethischen tandpunkt verwerflich, Verteidiungs-Ab wehrt rixge jedoch nicht nur erechtigt, sonde.rn geboten. Das ihm erteilte Land zu behaupten, ist jedes Volk geiidezu verpflichtet; ein feiger Verzicht auf seine lichte wäre ein Frevel; die Selbstverteidigung ist Pc sittliche Pflicht. Diese Lehre ist grundlegend für das Judenm; in ihr gelangt der gesund-realistische Chakter des Judentums zu vollem Ausdruck, des iudentums, das durch einen /einer größten Söhne Rabbi Akibah — gelehrt hat, daß, wenn zwei >r dem Hungertode stehen und einer noch Speise Utzt, die für einen genügend, für beide unzuichend tyäre, der eine das Ganze allein verzehsollte, denn „dein Leben geht dem deines chsten vor". Nicht Aufgabe der eigenen Persönlichkeit, sondern Selbstbehauptung, nicht ewiger Verzicht zu Gunsten anderer, sondern Ausbildung der eigenen Jnvidualität, nicht ein krankhaft übertriebener Aitruisinus, sondern ein gesunder, lebensfroher Egoismus ist das Charakteristikum des Judentums. Wenn du angegriffen wirst, setz' dich zur Wehr mit allen Mitteln, die dir zur Verfügung stehen; der Abwehrkrieg ist ein sittliches Gebot. Allein — wird man sagen — hat das Judentum nicht diese seine Auffassung vom Kriege selbst stets verletzt? .Hat nicht das jüdische Volk selbst viele Eroberung-- und Angriffskriege geführt? Ja, beginnt nicht die Geschichte des Volkes, die Besitzergreifung Palästinas, mit einem solchen Eroberungskriege? Und war nicht der gepriesenste und herrlichste aller jüdischen Könige, David, der Typus eines Eroberungsherrschers? Man muß zugeben, daß diese Fragen berechtigt sind. In der Tat könnte es auf den ersten Blick hin, den man in die alte jüdische Geschichte wirft, scheinen, als ob das jüdische Volk selbst Eroberungskriege geführt habe. Allein nur der oberflächliche Beobachter kann diese Ansicht teilen, jedes tiefere Eindringen in den Geist der jüdischen Geschichte überzeugt bald, wie falsch sie ist. Welches ist der Gedanke, der das jüd. Volk bei der Besitzergreifung Kanaans leitet? Doch einzig und allein der, daß dieses Kanaan in Wahrheit ihm gehöre, daß es seit Jahrtausenden ein geheiligtes Anrecht auf dieses Land besitze, daß Gott 'selbst es seinen Ahnen zucrteilt und es mithin nur die ihm auferlegte Pflicht erfülle, wenn es nun auch das Land in Besitz nehme. Der Kampf, den cs gegen die Kanaaniter führte, war alles andere als ein Eroberungskrieg, in dem das Recht des Eroberers allein in seiner überlegenen 'Macht beruht. Dies war vielmehr ein Kampf zur Verwirklichung alter, geheiligter Rechte, es war nach der innersten Ueberzeugung des Volkes ein Verteidigungskrieg, ein Kampf gegen jene, die seine Rechte verletzten und mißachteten. Wie ängstlich und behutsam das Volk dabei tvar, in diesem Kampfe ja nicht die Grenze der ihm zustehenden Rechte zu überschreiten, .geht aus der Bibel mit vollster Klarheit hervor. Es wird dem Volke strengstens untersagt, mit seinen Nachbarn den Edomitern, Moabitern und Ammonitern Krieg zu führen und sie aus ihren Ländern zu verdrängen. „Befehdet sie (die Edomiter) nicht" — heißt es im Deut. 2, 5 — „denn ich werde euch nichts geben von ihrem Lande, auch nicht den Tritt eines Fußballens; denn das Gebirge Seir habe ich Esau als Erbbesitz gegeben." Und dieselbe Mahnung in Bezug auf die Moabiter und "Ammoniter — Deut. 9 und 19 —; und überall die iviederkehrende Begründung: das Land ist ihren Ahnen als Erbbesitz gegeben. Gott hat die Länder unter die Nationen verteilt, und kein Volk hat das Recht, den durch ihn getroffenen Besitzstand zu ändern. Damit aber ist zugleich gesagt, daß ein Volk in dem "Augenblicke sein Recht auf sein Land verliert, in dem es dem Willen Gottes zuwiderhandelt. Das Beispiel einer solchen frevelhaften Boshaftigkeit, — ein Beispiel, das gerade auch heute durch das Verhalten Belgiens seinen besonderen aktuellen Reiz besitzt — boten die Ammoniniter. Als Israel den, König der Ammoniter bittet, ihm den Durchzug durch sein Land zu gestatten, wobei es ihm für alles bezahlen will, verweigert es dieser und zieht sogar mit starker Heeresmacht gegen Israel zu Felde. Er wird geschlagen und sein Land annektiert; das Ammonitervolk hat eben durch sein böswilliges Verhalten, durch seinen Vötkerbrnch, den es dadurch begeht, daß es gegen das friedliche Israel auszieht, ein Anrecht aus sein Land verloren. So erscheint also die Besitzergreifung Kanaans durch Israel uichr als Eroberungskrieg zur Unterdrückung anderer Völker, sondern als Kampf zur Durchsetzung seiner eigenen heiligsten Rechte. Und all die unzähligen .Stümpfe, die das Volk sodann während der Richrerzeit führt, sie sind nichts anderes als die Fortsetzung dieses ersten Krieges. Es galt eben, die noch nicht in Besitz genommenen Teile Kanaans von den Fremden zu säubern, es galt vor allem, die Unterdrückungsversuche der Feinde zu vereiteln und die stets gefährdete nationale Freiheit immer von neuem sich zu erkämpfen. Die Kämpfe Ehuds, Deborahs, Gideons, Jephtas, Simsous, sie sind alle geführt zur Behauptung der nationalen Selbständigkeit, sie sind alle Abwehr- und Verteidigungskriege. Und selbst im Beginne der Königszeit, als Israel zu Macht gelangt, meidet cs ängstlich jeden Eroberungskrieg. Die vielen Kriege, die Saul führen mußte, galten nur der Sicherstellung der Grenzen des Landes gegen die beständigen Einfälle Moabs, Ammons, Edoms, der Philister, sowie der anderen Nachbarvölker. Nur einen einzigen Krieg führte Saul als "Angreifer: und dieser richtete sich gegen "Amalet. Dieser Vernich tungskampf gegen Amalek war aber nur die Erfüllung eines alten Gebotes; Amalek war der Todfeind Israels, 'der unsittlichste und böswilligste unter seinen Gegnern. Schon gleich, nach dem "Auszuge 'Israels aus Egypten hatte Amalek es heimtückisch überfallen; und damals 'schon harte Gott es dem.Volke zur ewigen Erinnerung eingeprägt: „Auslöschen werde ich das "Andenken Amaleks unter dem .Himmel." (Ez. 17, 19. Und seitdenr blieb Amalek der ewige Feind des jüdischen Volkes, der bei jeder Gelegenheit in sein Land einfiel, die Ernte vernichtete, das Vieh raubte und alles tat, um die Existenz und die Entwicklung Israels zu erschweren. Es war daher nur ein Gebot der Selbstwehr, zugleich aber auch die Sühne für alte Frevel, wenn Samuel Saul zum Vernichtungskriege gegen "Amalek anfforderte. So blcibr denn D a v i d a ls der einzige jüd. .Herrscher, den man als Eroberer ansehen könnte und auch in der Tat als solchen bezeichnet har. In Wahrheit hat auch er keine Eroberungskriege geführt. "Auch er setzte nur den ursprünglichen Kampf um die Besitzergreifung Kanaans fort, das ja noch keineswegs von Feinden gesäubert war. Konnte doch er erst Jerusalem, die .Hauptstadt des Reiches, erobern. Und ebenso dienten all seine Kämpfe gegen die Philister, gegen Moab, Edom, Damaskus lediglich der Sicherung der Grenzen und damit der Sicherung der Freiheit und Selbstständigkeit des Volkes. Betrachtet man die Grenzen, die das Reich zur Zeit der höchsten Machtentfaltnng Davids hatte, so wird man erkennen, daß sie nicht über jene hinausgehen, die als die natürlichen, von Gott gezogenen Grenzen des jüd. Landes in der Bibel bezeichnet werden. Auch der größte, genialste Feldherr unter den ,jüd. Königen war alles andere eher als ein Eroberer; nur zur Abwehr der Feinde, zur Verteidigung des Volkes führte er seine vielen Kriege, und die lange Friedenszeii, die unter Salomo folgte, beweist am besten, wie ivenig David auf die Eroberung und Unterdrückung fremder Völker ausgegangen war.