Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 34 (28.8.1914)
- Date
- 1914-08-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Neben all den gewaltigen,' in. ihren Folgen noch , völlig unabsehbaren Veränderungen wirtschaftlicher und politischer Natur, die der gegenivärtig tobende Weltkrieg bereits bewirkt hat und in noch stärkerem Maste bewirken wird, hat er auch eine große Zahl bedeutsamer staatspolitischer «nd geschichtsphilosophischer Probleme entweder neu entstehen lassen oder bereits bestehende von neuem aufgeworfen. Unter diesen Fragen geschichtsphilosophischer Natur, deren endgültige Lösung eine der wichtigsten Aufgaben der Zukunft wird bilden müssen, steht in vorderster Reihe das Problem des Verhältnisses von Staat und Kation, ein Problem, das auch für uns Juden, der staatenlosesten aller Nationen, von Mister Bedeutung ist. Das 10. Jahrhundert pflegt man als das Jahrhundert des Nationalismus zu bezeichnen. Und in der Tat: die groste Umgestaltung der geistigen Physiognomie der europäischen Kultur, die das 19. Jahrhundert gebracht hat, der Uebergang von der rationalistischen Denkweise des 18. Jahrhunderts zu der historisch-evoluttven des 19., hat es bewirkt, daß der Begriff der Nationalität zu einem der bedeutsamsten und markantesten Faktoren .der geschichtlichen Entwicklung, der Politik vor -allem, geworden ist. Das Recht jeder Nation aus ihre nationale Autonomie wurde sanktioniert,, und man begann, die.gesamte Geschichte der Menschheit unter dem Gesichtswinkel des Nationalen zu betrachten. Indem dann der Nationalitätsbegriff auch auf den Staat angewandt ward, gelangte man zur Forderung des Nationalstaates. Die Bestrebungen der Staaten früherer Jahrhunderte, den Umfang ihres Gebietes möglichst weit auszudehnen ohne Rücksicht auf die nationalen Gruppierungen, wurden .sowohl vom ethischen wie vom national-egoistischen Standpunkt als verwerflich erkannt, da keine Nation das Recht, keine .aber auch ein Interesse daran habe, über andere Nationen zu herrschen. So ist es, um ein . Beispiel von -vielen zu nennen, für alle deutschen Historiker eine selbstverständliche Ansicht, daß die Trennung Polens ^von Preußen, dem es ja zeitweise .gehört hat, für Preußen und.Deutschland nur von Segen war, da Preußen sonst in die Gefahr gekommen wäre, ein halb germanisch, halb slavischer Ataät zu werden. Aus all diesen Gedankengängen (heraus wurde auch kein Staatstvesen 'in - Europa so pessimistisch beurteilt wie Oesterreich, mit .'seinem Konglomerate aller verschiedenen Nationen und Sprachen; gar viele prophezeiten ihm die baldige Auflösung, und! die steten inneren Wirren, die sein politisches Leben ausfüllten, schienen ja diese Prophezeiung zu rechtfertigen. Alle diese Anschauungen — meint man nun — seien durch diesen Krieg als unwahr und unbe- »ründet erwiesen worden. Denn unter 'all dem Unerwarteten und Ueberraschenden, tzas dieser Krieg gebracht hat, ist doch "dies gewiß das Uebercaschendste: daß' die prophezeite Auflösung der österreichisch-ungarischie Monarchie nicht nur nicht :rfolgt sei, sie vielmehr eine Lebenskraft bewiesen habe, die selbst ihre besten Freunde nicht erwartet hatten. Wie ein Mann erhoben sich sämtliche Wler Oesterreichs auf den Ruf ihres Kaisers, und nnig und. geschlossen wie der reinste Nationalstaat jeht es in den Krieg. Und ein ^ähnliches Beispiel fidj-'. in; Deutschland: wie wurden poch alle >-.. Befürchtungen vor einem etwaigen Abfall der Polen in der Stunde der Gefahr zu schänden: auch sie offenbarten eine Vaterlandsliebe, eine Staatsgesinnung, wie .sie niemand noch vor wenigen Jahren erwartet hätte. Also — will man daraus folgern — habe sich klar erwiesen, daß das Primat des Nationalen, das wir bislang anerkannt, durchaus unbegründet sei, daß vielmehr der Staat eine viel stärkere innere Kraft besitze als die Nation. Und vorschnelle Propheten verkünden bereits': War das 19. Jahrhundert dasjenige des Nationalgedankens gewesenso werde das 20. einst das Jahrhundert der Staatsidee genannt werden. Aus dieser Anschauung aber werden dann gar rasch auch die Schlußfolgerungen für die jüdisch-nationale Bewegung gezogen, der man nun. alle Existenzberechttgung und alle Zukunft bereits absprechen zu können glaubt: denn wenn der Staat ein Höheres, Größeres ist als die Nrtton, so ist es nur. logisch, daß wir Juden auf unsere nationale Einheit und Solidarität zu Gunsten einer Assimilatton an die verschiedenen Staaten, deren Bürger wir sind, verzichten. Und ,so beeilen sich denn superkluge Weise, in unseren Reihen, der Welt es triumphierend zu verkünden, daß der Tag des Ausbruchs dieses Krieges als das Ende des Zionismus zu datieren sei. Allein .alle diese Verkündigungen und Prophezeiungen sind leer und nichttg, weil der ganze Gedankengang, auf dem sie basieren, unrichtig ist und die durchaus unberechtigte Schlußfolgerung oberflächlicher Beweisführungen darstellt. All diese Anschauungen nämlich, daß der Staatsbegrisf nunmehr das PriMat erlangen müsse über den Nationälitätsbegriff, stützen sich, wenn man nach ihren realen, konkreten Gründen ftagt, fast einzig und allein auf das Bild der Geschlossenheit und Einttacht, das jetzt Oesterreich- Ungarn geboten hat. Diese Geschlossennheit habe die Annahme, daß Oesterreich in .der Stunde der Not zerfallen werde, Lügen gestraft, und damit habe sich die Unhaltbatkeit aller nationalen Ideen erwiesen. Mein diese Annahme selbst war ja keine notwendige Folgerung der nationalen Idee. Zunächst: Wer weiß nicht, dckß die geschichtliche Evolution niemals in der Richtung einsettiger Theorien verläuft, das reale.Leben vielmehr das Produkt, die Resultate der verschiedenartigsten sich lenzenden und bekämpfenden Kräfte darstellt? Und wenn daher auch die nattonalen Differenzen der in der österreichischen Monarchie lebenden Völker ein der.Entwicllung und Zukunft Oesterreichs schädlicher Faktor waren, so bedeutet doch auf der anderen Seite die große geschichtliche Vergangenheit, die jahrhundertelange historische Tradition dieses Staates eine ungemein mächtige, wirksame, 'staatserhaltende Kraft. 'Es war aber nie so gewesen, daß die Tschechen, Polen, Ruthenen und Ungarn Oesterreichs sich nur als Glieder ihrer Nationen fühlten, sondern stets betrachteten sie sich doch auch zugleich als Oesterreicher. Und daß nun dieses gemeinsame österreichische Sta-atsb'ewußtsein, das nie erloschen war, nun, in der Stunde höchster Not und Gefahr, für den Staat mtt unendlich gesteigerter Kraft wirkt und alle anderen Empfindungen übertönt, ist doch nur selbstverständlich. Und außerdem-: abgesehen von allem österreichischen Staatsbewußtsein, läge es schon im Interesse.' der einzelnen Nationen Oesterreichs, durch eine Schwächung der Staatsgewalt eine Niederlage - Oesterreichs, damit aber einen Sieg Rußlands herbeizuführen? Gibt esdoch, keinen Staat in der Welt, der die nationalen Minderheiten brutaler knebelt und unterdrückt als eben Rußland. Es war eben falsch gefolgert uüd schlecht prophezeit, wenn man für den sArll eines Kriegesden Zerfall Oesterreichs behauptet hat. Und es ist darum ebenso falsch gefolgert, wenn man nun daraus, daß sich diese Behauptung als unrichtig erwiesen hat, umgekehrt schließt, das ganze Nationalitätenprinzip sei falsch. Mag erst nur der Krieg vorbei sein, dann wird es sich zeigen, wie statt das Nationalftätenprinzip weiterhin das innerpolittsche Leben Oesterreichs beherrschen wird. Ja, man hat allen Grund zur Annahme, daß es in der Zukunft in Oesterreich zur viel 'stärkeren Geltung noch kommen wird als bislang. Denn nun, da die Völker Oesterreichs bewiesen haben, tzatz, sie, wenn es gilt, bereit sind, ihr alles für ihren Staat herzugeben, wird dieser Staat nicht umhin können, ihnen noch weitgehendere nationale Sonderrechte zu gewähren, als es bisher schon geschah. Und es ist keine eitle Prophezeiung, wenn man Ich das Bild des zukünftigen österreichischen Staatsgebildes als das eines großen Zentralreiches mit verschiedenen nationalen Autonomien darstellt. Also: die Behauptungen von dem Untergang des Nationalitätsprinzips erweisen sich bei nähe- . rem Zusehen als durchaus falsch. Wir haben hier nur die eine, reale Begründung dieser Behaup-, . tung betrachte^; die anderen, geschichtsphilosophi» scheu Argumente zu prüfen, dazu ist der gegenwärtige Zeitpunkt nicht geeignet. 'Aber schon, "die- Untersuchung des einzigen konkreten Mundes zeigt, wie vorschnell und oberflächlich die Deduktion ist, die man an das schöne Schauspiel innerer - Geschlossenheit knüpft, das Oesterreich jetzt bietet. Was diese Geschlossenheit aber wohl beweist^ ist etwas, ganz anderes: ist die Erkenntnis, daß Nationälempfinden sehr wohl vereinbar ist mit Staatsbewußtsein, und daß es falsch und ungerecht ist, das Staatsgefühl nationaler Minoritäten eines Landes anzuzweifeln. "Wie falsch dies ist, zeigt Oesterreich, zeigen Pie Polen Deutschlands. In der Seele eines Menschen haben eben sehr viele und mannigfache Empfindungen Platz, und Treue zum Staat, dessen Bürger Man ist, dessen Segnungen man empfängt, an dessen Geschichte man Anteil hat, kann ruhig neben der Liebe zureigenen Natton wohnen, deren Sohn map ist und deren Charakter unsere tiefsten Eigenarten bestimmt. So bedeutet dieser Krieg keinerlei Schwächung des nationalen Gedankens, sondern eine Stärkung desselben, indem er den Gedanken als falsch auszeigt, haß Nation und Staat in ihrer seelischen Bedeutung für jeden einzelnen, wenn sie nicht identtsch sind, sich feindlich gegenüber stehen müssen. Eine Aussöhnung beider ist durchaus möglich. Und so lehrt denn dieser Krieg nicht, daß daß Nationalitatsprinzip vor der -Herrschaft des Staats- Prinzips verschwinden müsse, '-sondern erteilt nur die andere, viel nützlichere und gesündere Lehre, daß man eine Harmonie beider errichten kann, und darum erstreben solle, daß Man dem Staate gebe, was des Staates ist, der Nation aber das, was ihr gebührt. A«S den Ereignissen des Tages- Nach dem erste« Sie«, Worauf wir,vom ersten Tage des Krieges qn.. mit felsenfester Gewißheit vertraut haben, ist be--