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Neue jüdische Presse · 1914-08-21 · Heft 33 (21.8.1914) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
12 (1914)
Issue
Heft 33 (21.8.1914)
Date
1914-08-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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August 1914) Jlbonnenten sowie deren Sövnen. die in den Krieg gezogen sind, senden wir unsere Leitung kostenlos nach, mir bitten um Jlufgabe genauer Hdressen. Frankfurter Isir. Familienblatt. ttlir bitten unsere Leser, uns alles, was die Bnteilnabme der Juden am Kriege betrifft (Spenden, Caten der Tapferkeit, Beförderungen infofge Tapferkeit u. s. w.) mitzuteilen. Frankfurter Tsr. Familienblatt. 1914. Prophetenwort, das ist noch Glaube, Und Frieden heißt noch Hirngespinst: Hier stürmt nran aus zu wildem Raube, Und dort zu Macht und Geldgewinst. In Ost und West und Nord und Süden Da krachts' aus Zwei, die Treue eint, Wer lvird sich zitternd, ängstlich hüten? Von jetzt ab lvird nur Blut geweint. Das Blut das sammelt sich zuni Meere, Und dünstet sich zum Himmel aus. Und glüht dort als Prophetenlehre: ,,Jch bin des ew'gen Friedens Kauf." F. W. Rußland und seine Juden. Daß Rußland in ethischer und politischer Hinsicht das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist, dies zu erfahren, hatte Europa, hatten wir Juden vor allem in den letzten Jahrzehnten wiederholt volle Gelegenheit. Von dem Lande der Pogrome und Ritualmordprozesse erwartete niemand Mehr innere Aufrichtigkeit und Wahrheitssinn. Und das Verhalten Rußlands in den letzten Wochen, das zum Kriege geführt hat, der schamlose Bruch des kaiserlichen Ehrenwortes, die gemeine Methode niedriger Lügen, hat ja die Meinung, die sich alle anständigen Europäer über Rußland gebildet hatten, vollauf bestätigt. Und' dennoch hätten wir vor dem Kriege nicht jene Verlogenheit und zynische Schamlosigkeit fiir möglich gehalten, die die Mische Regierung, an der Spitze der Zar selbst, gegenwärtig bekundet haben. Der Zar hat ein Manifest an die Juden Rußlands gerichtet, worin er sie an. die Wohltaten erinnert, die ihnen von Rußjland, besonders aber vom Hause Romanow, erwiesen worden sind und sie aüffordert, in großer Zähl zu den Fahnen zu eilen. Als Lohn stellt er ihnen eine Erweiterung des Ansiedlungsrayons in Aussicht. Der Westeuropäer, dem seine Kultur und. Erziehung es schwer machen, die Psyche der russischen Machthaber zu begreifen, wird beim Lesen dieses Manifestes aus dem Staunen nicht herauskoutmen. . Die Wohltatendie den Süden.von Rußland, be-, sonders Mer chom Käufe'RoManow,.erwiesen wor-? den sind! Und dies schreibt derselbe Zar, der — wie alle Kenner der Verhältnisse wissen — der eigentliche Träger der russischen Judenpolitik ist. der die Pogrome gutgeheißen, der den Kiewer Ritualmordprozeß in all seinen Einzelheiten verfolgte und die ruchlose Komödie, die da aufgeführt wurde, selbst befohlen hatte, schreibt derselbe Zar, der von allen Judenhasscrn Rußlands der verbissenste und hinterlistigste ist. Die Juden mögen in großer Zähl zur Fahne eilen, fordert der Zar. Und er vergißt, daß noch vor wenigen Monaten die russische Regierung den Gedanken ernstlich erwogen hat, die Juden vom Heeresdienste anszuschließen, da sie nicht würdig seien, den Waffenrock des Zaren zu tragen, vergißt, daß einige Wochen vor dem Ausbruch des Krieges noch die letzte Maßnahme der Unterdrückungspolitik durchgeführt wurde, indem den Juden verboten ward, sich an Aktiengesellschaften zu beteiligen; vergißt, daß zwei Wochen vor dem Kriege 40,000 Juden aus Kiew ausgewiesen wurden. Und unter solchen Umständen sollen die Juden freitvillig zu den russischen Fahnen eilen? Fürwahr, so ehrlos und niedrig ist kein russischer Jude, daß er, wenn er nicht dazu gezwungen wird, für Rußlands Wohl auch nur seinen Finger rühren würde und nicht vielmehr alles aufböte, um den Zusammenbruch des Barbarenstaates zu beschleunigen. Als Lohn stellt der Zar die Ausdehnung des Ansiedlungsrayons in Aussicht. Man beachte das Versprechen. Nicht Aufhebung der niederträchtigen Bedrückungen, nicht Erteilung der vollen Bürgerrechte, sondern lediglich Ausdehnung des Ansiedlungsrayons verspricht der Zar. Und selbst dieses minimale Versprechen, die russischen Juden wissen bester als alle anderen, 'was sie davon zu halten haben. Sie wissen, was das Versprechen eines Nikolaus II., was das Ehrenwort eines Zaren bedeutet. Die Revolution des Jahres 1905. das berühmte Oktobermanifest, und zuletzt das Verhalten des Zaren vor dem Ausbruch des Krieges haben Europa gezeigt, daß Wahrhaftigkeit und Ehrbewußtsein dem Zaren unbekannte Begriffe sind. Mag Nikolaus II. versprechen oder drohen, die russischen Juden wissen, daß sie bei einem Siege Rußlands nichts mehr zu verlieren haben, denn eine Verschlechterung ihrer Lage ist kaum noch möglich, daß sie aber bei einer Niederlage Rußlands alles zu gewinnen haben. In der Tat, wenn man die Lage der russischen Juden in ihrer vollen Furchtbarkeit überschaut, dann muß Man unwillkürlich glauben, daß dieser Klieg eine göttliche, wunderbare Hilfe, eine göttliche Rettung ist. Die Lage der russischen Judenheit war in den letzten Jahren eine derartige geworden, daß die Existenz unserer Prüder für die Dauer unter solchen Verhältnissen nicht mehr möglich schien; und verzweifelt fragten wir uns alle, woher die Rettung kommen möge. Nun, wenn eine Rettung kommen wird, dieser Krieg wird sie bringen. Wenn Rußland zerschmettert ist, ist das russische Judentum erlöst. Hunderttausende von Juden flehen in 'diesen Tagen zum Allmächtigen um den Sieg der deutschen Waffen. .Gott möge ihr Flehen, unser Flehen erhören, möge uns bald den Sieg und Frieden, unseren Brüdern in Rußland aber die Erlösung aus ihrer furchtbaren Lage bringen. Rr. 36. Aus de» Ereignissen des Tages. Der jüdische Patriotismus. Zeiten der Not und der Gefahr sind die besten Prüfungsstunden für die einzelnen Menschen wie für die Ideen. Ältes^ was nichtig und ioertlos ist. muß in solchen Stunden fallen, und mir chias Große, Starke Bleibende kann die Prüfung über- > stehen. In diesen großen, schicksalsschweren Tagen, die wir durchleben, ist so manch niedriges, unedles Gefühl .aus der Seele sedes einzelnen von . uns gewichen, ist auch so manche unwahre, unschöne Idee in sich zusammengebrochen. Zu den Ideen und Bewegungen, die der reinigende Sturm dieser Tage vor allen anderen hinweggesegt hat, zählt in erster Reihe der Anti- - somitismus. In dieser Zeit heiligster patriotischer Begeisterung, da jeder einzelne beweisen muß, wie er sein Vaterland liebt und welche Opfer er ihm zu bringen bereit Ist, hat sich die antisemitische Märe von der Vaterlandslosigkeit der Juden in ihrer vollen Lügenhaftigkeit erwiesen. Die deutschen Juden stehen in ihrer patriotischen Begeisterung, in ihrem Opfermut und ihrer freudigen Entschlossenheit, ihr Alles fiir ihr Vaterland herzugeben, auch nicht um eine Spur hinter . dem gesamten deutschen Volke zurück. Und dasgroße Mort unseres Kaisers^ dgß er in dieser heiligen Zeit keine Parteien und konfessionellen Unterschiede, sondern' nur noch Deutsche kenne, das leuchtende Vorbild, das er damit dem gesamten Volke gegeben hat, es wird auch überall Anerkennung und Nachahmung finden. Und wir hoffen, auch diejenigen Kreise, die bislang' uns Juden noch einen guten Teil unserer Gleichberechtigung vorenthalten haben, jetzt werden auch sie erkannt haben, wie ungerecht dies war. Schon ist eine Anzahl von jüdischen Offizieren ernannt.worden, und der Krieg wird beweisen >aji, wie wir in der Friedensarbeit an der Hebung der Wohlfahrt und Kultur unseres Vaterlandes stets an hervorragender Stelle standen, wir auch im Kriege, im Kanrpfe fürs Vaterland, hinter niemand zurückstehen. Zusammen mit dieser antisemitischen Mär aber von der Vaterlandslosigkeit der Juden fällt auch eine andere Behauptung, die leider in den letzten Jahren gerade in unseren Reihen immer aufgestellt wurde: die Behauptung, dah.die moderne - nationaljüdische Bewegung notwendigerweise zur Vernichtung unseres vaterländischen Empfindens führen müsse, daß Nationaljudentum und Patriotismus sich ausschließen müßten. Wir haben demgegenüber stets die Ansicht vertreten, daß das eine sehr wohl neben de.m anderen Fortbestehen könne, daß die Vaterlandsliebe der national gesinnten Judenheit über jeden Zweifel erhaben sei. Nun, auch dafür haben die letzten Wochen einen herrlichen Beweis erbracht. Hand in Hand mit ° der gesamten deutschen Judenheit sind die nationalen Juden, die Zionisten, in Deutschland Lu den Fahnen geeilt, haben sie ihre flammende patriotische Begeisterung aus das schönste dokumentiert. - Der Aufruf der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, des Kartells jüdischer Verbindungen, der Turnverbände für die Sammlung, dje der Jüd. Nationalfonds eingeleitet hat, all dies sind nur äußere Anzeichen für diese tief innerliche, tiefe Vaterlandsliebe der national gesinnten Judenheit Deutschlands. Und wir hoffen, ebenso wie die Füh- £ rer des Antisemitismus jetzt ihren Irrtum und

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