Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 34 (28.8.1914)
- Date
- 1914-08-28
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34 _„ _ Archiv für KrsininMnthropologie - und Krimi--, «listig, welches der berühmte /Itrajrechtslehrer ii der Grazer Universität^ Prof. Dr. Hans Kroß. herausgibt, veröffentlichte" ein reichseutscher Jurist namens A. Helltvig einen Aufch, in dem er den Nachweis zu führen .sich bemht, daß bei den Inden abergläubische Borstellnnm über den Eid vorhanden wftren, die manchen Mi Meineid verführten; dem leiste die jüdische icligion Vorschub durch einzelne ihrer 'J'nstitutioeii, insbesondere durch das „Kolnidregebet", wel- |C» die Juden am Eingang tzes Jom! Kippurcstes in der Synagoge verrichten. Ganz besonders i es erlaubt. Andersgläubigen gegenüber falsche ide zu leisten. . Und da, wie schon unsere Alten wußten, 8er Wetteifer unter den Gelehrten die Weisheit fördert, so erhob sich ein anderer Gelehrter namens K. Schütze und veröffentlichte unter dem Titel Jüdischer Meineidsaberglaube?" in derselben Aeithrift einen Artikel, in dem er die Ausführungen es Hellwig erweitert und vertieft. Dieser Gehrte. stieg zu den tiefsten Schächten der Wissen- Haft hinab und holte aus dem .. Antisemitenka- Dmus von Fritsch die Uebersetzung des „Kolnidreebetes" herauf und breitete es, ,zur Beschämung er ganzen Jüdenheit, ebenfalls in der genannten eitschrist, vor der gelehrten Welt aus. Nun bestand in Zweifel mehr, daß die jüdische Religion ihre lekenner systematisch zum Meineid, namentlich Indersgläubigen gegenüber, erziehe. Aber da der »err Schütze, nicht ganz mit Unrecht, vermutete, iß außer dein Antisemitenkatechismus auch noch ndere Quellen vorhanden wären, aus denen.man le Kenntnis der jüdischen Lehre schöpfen könne, > wandte er sich mit einem Appell an die Müden lber und wünschte, „daß von jüdischer Seite ie in Betracht kommenden Quellen nicht verheimcht und verschleiert werden mögen, damit die rüfnng ruhig und sachlich geführt werden möge." Ach willmich bemühen, diesem Wunsche, soeit es in meinen schwachen Kräften steht, nachikomMen. Ich weiß nicht, welche bisherige Leistungen e .Herren Hellwig und Schütze berechtigen, in achen des jüdischen Bolksaberglaubens mitzüreden. x ja in das Gebiet der jüdischen Folkloristlk, x jüdischen Altertumskunde und Relrgionsgeschichte hört. Bon allen, die auf diesem Forschungsfel- :rn tätig sind, ist keiner einem der genannten erren je begegnet, sie scheinen beide nicht einmal ne Ahnung zu haben, daß sie da in eine weitrzweigte, seit Jahrzehnten ausgebäute Disziplin «gebrochen sind, die schon eine reichhaltige Litetur in allen europäischen Hauptstaaten aufzueisen hat und an deren.Erweiterung und Mrsung eine Schar hingebungsvoller Forscher fleißig beitet. Es mutz als eine ganz unerhört dreiste nmaßung bezeichnet werden, 'daß Leute, die keine idere Qualifikation mitbringen, als ein robustes ewissen,' aber weder Sachnoch Literaturkenntsse, nicht einmal die primitivsten Sprachkenntsse aüftveisen, sich erkühnen, hier Meinungen zu lßern,; die noch dazu furchtbar schwere Berdäch- >ungen und Anschuldigungen involvieren. Zluf dem anderen Gebiete iwr Wissenschaft würde ein lches Vorgehen von den ernsten Forschern mit r schärfsten Entrüstung zurückgewiesen werden, icr dagegen hatder Herausgeber .des Archivs, rof. Groß, nicht nur den Ausführungen Hell- >gs und Schützes anstandslos Raum .gegeben, ndern auch noch offen ihre Partei ergriffen und re dilettantischen Methoden verteidigt, als Rabb. r. Max Eschelbach?r ihnen Unwissenheit und. berflächlichkeit nachwies und die Fälschung' "an r Uebersetzüng des „Kolnidregebetes" feststellte. Als ich vor Jahren anfing, aus dem Volksande jüdische Volksmärchen und Sagen, sowie eder, Sprichwörter und ähnliche DoÄimente, in nen sich die Vorstellungen des Volkes von den «erirdischen und geheimnisvollen 'Dingen spieln, zu sammeln, fiel mir der weitverbreitete und rtnAckig festgehaltene Volksäberglaube auf, daß. »er einen Meineid vor Gericht schmort, noch in mseiben Jahre sterben ntüssse; bleibt der Mein- >ige selber verschont, so werde die Sünde um so enger an seinen Sprößlingen gerächt". Erst vor zwei Jahren machte ich . folgende ahrnehmnng. In Warschau leistete ein Jude vor ' Kaickfurier WUtelitischeS FEienKatt. Gericht 'einen fälschten Zeugeneid, 'es war nicht etwa ein bewußter Meineid, sondern das, was man in der Jüristensprache einen fahrlässigen Falscheid heißt, genau dasselbe, wessen seinerzeit Adolf Stöcker, der heilige Mann, vor Gericht überführt wurde. Ueberdies war dem Schwörenden der Eid von seinem Brotgeber förmlich erpreß und die Richtigkeit des beschworenen Vorganges suggeriert worden; auch war der Schwörende ein Mensch von geringer geistiger Widerstandskraft und mäßiger Intelligenz; alle möglichen mildernden Umstände mußten für ihn geltend gemacht werden. Nicht lange darauf erschoß sich der 25jährige Sohn des bedauernswerten Mannes, und die öffentliche Meinung der einfachen Leute seiner Umgebung, im Stillen er auch wohl selber, betrachtete dies als eine Strafe des Himmels für den Falscheid. Das öftere Schwören, namentlich um eine Geldforderuna zu bekräftigen, gilt in jenen Kreisen des Volkes, wo der schlichte. altftonrMe Sinn noch nicht ganz ansgestorben ist, als verwerflich und entehrend. Insbesondere in den Zeiten gesteigerten religiösen Lebens sollen Eide womöglich überhaupt vermieden werden. Ein reicher Mann, der im Monat Elul viernial vor Gericht . einen Gläubigereid leistete, kam, wie ich mich noch genau M entsinnen weiß, auf Jahre hinaus in Verruf. Strengftomme, vornehm gesinnte Geschäftsleute halten an dem Prinzip .fest, überhaupt nicht zu schwören, außer' Zeugeneide, die ihnen vom Gerichtshof auferlegt werden, 'oder wo ' es um die Ehre geht; aber wo es sich um Geld' handelt, nehmen sie lieber schwere Verluste auf sich, als daß sie einen Eid leisteten.' Ich kenne folgenden Fall. Ein angesehener, wegen seiner strengen Rechtlichkeit bekannter jüdischer Kaufmann wurde von dem verachtetsten unter seinen Glaubensgenossen Vor Gericht auf eine SumMe verklagt, die er bei ihm unter vier Augen geliehen haben sollte. Der Richter, der die beiden kannte, sowie das ganze Städtchen waren fest -überzeugt, daß daran kän wahres Wort war.'Aber dem Gesetze gemäß wurde dem Beklagten der Eid auferlegt, daß er nichts schuldig sei. Darauf hatte der Kläger eben .spekuliert. Jener hielt nämlich, wie allgemein bekannt war. an dem! unverbrüchlichen Grundsatz fest, lieber Geld zu verlieren, als einen Eid zu leisten. 'Der 'Eid wurde also dem Kläger zugeschob'en, der schwor und das Geld einsteckte. Er wiederholte diese Prozedur mit imMer wachsenden Summen und mit gleichem Erfolg einige Male. Endlich wurde dem Beklagten die Sache zu stark. Er leistete den ihm auferlegten Eid, schenke aber die geforderte Summe zu gleichen Teilen dem christlichen und dem jüdischen ArMenfonds und chatte fortab Ruhe. Sich selber aber legte er ein dreißigtägiges Fasten auf, zur Sühne für den Bruch feines Grundsatzes, von dem er bis dahin nicht abgewichen war. Wohlgemerkt, der Prozeß fand nicht vor dem Rabbiner statt, sondern vor dem staatlichen Richter, einem Christen. Unter den zahlreichen jüdischen Volksüberlieferungen, die ich gesanürrelt habe, finden sich folgende zwei, die den „Meineidsglauben" der Inden grell illustrieren: In Rußland wurde ein Jude irgend eines schweren Staatsverbrechens beschuldigt, auf welchem die Strafe lebenslänglicher ^Zwangsarbeit in Sibirien oder gar Todesstrafe stanÄ DireKe Beweise für die Schuld gab es nicht, aber alle Indizien sprachen gegen den Beschuldigten, für 'ihn nur seine vollständige Unbescholtenheit. Die Untersuchung zog sich Jcchre. lang hinaus. Endlich beschloß' das -Gericht, den Eingekerkerten freizusprechen, wenn die beiden angesehensten Rabbiner der Gegend, die wegen. Wer strengen Frömmigkeit und mäkellosen Gerechtigkeit auch den Behörden bekannt waren,'beschwören'Erden, Laß sie den Angeklagten für unfähig der ihm zur Last gelegten Tat hielten. Der eine kannte den Angeklagten und leistete ohne Zögern den Eid. Der andere aber kannte ihn persönlich nicht und konnte den Eid nicht leisten. Aber da stand ein Menschenleben, vielleicht Mehrere auf dem Spiel, und der andere Rabbiner hatte ohne die geringsten Bedenken den Eid geleistet. Der Rabbiner kämpfte einen schweren Kampf Mit sich, und am Morgen des für die Eidesleistung anberaumten Tages fand mian ihn tot in.seinem Bette. Gott hatte ihn erlöst,' und es ihm ' erspart, einen Eid LU leisten, den er picht mit volkkomMen reinem Gewissen als her lautersten Wahrheit entsprechend ansehen konnte. Dem berühmten Prager Rabbiner Ezechiel Landann passierte folgendes: Er war auf einem großen Empfang beim Statthalter von Böhmen, wo Erfrischungen und Süßigkeiten herumgereicht wurden, der Rabbiner kostete wohl von den neutralen Getränken wie Eiswasser u. dgl., berührte aber die Süßigkeiten nicht, da sie wohl mit Fett oder dergleichen zubereitet sein konnten und zu den nwerlaubten Speisen gehörten. Die Hausfrau — es war, glaube ich, eine Fürstin Kaunitz'— forderte ihn auf, doch von dem Gebäck zu nehmen, er aber fand im Augenblicke nicht den Mut, oder die richtige Form, zu erklären, daß er das Gebäck aus rituellen Gründen verschmähte, und so entschlüpfte ihm die unwahre Behauptung: „Ich esse nie Süßigkeiten." Später besann er .sich, tat doppelte Buße für lügnerische Rede und Mutlosigkeit im Bekennen, aber nie kam fortan bis an das Ende seiner Tage eine süße Speise in seinen Mund. (Fortsetzung folgt.) 01x1 Elektr. Licht*. Kraft-, Schellen- und Telefon-Anlagen. Tel. Tannas 4389. ff. Referenzen. SaYlgnystrasse 51. Feldgebet für jüdische Soldaten.*) Herr und Vater! In tiefer Demut nahen wir dir, der du nahe bist allen, die dich suchen in Wahrhaftigkeit, Du lenkest die Herzen der Könige. Die Geschicke der Völker wägst du in Gerechtigkeit. Wir beten zu dir. mehr als unsere Lippe zu sprechen vermag. Die Not des Vaterlandes, des schuldlos umringten, schreit zu dir empor. Unsere Männer und Söhne haben sich geschmückt mit Wehr und Waffen, nm in Treuen unsere Heiligtümer zu schützen vor frevelnder Treulosigkeit. Väter und Mütter gürten sich mit Heldenmut und senden ihre Söhne in den heiligen .Krieg. Der Gatte wappnet sich mit Stärke. Sein Fuß eilt zur Walstatt. Die liebevolle Sehnsucht bewacht den Herd seines vereinsamten Hauses. Wir missen in ahnungsvollem Herzen, mehr als irgendein Weg des Wissens es zu zeigen vermöchte, daß nicht Blindheit des Zufalls die Geschicke der Völker und Menschen entscheidet. Die Propheten und Psalmisten haben es uns gekündet in ewigen Worten, daß kein Schwert schärfer ist denn das Schwert des Rechtes und kein Sieg gewisser als der Sieg der Gerechtigkeit. Herr und Vater! Kröne die gerechte Sache des teuren Vaterlandes mit dem Lorbeer des Sieges. Schütze das kostbare Leben unserer geliebten Vorkämpfer. Hefte Ruhm und Ehre an ihre Waffen! Gewähre Größe ihrer Gesinnung. Gib Festigkeit ihrem Schreiten. Gieße Adel aus über ihren opferbreiten Sinn! Laß Treue ihrer Treue begegnen! Gib ihnen Stab und Stütze! deines heiligen Namens! Laß sie erkennen in den beschwingten Stunden der Entsendung, d'aß in dir alles Letzte und Größte geborgen ist. Denn zu dir ist unser suchendes Auge gewandt in aller Süßigkeit und Bitternis dieser großen Zeit. Wir erkennen es als deinen heiligen Willen, daß aus Süßigkeit und Bitternis alle Größe des Daseins erblühe. Herr und Vater! Unser Herz wogt dir drangvoll entgegen. Unser Beten sucht das Sonnenhafte und Ewige in aller Beschattung des Leidens und Vergehens. Du bist unser Jubel und unser Psalm. Die bist unser Schreiten und Schweben, unser Sehnen und Begehren, unser Hoffen und Harren. Du bist das Leben, und bei dir allein ist Leben! Amen. Rotoert G^rlaob Frankfurt am Main, Mainzerlandstrasse 166. Telephon-Amt I, 5375. Kirnstu. Baoschlosserei, Eisen-Konstruktionen, Schaufenster-Anlagen, W erkatatt far kunstgewerbliche Metallarbeiten in Eisen, Bronce, Messing, Reparatur arbeiten. Gvrseslmdt. In einer Zeit, in der das erhabene Kaiserwort fiel 7 i „In dieser Stunde gibt es nur Deutsche", in einer Zeit, in der der Gouverneur der Festung Köln nachstehende Bekanntmachung veröffentlichen ließ: „Die Nachricht von dem Tode des Papstes wird von den Blättern entsprechend ihrem konfessionellen Charakter verschieden besprochen. In mehreren Zeitungen hat deshalb schon eine schärfere Polemik eingesetzt. Ohne sich in die Angelegenheiten der Zeitungen einmischen zu wollen, sieht sich der Gouverneur veranlaßt, an die Presse die dringende Mahnung zu richten, die geschlossene Stimmung der Parteien und die bisherige einmütige Haltung unter allen Umständen aufrecht zu erhalten. Der geringste Versuch, die augenblickliche Einigkeit des deutschen Volkes und der Presse durch parteivolitische Streitigkeiten und Befehdungen auf — konfessionellem Gebiete — zu stören, gleichgültig von welcher oder gegen welche Partei, wird sofort aufs energischste unterdrückt werden", — in einer solchen Zeit veröffentlicht das Hamburger Israelitische Familienblatt unter per Ueberschrift ,Mse Folgen" einen sehr gehässigen Arti- *) Ans der -„Gebetordnung für Feldgottesdienste" von .Rabbiner Dr. Nobel.